Power Play 23 und 24

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60 Jahre Helmut Pfleger!

06.08.2003 – Heute feiert Großmeister Dr. Helmut Pfleger seinen 60. Geburtstag. Da möchten wir uns gerne in die lange Schlange der Gratulanten einreihen. Wer in Deutschland sich auch nur am Rande für Schach interessiert, kennt Helmut Pfleger aus unzähligen Schach-Fernsehsendungen oder hat schon einmal eine seiner vergnüglichen Schachkolumnen, z.B. in der Zeit und der Welt am Sonntag, gelesen. Selbst an seinem Geburtstag ist der Jubilar nicht untätig. In Dortmund kommentiert er zusammen mit GM-Kollegen Klaus Bischoff die Partien für das Publikum. Und zwischendurch eilt er nach Köln, wo er zusammen mit Redakteur Dr. Claus Spahn die besten Partien für die Begleitsendungen des WDR vorstellt. Kaum einer in Deutschland hat in den letzten Jahren mit Fleiß und profundem Wissen so viel positive Werbung fürs Schach gemacht wie Helmut Pfleger. Mehr Helmut Pfleger...
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In den siebziger Jahren war die Übermacht des Sowjetischen Schachs gewaltig, besonders nachdem sich Fischer endgültig zurückgezogen hatte und 1975 zur Verteidigung seines Titels nicht antrat. Deshalb kam es einer Sensation gleich, als die deutsche Mannschaft bei der Schacholympiade in Buenos Aires 1978 überraschend die sieggewohnten Sowjet-Großmeister schlagen konnten. Kurz zuvor war der Schachthriller in Baguio City, der WM-Kampf zwischen Karpov und Kortschnoj, zu Ende gegangen und so ging der intellektuelle Sieg der deutschen Mannschaft über die übermächtige Sowjet-Union gleich durch die gesamte deutsche Presse. Der Held war damals Großmeister Helmut Pfleger, der seine Partie gegen den Top-Spieler Lev Polugajevsky gewinnen können. Polugajevsky hatte sich zwar nach einer eher zweifelhaften Variante Pflegers in der Eröffnung einigen Vorteil verschaffen können, doch als es ans Gewinnen gehen sollte, scheiterte er taktisch am Pfleger'schen Kampfgeist.

Zu der Zeit neigte sich Pflegers Karriere als aktiver Turnierschachspieler aber fast schon dem Ende zu, nachdem er in den Siebzigern lange die Nummer zwei hinter Robert Hübner in der deutschen Rangliste war. An einem guten Tag war er auch für die besten Spieler der Welt ein gefährlicher Gegner, wie man z.B. an der Partie zwischen Helmut Pfleger und Mihail Tal (Talinn 1973) sehen kann, die bei unserer Umfrage nach den besten Partien der Schachgeschichte weit vorne auf Platz 19 landete.

Wie Helmut Pfleger für das lesenswerte Portrait in der aktuellen Ausgabe von Karl berichtete, lernte er das Schachspiel mit sechs Jahren und motivierte sich, weil er merkte, dass er hier bald mit seinem Vater mithalten konnte. Besonders anregend fand er die Lektüre des Knaurs Schachbuch von Martin Beheim-Schwarzbach. Der Hamburger Martin Beheim-Schwarzbach, heute leider fast vergessen, war in den Nachkriegsjahren ein bekannter Journalist, Übersetzer und Autor und außerdem Schachliebhaber. Er hatte das Talent, Schach den Lesern auf unterhaltsame Weise nahe zu bringen. Von ihm ließ sich Helmut Pfleger auch für seine eigene spätere journalistische Arbeit inspirieren.

Das Turniersschach hat Helmut Pfleger aufgegeben, als er merkte, dass die Aufregung während der Partien zu sehr sein Herz beanspruchte. Allerdings ließ er sich noch lange Zeit zu Mannschaftskämpfen, z.B. in der Bundesliga überreden. Im Hauptberuf ist Dr. Helmut Pfleger Arzt mit eigener Praxis und Spezialist für Physiotherapie. Doch bekannt geworden ist er nicht nur bei Schachfreunden durch seine publizistischen Arbeiten mit unzähligen Artikeln und Buchveröffentlichungen und vor allem als Moderator und Kommentator in Schachsendungen im Fernsehen. TV-Erfahrung sammelte er in den Telekolleg-Sendungen der dritten Programme für Sendungen über Chemie, Biologie oder Bewegungstherapie. Die erste Schachsendung war der Aufsehen erregende Zweikampf zwischen einem frühern Schachroboter und dem englischen IM David Levy, der 1979 live im Fernsehen übertragen wurde. Seitdem hat Helmut Pfleger an zahlreichen Sendungen mitgewirkt. Im letzten Jahr feierte die WDR- Reihe von Dr.Claus Spahn "Schach der Großmeister" seine 20. Ausgabe.



Wer Helmut Pfleger im TV bei einer der zahlreichen Turnieren oder privat gehört hat, kennt ihn als eloquenten, freundlichen und nachsichtigen Gesprächspartner.

Doch der Schachjournalist Pfleger kann auch sehr bissig nachfragen, wenn es im Dienste der Öffentlichkeit ist. Bei der Durchsicht der WDR-Sendung "Schach der Großmeister" von 1985 stolperte ich über eine sehr interessante Stelle in einer sehr interessanten Zeit, an der Helmut Pfleger den damaligen Fide-Präsidenten Campomanes befragt.
Wahrscheinlich kann sich nicht jeder sofort an dieses Interview erinnern, so dass ich ausschnittsweise eine Passage aufgeschrieben habe.

