60 Jahre Lubomir Ftacnik

von André Schulz
30.10.2017 – Lubomir Ftacniks Name ist ganz eng mit ChessBase verbunden. Der slowakische Großmeister ist fleißiger Sammler, Editor und Kommentator von Schachpartien und seit fast 30 Jahren an Aufbau und Pflege der ChessBase-Partiensammlungen maßgeblich beteiligt. Heute feiert er Geburtstag! (Foto: Hartmut Metz)

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Herzlichen Glückwunsch, Lubomir Ftacnik!

Lubomir Ftacnik wurde am 30. Oktober 1957 in Bratislava geboren. Zu dieser Zeit gehörte die Stadt noch zur Tschechoslowakei. Ftacnik wuchs als Tchechoslowake auf, lernte Schach erst spät, mit 13 Jahren, war aber trotzdem bald einer der besten Spieler des Landes. 1976/77 wurde Ftacnik hinter Mark Dieren Zweiter bei der kombinierten Junioren- Welt- und Europameisterschaft und damit Junioren-Europameister. Er nahm nun an verschiedenen Turnieren im In- und Ausland teil und schlug sich dort entweder sehr achtbar oder gewann sie , zum Beispiel das Capablanca Memorial in Cienfuegos 1980, die Turniere in Esbjerg 1982, Trnava und Travemünde 1983, das Turnier von Altensteig 1987, das Open von Baden-Baden 1987 oder das Turnier im schwedischen Haninge 1989. Bei den Dortmunder Schachtagen 1981 wurde er nach Wertung Dritter, punktgleich mit Gennadij Kuzmin und Jonathan Speelman. Wegen seiner Erfolgen erhielt er 1980 von der FIDE den Großmeistertitel. Die 1980er Jahre waren wohl Ftacniks beste Zeit als Schachspieler, aber auch später noch war er in der Lage, Turniere zu gewinnen, so in Sydney 1991, Neuchatel 1996, in Forio auf Ischia 1996, in Hamburg 1998, Los Angeles 1999 (geteilter Erster mit Tony Miles, Alexander Beliavsky und Suat Atalık), und an der Gold Coast 2000. Beim Open in Deizisau 2001 wurde er nach Sonderwertung Zweiter hinter dem punktgleichen Konstantin Landa. Viermal wurde Ftachnik Tschechoslowakischer Landesmeister, 1981, 1982, 1983 und 1985. Einmal gewann er die Slowakische Landesmeisterschaft, 2002.

In den 1980er Jahren hatte die CSR (Czechoslovak Socialist Republic) eine ziemlich schlagkräftige Nationalmannschaft zusammen, die bei den Schacholympiaden stets vorne mitspielte. Bei der Olympiade in Luzern 1982 holte die Mannschaft mit Vlastimil Hort, Jan Smeikal, Lubomir Ftacnik, Vlastimil Jansa, Jan Plachetka und Jan Ambroz hinter der UdSSR (Karpov, Kasparov, Polugaevsky, Beliavsky, Tal, Jussupow) die Silbermedaille. Ab 1988 führte Ftacnik das Team an. Schon seit 1989 spielte Ftacnik auch in der Deutschen Bundesliga, zunächst für München 1936, ab 1992/93 für den Hamburger SK, für den er heute noch immer aktiv ist.

Das Jahr 1990 brachte Europa die politische Wende. Mehr und mehr Länder in Mittel-und Osteuropa streiften das Joch des Kommunismus ab und 1993 beschloss die Mehrheit der Slowaken, auch die Staatengemeinschaft mit Tschechien aufzulösen und in einen einem eigenen Staat zu leben. Nun war Lubomir Ftacnik plötzlich Slowake, ebenso wie sein Freund Igor Stohl. Und beide Großmeister waren nun in einem neuen Land die besten Schachspieler. 

