WM-Nachschau
Von Conrad Schormann
Drei von 18 libyschen
Eloträgern spielen im Wohnzimmer ihres Revolutionsführers Muammar Gaddafi gegen
die Weltklasse. Ein Lokalmatador übersteht die erste Runde: Abobker Elarabi.
Sein Gegner Alexander Morosewitsch ist nicht angereist. Die anderen Libyer
scheiden aus - alles andere hätte den Naturgesetzen widersprochen. Tarik Abulhul
(Elo 2.076) erlebt trotz einer 0:2-Klatsche seine beiden besten Schachtage. Acht
Stunden lang sitzt er dem Weltranglistenfünften Weselin Topalow (Elo 2.737)
gegenüber. Abulhul zeigt dem Bulgaren feinstes libysches Klammerschach.
Partie Topalow-Abulhul...

Der in Deutschland lebende
Armenier Rafael Waganjan verliert die erste Partie gegen den iranischen
Computerfreak Ehsan Ghaem Maghami. In der zweiten hat der Bundesliga-Routinier
den Perser am Wickel – stellt seinen Läufer ein und ist ausgeschieden.
Armeniadiaspora.com, nach eigenen Angaben die weltweit größte armenische
Nachrichtenseite, versucht, den kurzen Auftritt ihres „well respected“
Großmeisters zu erklären. „Stunning skill“ habe sein iranischer Gegner in der
zweiten Partie gezeigt. Waganjan hatte ihn von der Eröffnung an überspielt.
Geoffrey D. Borg, Generalsekretär der Mediterrian Chess Association, kommentiert
auf armeniandiaspora, Maghami habe sich offensichtlich gut vorbereitet ans Brett
gesetzt. Die FIDE outet auf ihrer Seite Waganjan (52) als ältesten Teilnehmer
des Turniers, Magnus Carlsen (13) als jüngsten und gibt bekannt, dass während
des Turniers zwei Spieler Geburtstag feiern – und Ali Nihat Yazici, Präsident
des türkischen Verbands und Pressechef des Turniers. Sein Alter verschweigt die
FIDE nach eigenen Angaben aus diplomatischen Gründen.
Partie Maghami-Waganjan...
Unter den sechs Armeniern in
Tripolis ist der einzige Schachspieler, dem Eric Clapton ein Lied gewidmet hat -
Ashot Anastasian („Ashot the sherrif“). Die Schachecke seiner
Heimatnachrichtenseite schreibt keine Zeile über ihren Großmeister. Das
verbindet ihn mit seinem Gegner in der zweiten Runde, dem Inder Das Neeloptal.
Ein Rudel Großmeister hat Schachland Indien zur FIDE-WM entsandt. Bis auf
Harikrishna scheiden alle aus, oh Schreck - ein 22-jähriger IM mit Elo 2457 wird
da leicht übersehen. Die Online-Ausgabe von „The Hindu“ beklagt allein das
Ausscheiden der Hoffnungsträger. Neeloptal gehört nicht dazu. Er ist kampflos
für Runde zwei qualifiziert, was „The Hindu“ am nächsten Tag auffällt.
Neeloptals Erstrundengegner Vadim Milow „failed to turn up for the match“,
schreibt die Onlinezeitung über den Schweizer, der durch Zeitüberschreitung
verloren hat. Wegen seines israelischen Passes konnte er nicht zeitig alle
diplomatischen und bürokratischen Hürden nehmen.
Der Außenseiter und kampflose
Sieger Neeloptal steht für das Niveau der dritten oder vierten Meisterriege
Indiens. Er unterliegt Anastasian in Runde zwei, aber er fährt erhobenen Hauptes
nach Hause. Mit sauberem Schach hält er den Konterspieler auf Distanz. Und
rechnen kann der junge Inder, alter Schwede. In der ersten Schnellpartie bietet
er mit 29.Tg6! seinen Turm an – der einzige Zug, der die weiße Initiative
lebendig hält. Fritz findet 29.Tg6! nach quälend langen Minuten. Anders als
Neeloptal muss Fritz viel rechnen, bis er nach bestmöglicher Verteidigung das
zweite Turmopfer 36.Txg7! und die folgende Königshatz sieht. Anastasian nimmt
die Türme nicht und hält remis. Im 100. Zug der ersten, hin- und herwogenden
Schnellpartie hatte Neeloptal ein Mattmotiv übersehen – und tschüs.
Partie Anastasian – Neeloptal...
Diagramm: 29.Tg6!
Partie Neeloptal – Ansatasian...
Chessindia.org hebt die
Qualität seines Spiels hervor und bestätigt: „Vorher hatte ihn niemand
wahrgenommen.“ Aber: „The Indian potential has done wonders“, eine Formulierung,
die auf deutschen Nachrichtenseiten seit knapp 60 Jahren nicht üblich ist. Die
Hauptverantwortung für das frühe Ausscheiden ihrer indischen Kollegen tragen die
deutschen Großmeister Alexander Graf und Leonid Kritz. Graf besiegt
erwartungsgemäß Barua und Kritz (2.534) überraschend Krishnan Sasikiran (2.659).
Wenigstens den indischen
Jungstar Pentyala Harikrischna wähnt chessinidia.com „near creating history“,
nachdem er Europameister Iwantschuk in den Tie-Break gezwungen hat. Der Ukrainer
gewinnt, Harikrischna verschiebt das Geschichtemachen – wie der Deutsche Leonid
Kritz, der nach seinem Erfolg über Sasikiran gegen den schwächer eingeschätzten
Rubens Felgaer aus Argentinien ausscheidet. In drei Zügen seiner Weißpartie
macht Kritz überehrgeizig aus einer ausgeglichenen, fast ausgespielten Stellung
eine verlorene.
Partie Kritz - Sasikiran...
Als Harikrischna 2000 um die
Junioren-WM spielte, unterlag er überraschend IM Amon Simutowe aus Sambia, der
mit 8,5/13 den geteilten zweiten Platz belegte. In seiner Heimat (acht Eloträger)
ist Simutowe der führende Schachmeister, im Feld der 128 spielt er die
Exotenrolle wie die anderen Afrikaner von jenseits der Sahara. Für den „Zambezi
Shark“ ist es die dritte WM. „Thechessdrum.net“ berichtet, dass Simutowe
staunte, als Nigel Short nach seiner Elozahl fragte. Elo 2.442 und zwei
GM-Normen – hat sich das nicht herumgesprochen? Für den Südafrikaner Kenny
„King“ Solomon ist Tripolis die erste K.o.-WM. Der König aus Südafrika scheitert
wie der Hai aus Sambia in der ersten Runde – an Ivan Sokolow und Alexander
Grischuk.

