Schach: Aufstieg in die Erste Liga

09.08.2006 – Es gibt sicher eine Reihe von Schachveranstaltungen, gerade in Deutschland, deren Organisation die Auszeichnung "erstklassig" verdient. Wenn aber der Trikotsponsor von Borussia Dortmund nun auch ins Schachsponsoring einsteigt, ist dies praktisch die amtliche Urkunde für Erstligareife des Schachsports in Deutschland. Gestern stellte sich in einer Pressekonferenz in Essen der neue Titelsponsor für den Mensch gegen Maschine Wettkampf zwischen Vladimir Kramnik und Deep Fritz, der im November in der Bonner Kunsthalle stattfinden wird, vor. Dabei handelt es sich um kein geringeres Unternehmen als den Essener Bergbau- und Technologiekonzern RAG. Anwesend waren Dr. Werner Müller (Vorstandsvorsitzender der RAG und ehemals Bundeswirtschaftsminister), Peer Steinbrück (Schirmherr des Wettkampfs und Bundesfinanzminister) und Vladimir Kramnik (Weltmeister im klassischen Schach). Zur RAG... Zur Wettkampfseite...Bericht, Fotos,Videos...

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Aufstieg in die Erste Liga
RAG sponsert Mensch-Maschine-Wettkampf

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Ein bestens gelaunter Peer Steinbrück eröffnete als Erstredner gestern Nachmittag die Pressekonferenz im Essener Hauptsitz des Großkonzerns RAG.



Den Schachfreunden ist der frühere Ministerpräsident von NRW und heutige Bundesfinanzminister aus einer Reihe von Schachveranstaltungen als begeisterter Schach-Anhänger bekannt.

Im vorletzten Jahr trat er bei der damals noch existierenden WDR-Sendung "Schach der Großmeister" als Co-Moderator auf und traute sich dann sogar, vor zahlreichen Zuschauern in der Bonner Bundeskunsthalle eine Partie gegen Vladimir Kramnik zu spielen, bei der er lange mithalten konnte und deren knapper Ausgang ihn als wohl weltweit spielstärksten Finanzminister erscheinen lässt.

Steinbrück erklärte, dass Schach in Deutschland viele Anhänger besässe und in seiner Bedeutung in der Öffentlichkeit unterschätzt werde. Mit über 9000 Turnierspielern mit Elozahl liege Deutschland im internationalen Vergleich an erster Stelle und vor dem Schachland Russland. Den Wettkampf zwischen Vladimir Kramnik und Deep Fritz sehe er als kleinen Kulturkampf zwischen herausragenden Vertretern der menschlichen und der technischen Intelligenz. Als Kramnik vor vier Jahren schon einmal gegen Deep Fritz gespielt hatte, sei es dem Weltmeister im klassischen Schach gar nicht so leicht gefallen, diesen Wettkampf am Ende unentschieden zu gestalten. Der Bundesfinanzminister gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass Kramnik in der kommenden Auseinandersetzung am Ende gegen den "Apparat" den Sieg davontragen möge.



Besonders freute den Finanzminister, dass der Wettkampf in Nordrhein-Westfalen stattfindet. Die Bonner Bundeskunsthalle und ihr Chef Wenzel Jacob würden ein hervorragendes Ambiente zur Verfügung stellen und die weltweit große Aufmerksamkeit werde hoffentlich dabei helfen, möglicherweise einmal auf dem gleichen Schauplatz eine richtige Weltmeisterschaft im Schach organisieren zu können. Mit dem Dortmunder Sparkassen Chessmeeting habe man bereits eines der weltweit wichtigsten Turniere in NRW. Der Mensch-Maschine-Wettkampf werde die Bedeutung des Landes als Schachhochburg weiter stützen und könne vielleicht ein Vorläufer für eine Schachweltmeisterschaft in NRW sein. Peer Steinbrück freue sich sehr, Schirmherr dieses Wettkampfes sein zu dürfen.



Der Vorstandsvorsitzende der RAG, Dr. Werner Müller, wies in seiner Ansprache zunächst darauf hin, dass er sich vor Kurzem nicht hätte träumen lassen, einmal neben einem Schachweltmeister zu sitzen und erklärte, weshalb die RAG im Sportsponsoring aktiv geworden ist.

Der neue stark umgebaute Bergbau- und Technologie Konzern mit weltweit 100.000 Mitarbeitern wird Mitte Oktober einen neuen Namen erhalten, der dann intensiv vermarktet und bekannt gemacht werden soll. Dazu hat man sich bei Borussia Dortmund als Trikotsponsor engagiert und suchte außerdem nach einem Sportevent. Der Wettkampf zwischen Kramnik und Deep Fritz im November in Bonn kam da gerade recht. Der ehemalige Wirtschaftsminister meinte, dass die künstliche Intelligenz sich derzeit im Verein mit neuen technischen Möglichkeiten rasant weiter entwickle, er aber hoffe, dass am Ende diesmal noch der Mensch die Oberhand behalten werde.

Vladimir Kramnik sah seine Chancen bei etwa 50%, wobei er es als schwierig ansah, eine Prognose abzugeben, aber in jedem Fall seien seine Chancen größer als 1 %.


