Karpows Wohnzimmer renoviert

22.08.2016 – Endlich neues Material über Caro-Kann mit 4...Sd7! Für FM Hans Wiechert war es eine Freude, als er kürzlich im CB Shop auf Dr. Hochgräfes Videokurs über Karpows Caro-Kann-Variante stieß. Jetzt hat er uns eine ausführliche Rezension geschickt, in der er für die kritische Variante auch noch eine eigene Empfehlung angibt. Mehr...

Dr. Markus Hochgräfe: Mit Erfolg gegen 1.e4 wie Karpov – 4 …Sd7 im Caro Kann - in 60 minutes

Rezension von FM Hans Wiechert, August 2016

In den 1980er Jahren war die Petrosian-Smyslov-Variante 4...Sd7 im Caro-Kann äußerst populär. Karpov spielte sie in mehreren Weltmeisterschaftskämpfen gegen Kasparov und in unzähligen Partien in hochklassigen Turniere. Heutzutage spielen Anand, Morozevich, Ivanchuk und Bologan sie gerne. Der Autor hat 4...Sd7 in vielen Partien mit Erfolg angewandt und stellt viele neue, unbekannte Ideen, Züge und Analysen vor.

Endlich neues Material über Karpows Wohnzimmervariante!

Durch Zufall stieß ich Anfang des Jahres beim Rumsurfen im Internet auf das vorliegende, bei ChessBase erschienene 60-Minuten-Trainingsvideo von Dr. Markus Hochgräfe über die Sd7-Variante im Caro-Kann, die meist „Petrosian-Smyslow-Variante“ genannt wird. Passender scheint mir indes die Bezeichnung „Karpow-Variante“, wenn man sich vor Augen hält, wie oft sie der zwölfte Weltmeister der Schachgeschichte innerhalb der letzten dreißig Jahre gegen stärkste Gegnerschaft angewendet hat.

Als ich die Entdeckung im Internet gemacht hatte, war ich sofort Feuer und Flamme: Super, ein kurzes, knackiges, nicht allzu teures 60-Minuten-Video ausgerechnet über die Variante, die ich mein ganzes Leben lang gespielt habe und von der es bisher kaum Literatur oder aus anderweitigen Medien (sprich downloadbare Videos oder DVDs) stammende Informationen gegeben hatte! Ich konnte mein Glück kaum fassen und besorgte mir sofort das Video: Ein paar Mausklicks, elektronische Bezahlung und binnen kürzester Zeit hat man die Clips auf seinem Rechner. Noch angenehmer als die DVDVariante, die wiegt immerhin noch etwas …

Zurück von der Technik zum Inhalt: Wie bei allen Videos der „60-Minuten-Serie“ vonChessbase werden in sich abgeschlossene Themengebiete, hier eine Eröffnungsvariante, in einer überschaubaren Anzahl von Clips dem geneigten Internetsurfer mit dem Ziel näher gebracht, Letzteren zu einem Erkenntnisgewinn zu verhelfen, den dieser im Idealfall dann
dazu verwenden kann, ihn in seinen eigenen Partien gewinn- (oder wenigstens remis-) bringend umzusetzen. Eben jenen Erkenntnisgewinn erhoffte ich mir natürlich auch von den Clips und war wie ein kleines Kind darauf gespannt zu erfahren, inwiefern die Kenntnisse des Autors mit den meinigen im Bezug auf die aus weißer Sicht soliden, aber eher harmlosen „alten“ Varianten wie 5.Sf3 oder 5.Lc4 übereinstimmten. Zum anderen galt mein Augenmerk aber auch der Sichtweise des Autors auf die „moderne“ Sg5-Variante, in der die weiße Dame im zehnten Zug auf e4 wiederschlägt und der Nachziehende dann zwei Hauptfortsetzungen besitzt. Doch dazu später mehr.

Zunächst noch ein paar Worte zum Autor: Dr. Markus Hochgräfe spielt nach meinen Recherchen in der Oberliga Hamburg beim SC Diogenes, ist Fidemeister und in der FIDEListe vom August 2016 mit einer Elozahl von 2394 aufgeführt, was darauf schließen lässt, dass der Titel eines Internationalen Meisters in nicht mehr allzuweiter Ferne zu liegen scheint. Mir persönlich ist der Autor nicht bekannt, was daran liegen mag, dass ich schachlich eher im Süden der Republik unterwegs bin.

