Schach und Fußball: Interview mit Vera Jürgens

02.07.2006 – Bisher war man der Ansicht, dass Fußball und Schach vor allem strategische Ähnlichkeiten besitzen. Im Interview mit Dr. René Gralla hat Vera Jürgens auf eine weitere Gemeinsamkeit hingewiesen, der durch die Ereignisse nach dem Fußballspiel Deutschland gegen Argentinien zusätzliche Aktualität bekommen hat. In beiden Sportarten kann man seinen Gegner treten. Im Schach zudem für den Schiedsrichter unbemerkt, nämlich unter dem Tisch - ein Umstand, der in argentinischen Fußballkreisen sicher einiges Interesse hervor rufen wird. Kommendes Wochenende findet in Dresden der Womens's World Cup statt, bei dem Frauen aus den Teilnehmerländern der Fußball-WM im gleichen Modus um den Titel kämpfen. Nicht alle Länder konnten eine Spielerin entsenden und so spielt Vera Jürgens für - Angola.  Artikel im Neuen Deutschland...Nachdruck...

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Torwandschießen und Tritte ans Scheinbein - und eine Vision
Kaiser Franz kommentiert einmal Mattangriffe statt Viererkette
Von Dr. René Gralla

Vor dem Finale in Berlin das kleine Finale an der Elbe: Als besondere Begleitveranstaltung zur Fußball-WM lädt Dresden vom 6. bis 8. Juli 2006 zum "Women Chess Cup 2006". 32 Spitzenfrauen - jede repräsentiert eine der Nationen, die das ursprüngliche Teilnehmerfeld der aktuellen FIFA-Titelkämpfe gebildet haben - wollen den mit 5000 Euro dotierten Gold-Cup holen. Der Weg zum Pott orientiert sich an der Weltmeisterschaft der Kicker, mit Vorgruppenqualifikation und anschließenden K.o.-Runden; bei Punktgleichstand entscheidet Torwandschießen. Auch dabei: die Großmeisterin VERA JÜRGENS (36) aus Syke bei Bremen, die in Dresden für Angola startet. Der Autor DR. RENÉ GRALLA hat sich von der gebürtigen Bulgarin, die inzwischen den deutschen Pass besitzt, den Wettbewerb erklären lassen.

DR. RENÉ GRALLA: Sie spielen in Dresden um den "Women Chess Cup 2006“, der deutliche Anleihen macht bei der Fußball-WM. Was verbindet die beiden Sportarten?

VERA JÜRGENS: Ehrlich gesagt habe ich mich das auch gefragt.

DR.R.GRALLA: Bayern Münchens Trainer Felix Magath und Tschechiens Coach Karel Brückner behaupten, dass Fußballer, die Schach lernen, später im Stadion mit mehr Übersicht agieren.



VERA JÜRGENS: Ich weiß nicht, ob ich das wirklich ernst nehmen soll. Na gut, stimmt, auch zum Fußball gehört Strategie, eher fällt mir aber eine andere Gemeinsamkeit ein: Sowohl im Fußball als auch im Schach kann man die Gegner treten ( lacht ) . Das passiert hin und wieder: unter dem Tisch einen Tritt abzukriegen, aus Versehen und ohne böse Absicht, vielleicht sind die Beine zu lang oder der Tisch ist zu klein. Meistens entschuldigt sich die betreffende Person sofort. Beim Fußball geht das ein bisschen brutaler zu. Spaß beiseite: Ähnlich wie im Schach bereiten sich Fußballer konkret auf das nächste Spiel vor, indem sie Videos der anderen Mannschaften anschauen. Und ein Schachspieler analysiert, so weit in Datenbanken zugänglich, Partien seiner Kontrahenten und versucht, darauf das eigene Vorgehen abzustimmen

DR.R.GRALLA: Vor allem soll wohl der "Women Chess Cup 2006" den momentanen Medienrummel um die Fußball-WM nutzen, um gleichzeitig für Schach zu werben. Und so auch für Schach-Olympia 2008 in Dresden ...

VERA JÜRGENS: ... und das finde ich sehr gut: Endlich kriegt Schach die Aufmerksamkeit, die das Spiel verdient. Leider kümmert sich die Presse in Deutschland viel zu wenig um Schach. Dabei ist dieser Denksport eine ausgezeichnete Beschäftigung, vor allem auch für Kinder: weil Schach verschiedene Fähigkeiten entwickelt und schult, nämliches logisches Denken, räumliches Vorstellungsvermögen und Phantasie.

DR.R.GRALLA: In Ihrer alten Heimat Bulgarien ist Schach äußerst populär, zumal das Land mit Wesselin Topalow den amtierenden Weltmeister stellt. Der Champion wird zu Hause wie ein Popstar gefeiert: Woher diese Begeisterung der Bulgaren für den Brettsport?

VERA JÜRGENS: Schwer zu sagen. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass im Sportstudium an der Universität auch die Fachrichtung Schach angeboten wird; hinterher können die Absolventen als Schachtrainer arbeiten. Überdies wird in Bulgarien überlegt, Schach als Schulfach einzuführen; auch das hat sicher positiven Einfluss auf die allgemeine Wertschätzung des Spiels.

DR.R.GRALLA: Sie, Frau Jürgens, sind in diesem Jahr erstmals in die Auswahl der Republik berufen worden. Schacholympia 2006 in Turin vor vier Wochen haben die deutschen Männer mit einem bescheidenen Platz 15 unter 150 teilnehmenden Nationen beendet; die Damen waren etwas besser und sind bis auf den 11. Rang - von 108 - vorgestoßen. Olympisches Edelmetall war nicht drin, Deutschland gehört nicht zur ersten Liga. Ihr Fazit?

