Schacholympiade in Deutschland

24.05.2004 – Während Leipzig mit New York, Madrid oder Paris offenbar übermächtige Mitbewerber als Ausrichter der Olympiade 2012 hatte, muss sich Dresden als Bewerber für die Schacholympiade 2008 nur mit der estnischen Hauptstadt Tallinn als Konkurrenten beschäftigen. Mit Otto Schily hat man außerdem einen prominenten Mentor zur Verfügung, der selbst ein großer Anhänger des Spiels ist. Der Innenminister ließ es sich nicht nehmen, bei der Übergabe der Bewerbung dabei zu sein und will die deutsche Delegation auch bei der Vergabe während des FIDE-Kongresses in Mallorca mit seiner Anwesenheit unterstützen. In seiner letzten Wochenendausgabe veröffentlichte Neues Deutschland ein Interview mit dem "spiritus rector" der Schacholympiade in Deutschland, Dr. Dirk Jordan, das Dr.René Gralla geführt hat. Neues Deutschland Online...Das Interview mit Dr. Dirk Jordan...

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"Es wäre gut, wenn wir möglichst bald nur einen einzigen seriösen  Weltmeister haben"
Interview mit Dr.Dirk Jordan von Dr. René Gralla

Dresden - Er lässt in Sachsen die Figuren tanzen: Dirk Jordan, der Mann, den Leipzigs gescheiterte Olympiabewerbung nicht irritiert. Sondern den das Desaster erst recht motiviert, die Metropole Dresden zur Olympia-Stadt zu machen. Nur dass es dabei dann nicht um "schneller, höher, weiter" gehen wird, sondern um scharfen Verstand und die hohe Kunst der Strategie: Dirk Jordan möchte die Schach-Olympiade 2008 an die Elbe holen. Außerdem bereitet der 47-jährige Dr. rer. nat, der beruflich im Projektmanagement arbeitet, wie jedes Jahr Deutschlands einzigen Grand Prix-Wettbewerb vor: das ZMD-Open vom 15. bis 23. Juli 2004. Der Turnierprofi rechnet dem Schachautor Dr. René Gralla vor, warum sich eine Schacholympiade für die Veranstalter auszahlt; er kommentiert noch einmal das Tauziehen um die Teilnahme israelischer Sportler im Vorfeld der FIDE-Weltmeisterschaft im libyschen Tripolis, und er ruft Garri Kasparow zur Ordnung, der aktuell
 quer schießt gegen die in Gang gekommene Wiedervereinigung der gespaltenen Schachwelt: "Dem Schachsport wäre es sehr dienlich, wenn wir bald wieder nur einen seriösen Weltmeister haben."
 
Leipzig hat versucht, die olympischen Sommerspiele wieder nach Deutschland zu holen, und ist damit gescheitert, gegen übermächtige Konkurrenz wie New York. Nun setzen Sie sich, Herr Dr. Jordan, mit  Nachdruck dafür ein, dass Dresden die Schacholympiade 2008 ausrichtet: Wird die Schacholympiade Dresden die Ehre des Ostens retten?

Wir haben natürlich Leipzig bei seiner Olympiabewerbung ganz doll die Daumen gedrückt , leider hat das am Ende nicht geholfen. Auf jeden Fall ist die Schacholympiade, gemessen an der Zahl der teilnehmenden Länder - nämlich über 150 - , und gemessen an der Zahl der teilnehmenden Mannschaften - nämlich über 230 - , nach den olympischen Sommerspielen die zweitgrößte Sportveranstaltung der Welt.

Das sind Zahlen, die überraschen. In der Öffentlichkeit herrscht eher der Eindruck vor, dass Schach als Sport bloß eine Sache für hochgradige Spezialisten ist.

Ein Irrtum - wenn Sie allein berücksichtigen, wie viele Menschen auf der Welt Schach spielen. Schach gehört wahrscheinlich zu den Sportarten, die überhaupt am weitesten verbreitet sind; die Annahme, dass geschätzt eine Milliarde Menschen Schach spielt, dürfte realistisch sein. Nach einer Untersuchung von Emnid aus dem Jahr 1997 kennen 40 Millionen Deutsche  wenigstens die Regeln, das ist jeder zweite Bundesbürger.

