Erfrischung gefällig? Die Reti-Eröffnung!

07.07.2015 – Die Sommerpause ist eine prima Gelegenheit, das Eröffnungsarsenal um- oder aufzurüsten. Die Reti-DVD von GM Ramirez ist für beide Zwecke geeignet. Sie bietet ein komplettes Weißrepertoire, ist aber auch für 1.d4-Spieler attraktiv, die mit Grünfeld- oder Nimzo-Indisch Probleme haben. "Selten habe ich mich nach dem Studium einer neuen Eröffnung so erfrischt gefühlt!" schreibt Sebastian Vigl. Mehr...

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Alejandro Ramirez: "The Reti – a flexible attacking opening“

Rezension von Sebastian Vigl

Angreifen mit Reti: Hypermoderne Kampfschule

Große Feldherren wie Caesar oder Napoleon wollten stets hoch hinaus, auf dem Schlachtfeld trachteten sie danach, den höchsten Punkt mit Mann und Waffen zu besetzen. Wer den Hügel besetzt, hat die Kontrolle über die Schlacht und einen deutlichen positionellen Vorteil. Was der Hügel auf dem Schlachtfeld, sind die 4 Zentrumsfelder auf dem Schachbrett. Wer diese kontrolliert, kann sich schon in der Eröffnung einen Vorteil herausholen. Dafür ist nicht unbedingt die Präsenz von eigenen Truppen auf ihnen notwendig, so die Auffassung der Vertreter der hypermodernen Schachschule um Reti und Tartakower, das Zentrum lässt sich auch aus der Ferne beherrschen. Die Zentralbauern werden meist zurück gehalten und so kommt es zum Beispiel seltener zu „friendly fire“, wenn der fianchettierte Läufer den eigenen Bauern auf e4 oder d4 im Schussfeld hat und die Zentrumsfelder können als Trittbretter für die eigenen Leichtfiguren dienen, die von dort aus Angriffe auf beiden Flügeln unterstützen können.

Alejandro Ramirez, 2004 im Alter von 14 Jahren nach Karjakin der zweitjüngste Schachgroßmeister, wählt eine sehr praktische Herangehensweise: Reti-Puristen mögen empört aufschreien, wenn die Zentrumsbauern schon in den ersten zehn Zügen und dann womöglich schon mit einem Doppelschritt bewegt werden, Ramirez hingegen zeigt auf, wann Übergänge in verwandte Systeme vorteilhaft für Weiß sind und ihm die besseren Chancen versprechen. Nicht behandelt werden auf der DVD Stellungen, die auch aus der englischen Verteidigung entstehen können, Stellungen nach 1. ..Sc6, wobei hier Ramirez mit 2. d4 den Übergang in die Tschigorin-Verteidigung empfiehlt und holländische Stellungsbilder nach zum Beispiel 1. f5.  In 23 Videos bekommt der Schachfreund in exzellentem Englisch (wer findet ein Stocken in Ramirez Vortrag, ein Äh oder Hmm?) Folgendes geboten:

Schwarz wählt einen nimzo-ähnlichen Aufbau

Wählt Schwarz den Aufbau mit Sf6, Le7 und Bauern auf e6, d5 und c5 und behält seinen weißfeldrigen Läufer zunächst noch innerhalb seiner Bauernkette, so ist nach den Eröffnungszügen folgende Stellung realistisch, wenn man den Empfehlungen von Ramirez folgt, wozu nach den Entwicklungszügen ein rasches d4 zählt.

Stellung nach 13. d4. Worin liegt der weiße Vorteil?

Die Stellung sieht auf den ersten Blick ausgeglichen aus, beide Seiten haben sich normal entwickelt und verfügen über gleich viel Raum. Dennoch hat Weiß hier noch die Trümpfe in seiner Hand: Sein schwarzfeldriger Läufer ist dominanter als sein Gegenpart und übt im Gegensatz zu jenem Druck auf die Zentralfelder aus. Ramirez demonstriert, dass, wie auch immer der Kreuzhebel der Bauern c4, d4, c5 und d5 nun aufgehoben wird, Schwarz vor Probleme gestellt werden kann. Untersucht werden in den Beispielpartien vor allem Stellungen mit hängenden Bauern für Schwarz oder für Weiß oder mit Isolani. Ramirez bietet eine gute Übersicht, wie solche Konstellationen, die für manchen, nicht d4-Spieler Neuland sein dürften, gehandhabt werden sollten.

