WM: Es geht los!

14.10.2008 – Heute ist es soweit: Nach langer und intensiver Vorarbeit, nicht zuletzt auf Seiten der organisierenden UEP, werden sich Anand und Kramnik - 100 Jahre nach dem Wettkampf zwischen Lasker und Tarrasch und über 70 Jahre nach der letzten Schachweltmeisterschaft in Deutschland - in einem WM-Match gegenübersitzen und die erste Wettkampfpartie spielen. Kramnik hat gestern bei der Farbauslosung Weiß gezogen und wird somit heute den ersten Zug machen. Vor dem heutigen Tag liegen fast 150 Jahre Geschichte der Schachweltmeisterschaften, von denen die letzten Jahre für manche in ihren Verwicklungen kaum nachvollziehbar sind. André Schulz gibt einen Überblick. Es kann nur Einen geben...

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Es kann nur Einen geben
Von André Schulz

Zum ersten Mal seit 1934 ist Deutschland wieder Schauplatz einer Schachweltmeisterschaft. Ab Dienstag, 15 Uhr messen Weltmeister Viswanathan Anand (Indien) und sein Herausforderer Wladimir Kramnik (Russland) in der Bundeskunsthalle in Bonn in  ihre Fähigkeiten und ihr Geschicklichkeit im Umgang mit den 32 Schachfiguren auf 64 Feldern.

Für die meisten ist Schach nur ein Holzbrettspiel, doch für die über den ganzen Globus verteilte Schachszene ist es intellektuell anregender Sport, der in zahlreichen Wettkämpfen und Turnieren organisiert ist und der in der Weltmeisterschaft – dem Wettkampf aller Wettkämpfe gipfelt.

Jeder Schachspieler, der an Vereinsmeisterschaften oder internationalen Turnieren teilnimmt, wird vom Deutschen Schachbund oder dem internationalen Schachverband FIDE (Fédération Internationale des Échecs) in ein Bewertungssystem integriert und erhält eine Wertungszahl (Elozahl), die seine Spielstärke ausdrückt. Hobbyspieler liegen bei 800 Elo, Großmeister wird man mit mehr als 2500. Die 30 weltbesten Spieler haben mehr als 2700 Elo. Unter ihnen ist eine einzige Frau, Judith Polgar. Bester Spieler aller Zeiten war Gari Kasparow mit 2849 Elo (Eloliste vom Juli 2000), Weltmeister von 1985 bis 2000.

Nach Kasparows Rücktritt hat kein Spieler mehr so wie er die Szene dominiert. Derzeit liegen sechs Spieler dicht bei dicht an der Spitze der Weltrangliste, darunter Anand als Vierter und Kramnik als Sechster.

Wettkämpfe zur Ermittlung des weltbesten Schachspielers hat es schon vor mehr als 200 Jahren gegeben, aber erst mit dem Wettkampf Wilhelm Steinitz gegen Adolf Anderssen 1866 wurde der Titel „Schachweltmeister“ gebräuchlich. Seither gilt der Österreicher Steinitz als erster Weltmeister des Schachs. Ihm folgte als einziger Deutsche in der Geschichte der Schachweltmeisterschaften Emanuel Lasker nach. Nach dem Sieg über Steinitz 1894 in den USA hielt Lasker den Titel 27 Jahre lang – das ist Rekord – bevor er ihn an Capablanca verlor.

Bis 1948 lag das System der Schach-Weltmeisterschaften in den Händen des jeweiligen Titelhalters, der mehr oder minder nach Gusto einen Herausfordere wählte. Alexander Aljechin war der letzte Weltmeister nach diesem System. Als Aljechin 1946 starb, übernahm der schon 1926 gegründete Weltschachbund FIDE die Organisation und ermittelte den ersten Weltmeister mangels lebenden Titelhalters in einem Turnier. Michail Botwinnik gewann es und verlor erst 1963 endgültig den Titel an Tigran Petrosian, nachdem er sich zuvor gegen Wassili Smyslow (1958) und Michael Tal (1961) zweimal die verlorene Krone in Revanchekämpfen zurück erobert hatte. Auf Petrosian folgte Spassky (ab 1969) und 1972 saß Spassky dann Robert Fischer im Aufsehen erregendsten Schachwettkampf aller Zeiten gegenüber. Fischer gewann – und verschwand.