Schon zu Beginn der 1990er Jahre hatte sich Ftacnik mehr und mehr auch auf publizistische Arbeit verlegt, lebte zeitweise in den USA, dann auch in Hamburg. Lubmir Ftacnik belegte hinter Robert Hübner bereits in den 1980er Jahren den gefühlten zweiten Platz in Bezug auf den Papierbedarf für seine gründlichen Analysen im damals sehr populären Schachinformator. Seine Spezialgebiete waren die Sizilianische Scheveninger Variante und die Grünfeld-Verteidigung. Üblicherweise erstreckten sich die Anmerkungen zu einer Partie in der Symbolsprache des Informators über eine viertel bis halbe Seite. Bei Ftacnik konnten das auch schon mal mehrere Seiten sein, besonders wenn er Partien der Grünfeld-Verteidigung kommentierte, deren Theorie im Informator-Bereich "D85" sich gerade rasant entwickelte. Auch für den 1987 gegründeten Schachsoftware-Verlag ChessBase war Ftacnik bald einer der fleißigsten Kommentatoren. In der Mega Database 2018, die dieser Tage erscheint, steht er mit sage und schreibe 4970 kommentieren Partien an der Spitze der Kommentatorenliste. Wenn man nur etwas mehr als eine Stunde Zeitverbrauch für einen Partiekommentar ansetzen würde (es dauert länger), wäre das schon bald ein Lebensjahr ununterbrochenes Kommentieren im Dienste der Schachgemeinde. Es müsste einen Orden bekommen, als: "Großer Kommentator!"

Eine Zeitlang arbeitete Ftacnik für ChessBase vor Ort in der Hamburger City Nord, sammelte, editierte und kommentierte Partien für das ChessBase-Magazin und die großen ChessBase-Datenbanken, die zu Beginn der 1990er Jahre aber bei Weitem noch nicht so groß waren wie heute. Den größten Teil der heute über sieben Millionen Partien umfassenden Mega-Datenbank hat Ftacnik eingesammelt und so editiert, dass man in der Datenbank damit etwas anfangen kann. Bisweilen ist die richtige Editierung und Zuordnung von unsauber erfassten Partien nicht gerade leicht und Ftacnik wurde zum weltweit führenden Spezialisten dafür. Manchmal erkannte er Spieler an ihren Eröffnungen oder ihren typischen Fehlern. Der "Horror"name des "Datenknechts" war seinerzeit übrigens nicht etwa Schulz, sondern Lopez. Heute müsste es Li sein.

Seine ständige Präsenz in Hamburg gab Ftacnik irgendwann auf, aber er sitzt immer noch im ChessBase-Boot und ist aus der Ferne der Hauptruderer der Datenabteilung. Im digitalen zeitalter geht das. Ftacnik sorgt für den ständigen Zuwachs an Partien in der Online-Datenbank, in den Mega-Updates und dem jährlichen Mega-Upgrade am Jahresende. Auch heute noch erscheint er aber in Abständen regelmäßig in Hamburg, mindestens, wenn der Hamburger SK einen Bundesliga-Heimkampf hat, und nutzt gerne die Infrastruktur im ChessBase-Büro für seine Arbeiten und Aufgaben. Erscheinen ist hier übrigens genau das richtige Wort, denn "Lubo" ist plötzlich da, ohne dass man so recht weiß, wie und wann er durch die Tür gekommen ist, ob er überhaupt durch die Tür gekommen ist. Seine Erscheinungsweise ist stets so unvermittelt, dass manche Kollegen vermuten, er verwende modernere Transporttechniken als der Rest der Welt, ähnlich wie in den Episoden von Star Trek (Raumschiff Enterprise). Genauso plötzlich kann er sich auch wieder dematerialisieren und ist einfach weg. Wenn ich es recht überlege, habe ich ihn noch nie durch die Außentür gehen sehen.

Lubomir Ftacnik (Foto: Hartmutz Metz)

Lubomir Ftacnik ist ein überaus positiver, herzlicher und hilfsbereiter Mensch. In seine Zeit in Hamburg haben wir ab und an zusammen gekocht. Ja - Lubo ist ein Schachspieler, der kochen kann. Er zeigte uns, wie man spezielle böhmische Mehlklöße herstellt, von denen ein einziger einen erwachsenen Mann für Wochen sättigt. Bereitwillig verlieh er sein Auto für Transportfahrten. Es war ein Skoda, der in in einer beigeartigen Farbe gehalten war, deren Zusammensetzung seit dem Untergang des Ostblocks nicht mehr reproduzierbar ist. Ftacnik ist Familienvater und ein aufmerksamer Beobachter, der mit beiden Beinen im Leben steht - alles andere als ein Schachnerd. Er lebt sehr gesund und ernährt sich sehr bewusst: "Kein rotes Fleisch", lautet einer seiner Grundsätze. Er liebt deutsches Vollkornbrot und vermisst es, wenn er sich irgendwo im brotlosen Ausland aufhält. Wie oft haben wir ihn riesige dunkle Vollkor-Brotscheiben mit ebenso großen Gemüsefeldern dazwischen vertilgen sehen. Zur deutschen Kultur, zu Deutschland, aber natürlich auch zu Österreich, dessen Grenze von seinem Zuhause nur einen Steinwurf entfernt ist, hat er ein sehr gutes Verhältnis. Er spricht neben anderen Sprachen auch fließend Deutsch, mit nur kleinem Akzent. Als es vor Jahren schon einmal eine öffentliche Diskussion über eine angebliche Ausländerfeindlichkeit der Deutschen gab, urteilte Ftacnik, dass er nach seiner Erfahrung nirgendwo sonst als Fremder so herzlich und freundlich behandelt werde wie in Deutschland. Und Ftacnik ist als Schachspieler wirklich viel herum gekommen in der Welt. Aber vielleicht liegt es auch einfach an seiner zuvorkommenden Art.

