20 Jahre "First Saturday"

13.03.2012 – Die ungarische Hauptstadt Budapest ist eine gute Adresse für Schachspieler, die auf ihrem Weg zu einem Titel Normen erwerben möchten - das nun schon seit 20 Jahren. In der Turnierserie "First Saturday" werden die Teilnehmerfelder so zusammen gestellte, dass junge hungrige Spieler und Talente zu ihren ersten Normen kommen können, wenn sie entsprechend gut spielen. Spiritus Rector und Cheforganisator ist Laszlo Nagy (sprich: Notsch). Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass das ungarische Schach eine Vielzahl von Talenten hervorgebracht hat und immer wieder hervorbringt. Aber auch andere Verbände schicken in Kooperation mit den Ungarn ihre jungen Spieler nach Budapest. Mancher bleibt da, wie die vietnamesische Spitzenspielerin Hoang Thanh Trang. Und mancher Spieler hat hier seine Herzdame gefunden, wie z.B. Vasik Rajlich, der beim First Saturday Iweta Radziewicz kennen lernte. Jürgen Brustkern, der ebenfalls seit vielen Jahren in Budapest lebt, hat Laszlo Nagy anlässlich des Jubiläums ein Portrait gewidmet. 20 Jahre First Saturday...

"Ein Leben für Schachturniere!“ (Laszlo Nagy)
Das First Saturday in Budapest feiert den 20.Geburtstag!
Ein Portrait von Jürgen Brustkern

Der Mann organisierte in 20 Jahren rund 300 Schachveranstaltungen und gehört somit in das Guinessbuch der Rekorde! Fast jeder Schachspieler kennt seinen Namen und es gibt wohl in der ganzen Welt kein Land, aus dem nicht mal ein Spieler beim First Saturday in Budapest mitgespielt hat. Ein Mann mit großen Visionen organisiert seit nunmehr über zwei Jahrzehnten die weltweit bekannte Turnierserie: es ist der heute 55 Jährige Laszlo Nagy.


Laszlo Nagy

Bevor er seine  Turnierserie in der ungarischen Metropole begann, unterrichtete er als Berufssoldat von 1981-91 bei der Armee das Fach Chemie. Nagy quittierte seinen Dienst in der Armee  und wollte 1992 gemeinsam mit dem moldawischen Geschäftsmann Fjodor Skripchenko (Vater der bekannten Frauen GM Almira S.) eine Schachturnierserie organisieren. In der gesellschaftlichen Aufbruchstimmung Anfang der 90er Jahren entschied sich Skripchenko jedoch für eine andere Karriere und brachte den Ungar nun in Zugzwang!

Es zeigt viel über den Charakter von Nagy was dann passierte: Der vierfache Familienvater traf seine  Entscheidung „Schachunternehmer“ zu werden, in nur 10 Minuten! In Vertrauen auf seine Stärken – Organisation- und Sprachtalent, spricht 6 Sprachen fließend -und ohne jegliche Unterstützung startete er im April 1992 sein “Baby“ First Saturday“. Da der Erwerb von ELO-Zahlen in  dieser Zeit noch ein begehrtes  Ziel von vielen Westeuropäischen Schachamateuren war, verdiente Nagy sein erstes „Westgeld“ mit den sogenannten Scheveninger“ ELO-Erwerbsturnieren. Schon bald erkannte der Selfmademen, dass man aufgrund der starken Titelträgerdichte in Budapest sogenannte Normenturnier organisieren  könnte. Auch hier zeigte Nagy ein gutes Gespür für den kommenden Schachtrend. Es dauerte nicht mehr lange, und nach einem halben Jahr organisierte  er die ersten IM und GM-Turnier.

Das Konzept war denkbar einfach:

Ausländische Spieler zahlen ein gewisse Startgeld und bekommen dafür die garantierte Chance auf eine Normenmöglichkeit. Da die Mehrheit der ambitionierte Schachfreund solche Bedingungen -wie z.B. Nationalitäten, ELO-Schnitt, Zahl der Titelträger im Open-Turnier oft fehlten- hatte das First Saturday Mitte bis Ende der 90 er Jahre einen starken Zulauf.