Vladimir Kramnik

Auf die Frage von Michael Negele, wann denn der Mensch gegen Maschine chancenlos sei und ob dies dann das Ende des Schachs bedeutete, antwortete der Weltmeister im klassischen Schach, dass es klar sei, dass die Zeit einmal kommen werde, da die Computer so gut seien, dass kein Mensch mehr mithalten werde. Doch dies sei jetzt noch nicht der Fall. Er glaube, dass die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine noch ein paar Jahre spannend sein werde. Selbst, wenn er den Wettkampf verlieren werde, könne man dennoch auch danach noch weitere Mensch-Maschine-Matche spielen und das Ergebnis könne dann auch wieder anders lauten.

Falls die Waagschale sich schließlich einmal eindeutig zugunsten der Computer neigen werde, würde das aber für das Schach zwischen Menschen keine besonderer Bedeutung haben. Schließlich habe es auch nach der Erfindung des Autos weiterhin Laufwettbewerbe gegeben.

Matchdirektor des Wettkampfes ist Joseph Resch.


Joseph Resch: Initiator des Wettkampfes

Ihm und seiner UEP ist es zu verdanken, dass der Wettkampf überhaupt ins Leben gerufen werden konnte. Bevor die RAG als Hauptsponsor gefunden werden konnte, hatte Joseph Resch den Stein mit erheblicher finanzieller Vorleistung ins Rollen gebracht.

Zum Abschluss des Informationsteils der Pressekonferenz, die von RAG-Kommunikator Christian Kullmann geleitet wurde, gab Dr. Helmut Pfleger noch einen kurzen Abriss der Geschichte des Computerschachs, angefangen vom Schachtürken bis zu den Mensch-Maschine Wettkämpfen der jüngeren Zeit.


Dr.Pfleger, Kullmann, Dr. Müller

RAG-Vorstand Dr. Müller hatte sich zuvor als beständiger Zuschauer der WDR-Schachsendungen mit Dr. Pfleger zu erkennen gegeben, die "irgendwann zu nächtlichen Zeiten" begannen und verhinderten, dass er rechtzeitig schlafen gehen konnte, weil er das immer sehr spannend fand.

Der Abschluss der Veranstaltung gehörte Großmeister Klaus Bischoff. Der mehrfache deutsche Meister hatte sich für eine Blitzpartie gegen die aktuelle Version von Deep Fritz zur Verfügung gestellt, um den Journalisten die Eigenheiten des Kampfes zwischen Mensch und Maschine zu demonstrieren. "Ist das nicht ein wenig unfair, Blitz gegen einen Computer", hatte Peer Steinbrück den Fritz-Coprogrammierer Mathias Feist gefragt.


Klaus Bischoff opfert sich zu Demozwecken

Da war wohl etwas dran. Aber da Klaus Bischoff ein freundlicher Mensch ist, unterzog er sich ohne Murren auch dieser Prüfung. Das Notebook, auf dem er am Bildschirm gegen die Technik antrat, sah dabei unschuldiger aus, als es tatsächlich war. Tatsächlich berechnete der aktuelle Fritz auf dem verwendeten Siemens Fujitsu 1,6 Mhz. Core Duo Gerät etwa genauso viele Stellungen pro Sekunde wie vor vier Jahren die damalige Fritzversion auf dem Achtprozessorrechner gegen Kramnik in Bahrain.

Entsprechend schwierig gestaltete sich die Partie für den GM. Nach tapferer Gegenwehr musste er schließlich die Waffen strecken, obwohl Dr. Pfleger ihn in seiner Live-Kommentierung nach Kräften moralisch unterstützte.

In den anschließenden Interviews, erklärten Dr. Werner Müller und Peer Steinbrück unisono, dass eine eventuelle Niederlage Kramniks keine "Schande" für die Menschheit sei. Man müsse sich daran gewöhnen, dass Technik in vielen Disziplinen immer besser würde oder sogar überlegen sei.


Fototermin: Kramnik mit und ...


...ohne Minister.


ChessBase-Geschäftsführer Matthias Wüllenweber erläuterte, warum Mensch-Maschine-Wettkämpfe so reizvoll sind:




Matthias Wüllenweber (ChessBase)

Es sei interessant, zu beobachten, wie zwei ganz unterschiedliche Entitäten auf völlig verschiedene Arten an die Aufgabe Schach heran gingen, aber dennoch meistens zu gleichen Ergebnissen kommen würden, so dass sie gehaltvolle Partien miteinander spielen könnten.


Matchplakat: Würden Sie ihre Schachfiguren diesem Roboter (rechts) anvertrauen?


Roboterleute: Rainer Woisin, Jeroen van den Belt und André Schulz von ChessBase

Für das Schach in Deutschland ist ein Konzern wie die RAG ein großartiger Partner, der die Schachpräsentation weit nach vorne bringt. Alle anwesenden Schachjournalisten haben schon mit der gestrigen Pressekonferenz einen sehr intensiven Eindruck davon bekommen, auf welche logistischen Möglichkeiten die RAG zurück greifen kann.

Auch der Event in der Bundeskunsthalle wird sicher in enormen Maße davon präsentieren. Wer dort zuschauen möchte, sollte sich möglichst früh um Karten kümmern. Es könnte voll werden, da in der Bundeskunsthalle gleichzeitig die Guggenheim-Ausstellung stattfindet.


"Autogramm...?"


"Sofort!"

 

Text: André Schulz
Fotos: Frederic Friedel, Jeroen van den Belt.

 

 

 
 

 


 

 

 

 

 

 



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