Auf Fischer folgte der stromlinienförmige Anatoly Karpow, der einige Psychokriege gegen seinen mehrfachen Herausforderer Viktor Kortschnoj bestritt, von denen die „Schlacht von Baguio“ 1978 in Baguio City der brutalste war. Der Nervenkrieg auf den Philippinnen inspirierte sogar die Abba-Komponisten Ulvaeus und Benny Andersson zum Musical „Chess“.

Im Jahr 1984 betrat Gari Kasparov mit Wucht die Szene und entriss Anatoly Karpow im zweiten Anlauf den Weltmeistertitel. Kasparow musste in den folgenden Jahren mehrmals gegen Karpow seinen Titel verteidigen, bis er dann zusammen mit Nigel Short 1993 seine Zusammenarbeit mit der FIDE aufkündigte und die WM-Krone privatisierte.

Im Jahr 1994 kam die Schachwelt in den Genuss von zwei WM-Zyklen mit Kandidatenwettkämpfen und folgenden Wettkampf um den Titel. Kasparow gründete mit dem Geld seines Sponsors Intel eine Konkurrenzorganisation zur FIDE, um mit dieser die Weltmeisterschaft „professioneller“ zu vermarkten. Die FIDE gab aber nicht klein bei und zog unbeirrt ihren eigenen Zyklus parallel durch. So gab es nun zwei Schachweltmeister.

Dieser unbefriedigende Zustand dauerte bis zum 2006. Inzwischen hatte Wladimir Kramnik Kasparow in London im Jahr 2000 im Wettkampf besiegt. Der Weltmeister der FIDE hieß Weselin Topalow.  Der lang ersehnte Wiedervereinigungswettkampf wurde vereinbart und fand unter allerdings skandalösen Nebentönen in Elista statt. Nachdem Topalow die ersten beiden Partien verloren hatte, protestierte er gegen Kramniks Toilettenbesuche und unterstellte seinem Gegner, dort unerlaubte Computerhilfe bekommen zu haben – womit er einen  in Spielerkreisen hinter vorgehaltener Hand vorgetragenen Vorwurf, der Topalow selbst seit dessen überragenden Turniersieg beim FIDE-WM-Turnier in San Luis 2005 begleitet, gegen seinen Gegner richtete.


Der Protest führte zum Eklat, nachdem das Appellationskomitee Kramniks Toilette schließen ließ und dieser zur vierten Partie nicht erschien. Das mit Topalow befreundete Appellationskomitee wurde vom FIDE-Präsidenten Kirsan Iljumjinow abgesetzt. Mit Mühe konnte der Wettkampf zu einem halbwegs regulären Ende geführt werden. Kramnik gewann ihn im Stichkampf.

Im folgenden Jahr führte der Weltschachbund die WM im Turniermodus durch. Die Verträge mit Mexiko City hat die FIDE schon unterschrieben, bevor der Wiedervereinigungswettkampf Kramnik-Topalow ins Gespräch kam. Kramnik hatte jedoch immer schon betont, dass er nur den Wettkampf als angemessene Form für die Weltmeisterschaft betrachtete. Er ließ sich dennoch zur Teilnahme am WM-Turnier in Mexiko überreden, unter der Voraussetzung, dass er bei einem Titelverlust eine Revanche gegen den Sieger erhält. Anand gewann. Diese Revanche findet nun in Bonn statt.

„Einen Skandal wie in Elista wird es in Bonn nicht geben“, betonte Kramnik gerade erst im Interview, auch Anand hat sich in dieser Richtung geäußert. Beide Spieler schätzen sich als faire Sportsleute und wollen den Kampf ausschließlich auf den dafür vorgesehen 64 Feldern führen. Auch das übliche Säbelrasseln vor dem Wettkampf ist weitgehend ausgeblieben.

