50 Jahre Carsten Hensel

03.06.2008 – Gestern feierte Carsten Hensel seine 50sten Geburtstag. Der studierte Jurist und frühere Journalist hat vor seinem Erscheinen in der Schachszene erfolgreich als Sportevent-Manager für die Stadt Dortmund gearbeitet. Mit dem großen Dortmunder Turnier von 1992, als 11.000 Zuschauer in die Westfalenhalle kamen, um ein Schachturnier zu sehen, kam er zum Schach. Seit 1998 ist Hensel Manager von Peter Leko, seit 2001 von Vladimir Kramnik. Die Interessen der beiden Top-Großmeister zu vertreten, ist ein Fulltime-Job. Diana Mihailova sprach in Miskolc während des Wettkampfes Leko gegen Carlsen mit dem Jubilar. Interview...

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Interview mit Carsten Hensel
Von Diana Mihajlova
(geführt am 30. Mai 2008)

Ich bin Carsten Hensel zwei Mal begegnet, das erste Mal beim Weltmeisterschaftskampf zwischen Kramnik und Leko und jetzt, beim Kampf zwischen Peter Leko und Magnus Carlsen, zum zweiten Mal. In beiden Fällen bemerkte ich sein tadelloses Auftreten, das Freundlichkeit und Professionalität vereinbart, wenn auch etwas reserviert und distanziert ist.

Aber die Chance einer gemeinsamen Autofahrt auf der ein paar Stunden langen Strecke von Miskolc nach Budapest gab mir die Gelegenheit, eine extrem sensible, warme und direkte Person kennen zu lernen, mit einer offensichtlichen Leidenschaft dafür, das Schach zu fördern, vor allem seine Klienten Vladimir Kramnik und Peter Leko. Für ein paar Stunden genoss ich eine wunderbare, spontane und höchst aufschlussreiche Konversation über viele Aspekte der Schachwelt.

Diana Mihajlova: Ich nehme an, ich bin der erste, der Ihnen Herzlichen Glückwunsch wünscht?

Carsten Hensel: Das ist zu früh, der ist erst am Montag!

Gut, dann vorgezogenen Herzlichen Glückwunsch! Wie ich gehört habe, ist es der fünfzigste, nicht wahr?

Ja.

Wir wissen, dass Sie zwei der größten Spieler der Welt, Kramnik und Leko, managen. Aber wir wissen sehr wenig über Sie. Wer ist Carsten Hensel und wie wurde er der Manager von Kramnik und Leko?

Zunächst einmal – der Grund, warum ich im Hintergrund bleibe, ist der, dass ich glaube, Manager, egal, in welcher Art von Sport oder Beruf, müssen ihren Klienten dienen und nicht ihrem eigenen Ego. Wenn ich auf der öffentlichen Bühne erscheine, dann weil ich einen guten Grund dafür habe: um Vladimir oder Peter zu schützen oder ein bestimmtes Projekt zu unterstützen. Aber nie, um mein eigenes Ego zu befriedigen. Das ist Teil des Jobs und ich glaube, eine der wichtigsten Fähigkeiten ist, zu wissen, wer man ist und was man macht – um in diesem Geschäft so lange zu überleben, wie ich es getan habe.


Das Team: Vladimir Kramnik, Carsten Hensel und Peter Leko

Wie lange ist das?

Für mich begann das in den Neunzigern, als ich die Aufgabe übernommen habe, Organisation und Marketing des Dortmunder Turniers zu verbessern. Eine Art Durchbruch kam 1992: Damals – und dies war nur mit Hilfe von Garry Kasparov möglich – gelang es uns, über elftausend Zuschauer und fast zweihundert Journalisten zu einem Schachturnier zu bekommen. Dies war der Beweis, dass Schach in Deutschland Mediensportart sein kann. Die ganzen Neunziger habe ich dieses Projekt unterstützt und lernte dabei Spitzenspieler wie Kramnik und Leko näher kennen.

Wenn ich es richtig sehe, haben Sie zuerst Leko und dann später Kramnik gemanagt?

