WM-Nachschau

05.08.2004 – Meistens wird bei einer WM nur über die Favoriten und den Sieger berichtet. In Deutschland wird der Verlauf der WM natürlich besonders aus deutscher Sicht bewertet. Mit Rustam Kasimdshanov hat ja auch jemand den Titel gewonnen, der zumindest in Deutschland lebt und spielt. Immerhin. Bei der Werbung war Deutschland ganz prominent vertreten (Foto, rechts). Insgesamt entsteht jedoch aus solch selektiver Berichterstattung ein völlig schiefes Bild. In seiner WM-Nachschau hat sich Conrad Schorman deshalb konsequent auf armenische, afrikanischen, philippinische und indische Internetquellen gestützt, um unserer WM-Berichterstattung so zur notwendigen objektiven Abrundung zu verhelfen. WM-Nachschau...

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WM-Nachschau
Von Conrad Schormann

Drei von 18 libyschen Eloträgern spielen im Wohnzimmer ihres Revolutionsführers Muammar Gaddafi gegen die Weltklasse. Ein Lokalmatador übersteht die erste Runde: Abobker Elarabi. Sein Gegner Alexander Morosewitsch ist nicht angereist.  Die anderen Libyer scheiden aus - alles andere hätte den Naturgesetzen widersprochen. Tarik Abulhul (Elo 2.076) erlebt trotz einer 0:2-Klatsche seine beiden besten Schachtage. Acht Stunden lang sitzt er dem Weltranglistenfünften Weselin Topalow (Elo 2.737) gegenüber. Abulhul zeigt dem Bulgaren feinstes libysches Klammerschach.

Partie Topalow-Abulhul...

Der in Deutschland lebende Armenier Rafael Waganjan verliert die erste Partie gegen den iranischen Computerfreak Ehsan Ghaem Maghami. In der zweiten hat der Bundesliga-Routinier den Perser am Wickel – stellt seinen Läufer ein und ist ausgeschieden. Armeniadiaspora.com, nach eigenen Angaben die weltweit größte armenische Nachrichtenseite, versucht, den kurzen Auftritt ihres „well respected“ Großmeisters zu erklären. „Stunning skill“ habe sein iranischer Gegner in der zweiten Partie gezeigt. Waganjan hatte ihn von der Eröffnung an überspielt. Geoffrey D. Borg, Generalsekretär der Mediterrian Chess Association, kommentiert auf armeniandiaspora, Maghami habe sich offensichtlich gut vorbereitet ans Brett gesetzt. Die FIDE outet auf ihrer Seite Waganjan (52) als ältesten Teilnehmer des Turniers, Magnus Carlsen (13) als jüngsten und gibt bekannt, dass während des Turniers zwei Spieler Geburtstag feiern – und Ali Nihat Yazici, Präsident des türkischen Verbands und Pressechef des Turniers. Sein Alter verschweigt die FIDE nach eigenen Angaben aus diplomatischen Gründen.

Partie Maghami-Waganjan...

Unter den sechs Armeniern in Tripolis ist der einzige Schachspieler, dem Eric Clapton ein Lied gewidmet hat - Ashot Anastasian („Ashot the sherrif“). Die Schachecke seiner Heimatnachrichtenseite schreibt keine Zeile über ihren Großmeister. Das verbindet ihn mit seinem Gegner in der zweiten Runde, dem Inder Das Neeloptal. Ein Rudel Großmeister hat Schachland Indien zur FIDE-WM entsandt. Bis auf Harikrishna scheiden alle aus, oh Schreck - ein 22-jähriger IM mit Elo 2457 wird da leicht übersehen. Die Online-Ausgabe von „The Hindu“ beklagt allein das Ausscheiden der Hoffnungsträger. Neeloptal gehört nicht dazu. Er ist kampflos für Runde zwei qualifiziert, was „The Hindu“ am nächsten Tag auffällt. Neeloptals Erstrundengegner Vadim Milow „failed to turn up for the match“, schreibt die Onlinezeitung über den Schweizer, der durch Zeitüberschreitung verloren hat. Wegen seines israelischen Passes konnte er nicht zeitig alle diplomatischen und bürokratischen Hürden nehmen.