Wie schätzen Sie Dresdens Chancen ein, dass die Denksportler der Welt im Jahr 2008 an der Elbe um olympisches Gold wetteifern?

Unsere Aussichten sind etwas besser als die von Leipzig, was deren  Olympiapläne angeht. Um nicht zu sagen: Unsere Chancen sind sehr gut. Seit mehr als einem Jahr arbeiten wir an dem Projekt. Insbesondere die Finanzierung ist auf einen guten Weg gebracht, wir haben die Zusagen öffentlicher Gelder sowie die Willenserklärungen von Sponsoren vorliegen. Von den potenziellen Konkurrenten, darunter sind immerhin Schwedens Göteborg und Argentiniens Mar del Plata gewesen, sind alle anderen  Kandidaten zwischenzeitig abgesprungen sind, mit Ausnahme von Talinn in Estland.

Kann Dresden im Wettbewerb gegen die Kapitale eines neuen EU-Mitgliedslandes bestehen?

Erinnern wir uns: 2003 fand der Eurovisions-Grand Prix in Talinn statt. Die Stadt hat damit bewiesen, dass sie über die Potenz verfügt, eine so große Veranstaltung wie die Schacholympiade auszurichten. Folglich müssen wir eine starke Vorstellung abliefern beim FIDE-Kongress am kommenden 27. Oktober auf Mallorca, wenn es - vor dem Hintergrund der parallel laufenden diesjährigen Schacholympiade - darum geht, ob Dresden oder Talinn den Zuschlag kriegt. Deswegen hoffen wir auch, dass Bundesinnenminister Otto Schily als prominenter Fürsprecher unsere Delegation nach Mallorca begleitet.

Sie haben soeben die Finanzierungsfrage erwähnt. Gerade wird wieder über ein neues Rekord-Minus im Bundeshaushalt diskutiert, jetzt soll sogar die Aufbauhilfe Ost gekürzt werden. Alle müssen sparen - während Sie sich, Herr Jordan, eine aufwändige Großveranstaltung in den Neuen Bundesländern wünschen. Passt dieses Vorhaben überhaupt noch in die Landschaft?

Das Budget der Schacholympiade liegt ungefähr in der Dimension von 6,5 Millionen Euro. Gleichzeitig können wir von rund 1700 Teilnehmern plus 500 Journalisten plus 1000 Gästen ausgehen; zu rechnen ist mit summa summarum ungefähr 3000 Übernachtungen pro Tag. Wenn man das auf die drei Olympia-Wochen hoch rechnet, ist eine Größenordnung von 60.000 Übernachtungen realistisch. Das entspricht einer Wertschöpfung, die jenseits der 10 Millionen Euro-Grenze liegt.

Hört sich fast wie ein Plusgeschäft an. Das wird freilich regelmäßig auch im Zusammenhang von Olympiaden behauptet - wobei geflissentlich die gleichzeitig notwendigen Investitionen in die Infrastruktur ausgeklammert werden.

Aber gerade hier zeigt sich der große Vorteil der Sportart Schach. Für die Wettkämpfe brauchen wir nur eine entsprechende Halle - und die ist in Dresden schon vorhanden: mit dem neuen internationalen Kongresszentrum direkt neben der Semper-Oper.

Fragt sich nur, ob die Fans in Massen zu einer Schacholympiade strömen. Bei einem Schachturnier sieht der Laie doch nur Menschen hinter Brettern mit Holzfiguren hocken: Das ist nicht besonders spannend.

Da wird uns die moderne Technik helfen. Wir haben die Möglichkeit, alle Partien mit Beamern und Plasma-Bildschirmen dem Publikum zugänglich zu machen.

Wäre es obendrein nicht sinnvoll, die Bedenkzeit der Partien radikal zu kürzen? Die Olympiade als Schnellturnier - um dem Publikum mehr Action zu bieten?