Das Material des Trainingsvideos ist auf sieben Clips verteilt, die wie folgt gegliedert sind:

  • Kapitel 1: Intro
  • Kapitel 2: 5.Sf3 Sgf6 6.Sxf6+
  • Kapitel 3: 5.Sf3 Sgf6 6.Sg3
  • Kapitel 4: 5.Lc4 Sgf6 6.Sg5 e6 7.De2 Sb6 8.Ld3
  • Kapitel 5: 5.Lc4 Sgf6 6.Sg5 e6 7.De2 Sb6 8.Lb3
  • Kapitel 6: 5.Sg5 Sgf6 6.Ld3 e6 7.S1f3 Ld6 8.De2 h6 9.Se4 Sxe4 10.Dxe4 Sf6 11.Dh4
  • Kapitel 7: 5.Sg5 Sgf6 6.Ld3 e6 7.S1f3 Ld6 8.De2 h6 9.Se4 Sxe4 10.Dxe4 Sf6 11.De2

Einleitungsvideo


Bevor ich im Folgenden zu meiner Sicht der Dinge im Hinblick auf den dargebotenen Content komme, noch ein paar grundsätzliche Dinge, die das Verständnis dem Leser, der mit der Caro-Kann-Verteidigung vielleicht nicht so vertraut ist, erleichtern soll:

Die Ausgangsstellung der Karpow-Variante nach den Zügen 1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sd2/Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sd7

Die in den Clips nach den Zügen 1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sd2/Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sd7 ergebende Ausgangsstellung lässt andere aussichtsreiche Fortsetzungen des Weißen gegen Caro-Kann im dritten Zug außer Acht, so wird beispielsweise der gegenwärtig hoch gehandelte und in der Großmeisterpraxis häufig vorkommende Zug 3.e5 nicht behandelt, auch wird „nur“der Karpow-Zug 4...Sd7 gegen die so genannte „klassische Variante“ 3.Sd2/Sc3 betrachtet und die beiden anderen schwarzen Hauptfortsetzungen 4...Lf5 und 4...Sf6 (und nach 5.Sxf6+ dann entweder 5...exf6 oder 5...gxf6) werden weggelassen, aber dies in 60 Minuten dann auch noch abzuhandeln wäre des Guten eindeutig zu viel gewesen.

Im Übrigen bin ich auch nicht der Meinung, die im Moment durch die (Schach-) Gazetten geistert, dass der Zug 3.e5 Caro-Kann fast schon widerlege, man schaue sich nur die jüngst gespielte Partie Najer-Caruana, Dortmund 2016, an, in der der Weiße eine empfindliche Niederlage hinnehmen musste. Hier ist das letzte Wort längst noch nicht gesprochen und es ist an Weiß, Vorteil gegen die äußerst solide schwarze Verteidigung nachzuweisen. Dazu jedoch mehr an anderer Stelle, konzentrieren wir uns nun auf die Sd7-Variante im klassischen Caro-Kann nach 3.Sd2/Sc3 dxe4 4.Sxe4:

Die Variante hat beispielsweise gegenüber der anderen großen Hauptvariante im klassischen Caro-Kann, 4....Lf5, den großen Vorteil, dem Weißen nicht gleich die Möglichkeit zu geben, vermittels Zügen wie h2-h4-h5, die wegen der Position des Läufers auf f5 tatktisch gerechtfertigt sind, Raum am Königsflügel zu gewinnen, außerdem ist die schwarze Stellung positionell gesund, im nächsten Zug wird der weiße Springer auf e4 mit (meist) Sgf6) befragt und man kann mit dem anderen Springer zurückschlagen, ohne seine eigene Bauernstellung zu schwächen. Harmonie heißt das Zauberwort der schwarzen Strategie, alle Figuren werden auf natürliche Felder entwickelt, man strebt zunächst mit Zügen wie Le7, 0-0, Dc7, b6, Bb7 und dann c6-c5 nebst Besetzung der zentralen Linien mit den Türmen (Te8/d8 und Tc8) Ausgleich an, um dann erst im späteren Partiestadium (Mittel- und Endspiel) zu versuchen, den Gegner zu überspielen. Genau diese Tatsache mag Karpow seit 1987, dem Jahr, in dem er im Kandidatenfinale in Linares gegen Andrei Sokolow mittels Caro-Kann dessen Hauptwaffe 1.e4 den Zahn zog, dazu bewegen, immer und immer wieder zu o.g. Variante als Nachziehender zu greifen.