Auf die Geheimniskrämerei in Bezug auf die Sekundanten wollte man indes nicht verzichten. Kramnik hat sich wie schon vor seinem Wettkampf gegen Deep Fritz vor zwei Jahren mit seinem Team zur Vorbereitung in ein kleines Örtchen im Saarland zurück gezogen. In Interviews für die russischen Presse und nun auch für die deutsche erläuterte der russische Spitzengroßmeister, wen er als Sekundanten von Anand erwartet, nämlich den Dänen Peter-Heine Nielsen, den bei Bonn lebendenden Usbeken Rustam Kasimdjanow und den norwegischen „Wonderboy“ Magnus Carlsen. Er selbst werde in Bonn schachlich von  seinem Landsmann Sergei Rublewski, dem Franzosen Laurent Fressinet und – Überraschung – vom Ungarn Peter Leko unterstützt. Da man heute aber als Sekundant gar nicht mehr vor Ort sein muss, sondern auch gut über das Internet kommunizieren kann, könnten Großmeister wie Evgeny Bareev, Miguel Illescas oder Loek van Wely, mit denen Kramnik auch früher schon zusammen gearbeitet hat, auch problemlos von außerhalb helfen.

Anand hat die Zusammenarbeit mit Carlsen weder geleugnet noch bestätigt. In der Gerüchteküche wurden indischen Großmeister wie Ganguly und Kunte als Sekundanten genannt. Das Interesse an den Sekundanten des Wettkampfgegners begründet sich darin, dass jeder Spieler auch Spezialist bestimmter Eröffnung ist. Wer also beispielsweise Van Wely im Team hat, interessiert sich möglicherweise für die Botvinnikvariante, die Anti-Moskauer Variante oder die Sweshnikov-Verteidigung im Sizilianer. Leko ist u.a. ein großer Kenner des Marshall-Angriffs.

Von den Experten werden Kramnik Vorteile im Wettkampf eingeräumt, während Anand im Turnier seine Stärken hat. Vor seinem Sieg über Kasparov galt Kramnik aber eher als Wettkampfschwächling, nachdem er z.B. überraschend das Ausscheidungsmatch gegen Alexei Shiorv verloren hatte. Inzwischen hat Kramnik durch die Siege über Kasparov, Leko (Wettkampfsieger nach Gleichstand) und Topalov (Sieger nach Stichkampf) seine Wettkampfhärte bewiesen.

Anand sagt man nach, dass er die direkte Konfrontation Mann-gegen-Mann in den Wettkämpfen nicht mag. 1995 spielte er als Herausforderer gegen Gari Kasparow, kam aber mit dessen Minenspiel und Körpersprache nicht zurecht und unterlag unter Wert. Mit Ausnahme der Mini-Wettkämpfe gegen Karpov und Shirov bei FIDE-Weltmeisterschaften und Schnellschachwettkämpfen hat Anand seitdem kein wirklich bedeutendes langes Match mehr gespielt.

Sollte es hingegen zu einem Stichkampf kommen, könnten die Vorteil wieder auf Seiten von Anand liegen, der als weltbester Schnellschachspieler gilt.

Im Wettkampf kommt es darauf an, seine Schwarzpartien sicher zu remisieren, während man mit Weiß versucht, einen vollen Punkt zu machen. Mit dieser schlicht wirkenden Strategie  war Kramnik gegen Kasparov überaus erfolgreich, als er die bis dahin unterbewerte Berliner Verteidigung anwandte und von Kasparow nicht ein einziges Mal bezwungen werden konnte. Auch die Bilanz der beiden Kontrahenten in den bisherigen Treffen bei Turnieren spricht für Kramnik. Neben zahlreichen Remisen gewannen beide immer mit den weißen Steinen – Anand zweimal, Kramnik sechs Mal. Kramnik ist zudem „beidhändig“. Er kann 1.e4 oder 1.d4 (bzw. 1.Sf3) eröffnen,  je nach Matchstand variieren und verschafft Anand damit auch ein größeres Arbeitsgebiert für die Vorbereitung. Der Titelverteidiger konzentriert sich in seiner Eröffnungswahl auf 1.e4 – die Eröffnung mit dem Damenbauer sieht man beim Inder nur ganz selten.