Grischuk
Kann passieren. Mit Weiß
balanciert Simutowe gegen Sokolow schon auf äußerst dünnem Eis, als er in eine
Falle tappt. Sokolow lockt den weißen Turm auf die e-Linie, wo er die schwarze
Dame attackiert. Wegen ätzender Springergabeln entpuppt sich die Opposition der
Schwerfiguren als günstig für Schwarz.

Der Afrikaner hat gerade Te1 gespielt. Nach ...Sg4! ist die Partie beendet.
Partie Simutowe-Sokolow...
Von den „stolzesten Momenten“
des (zerstrittenen) philippinischen Schachs berichtet am 21. Juni 2004 „The
Manila Times“. 1,5 Punkte aus zwei Partien haben Mark Paragua und Ronald Dableo
geholt – gegen die Weltklassespieler Viorel Bologan und Liviu Dieter Nisipeanu.
„Ich bin sehr stolz auf die beiden“, sagt Großmeister Rogelio „Joey“ Antonio.
Seine Freude währt einen Tag. Beide Mitglieder des Schachteams der
philippinischen Luftwaffe scheiden aus. Mit Weiß geht Paragua gegen Bologan
unter, und Nisipeanu überspielt den sich zäh verteidigenden Dableo. Der hatte
sich laut „Manila Bulletin Online“ (www.mb.com)
Chancen gegen Nisipeanu ausgerechnet, sollte er es in den Tie-Break schaffen: „Pero
malaki ang tsansa natin kung aabot sa playoff ang laban dahil active play na ang
format dun“, kommentiert Dableos Sekundant Eugene Torre. Die ansonsten
englischsprachigen Seite zitiert konsequent Philippinisch.
Partie Nisipeanu-Dableo... und
Paragua-Bologan...
Veselin „neuneinhalb aus zehn“
Topalow spielt großes Schach, unter anderem gegen den Kroaten Zdenko Kozul, der
ebenfalls in Galaform am Brett sitzt. Eine Figur, dann eine Qualität, dann noch
eine opfert Topalow in der spektakulärsten Partie der beiden – und gewinnt. Mit
einem Turm weniger lässt er den Kroaten nicht zur Ruhe kommen, bis der unter
Zeitdruck einbricht. Wie sich das Spiel mit einem Turm weniger anfühlt, spürt
Kozul in der dritten Runde während der Weißpartie gegen Rublewsky (2.671). Nach
einem taktischen Fehler bleibt ihm ein Bauer für einen Turm. Egal. Eine
Bauernlawine überrollt er den siegessicheren Russen.
Diagramm: Kozul hat 19.Tf2?
gespielt und lädt Weiß zu 19...Sg4! ein.
Partie Kozul-Rublewsky...
Teimour „Tie-Break“ Radjabow
beweist in Tripolis Zockerqualitäten. Weil der junge Kubaner Lenier Dominguez am
Brett nicht minder cool ist, spielt Radjabow oberhalb der Figuren das seltene
Sonnenbrillen-System – und gewinnt.