Werden wir nun konkret und kommen zu den Inhalten: Nach einem Einleitungsclip, der einen Überblick über das Themengebiet verschafft, folgt in den beiden nächsten Clips die Abhandlung der 5.Sf3-Variante, zunächst in Verbindung mit 6.Sxf6+ (nach 5...Sgf6) 6...Sxf6 und jetzt nach dem Hauptzug 7.Se5 (mit Ideen wie g2-g4 nebst h2-h4, sollte Schwarz seinen Läufer nach f5 oder g4 entwickeln wollen) 7...Sd7. Ist supersolide aus meiner Sicht, vor allem dann empfehlenswert, wenn man nicht unbedingt auf Sieg spielen will/muss. Aber Hochgräfe erwähnt auch kurz 7...Le6, was im Gewinnsinne zu etwas lebhafterem Spiel führt. Es werden, und das finde ich gut, auch die Fallstricke erwähnt, die auf den Nachziehenden nach dem scheinbar aktiven 7...Lf5 warten, hier ist die Kenntnis der klassischen Partie Karpow-Hort, Bugojno 1978, essentiell. Auch auf andere weiße Alternativen wie 7.c3 (mit der Idee, sich nach 7...Lg4 8.h3 das Läuferpaar zu krallen)werden zwei Alternativen (das erwähnte 7...Lg4 und 7..Dd5) angeboten, die selbst bei Verlust des Läuferpaars durch geschicktes Lavieren zum Ausgleich führen sollten. Der Autor fasst das Wesentliche hier wie ich finde gut zusammen. Übrigens konnte ich unlängst bei der Badischen Meisterschaft in Bad Mergentheim selbst mit dem etwas selteneren 7...Dc7, nach 8.Lf4!? Db6 9.Sc4 Dd8 gefolgt von späterem Lc8-e6 nebst Lf8-g7 und kurzer Rochade) gutes Spiel erhalten.

In Kapitel 3, das sich mit dem Wegziehen des weißen Springers nach 5...Sgf6 6.6.Sg3 befasst, zeigt der Autor überzeugend auf, wie der Schwarze sowohl mit zunächst 6...e6 und späterem c6-c5, als auch mit dem sofortigen 6...c5 Ausgleich erzielt. Hier werden fast ausschließlich Karpow-Partien aus den 1990er-Jahren als Partiebeispiele herangezogen, die mir alle bekannt waren, ja, in einem kleinen Nostalgiemoment konnte ich mich noch daran erinnern, wie ich Partien aus der schweizerischen Zeitschrift „Die Schachwoche“ (Gott hab' sie selig ;)) in meine „B17 (so heißt die Buchstaben-Zahlenkombination der Karpow-Variante als Informatorsymbol)-Enzyklopädie der Schacheröffnungen“ aus dem Jahre 1994 ausschnitt und einklebte, um sie aktuell zu halten! Ich habe „die B17-Enzy“ noch heute in meinem Regal stehen und schaue immer wieder gerne rein, um Vergessenes aufzufrischen, weil dort alles so schön systematisch geordnet ist! Das war die einzige Informationsquelle zu „B17“, einen Computer hatte ich damals (als Student) noch nicht, das kam erst später.