Zur Sendung des WDR wurde Campomanes aus Graz zugeschaltet, wo er wegen des anstehenden Fide-Kongresses weilte. Thema des Interviews war der anstehende Wiederholungswettkampf zwischen Karpov und Kasparov. Die Sendung fand 1985 statt, unmittelbar vor dem geplanten Wettkampf zwischen Weltmeister Karpov und Herausforderer Kasparov. Der WM-Kampf von 1984 wurde unter bis heute ungeklärten Umständen nach vielen Monaten und unzähligen Partien abgebrochen.

Dr. Spahn: "Die Weltmeisterschaft 1985, der zweite Teil der Weltmeisterschaft, soll am 3.September statt finden. Wird es sein, Herr Campomanes?"

Campomanes: "Nun, das ist eine sehr schwierige Frage..."

Dr.Spahn: "... die Schachwelt hat sich darauf vorbereitet, glaube ich..."

Campomanes: "..., alles was wir sagen können, ist, dass dieser Termin anberaumt worden ist, und ich glaube eigentlich, dass dieses Ereignis stattfinden wird, zu dem besagten Datum."

Dr.Pfleger: "Ja, aber es ist doch eigentlich eigenartig, dass doch jetzt so kurz bevor die Weltmeisterschaft beginnen soll, es immer noch eine schwierige Frage ist, also ob sie nun beginnen wird und manches dafür spricht und so weiter. Warum ist es eigentlich nicht fest? Und warum gibt es soviel Streitereien? Und gerade Herr Campomanes war ja da auch sehr angegriffen, jetzt, dass eine Regelung im Sinne einer "Lex Karpov",
also eindeutig für Karpov getroffen wurde."

Campomanes: "Wer hat diese Attacken geritten? Ich glaube, die einzige Autorität ist hier der Fide-Kongress. Alles, was ich hier sage, ist immateriell."

Dr.Spahn: "Das heißt, der Fide-Kongress, der morgen in Graz beginnen wird, wird definitiv darüber entscheiden, ob die Weltmeisterschaft am 3.September stattfinden wird."

Campomanes: "Die Kommissionstreffen beginnen am Sonntag, also am morgigen Tag, aber die Versammlung selbst beginnt am 28. diesen Monats. Das Zentralkomitee trifft sich meines Wissens übermorgen und die Dinge werden hier in erster Instanz einmal beraten, aber der Kongress fällt letzthin die endgültige Entscheidung."

Dr.Pfleger: "Ich finde es ja sehr merkwürdig, dass der leibhaftige Präsident jetzt auf einmal immateriell sein will und dass jetzt so kurz vor der Weltmeisterschaft noch über die Regularien entschieden werden soll. Was für mich auch unverständlich ist und war, ist, dass Lothar Schmid, ein Wunschkandidat ..."

Campomanes: "Entschuldigen Sie, mein Herr, darf ich Sie unterbrechen. Ich bin nicht hier, um eine gewisse Polemik auszutragen. Ich kann ihnen hier nur Informationen nach bestem Wissen und Gewissen vermitteln."

Dr.Spahn: "Es geht hier nicht um Polemik, sondern darum, dass die ganze Schachwelt auf diesen Kampf wartet. Und es wird sicher sehr kompliziert, wenn man kurz vorher, der Kampf soll ja in ein paar Tagen stattfinden, noch nicht weiß, wer eigentlich der Oberschiedsrichter sein soll..."

Im Weiteren wurde darüber gesprochen, warum Lothar Schmid nicht Oberschiedsrichter sein sollte, obwohl beide Kandidaten sich für ihn ausgesprochen hatten. Auch das wollte Helmut Pfleger ganz genau vom Fide-Präsidenten wissen.

Die Schachöffentlichkeit sympathisierte damals mit dem jungen Herausforderer. Campomanes wurde unterstellt, er würde insgeheim Weltmeister Karpov unterstützen. 1978 hatte Campomanes in Baguio City auf den Philippinen den Skandal-Wettkampf zwischen Kortschnoj und Karpov organisiert. Seitdem pflegte er beste Beziehungen zu Karpov. Er wurde 1982 Nachfolger des Isländers GM Frederick Olafsson als Fide-Präsident.

In seiner Amtszeit wurde der Weltschachverband Fide von einem sehr respektierten Sportverband zu der unberechenbaren Organisation, die sie heute leider immer noch ist. Wenn man die damalige Situation mit heute vergleicht, so ist es nicht besser geworden. Der größte Unterschied besteht darin, dass sich der jetzige Fide-Präsident gar nicht erst über Vorgänge und Gründe befragen lässt, so dass Helmut Pfleger heute leider keine Gelegenheit hat, bei peinlichen Details akribisch nachzuhaken.


Derzeit ist Helmut Pfleger zusammen mit Klaus Bischoff als Kommentator in Dortmund tätig. Auch dort lädt er sich häufig Gesprächspartner ein und holt so manches aus ihnen heraus. Den ukrainischen GM Adrian Michailschischin, Teilnehmer beim Open, fragte er einmal, warum er und Beljavski nun für Slowenien spielen.

Dr. Pfleger: "Adrian, Du und Alexander Beliawski spielen nun für Slowenien. Wie kommt das?"

Michailschischin: "Nun, es gab Streit mit dem Verband."

Dr. Pfleger: "Aber bist du nicht der Vize-Präsident des Verbandes?"

Michailschischin: "Nun, ja, schon..."

Der WDR begleitet das Dortmunder Turnier mit drei Sendungen. Vielleicht hat Helmut Pfleger ja heraus gefunden, wann der jetzt von der Schachwelt erwartete und auf dem Weg der Wiedervereinigung so wichtige Wettkampf zwischen Kramnik und Leko stattfinden soll.

André Schulz
 

 

 

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