Soziale Denkfabrik First Saturday

Der ehemalige Chemieinstruktor  beschäftigt sich  bei seiner Tätigkeit als Turnierorganisator gerne mit „chemischen Prozessen“, die zur Kontaktpflege bei Menschen eine große Rolle spielen. Dabei handelt Nagy getreu nach dem Motto, das ihm nichts „menschliches“ fremd sein darf.  Aufgrund der schwierigen ungarischen Sprache, versucht er die  Wünsche seiner Kunden so gut es möglich ist zu erfüllen Dieser gute Kundenservice ist auch nach 20 Jahren sein Arbeitsprinzip, und die steigende Anzahl seiner  Stammkundschaft bestätigt ihn in seinem eingeschlagenen Weg.

Da Nagy schon lange vor den politischen Umbruch westlich orientiert war, baute er sukzessive sein Kommunikationssystem in Richtung Westeuropa aus. In der Anfangszeit scheute der schachbegeisterte Ungar (beste ELO Zahl 2200) keinerlei Kosten und Zeit seine von Februar bis Dezember andauernde  Turnierserie in der Schachwelt bekannt zu machen. Neben den endlosen Telefonaten mit verschiedenen Schachföderationen und Trainer, investierte er am meisten mit Annoncen in der westlichen Schachpresse. In Zeiten ohne Internet bereiste Nagy viele Länder, um neue Geschäftspartner zu finden (u.a. auch so "exotische" Länder wie Ägypten, )! In diesem Zusammenhang gibt es eine lustige Anekdote zu berichten:

Nagy wurde Mitte der 90er Jahre zusammen mit seinem Schiedsrichter IM Miklos Orso  zu einem Rundenturnier nach Helsinki eingeladen.


Orso, Nagy, Pataki

Nagy verlor alle Partie, gewann aber dann ausgerechnet seine einzige Partie gegen Orso, der danach untröstlich war.  Ab 1994 reiste der Organisator  praktisch zur jeder Olympiade und zu fast allen EU-Meisterschaften, knüpfte neue Kontakte und verteilte unermüdlich seine Turnier-Prospekte. “Die damalige Kooperation vor allem mit den schachlichen Schwellenländer zahlte sich langfristig für mein Unternehmen aus!“ resümierte Nagy heute. Seit dieser persönlichen Kontaktpflege besuchen Spieler aus Indien, Afrika und Asien  regelmäßig die ungarische Metropole.

Die notwendigen Verhandlungen mit der Ungarischen Botschaft, verursachen bei Nagy des Öfteren schlaflose Nächte. Denn die ungarische Regierung ziert sich bisweilen, Spielern aus “Terror- verdächtigen“ Ländern ein Visum auszustellen oder Ausnahmen zu den üblichen 3 Monatsvisum  zu gewähren. So z.B.musste Nagy für das Märzturnier sein ganzes Verhandlungsgeschick aufwenden, damit 12 Spieler aus Turkmenistan letztendlich ein Visa ausgestellt  bekamen. Die erste und auch weiterhin stärkste ausländische Personengruppe die regelmäßig zum First Saturday pilgerte, waren “natürlich“ die Deutschen. Ludger Keitlinghaus und Peter Enders mieteten sich in Budapest sogar kurzfristig eine Wohnung an.

Der Vietnamesische Geschäftsmann Tran Hoang (Vater der ungarischen Spitzenspielerin Trang Hoang) sorgte aufgrund seiner guten Beziehung zur Schachföderation Mitte der 90er Jahre  für die regelmäßige Teilnahme von vietnamesischen Talenten in Budapest. Anfang des Jahrtausend mietete sich der Chinesische Verband einige Wohnungen an, und gründete eine  Schachkolonie in Budapest. Mit Ausbreitung des Internets konnte Nagy auch viele Amerikaner längerfristig nach Budapest locken. Die „Normenjäger“ haben  nach dem Ende des First Saturday (im Normalfall zwischen 10-13 Tage) oft die Gelegenheit bei anderen ungarischen Normenturnier wie z.B. in Kecskemet mitzuspielen.

Viele bekannte Spielerpersönlichkeiten gaben ihre Visitenkarte in Budapest ab: Teimour Radjabov, Fabio Caruana (lebte 1 Jahr in Budapest und nahm die Hilfe von GM Tschernin in Anspruch ) ,Vadim Milov, Liviu-Dieter Nisipeanu, Alexey Yemelin, Humpy Koneru und die vietnamesische Wunderkinder Liem Quang Le und Ngoc Truongson Nguyen.