Kapitel 4 und 5 sind der „alten Hauptvariante“ nach 5.Lc4 gewidmet, zunächst geht es um die Zugfolge 5...Sgf6 6.Sg5 e6 7.De2 Sb6 8.Ld3. Auch hier habe ich an den Ausführungen des Autors nichts auszusetzen, die Erklärungen sind klar und deutlich, Schwarz zieht c5, die wichtige Riposte ...Sbd7! nebst Abtausch eines e5-Springers und Abschwächung des weißen Zentrumsdrucks werden explizit erwähnt) und am Schluss gleicht Schwarz wie üblich problemlos aus. Aus meiner eigenen Praxis kann ich mich noch an eine Partie aus meiner „Semiprofizeit“ aus dem Jahre 2001 erinnern, in der ich genau mit dieser Variante eine wichtige Partie eines Opens gegen einen etwas schwächeren, aber (für mich) durchaus ernstzunehmenden Gegner mit Schwarz gewinnen konnte. Ich erwähne das deshalb, weil „ausgeglichen“ eben nicht gleichbedeutend mit „remis“ ist. In der besagten Partie machte mein Gegner viele kleine Fehler, die sich im Endeffekt aufsummierten, zu Bauernschwächen führten und schlussendlich den Partieverlust nach sich zogen. Zwischendurch hatte der Gegner Remis angeboten, was ich aber ablehnte – zu Recht.

Die Fortsetzung 8.Lb3 nach 5...Sgf6 6.Sg5 e6 7.De2 Sb6, in Kapitel 5 Gegenstand der Analyse, ist aus meiner Sicht etwas gefährlicher für Schwarz, aber auch hier lässt der Autor wieder unseren Held, Anatoli Karpow, die Bühne des Geschehens betreten und die Weißen wie begossene Pudel dastehen. Ich war gespannt, was der Autor im 9. Zug für Schwarz nach 8...h6 9.S5f3 empfehlen würde . 9...a5 und 9...c5 sind die Hauptzüge. 9.... a5 macht schließlich bei Hochgräfe das Rennen, aber auch die genannte Alternative wird erwähnt – ebenfalls genau so, wie es sein muss – ein Zug wird als Repertoirezug empfohlen, ein anderer, der in etwas gleichwertig ist, als Alternative angeboten, damit man für die Gegner nicht zu ausrechenbar wird. Hochgräfe zeigt die Pläne und typischen Unterschiede (z.B. weißer Bauer auf a4 vs. weißer Bauer nicht auf a4) aus meiner Sicht gut auf und erklärt sachgemäß, was in dem einen und was in dem anderen Falle zu tun ist. Kurzum, Kapitel 5 ist (wie die Kapitel zuvor auch) aus meiner Sicht sehr gut gelungen.

Kommen wir zum einzigen Wermutstropfen des gesamten Videomaterials – der „neuen Hauptvariante“ nach 5.Sg5 Sgf6 6.Ld3 e6 7.S1f3 Ld6 8.De2 h6 9.Se4 Sxe4 10.Dxe4. Hier war ich besonders gespannt, wie der Autor der weißen Strategie entgegenzutreten gedachte, zumal diese Variante in den letzten Jahren an Popularität gewonnen hatte und als ein echter Prüfstein des schwarzen Aufbaus anzusehen war und immer noch ist.

Die kritische Stellung der „neuen Hauptvariante“ nach 1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sd2/Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sd7 5.Sg5
Sgf6 6.Ld3 e6 7.S1f3 Ld6 8.De2 h6 9.Se4 Sxe4 10.Dxe4

Hochgräfe empfiehlt an dieser Stelle 10...Sf6 und lehnt den aus meiner Sicht kritischen Zug 10...Dc7 ab, weil man nach weißem 11.Dg4 „Kf8 spielen und die danach entstehenden Stellungen mögen“ müsse. Hier muss ich dem Doktor der Physik leider widersprechen – es kommt hier nach meinem Dafürhalten nicht aufs „Mögen“ an, sondern man muss die entstehenden Stellungsbilder schlicht lernen, will man als Schwarzer die Pace halten. „Wieso das denn, 10...Sf6 sieht doch solide aus, vertreibt die Dame auf schlechtere Felder und verhindert vor allem Dg4, oder?“ könnte ein unbedarfter Passant oberflächlich bemerken, aber so einfach ist die Sache nicht, wie ich sogleich darstellen möchte. Bevor ich jedoch zu der „Crux“, dem letzten Kapitel, das die Hauptursache oben formulierter Kritik ist, sei bemerkt, dass die Stellungen in Kapitel 6 nach 5.Sg5 Sgf6 6.Ld3 e6 7.S1f3 Ld6 8.De2 h6 9.Se4 Sxe4 10.Dxe4 Sf6 und jetzt dem allerdings nur zweitbesten weißen Zug 11.Dh4 Ke7! vom Autor einwandfrei analysiert und die beiderseitigen Ideen gut dargestellt werden. Einige Bemerkungen zu der interessanten Alternative 11...Tg8!? runden das Kapitel ab.