Bei ChessBase hat Lubomir Ftacnik selbstverständlich auch eine Reihe von DVDs aufgenommen, einige in seinen Spezialgebieten. Eine solche DVD telefonisch unfallfrei zu bestellen, ist für eine deutsche Zunge so gut wie unmöglich. Wenn man den Namen, der übrigens auf Deutsch soviel wie "Vogelhändler" bedeutet, einfach in zwei Teile teilt, nämlich in "F" und in "Tacnik" (sprich: tatschnik), und diese nacheinander spricht, F-Tatschnik) sollte es möglich sein. Doch nur wenigen gelingt es auf Anhieb, den meisten niemals. Ihn stört das nicht.

Lubomir Ftacnik hat einen etwas älteren Bruder, Milan Ftacnik, der als Politiker von 1998 bis 2002 Erziehungsminister der Slowakei war und von 2010 bis 2014 Bürgermeister von Bratislava. Außerdem hat er einen Zwillingsbruder, Jan Ftacnik, der Wissenschaftler ist. Wir gratulieren beiden Jubilaren ganz herzlich zum 60sten Geburtstag!

1.Sf3 - ein variables Repertoire für Weiss

1.Sf3 - ein variables Repertoire für Weiß’ ist der Name einer umfassenden Eröffnungssystem-Strategie, die auf Sicherheit und Auswahl basiert. Der alte Leitspruch, dass 1.e4-Eröffnungen taktisch und gefährlich, 1.d4-Eröffnungen dagegen eher positionell und friedlich sind, spiegelt die modernen Welt der Schacheröffnungen nicht mehr wider. Diese DVD ist die Frucht lebenslanger Erfahrung, da der Autor Lubomir Ftacnik es seit vielen Jahren in seiner Praxis selbst aktiv anwendet.

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1.d4 - ein klassisches Repertoire für Weiß

Diese DVD von Lubomir Ftacnik ist ein ehrgeiziges Projekt. Es ist eine umfassende Präsentation von Ideen und Strukturen, die in den verschiedenen Eröffnungen nach 1.d4 entstehen können. In 34 Videos (plus Einführung und Schlussbetrachtung) behandelt der Autor alles, worauf Sie als 1.d4-Spieler gefasst sein müssen – Klassiker, wie alle Abspiele des Damengambits und die Indischen Verteidigungen ebenso wie viele interessante Nebensysteme, wie das Wolgagambit oder das Blumenfeldgambit. Für alle schwarzen Systeme hält Ftacnik Empfehlungen bereit, die sich in der Praxis bewährt haben und die dem Anziehenden ebenso aktives wie solides Spiel versprechen.

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André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Hunterix Hunterix 01.11.2017 08:56
Touché!
Im Slowakischen heißt Vogel "vták", so dass das
mit dem Vogelfänger wohl in etwa hinkommt...
Online-Wörterbuch gibt auf Vogelfänger "lovec vtáctva" an,
was aber eher Vogeljäger bedeutet.
urmelschach urmelschach 31.10.2017 08:56
na ja, tschechisch und slowakisch ist ja nicht dasselbe
Hunterix Hunterix 30.10.2017 01:38
Kleine Korrektur zum Artikel
"60 Jahre Lubomir Ftacnik":

Ftacnik ist nicht übersetzbar ins Deutsche.
Der besagte "Vogelhändler" jedoch heißt auf Tschechisch "ptáčník".
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