Das stimmt. 1998 habe ich angefangen, Leko zu managen, Kramnik dann drei Jahre später. Natürlich kannten wir uns bereits früher, so dass ein anderes wichtiges Element in diesem Geschäft, Vertrauen, bereits vorhanden war. Außerdem verfüge ich über ein paar Fähigkeiten, die man braucht, um Manager zu sein: Kenntnisse des Vertragsrechts, Organisationstalent und Geschick bei der Kommunikations- und Öffentlichkeitsarbeit. Aber auch die Fähigkeit, mit dieser Art von Spielern umzugehen. Es dreht sich alles um den Klienten; es dreht sich alles um den wichtigen Burschen. Man muss sehr feinfühlig sein und man sollte ein gewisses Verständnis haben und wissen, wie man in dessen Gebiet erfolgreich ist. Natürlich hängt viel vom Vertrauen ab. Aber Vertrauen ist nur die Grundlage. Man muss seinen Job machen, seine Aufgaben erledigen und dann einen bestimmten Weg einschlagen, der beim Umgang mit dem, was da ist, weiter führt.

Wie vereinbaren Sie das berufliche und das persönliche Verhältnis zu Ihren Klienten; wie weit kann man eine sofortige Freundschaft aufbauen?

Ich kenne Leko und Kramnik beide seit siebzehn Jahren. Als ich sie das erste Mal getroffen habe, war Peter elf und stand kurz vor seinem zwölften Geburtstag, und Vladimir war siebzehn. Über die Jahre habe ich sie immer besser kennen gelernt und deshalb kann man zu Recht sagen, es gibt eine Art persönliche Grundlage zwischen uns. Aber ich überbewerte das ganz und gar nicht. Ich wünsche mir und hoffe, dass, wenn dieser Job, diese Karriere zu Ende geht, wir immer noch eine phantastische persönliche Beziehung haben werden, genau, wie wir sie immer hatten und jetzt haben. Man muss das Persönliche vom Geschäftlichen trennen. Natürlich, wenn man eine Person besser kennt, dann versteht man sie besser. Aber das sollte einen nicht davon ablenken, technisch gute Arbeit als Manager zu leisten.

Also läuft alles perfekt, oder?

Es gibt immer etwas zu verbessern. Das ist ein Prozess. Selbst auf diesem Niveau muss man immer Wege finden, um zu optimieren, um zu erkennen, wann man entschlossen handeln muss. Das Gleiche gilt für den Schachspieler. Er kann nicht wie Gott spielen, er macht nicht die ganze Zeit die besten Züge, aber er wird versuchen, tiefer und tiefer in das Spiel einzudringen und zu versuchen, seine Leistung zu verbessern. Das Gleiche gilt für den Manager. Natürlich ist klar, dass Erfahrung und Energie die wichtigsten Eigenschaften sind, die man als Schachspieler haben muss, aber ich glaube, das trifft auch auf Manager zu. Denn man geht nicht ins Büro oder in die Fabrik. Man kann seinen Urlaub nicht planen und es gibt keine Wochenenden.


Die Familie: Birgit und Carsten Hensel

Tatsächlich muss man seinen Biorhythmus dem Biorhythmus der Spieler und den Anforderungen des Jobs anpassen. Das heißt, man arbeitet bis spät in die Nacht und geht oft erst um ein oder zwei oder drei Uhr morgens zu Bett. Man gewöhnt sich das an. Das kostet viel Kraft und von der technischen Seite des Jobs muss man sehr entschlossen sein und seine Erfahrung gut nutzen. Am Anfang muss man vorsichtig sein; mit den Jahren gewinnt man zunehmend an Selbstvertrauen, aber man muss immer daran denken, dass ein Fehler, den man als Manager macht, vielleicht nicht nur einen selbst trifft, sondern auch einem fantastischen Profi schaden kann. In der Schachwelt gibt es dafür zahlreiche Beispiele, aber ich möchte keine Namen nennen.

Kramnik und Leko zu managen ist ein Full-Time-Job oder machen Sie noch etwas Anderes nebenher?