Nun aber zu Kapitel 7, in welchem sich der Autor den nach 5.Sg5 Sgf6 6.Ld3 e6 7.S1f3 Ld6 8.De2 h6 9.Se4 Sxe4 10.Dxe4 Sf6 11. De2! entstehenden Varianten annimmt: Nach scharzem 11...Dc7, das sich (richtigerweise) alle Optionen offenhält, 12.Ld2 (Das harmlose 12.0-0 wird von Hochgräfe anhand einer eigenen, schön vorgetragenen Gewinnpartie gegen den dänischen GM Danielsen erklärt) ...b6 13.0-0-0 Lb7 ist Weiß am Scheideweg und kann sich zwischen den drei großen Alternativen 14.Se5, 14.The1 und 14.Kb1! entscheiden. Die ersten beiden Alternativen werden von Hochgräfe (und dessen Engine) wieder sehr akkurat analysiert, insbesondere für die nach 14.Se5 c5 15.Lb5+ Ke7 16.dxc5 bxc5! entstehenden Stellungen möchte ich dem Autor ein großes Lob aussprechen, denn hier lässt er viele eigene Ideen und Analysen in die Bewertung mit einfließen. Er bemerkt , dass 14.Kb1! die stärkste Fortsetzung sei und erhält nach einigen weiteren Zügen auf seinem Bildschirm folgende, aus der Partie Svidler-Macieja, EU-chT 2003, stammende Stellung:

Stellung nach 24...g6 in der Partie Svidler-Macieja, EU-chT 2003

Hier bemerkt der Autor abschließend: „Und hier steht Weiß etwas besser, weil er das Läuferpaar hat, allerdings ist die Stellung auch sehr symmetrisch und Schwarz konnte in der Partie Svidler-Macieja […] remis halten“.

Zustimmung meinerseits!

„Ja, und wo liegt denn dann das Problem?“ ist die sich sofort aufdrängende Frage.

Nun, die Sache ist diese, dass der Autor doch tatsächlich ein ganzes Trainingsvideo dreht, nur um bei bester weißer Fortsetzung, die nicht allzu schwer zu finden ist und nur die Ausführung einiger logischer Züge erfordert, dem Schwarzen eine Stellung zu hinterlassen, in der ihn der Gegner mit seinem Läuferpaar noch stundenlang riskolos massieren kann? Nein, also das kann es nun wirklich nicht sein, wenn man sich klarmacht, dass ganze Eröffnungssysteme (wie z.B. Katalanisch oder einige Slawischvarianten) von Anfang an nur darauf ausgelegt sind, sich durch subtile Manöver das Läuferpaar zu sichern, um dann damit langfristig das bequeme Spiel auf zwei Ergebnisse zu beginnen! Ich möchte letztere Strategie gar nicht kritisieren, wende sie ja selbst (wie viele andere Spieler auch) gerne an, aber als Verteidiger möchte man solche Szenarien, und dann auch noch freiwillig, doch tunlichst vermeiden (außer man hat einen triftigen Grund in Form eines irgendwie gelagerten Gegenspiels, welches ich in obiger Stellung aber beim besten Willen nicht erkennen kann)! Schade, wirklich sehr schade bei den sonst sehr sorgfältigen Analysen und aussagekräftigen Beurteilungen des Autors.

Zurück zur konkreten Stellung in Abb. 2: Ich persönlich würde dem Schwarzen raten, 10...Dc7 zu ziehen und die nach 11.Dg4 Kf8 entstehenden Varianten intensiv zu studieren – übrigens auch den Weißspielern, so sie denn gegen Caro-Kann das „klassische System“ für am aussichtsreichsten halten. Dazu empfehle ich vor allem das Nachspielen von Anatoli Karpows Partien, der dieses System wie auch 10...Sf6 in seiner Spielpraxis regelmäßig anwandte. Dies hilft enorm für das Stellungsverständnis. Weiterhin ist es heutzutage selbstredend unerlässlich, mit Engines zu arbeiten, um die teilweise recht
scharfen Abspiele „auf Herz und Nieren“, zu testen.