Das wäre eine Idee. Dieser Vorschlag taucht immer mal wieder auf bei Überlegungen, Schach als gleichberechtigte Disziplin für die große Olympiade zuzulassen. Schach ist denn auch bei den letzten Sommerspielen in Sydney 2000 bereits Demonstrationssportart gewesen; da glaube ich schon, dass wir mit anderen Schachformen eine sehr gute Chance haben, auch in den großen Olympiakanon aufgenommen zu werden.

Herr Dr. Jordan, Sie sind einer der führenden Macher von Schach-Events. Sie haben nicht nur Dresdens Bewerbung für Schach-Olympia 2008 angeschoben, sondern Sie sind auch Vater des einzigen deutschen Grand Prix-Turniers, das am 15. Juli 2004 zum dreizehnten Mal startet. Wie beurteilen Sie vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen den Beschluss der FIDE, die Weltmeisterschaft 2004 ausgerechnet in Tripolis zu veranstalten? Obwohl den Verantwortlichen doch hätte klar sein müssen, dass es, wie geschehen, im Vorfeld erhebliche Probleme mit der Einreise der israelischen Delegation nach Libyen geben musste?!
 
Ich glaube nicht, dass wir Schachspieler uns unbedingt in politische Diskussionen einmischen sollten. Allerdings ist unbestreitbar, dass von englischer, amerikanischer und deutscher Seite aus der Bann über Libyen aufgehoben worden ist. Rein schachlich gesehen ist es deswegen ein positives Ereignis , dass wir mit der FIDE-WM in Libyen einen Schritt in Richtung Wiedervereinigung der Schachwelt vorangekommen sind . Sie wissen ja, dass wir momentan zwei Weltmeister haben, die Nr. 1 der Fide und den Sieger des 2000'er Duells gegen Garri Kasparow, den amtierenden Klassischen Weltmeister Wladimir Kramnik. Der Sieger von Libyen soll nach den Prager Beschlüssen von 2002 gegen Kasparow antreten, und der Gewinner
 dieser Match-Serie gegen denjenigen, der beim Titelkampf zwischen Kramnik und dem Ungarn Peter Leko von Ende September bis Mitte Oktober vorne  liegt. So dass wir hoffentlich bald wieder nur einen Weltmeister haben - und das kann dem Schach weltweit nur gut tun.

Nun schießt aber außerdem noch das Enfant terrible Kasparow quer. Er schlägt plötzlich ein Acht-Personen-Turnier vor: Kasparow, Kramnik, Leko sowie der Weltranglisten-Zweite Viswanathan Anand aus Indien gegen die ersten Vier aus Libyen. Sind damit die Prager Beschlüsse reine Makulatur geworden?

Da würde ich gerne erst einmal hinterfragen, ob Kasparow mit dem, was er in seinem jüngsten Interview angeregt hat, tatsächlich aus dem Prag-Prozess aussteigen will. Dem Schachsport wäre es sehr dienlich, wenn wir möglichst bald wieder nur einen einzigen seriösen Weltmeister haben. Daher muss der beschlossene Vereinigungsprozess so umgesetzt werden, wie er von breitem Konsens getragen wird. Alle sonstigen Nuancen, wie sie nachträglich durch Statements ins Spiel gebracht worden sind, sollte man tunlichst außen vor lassen.
 
Ihr Erfolgsrezept für das ZMD-Turnier ist es, abgesehen vom rein schachlichen Programm, ein attraktives Event für alle Fans zu schaffen - das heißt, auch für solche Fans, die keine Spezialisten des Spiels sind.
 So laden Sie immer wieder Prominente ein, die der Veranstaltung Glanz geben, wie im Vorjahr den Helden der Fußball-WM von Tokio 2002, Marco Bode. Nun ist bekannt, dass sowohl der deutsche Rap-Star Smudo von den "Fantastischen Vier" als auch die Pop-Königin Madonna Schach spielen; wie wäre es also, wenn Sie deswegen Smudo zum diesjährigen ZMD-Open 2004 und Madonna zur Schacholympiade Dresden 2008 einladen würden?

Eine hübsche Idee. Ich denke darüber nach.


Dr. René Gralla
 

 
 

 

 



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