Ja, natürlich ist das ein Full-Time-Job; andernfalls würde in der ganzen Schachwelt etwas schrecklich im Argen liegen. Beide sind Teil des Profigeschäfts. Das ist sehr komplex. Es geht nicht nur darum, hier mal einen Vertrag zu machen oder dort mal eine Vereinbarung zu treffen. Beide haben ein Konzept und eine Strategie, denen man folgen muss. OK, es gibt gute Zeiten und schlechte Zeiten, aber es dreht sich alles darum, die Dinge zu optimieren und ein bestimmtes Niveau an Disziplin einzuhalten. Es hilft, wenn man gute Verbindungen hat. Der Job erfordert viel Kommunikation, jeden Tag. Man kann nicht einfach dasitzen und abwarten. Zum Beispiel sind wir jetzt in Ungarn, wo der Wettkampf in Miskolc stattfindet. Diese Wettkämpfe werden bereits seit vier Jahren veranstaltet und dem aktuellen Vertrag zufolge sollen sie noch ein weiteres Jahr stattfinden. Ich habe die ganze Zeit viel Unterstützung geleistet. Als Manager kann man nicht einfach abwarten und darauf warten, die Vertragstantiemen zu kassieren. Man muss aktiv sein, nach neuen Sponsoren Ausschau halten, organisieren und kontinuierlich nach Dingen suchen, die gut für den Klienten sein können.

Ihre erfolgreiche Karriere als Schachmanager muss auf vorherigen Erfahrungen beruhen. Was haben Sie gemacht, bevor Sie Manager von Leko und Kramnik wurden?

Ich habe Jura studiert und auch gewissen psychologischen Hintergrund. Ich habe eine Zeit lang als Journalist gearbeitet und kam dann später zum Event Management. Auf einem ziemlich hohen Niveau und da habe ich Einblicke in Weltmeisterschaften in unterschiedlichen Disziplinen bekommen. Ursprünglich hatte ich mit Spitzenveranstaltungen in anderen Sportarten als Schach zu tun: Tischtennis, Eishockey, Eisschnelllauf... Wir müssen begreifen, dass Schach, was kommerzielle Entwicklung betrifft, im Vergleich zu anderen Sportarten, etwa zwanzig Jahre hinterher hinkt.

Der Prozess, der technische Ablauf, auf all diesen Gebieten wie Werbung, Marketing oder Medienarbeit ist im Prinzip immer gleich. Ich möchte nicht so weit gehen zu sagen, dass Schach ein Produkt ist. Das wäre zu billig. Aber in diesem Beruf ist es das natürlich in gewisser Weise. Ein Produkt braucht einen Markt, aber zuerst braucht man ein Produkt, um einen Markt zu haben. Man muss das Produkt in eine bestimmte Form bringen, damit man diese Art von Produkt verkaufen kann. Natürlich gefallen mir diese Bezeichnungen überhaupt nicht, aber es gibt überhaupt keine anderen, weil die technischen Abläufe im Business und im Management praktisch immer gleich sind.

Da dieses Interview anlässlich des Schnellschachwettkampfs zwischen Leko-Carlsen in Miskolc stattfindet, können Sie mir verraten, welchen Eindruck Sie von dieser Veranstaltung haben?


Der Oberbürgermeister von Miskolc dankt Carsten Hensel für seinen Beitrag zu der Veranstaltung und überreicht ihm zu seinem 50. Geburtstag, der ein paar Tage später sein wird, eine Flasche feinen Champagners.

Dieser Wettkampf sorgt für eine Menge Aufmerksamkeit. Was Peter Leko betrifft, so ist das keine Überraschung, denn er spielt diesen Wettkampf jedes Jahr. Aber Magnus Carlsen ist natürlich brandheiß und garantiert die Aufmerksamkeit der Massenmedien. Er ist noch sehr jung und war der Shooting Star der letzten zwei Jahre. In Runde drei und vier haben wir einfach phantastisches Schach gesehen. Natürlich gefällt mir das Ergebnis nicht, Peter hat Minus 1 [das Interview wurde nach der vierten Runde geführt]. Wir müssen sehen, wie sich die Dinge entwickeln, wie der Wettkampf zu Ende geht. Aber was das Schach betrifft, so ist das phantastisch. Zuallererst ist das ein Showwettkampf; es ist eine ausgezeichnete Show und den Leuten gefällt sie. Für Leko ist diese Art von Aufmerksamkeit in Ungarn natürlich sehr wichtig, in seinem eigenen Land eine solche Stellung eingeräumt zu bekommen. Dafür sind wir der Stadt Miskolc dankbar. Leko ist sehr viel unterwegs, aber es wäre schade, wenn in Ungarn selbst nichts passieren würde. Diese Wettkämpfe waren jedes Jahr großartig.

Vielen Dank, Carsten und noch einmal: Vielen herzlichen Glückwunsch!

 


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