Wer gewinnt das Kandidatenturnier?

von Johannes Fischer
23.03.2020 – "Vorhersagen zu machen ist schwer, vor allem über die Zukunft." Dieses Zitat, das unter anderem Mark Twain, Albert Einstein und dem amerikanischen Baseball-Star Yogi Berra zugeschrieben wird, gilt natürlich auch für das Kandidatenturnier. Aber nach fünf von 14 Runden liegt die Versuchung nahe, eine Zwischenbilanz zu ziehen und in die Vergangenheit zu schauen, um die Zukunft vorherzusagen. | Foto: Lennart Ootes

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Zwischenstand

Vor Turnierbeginn galten Fabiano Caruana und Ding Liren, die Nummer zwei und die Nummer drei der Welt, als die beiden größten Favoriten auf den Turniersieg. Allerdings legte Ding die Favoritenrolle mit seinen zwei Niederlagen zu Turnierbeginn unerwartet schnell ab. Immerhin feierte er mit seinem Sieg gegen Caruana in Runde drei ein kleines Comeback und kann sich noch Hoffnungen machen, obwohl er nach fünf Runden bereits anderthalb Punkte hinter Spitzenreiter Ian Nepomniachtchi liegt.

Ding Liren | Foto: Lennart Ootes

Stand nach der 5. Runde

 

Caruana startete mit einem Remis gegen Maxime Vachier-Lagrave und einem Sieg gegen Kirill Alekseenko sehr viel besser ins Turnier und ein Sieg in seiner mutig gespielten Partie gegen Ding in Runde drei hätte ihn zum klaren Favoriten gemacht. Im Moment liegt er allerdings mit 2,5 aus 5 bei 50 Prozent und kann froh sein, dass er in Runde 5 nicht gegen Giri verloren hat.

Aber schaut man sich den Verlauf und die Ergebnisse der bisherigen vier Kandidatenturniere mit acht Teilnehmern und 14 Runden an, dann könnte man auf den Gedanken kommen, schon jetzt viel Geld auf den Sieg von Nepomniachtchi zu setzen. So verweist "Megalovic" in einem Tweet darauf, dass alle vier Turniersieger der bisherigen Kandidatenturnieren mit 3,5 aus 5 gestartet sind.

Doch bevor man sein Geld im Vertrauen auf Nepomniachtchi und die Macht der Statistik einem Online-Wettbüro anvertraut, sollte man bedenken, dass keiner der bisherigen vier Turniersieger das Kandidatenturnier im ersten Anlauf gewonnen hat. Okay, Carlsen hat in London 2013 sein erstes Kandidatenturnier gespielt und gewonnen, allerdings war Carlsen bereits sechs Jahre zuvor, 2007, bei Kandidatenwettkämpfen dabei.

Wenn man dieser Serie vertraut und glaubt, dass mindestens zwei Anläufe notwendig sind, um das Kandidatenturnier zu gewinnen, dann sind Nepomniachtchi, Maxime Vachier-Lagrave, Kirill Alekseenko und Wang Hao als mögliche Sieger des Kandidatenturniers 2020 aus dem Rennen und es bleiben nur noch Anish Giri, Alexander Grischuk und Fabiano Caruana als Favoriten übrig.

Und wenn Caruana gewinnt, dann wäre er nach Vassily Smyslov übrigens der zweite Spieler der Schachgeschichte, der zwei Mal hintereinander ein Kandidatenturnier gewinnt. Aber auch hier mahnt Yogi Berra: "Glückwunsch! Ich wusste, dass der Rekord hält, bis er gebrochen wird." Mit anderen Worten: das Kandidatenturnier bleibt spannend.

Ungewiss ist allerdings auch, ob das Kandidatenturnier überhaupt zu Ende gespielt wird oder es wegen des Coronavirus doch vorzeitig abgebrochen werden muss. Offen ist auch die Frage, wie es nach dem Kandidatenturnier weitergeht – und wie die Spieler wieder nach Hause kommen.

Caruana fand es schwer, hier Vorherzusagen zu machen und meinte:

"Ich weiß nicht, ob ich nach dem Turnier irgendwohin zurückkehren kann. Ich könnte auch irgendwo stranden, aber wo genau, das weiß ich nicht! Die US-Regierung hat mehr oder weniger erklärt, dass US-Bürger nicht in die USA zurückkommen können, wenn sie jetzt nicht sofort zurückkommen."

Giri zeigte sich optimistischer:

Heute, am 23.03., beginnt die sechste Runde. Danach weiß man wieder mehr und es folgt der zweite Ruhetag.

Turnierseite



Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".