Der 21-Jährige aus Kuba hat
dennoch seinen konstanten Aufstieg fortgesetzt. Meist taucht er mit seinem etwas
älteren und ebenfalls bärenstarken Kumpel Lazaron Bruzon bei Turnieren auf,
dieses Mal ist er alleine. Die d4-Spieler ruinieren an seinen bissfest
vorgetragenen Slawen ihre Zähne.
Wer sich ein paar Jahre nicht
mit Schach befasst hat und dann neuere Slawisch-Partien sieht, der merkt, dass
die Weißen in Beweisnot gekommen sind. Nach 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 wird 4.Sc3
kaum noch gespielt, stattdessen 4.e3. 4...Lf5 5.Sc3 e6 6.Sh4 hat den Schwarzen
eine zeitlang Probleme bereitet. Dann hat sich 6..., Lg6 als zuverlässiger Weg
zu vollwertigem Spiel etabliert. In diesem Komplex (ECO: D12) führt Dominguez
die schwarzen Steine souverän wie kaum ein anderer. Mal spielt er mit ...e5, mal
mit ...c5, mal rochiert er lang, mal kurz, mal gar nicht. Nie steht er
bedenklich, auch nicht gegen Slawisch-Fachmann Drejew. Nur in der Blitzpartie
gegen Malakhow kämpft er um Ausgleich (remis, 75). Mit dem postbubertären
Radjabow verbessert der schöne Kubaner D12-Frauenpartien der jüngeren
Vergangenheit. Domiguez neuert im 12. Zug, Radjabow macht seinen 13. und bietet
Remis an (remis, 13). In diese epochale Schlacht eingebettet ist ein Report, was
sich in Sachen D12 bei der FIDE-WM getan hat.
D12-Report...
407 Partien aus Tripolis – das
ist Stoff für Patzer und kleine Kombinationen.

Charbonneau-Bacrot: Nach einem kurzen
Gefecht stellt der Kanadier mit 22.Kg1?? die Partie ein.

Felgaer-Dreew: Dreew hat auf Kosten seiner
Entwicklung den Angriff auf den weißen König vorangetrieben. Jetzt muss der
Argentinier kontern – oder nie.
Tkatschiew-Dominguez: Weiß steht platt.
30.Df1? besiegelt sein Schicksal.

Filippow-van Wely: Wenn Loek van Wely
seinem Sekundanten die gleichen Konditionen wie bei vergangenen K.o.-WMs gewährt
hat, gab es dieses Mal nur einen Bordellbesuch gratis. Van Wely scheitert an
seinem zweiten Gegner, dem Russen Filipow, nachdem er hier mit 23...,Ld3?? das
lebenswichtige Feld f5 preisgibt. Filipow unterbricht mit 24.f5 die Verbindung
zwischen Dame und Läufer und beendet van Welys Reise ins Sündenbabel.

Azmai-Lastin: In der zweiten Schnellpartie
stellt Azmaiparaschwili mit 41.Dd1? das Match ein.