Katalanische Träume und Benoni im Anzug

Stellt Schwarz im oben genannten Aufbau seinen c-Bauern auf c6 statt auf c5, rät Ramirez zu einem katalanischen Aufbau, der als vorteilhaft für Weiß gilt. Im normalen „Katalanen“ erzwingt Schwarz meist mit einem Läuferschach auf b4 eine etwas schlechtere Stellung des weißen Damenläufers auf d2, was ihm in dieser Zugfolge jedoch nicht gelingt. Da aber nicht jeder mit der Komplexität des katalanischen Kosmos vertraut ist, gibt Ramirez auch hier wichtige Leitgedanken und Pläne, damit Stellungen richtig behandelt werden können, den e4-Durchbruch zum Beispiel, den Königsangriff oder wie man den schwarzen weißfeldrigen Läufer in dessen Fianchettoloch einkerkert. Die beiden Beispielpartien liefern jedoch nur einen ersten Überblick und jeder, der nach diesen noch immer nur spanisch statt katalanisch versteht, sollte sich aus einer Datenbank ein paar Musterpartien fischen.

Viel besser ausgearbeitet ist das Kapitel über Benoni im Anzug: Da Weiß im Grundaufbau der Reti Eröffnung auf den Zug d4 verzichtet, kann Schwarz in die Versuchung kommen, einen Bauern dorthin zu setzen, um eine Benoni-Stellung mit vertauschten Farben zu erreichen. Ramirez kann auch hier präzise die Vorteile der weißen Stellung benennen. Statt konkrete Zugfolgen ist auch hier strategisches Verständnis wichtiger: Warum ist der weiße Springer auf f3 weniger wert als das schwarze Pferd auf c6? Welchen Zentrumspunkt kann der Weiße besser kontrollieren, nun, da er in einer Benoni-Stellung mit vertauschten Farben ein Tempo mehr zur Verfügung hat?

Gegen die jungen Wilden und den Slawen ohne Biss

Königsindisch und Grünfeldindisch sind zwei kämpferische Verteidigungen, die einem d4 Spieler das Leben schwer machen können. Mit einem eleganten Ausfallschritt, dem etwas unterschätzten Zug 3.b4 umgeht der Weiße die großen Theoriebäume und kann seinen Gegenspieler auf dem falschen Fuß erwischen. Der Königsindisch-Spieler kann plötzlich einem verbesserten Englisch-Aufbau entgegentreten und dies einige Züge früher als er gewohnt und ihm lieb ist. Noch ehe seine Angriffsmaschinerie am Königsflügel ins Laufen kommt, ist der Weiße schon an Damenflügel durchgebrochen. Besser als die königsindische Zentrumsstruktur d6 und e5 scheint die der Gründfeld-Verteidigung mit c6 und d5 gegen das Reti-Doppelfianchetto-System mit dem frühen b4 geeignet zu sein, doch auch hier ergeben sich interessante Möglichkeiten für den Anziehenden.

Ein frühes b4 gegen das schwarze Königsfianchetto, ein schon von Reti praktizierter rascher Flankensturm:
Weiß greift nach Raum am Damenflügel und hält auf der langen Diagonale gegen.

Gegen slawische Aufbauten erreicht der von Ramirez propagierte hypermoderne weiße Aufbau theoretisch gesehen zwar nicht mehr als eine ausgeglichene Stellung, aber dem Anziehenden fällt es um einiges leichter, Pläne für das Mittelspiel zu finden, während der schwarzen Stellung typische Bauernhebel, die den Charakter der slawischen Verteidigung ausmachen, versagt sind und so den Nachziehenden zu einer passiven Haltung zwingt.

Fazit

1. Sf3 gehört mittlerweile zu den wichtigsten Aufschlägen auf den Brettern des Schachsports. Wer nach Sf3 im Sinne Retis mit c4 und dem Doppelfianchetto fortsetzen will, ist mit Ramirez Vorschlägen gut bedient: Der mittlerweile amerikanische Großmeister bietet ein dynamisches und positionell gesundes Weißrepertoire, das erstaunlich viele Chancen auf Initiative und Angriff bietet. Wer diesen oder schon andere Fritztrainer von Ramirez genossen hat, den wundert es nicht, warum er ein gefragter Kommentator, Autor und Coach im Schachsport ist: Mit Begeisterung und teilweiser kristalliner Klarheit lässt er komplizierte Sachverhalte und thematische Pläne der Eröffnung einfach aussehen. Selten habe ich mich nach dem Studium einer neuen Eröffnung so erfrischt gefühlt! Spieler aller Spielstärken, die ein variables und durchschlagkräftiges Weißrepertoire suchen, dürfen sich gerne selbst davon überzeugen.

Alejandro Ramirez:
Flexibel angreifen mit der Reti-Eröffnung

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