Übrigens hat diese Zugfolge aus schwarzer Sicht auch den großen Vorteil, dass viele Weißspieler, die 5.Sg5 und dann 6.Ld3, 7.S1f3, 8.De2 und 9.Se4 nebst 10.Dxe4 noch kennen, aber in der Diagrammstellung aus Abb. 2 mit den Feinheiten der Stellung nicht vertraut sind, in den nächsten Zügen gerne schnell schematisch Ld2, 0-0-0 und dann De2 ziehen (u.a. auch in Blitzpartien). Nach 10...Dc7 führt dann die Zugfolge 11.Ld2 b6 12.0-0-0 Lb7 13. De2 0-0-0 im Gegensatz zur 10...Sf6-Variante zu einer völlig ausgeglichenen (man beachte den kleinen, aber feinen Unterschied!) anstatt einer im besten Falle haltbaren, aber leicht schlechteren und perspektivlosen Stellung. Grund ist die Stellung des schwarzen Springers, der noch auf d7 anstatt auf f6 steht und von dort aus das Feld e5 unter Kontrolle behält!

In meiner eigenen Spielpraxis bestätigte sich obige Einschätzung, so konnte ich in der abgelaufenen Saison in einem Mannschaftskampf nach den Zügen 10...Dc7 11.Ld2 b6 12.0-0-0 Lb7 13. De2 0-0-0 14.Kb1 The8 15.The1 Kb8 16. Se5 Sxe5 (jetzt möglich!) 17.dxe5 Lf8 18.c4 c5 19.f3 Td7 nebst Generalabtausch auf der d-Linie ohne Verlust des Läuferpaars die
Partie problemlos vollständig ausgleichen (Barbanero-Wiechert, Deutschland 2016).

FAZIT:

Ich finde das Trainingsvideo für Einsteiger in die Karpow-Variante richtig klasse gemacht mit der kleinen Einschränkung, die ich im letzten Abschnitt näher ausgeführt habe. In 60 Minuten bekommt man einen guten Einblick in eine supersolide Variante gegen das „klassische System“ mit 3.Sd2/Sc3 dxe4 4.Sxe4 im Caro-Kann. Dieses wird denke ich auf Club- wie auf Meisterniveau auch weiterhin neben 3.e5 und 3.exd5 eine der weißenHauptfortsetzungen bleiben, sodass man dagegen gewappnet sein sollte. Ich persönlich hatte immer ein Faible für die Karpow-Variante 4...Sd7 und kann der Leserin / dem Leser dieser Zeilen nur ans Herz legen, sie einmal auszuprobieren oder gar fest in ihr / sein Repertoire zu übernehmen.

Die Variante ist positionell gesund, stocksolide und mithilfe des vorliegenden Trainingsvideos leicht erlernbar. Insofern kann ich sie durchaus auch dem Schachanfänger anraten, ich sehe hier keinerlei Nachteile im Vergleich zu anderen Eröffnungssystemen (man denke nur an die Variantenwulste im Sizilianer oder die vielen weißen Opfersysteme wie Königsgambit u.ä. nach dem Anfängern häufig zuerst beigebrachten Zug 1...e5). Ich bewerte das Trainingsvideo mit der Schulnote „gut“.

Nachtrag der Redaktion: Hochgräfes Replik auf Negi

In seinem Buch "Grandmaster Repertoire:1.e4 vs The French, Caro-Kann and Philidor" hat GM Parimarjan Negi in der kritischen, von Hochgräfe empfohlenen Spielweise mit 10...Sf6 die Fortsetzung 11.De2 Dc7 12.Ld2 b6 13.Se5!? c5 14.Lb5+ vorgeschlagen und reklamiert am Ende seiner Analyse weißen Vorteil. Markus Hochgräfe hat sich die Variante erneut angesehen und liefert mit der nachfolgenden Analyse seinerseits eine Verbesserung für Schwarz!

 

 

Dr. Markus Hochgräfe: Mit Erfolg gegen 1.e4 wie Karpov - 4...Sd7 im Caro Kann in 60 Minutes

 



• Videospielzeit: 60 Minuten 

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