Usegroup,
Maisel, West, Traxler, Tal und Pravda
Von Conrad Schormann
Zum Suchbegriff „Schach“ findet google mehr als 1,6 Millionen Seiten. Viele
haben als ambitioniertes Projekt begonnen und verstauben jetzt (Beispiel:
www.zwischenzug.de), weil der Webmaster
das Hobby gewechselt oder geheiratet hat. Abseits gängiger Linksammlungen (von
denen viele ebenfalls Staub angesetzt haben) Perlen aus dem Netz zu fischen,
wird immer schwieriger. Jeden Tag kommen neue Seiten dazu, und jeden Tag finden
Betreiber kommerzieller Seiten Wege, ihr Werk auf die Spitzenplätze der
Suchergebisse zu beamen. Angesichts der Suchmisere war auf spiegel.de unlängst
der Vorschlag zu lesen, google nach zufällig getippten Buchstabenkombinationen à
la „wbvhv“ oder „jkld“ suchen zu lassen – was einer Kapitulation vor der
Datenflut gleichkommt.
Ist der Suchbegriff halbwegs allgemein (z.B. „Schach“), lohnt häufig ein Blick
auf die Ergebnisse der Google-Bildersuche. 65.500 Schach-Bilder liefert die
Suchmaschine, hinter einigen verbergen sich Schach-Geschichten, die es wert
sind, an dieser Stelle erzählt zu werden.

schach.jpg (http://www.goesselgold.de/dciwam/bild_21.html)
Dieses Bild ist entstanden, als sich in Forchheim die deutschsprachige
Usenetgruppe über das Verfassen von Webseiten traf. Bei Maisel-Pils (
www.maisel-braeu-bamberg.de/html/bprodukte.htm#MaiselPils)
und West-Zigaretten haben die Internetexperten nicht nur über Java und Flash
diskutiert. Im lauschigen Eckkneipenambiente grübelt Informatiker Jens Becker (
www.intermitto.net
), wohin er seinen König bewegen soll. Sein Gegner
hat gerade 6...Sxe4+ gespielt, holt einen neuen halben Liter fürs Mittelspiel
und gibt den Blick frei auf die Stellung.
Auf den Gummiwellen der Schachplane hat er dem grübelnden Becker eine harte Nuss
hinterlassen. Entgegen vieler anderer Schachfotos im Internet zeigt dieses eine
richtige Partie mit einer richtigen Stellung – und was für einer: die
Computerfachleute spielen Traxler Gambit, benannt nach dem tschechischen
Priester Karel Traxler (1866-1936). Aller Wahrscheinlichkeit ist die Stellung
entstanden nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.Sg5 Lc5 5.Sxf7 Lxf2+ 6.Kxf2 Sxe4+.
Wohin mit dem König? Vier Züge sind möglich, 7.Kg1 gilt als der beste.
Bis vor wenigen Jahren galt 5.Lxf7+ als der bessere Zug, 5.Sxf7 kam in
Meisterpartien selten vor. Michail Tal hat 1968/69 eine berühmte Partie gegen
diese Variante gespielt – gegen die Leser der Jugendzeitschrift „Pionerskaya
Pravda“. Dieser Variante ernsthaft angenommen hat sich im Computerzeitalter
erstmals der Niederländer Maarten de Zeeuw und für seine Clubzeitschrift und "Newinchess"
die Theorie der Variante neu geschrieben (Auszüge auf
http://www.newinchess.com/Archives/PDFs/YB63Traxler.pdf
). Bemerkenswert ist seine Einschätzung
der Partie von Tal gegen die Pioniere, und das nicht nur weil er nachweist, dass
Tal zwei Mal ein Matt übersehen hat. Beide Seiten hatten keine Ahnung, was auf
dem Brett passiert - das ist das computergestützte Fazit 35 Jahre nach der
Partie.
Die Partie:
Pravda
gegen Tal...
Details zum Duell zwischen Tal und den Pionieren finden sich in Tim Krabbes
Schachkuriositäten (http://www.xs4all.nl/~timkr/chess/chess.html).