VERA JÜRGENS: Eine einstellige Platzierung wäre natürlich besser gewesen, aber eine Blamage sind die Plätze 11 beziehungsweise 15 nun auch wieder nicht.

DR.R.GRALLA: Jetzt beim "Women Chess Cup 2006" laufen Sie nicht für Deutschland auf. In Dresden vertreten Sie Angola; das ist eines der Länder, die nicht in der Lage gewesen sind, eine eigene Pokal-Anwärterin nach Dresden zu schicken.



VERA JÜRGENS: Irgendwie ist das ein komisches Gefühl: Das Turnier beginnt, und rechts neben meinem Brett steht die Fahne von Angola. Selbstverständlich werde ich trotzdem mein Bestes geben.

DR.R.GRALLA: Fachleute stufen den "Women Chess Cup 2006" als das stärkste Frauenturnier ein, das hierzulande jemals stattgefunden hat. Die USA schicken die Weltklassespielerin Susan Polgar ins Rennen; ernst zu nehmen sind auch die Niederlande, die Peng Zhaoqin nominiert haben, sowie Frankreich, das auf Marie Sebag setzt. Deutschland drückt unserer Juniorenweltmeisterin Elisabeth Pähtz die Daumen. Wer macht in Dresden das Rennen?

VERA JÜRGENS: Klarer Favorit sind die USA mit Susan Polgar ...



DR.R.GRALLA: ... also ganz anders als bei der Parallelveranstaltung Fußball-WM, wo die Amis nach der Vorrunde rausgeflogen sind ...

VERA JÜRGENS: ... die Stärke von Susan Polgar kommt nicht von ungefähr. Sie ist die Älteste der drei berühmten Polgar-Schwestern, und das waren nun mal Wunderkinder.

DR.R.GRALLA: Schauen wir uns die beiden Turniere an, die Fußball-WM und den davon inspirierten "Women Chess Cup": öffentliche Hysterie um den letzlich simplen Rasensport - 22 Männer rennen einem runden Ding hinterher und versuchen, das Ei in einen von zwei Lattenkästen zu kullern - , während das anspruchsvolle Denkspiel zur gleichen Zeit Probleme hat, überhaupt wahrgenommen zu werden. Stimmen da überhaupt noch die Proportionen?

VERA JÜRGENS: Fußball ist besser geeignet, die Massen zu unterhalten. Millionen Menschen können ein Fußballspiel verfolgen, ohne die Regeln genau zu kennen, während Schach gewisse Vorkenntnisse verlangt. Das absolute Minimum: Sie müssen wissen, wie sich die Figuren überhaupt bewegen.

DR.R.GRALLA: Obwohl die Software moderner Computerspiele inzwischen das Potenzial bietet, mit optischen Hilfsmitteln - Wirkungspfeile und die Markierung von Zonen, wo es gerade brennt - auch das Geschehen einer Schachpartie plastisch zu machen. Und das wäre dann tatsächlich doch eine nette Vision: "Kaiser" Franz Beckenbauer, der mal nicht per Live-Schaltung zu Johannes B. Kerner die Viererkette oder Ähnliches erörtert, sondern der während Schacholympia 2008 zusammen mit Felix Magath und Tschechiens Karel Brückner im Fernsehstudio sitzt und energische Flügelstürme und Mattangriffe kommentiert.

VERA JÜRGENS: Ich wünsche mir, dass die großen TV-Sender der Berichterstattung über Dresden 2008 täglich wenigstens ein paar Minuten einräumen werden.

DR.R.GRALLA: Zurück zum "Women Chess Cup 2006". Werden Sie die Vorgruppe überstehen?

VERA JÜRGENS: Das hoffe ich. Jede Runde, die ich anschließend weiter komme, werte ich als persönlichen Erfolg. Das sind Schnellschachpartien à 25 Minuten, da ist alles möglich.

DR.R.GRALLA: Und die Vertreterin der Republik, Elisabeth Pähtz? Erreicht die Erfurterin wenigstens das Viertelfinale, wie Deutschland bei der laufenden Fußball-WM?

VERA JÜRGENS: Sie wird es nicht leicht haben, aber sie kann das schaffen. Ich traue ihr alles zu, sogar das Finale.

DR.R.GRALLA: Bei Punktgleichstand in der Vorrunde müssen die Kandidatinnen auf eine Torwand schießen, um den Sprung in die K.o.-Runde zu schaffen.


VERA JÜRGENS: In einem Einkaufszentrum habe ich das vor ein paar Tagen ausprobiert. Zusammen mit meinem elfjährigen Sohn, der natürlich Fußballfan ist, werde ich das noch ein wenig üben.

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"Women Chess Cup 2006 zur Fußball-WM": 6. - 8. Juli in Dresden; Eröffnung am Donnerstag, 6. Juli, 19 Uhr, auf Schloß Albrechtsberg mit Blitzmatches der Deutschen Damennationalmannschaft gegen eine Dresdner Prominentenauswahl (ab 20.20 Uhr); Beginn der Vorrundenspiele in 8 Vierergruppen ab Freitag, 7. Juli, 10 Uhr, im Karstadt-Einkaufscenter (Restaurant); Finale am Sonnabend, 8. Juli, ab 17 Uhr (inklusive Spiel um den dritten Platz); weitere Infos: www.chessbase.de













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