Besonders stolz ist der beleibte Ungar aber auf die Teilnahme des Ungarischen Aushängeschildes Peter Leko. Der von GM Adorjan trainierte Leko erzielte im April 1993 seine GM-Norm.

Viele spektakuläre Partien wurden gespielt, z.B. die folgende:


 

Das „Paris des Ostens“ brachte aber auch viele Schachpaare zusammen:

Eines der bekanntesten ist die polnische Spietzenspielerin Iweta Radziewicz  und der Rybka-Schachprogrammerfinder IM Vasik Rajlich. Beide lernten sich im Juni 2001 beim First Saturday kennen (ihre damalige Partie im GM-Turnier endete übrigens nach harten Kampf mit einem Remis) und sind seit Juli 2011 glücklich Eltern. Die Amerikaner IM William Paschall, FM Nathan Resika, der Schwabe Tobias Dolgener und der Brite GM Peter  Wells lernten ihre späteren Ehefrauen in Budapest kennen.

Jugendförderung

Neben der steigenden Anzahl von ausländischen Gästen, spielen vor allem immer mehr junge ungarische Talente „beim Laci-Turnier“  (so der ungarische Umgangssprachliche Ausdruck für First Saturday) mit. Die großen Erfolge von Peter Leko und Judit Polgar (die jüngere Schwester Sofia spielte einmal im FS mit) motivierten viele Eltern dazu, ihre Kinder in die „Normenschule“ First Saturday zu schicken. Fast das gesamte ungarische Olympiateam (Zoltan Almasi, Zoltan Gymesi, Ferenc Berkes und Victor Erdös ) erspielte im First Saturday wichtige Normen.

2004 gründete der deutschen IM Dimo Werner eine für das FS innovative Trainingsinitiative. Das Konzept sah vor ,dass ambitionierte Spieler mit mit Hilfe eines erfahrenen  Trainers (im Pool befanden sich z.B. GM Ribli, Josef Pinter, Alexander Chernin etc.) sich dezidiert vorbereiten konnten und danach die gespielten Partie  aufarbeiteten. Diesen erfolgreichen Ansatz nahm z.B. das deutsche C-Kader Team im Sommer 2006 (Arik Braun, Georg Meier erzielten Normen)  und eine österreichische Deligation ein Jahr später in Anspruch.

Ausblick

Der im letzten Jahr vollzogene Umzug von der Ungarischen Schachförderation zum zentral gelegenden „Medosz-Hotel“ hat die Teilnehmerzahlen etwas erhöht. Aber Nagy großer Traum ist der Aufbau eines reinen Schachhotel. Dort soll dann zwei Mal im Monat  Turniere gespielt werden. Für diese außergewöhnliche Idee  hat der jovial-herzliche Turnierorganisator (2005 bekam er von der FIDE als erster den Titel des “Internationalen Schachorganisator“ verliehen) keinen Partner gefunden. “Aber ich träume immer noch davon!“ gibt sich Nagy optimistisch.

Nagy hat seine Normenturnier um sogenannte FM-Turniere Rundenturniere erweitert, so das auch Klubspieler(zw. 1800-2000) die Möglichkeit haben am Budapester ersten Samstagturnier mitzuspielen.

First Saturday ist quasi ein reiner Familienbetrieb. Frau Ilona macht die Buchhaltung und der kreative Sohn ist für die Webseitete zuständig! Der computerbegeisterte Tamas  pflegt die gut gemachte Internetseite ( www.firstsaturday.hu ) und Laszlo Nagy gibt kundenorientiert unter firstsat@hu.inter.net  oder telefonisch Auskunft( 00 36 -1-2632859) 

Neben dem First Saturday organisiert Nagy auch das traditionelle Budapester- Frühlingsfestival. Dies findet meistens in der zweiten Märzwoche (um den 15.März) statt und die  Startgelder sind im Vergleich zu First Saturday sehr moderat. Das Besondere hierbei ist, dass man im Rahmen des so genannte “Tavaszi-Festival“ vier Wochen lang Kultur auf höchsten Niveau für wenig Geld  genießen  kann.


Jürgen Brustkern

 

 

 

 


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