Der Außenseiter und kampflose Sieger Neeloptal steht für das Niveau der dritten oder vierten Meisterriege Indiens. Er unterliegt Anastasian in Runde zwei, aber er fährt erhobenen Hauptes nach Hause. Mit sauberem Schach hält er den Konterspieler auf Distanz. Und rechnen kann der junge Inder, alter Schwede. In der ersten Schnellpartie bietet er mit 29.Tg6! seinen Turm an – der einzige Zug, der die weiße Initiative lebendig hält. Fritz findet 29.Tg6! nach quälend langen Minuten. Anders als Neeloptal muss Fritz viel rechnen, bis er nach bestmöglicher Verteidigung das zweite Turmopfer 36.Txg7! und die folgende Königshatz sieht. Anastasian nimmt die Türme nicht und hält remis. Im 100. Zug der ersten, hin- und herwogenden Schnellpartie hatte Neeloptal ein Mattmotiv übersehen – und tschüs.

Partie Anastasian – Neeloptal...

Diagramm: 29.Tg6!

Partie Neeloptal – Ansatasian...

Chessindia.org hebt die Qualität seines Spiels hervor und bestätigt: „Vorher hatte ihn niemand wahrgenommen.“ Aber: „The Indian potential has done wonders“, eine Formulierung, die auf deutschen Nachrichtenseiten seit knapp 60 Jahren nicht üblich ist. Die Hauptverantwortung für das frühe Ausscheiden ihrer indischen Kollegen tragen die deutschen Großmeister Alexander Graf und Leonid Kritz. Graf besiegt erwartungsgemäß Barua und Kritz (2.534) überraschend Krishnan Sasikiran (2.659).

Wenigstens den indischen Jungstar Pentyala Harikrischna wähnt chessinidia.com „near creating history“, nachdem er Europameister Iwantschuk in den Tie-Break gezwungen hat. Der Ukrainer gewinnt, Harikrischna verschiebt das Geschichtemachen – wie der Deutsche Leonid Kritz, der nach seinem Erfolg über Sasikiran gegen den schwächer eingeschätzten Rubens Felgaer aus Argentinien ausscheidet. In drei Zügen seiner Weißpartie macht Kritz überehrgeizig aus einer ausgeglichenen, fast ausgespielten Stellung eine verlorene.

Partie Kritz - Sasikiran...

Als Harikrischna 2000 um die Junioren-WM spielte, unterlag er überraschend IM Amon Simutowe aus Sambia, der mit 8,5/13 den geteilten zweiten Platz belegte. In seiner Heimat (acht Eloträger) ist Simutowe der führende Schachmeister, im Feld der 128 spielt er die Exotenrolle wie die anderen Afrikaner von jenseits der Sahara. Für den „Zambezi Shark“ ist es die dritte WM. „Thechessdrum.net“ berichtet, dass Simutowe staunte, als Nigel Short nach seiner Elozahl fragte. Elo 2.442 und zwei GM-Normen – hat sich das nicht herumgesprochen? Für den Südafrikaner Kenny „King“ Solomon ist Tripolis die erste K.o.-WM. Der König aus Südafrika scheitert wie der Hai aus Sambia in der ersten Runde – an Ivan Sokolow und Alexander Grischuk.


Grischuk

Kann passieren. Mit Weiß balanciert Simutowe gegen Sokolow schon auf äußerst dünnem Eis, als er in eine Falle tappt. Sokolow lockt den weißen Turm auf die e-Linie, wo er die schwarze Dame attackiert. Wegen ätzender Springergabeln entpuppt sich die Opposition der Schwerfiguren als günstig für Schwarz.



Der Afrikaner hat gerade Te1 gespielt. Nach ...Sg4! ist die Partie beendet.

Partie Simutowe-Sokolow...

Von den „stolzesten Momenten“ des (zerstrittenen) philippinischen Schachs berichtet am 21. Juni 2004 „The Manila Times“. 1,5 Punkte aus zwei Partien haben Mark Paragua und Ronald Dableo geholt – gegen die Weltklassespieler Viorel Bologan und Liviu Dieter Nisipeanu. „Ich bin sehr stolz auf die beiden“, sagt Großmeister Rogelio „Joey“ Antonio. Seine Freude währt einen Tag. Beide Mitglieder des Schachteams der philippinischen Luftwaffe scheiden aus. Mit Weiß geht Paragua gegen Bologan unter, und Nisipeanu überspielt den sich zäh verteidigenden Dableo. Der hatte sich laut „Manila Bulletin Online“ (www.mb.com) Chancen gegen Nisipeanu ausgerechnet, sollte er es in den Tie-Break schaffen: „Pero malaki ang tsansa natin kung aabot sa playoff ang laban dahil active play na ang format dun“, kommentiert Dableos Sekundant Eugene Torre. Die ansonsten englischsprachigen Seite zitiert konsequent Philippinisch.