Mit den schwarzen Steinen hat Kramnik mit der Russischen Verteidigung (1.e4 e5 2.Sf3 Sf6) und der Berliner Variante (1e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.0-0 Sxe4) zwei Eröffnungen gegen 1.e4 im Repertoire, die nur ganz schwer zu knacken sind. Immerhin gelang es dem deutschen Spitzenspieler Arkadij Naiditsch jüngst beim Turnier in Dortmund, Kramnik zu überraschen und seine Verteidigung zu knacken. Vielleicht hatte Anand diese Neuerung auch schon gefunden, doch nun ist sie verbrannt: Ein zweites Mal wird Kramnik sich hier bestimmt nicht überraschen lassen. Mit den schwarzen Steinen hat Anand gegen 1.e4 eine Reihe von Verteidigungen im Repertoire, darunter die Najdorfvariante (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6) , die Tajmanovvariante (1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sc6) und den Marshallangriff (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.Te1 b5 7.La4 0-0. 8.c3 d5) . Falls Kramnik mal 1.e4 spielen möchte, kann Leko ihn gegen den zweischneidigen Marshallangriff bestens beraten. Gegen 1.d4 greift Anand entweder zur Nimzoindischen bzw. Damenindischen Verteidigung (1.d4 Sf6 2.c4 e6)– hier hat Kramnik mit seiner Wiederentdeckung der Katalanischen Eröffnung (3.g3) den Schwarzspielern einige Aufgaben gestellt – zum angenommenen Damengambit (1.d4 d5 2.c4 dxc4) oder zur Halbslawischen Verteidigung.

So könnte also das normale Szenario aussehen: Weiß versucht nach 1.e4 Kramniks Berliner Verteidigung oder vielleicht die Russische Verteidigung zu knacken. Und Kramnik rechnet damit, dass Anand der Katalanischen Eröffnung ausweicht und versucht ihn ihm Halbslawen zu knacken. Oder wird es einige heftige Überraschungen geben?

Sollte es am Ende zu einem Stichkampf kommen, könnten die Vorteile auf Seiten von Anand liegen, der als weltbester Schnellschachspieler gilt.

Die Zeit vor dem Wettkampf lief für beide Spieler nicht optimal. Kramnik spielte in Dortmund ein grauenhaftes Turnier und in Moskau ein nicht so gutes. Für Anand war das Turnier in Bilbao eine Katastrophe. Beide haben ihre besten Neuerungen und ihre ganze Motivation offenbar für diesen wichtigen Wettkampf aufgespart. Das lässt die Schachfreunde auf ein großes Spektakel hoffen.

Das Interesse der Presse an diesem Schachereignis Deutschland scheint groß zu sein. Zahlreiche Artikel sind bereits erschienen und die ARD hat tatsächlich in ihrem Videotext mehrere Seiten der Geschichte der Schachweltmeisterschaft gewidmet. Das Pressezentrum in der Bundeskunsthalle ist schon zwei Stunden vor Partiebeginn dicht gefüllt. Nach langer und intensiver Vorarbeit, besonders auf Seiten der durchführenden UEP freuen sich alle auf den Beginn, heute um 15 Uhr. Auch die Spieler. Beide wirkten in den offiziellen Vorveranstaltungen sehr entspannt. Besonders Kramnik strahlte große Gelassenheit aus. Ob er sich hin der Bundeskunsthalle im Vorteil fühle, da er ja hier schon den Wettkampf gegen Deep Fritz gespielt habe, wurde er gefragt: „Na klar, ich weiß ja schon wo die Toilette ist und wo es Kaffee gibt!“



 

 

 


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