Partie Nisipeanu-Dableo... und Paragua-Bologan...

Veselin „neuneinhalb aus zehn“ Topalow spielt großes Schach, unter anderem gegen den Kroaten Zdenko Kozul, der ebenfalls in Galaform am Brett sitzt. Eine Figur, dann eine Qualität, dann noch eine opfert Topalow in der spektakulärsten Partie der beiden  – und gewinnt. Mit einem Turm weniger lässt er den Kroaten nicht zur Ruhe kommen, bis der unter Zeitdruck einbricht. Wie sich das Spiel mit einem Turm weniger anfühlt, spürt Kozul in der dritten Runde während der Weißpartie gegen Rublewsky (2.671). Nach einem taktischen Fehler bleibt ihm ein Bauer für einen Turm. Egal. Eine Bauernlawine überrollt er den siegessicheren Russen.

Diagramm: Kozul hat 19.Tf2? gespielt und lädt Weiß zu 19...Sg4! ein.

Partie Kozul-Rublewsky...

 

Teimour „Tie-Break“ Radjabow beweist in Tripolis Zockerqualitäten. Weil der junge Kubaner Lenier Dominguez am Brett nicht minder cool ist, spielt Radjabow oberhalb der Figuren das seltene Sonnenbrillen-System – und gewinnt.

Der 21-Jährige aus Kuba hat dennoch seinen konstanten Aufstieg fortgesetzt. Meist taucht er mit seinem etwas älteren und ebenfalls bärenstarken Kumpel Lazaron Bruzon bei Turnieren auf, dieses Mal ist er alleine. Die d4-Spieler ruinieren an seinen bissfest vorgetragenen Slawen ihre Zähne.

Wer sich ein paar Jahre nicht mit Schach befasst hat und dann neuere Slawisch-Partien sieht, der merkt, dass die Weißen in Beweisnot gekommen sind. Nach 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 wird 4.Sc3 kaum noch gespielt, stattdessen 4.e3. 4...Lf5 5.Sc3 e6 6.Sh4 hat den Schwarzen eine zeitlang Probleme bereitet. Dann hat sich 6..., Lg6 als zuverlässiger Weg zu vollwertigem Spiel etabliert. In diesem Komplex (ECO: D12) führt Dominguez die schwarzen Steine souverän wie kaum ein anderer. Mal spielt er mit ...e5, mal mit ...c5, mal rochiert er lang, mal kurz, mal gar nicht. Nie steht er bedenklich, auch nicht gegen Slawisch-Fachmann Drejew. Nur in der Blitzpartie gegen Malakhow kämpft er um Ausgleich (remis, 75). Mit dem postbubertären Radjabow verbessert der schöne Kubaner D12-Frauenpartien der jüngeren Vergangenheit. Domiguez neuert im 12. Zug, Radjabow macht seinen 13. und bietet Remis an (remis, 13). In diese epochale Schlacht eingebettet ist ein Report, was sich in Sachen D12 bei der FIDE-WM getan hat.

D12-Report...

407 Partien aus Tripolis – das ist Stoff für Patzer und kleine Kombinationen.



Charbonneau-Bacrot: Nach einem kurzen Gefecht stellt der Kanadier mit 22.Kg1?? die Partie ein.

Felgaer-Dreew: Dreew hat auf Kosten seiner Entwicklung den Angriff auf den weißen König vorangetrieben. Jetzt muss der Argentinier kontern – oder nie.



Tkatschiew-Dominguez: Weiß steht platt. 30.Df1? besiegelt sein Schicksal.



Filippow-van Wely: Wenn Loek van Wely seinem Sekundanten die gleichen Konditionen wie bei vergangenen K.o.-WMs gewährt hat, gab es dieses Mal nur einen Bordellbesuch gratis. Van Wely scheitert an seinem zweiten Gegner, dem Russen Filipow, nachdem er hier mit 23...,Ld3?? das lebenswichtige Feld f5 preisgibt. Filipow unterbricht mit 24.f5 die Verbindung zwischen Dame und Läufer und beendet van Welys Reise ins Sündenbabel.



Azmai-Lastin: In der zweiten Schnellpartie stellt Azmaiparaschwili mit 41.Dd1? das Match ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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