Aaron Nimzowitsch als scharfzüngiger Beobachter beim Weltmeisterschaftskampf 1934

23.08.2017 – 1934 erhielt Efim Beogoljubow das Recht, den amtierenden Weltmeister Alexander Aljechin zu einem Kampf um den Titel herauszufordern. Der in Deutschland ausgetragene Kampf dauerte über 26 Partien und mehr als zwei Monate. Aaron Nimzowitsch, selbst einst Weltklassespieler, berichtete für die niederländische Tageszeitung vom Geschehen im Nachbarland. Seine lebendigen Schilderungen liegen nun vor und werden in der MegaBase 2018 verfügbar sein.

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Aaron Nimzowitsch als scharfzüngiger Berichterstatter beim Weltmeisterschaftskampf 1934

Von Julian Wnuck

Die Berichte vom Weltmeisterschaftskampf Aljechins gegen Bogoljubow im Jahr 1934, die Großmeister Nimzowitsch während seines Aufenthaltes in Deutschland an die niederländische Tageszeitung „De Telegraaf“ schickte, zeugen nicht nur von tiefgehendem Verständnis der Vorgänge auf den 64 Schachfeldern, sie sind zugleich farbige Schilderungen der Umstände, unter denen die beiden Matadoren gegeneinander fochten sowie feine Psychogramme der beiden Kontrahenten.

Aljechin und Bogoljubow waren dem dänisch-baltischen Großmeisters seit mindestens zwanzig Jahren gut bekannt. Noch vor dem Ersten Weltkrieg rang er mit den beiden bei All-Russischen Meisterschaftsturnieren des damaligen Zarenreiches um Titelehren, als die zwei Jungstars gerade am Beginn ihrer Karrieren standen.

Nimzowitsch war selbst für viele Jahre nach Beendigung des Ersten Krieges ein Kandidat für einen Weltmeisterschaftskampf. Auch wenn seine beste Zeit zu Beginn der dreißiger Jahre vorbei war, so dürfte er in Aljechin und Bogoljubow zwei etwas jüngere Kollegen gesehen haben, deren Spielstärke von der seinigen nicht unendlich weit entfernt war. Dies mag vielleicht die überraschende „Respektlosigkeit“ erklären, mit der Nimzowitsch über die beiden Weltklassespieler in seinen Artikeln plauderte.

Der "phlegmatische" und "unbeholfene" Herausforderer Bogoljubow gegen den Weltmeister Aljechin Hertogenbossche Courant 13. Juni 1934

Immer wieder charakterisiert Nimzowitsch Bogoljubow, der einen schweren Stand gegen Aljechin hatte, als „phlegmatisch“, als „still und unbeholfen, wie es seine Natur mitbringt“. Gegen „Aljechins dominierenden Willen“ in dem Wettkampf glückte „unserem guten, schlichten Bogoljubow“ nur in einzelnen Partien ein erfolgreiches Aufbäumen.

Nach der achten Partie, als „Boggie“ 3-5 zurücklag, ersuchte dieser Nimzowitsch um einen Ratschlag. Folgender Dialog, den Nimzowitsch mitteilt, fand zwischen den beiden statt:

Glauben Sie, dass man hypnotisiert werden kann? Aber Bogoljubow, antwortete ich, das ist doch großer Unsinn. Nein, erwiderte Bogoljubow vollkommen ernsthaft, ganz sicher kann man hypnotisiert werden, zumindest teilweise.

In der 9. Partie schließlich fand Bogoljubow ein Abwehrmittel, „indem er sich eine große Sonnenbrille aufsetzte, um Aljechins scharfem Blick zu entgehen.“ (Pal Benkö war also fünfundzwanzig Jahre später, als er sich Tals „Hypnose“ zu erwehren hatte, nur Nachahmer, aber nicht Erfinder dieser Schutzmaßnahme!)

"Boogie's zonnebril" als Abwehrmaßnahme gegen den hypnotischen Blick Aljechins| De Telegraaf 1. Mai 1934

Überhaupt hat sich das ernste Wettkampfschach der dreißiger Jahre vom heutigen in vielen Belangen unterschieden: „Der 13. Zug der zehnten Partie lieferte eine gewaltige Überraschung. Bogoljubow bestellte sich einen französischen Cognac! Es ist verständlich, dass er den später erfolgten Partiegewinn mit dieser Entscheidung in Zusammenhang brachte und am nächsten Tag ab und zu einen "tiefen Zug" aus dem Bierglas nahm.“

Dabei pflegte Bogoljubow bis zu dieser Partie „eine asketisch zugespitzte Lebensweise“. „Selbst ein einfaches Glas Bier bei der Mahlzeit wurde für schädlich gehalten.“ Aber trotz seiner „Rückkehr zu einer unbefangenen Lebensweise“ gelang es Bogoljubow nicht, das Blatt im Wettkampf zu wenden.

Das allgemeine Niveau der Wettkampfpartien machte auf Nimzowitsch keinen großen Eindruck. Die meisten der abgelieferten Partien erinnerten ihn an „Kaffeehausschach“. Zum Sieg Aljechins in der 17. Partie schrieb er anerkennend: „Das ist höchste Kunst. Kaffeehausschach? Bestes, aber veredelt und zu einem Meisterwerk geformt!“ Aber eben doch „Kaffeehausstil“!

Aljechin wurde in den Artikeln zwar respektvoller behandelt als „Boggie“, doch Nimzowitsch wusste auch hier auf Bedenkliches im Lebensstil des Weltmeisters hinzuweisen: „Aljechin schläft zumindest ein paar Stunden tagsüber, nimmt dann ein erfrischendes Bad und speist mindestens zwei Stunden vor Beginn der Partie. Dagegen hat er keine Angst vor Alkohol und sein Zigarettenverbrauch ist enorm.“

Austragungsort der 25. und 26. Partie war Berlin. Insgesamt wurde in zwölf deutschen Städten gespielt | Haagsche Courant 13. Juni 1934

Später schreibt Nimzowitsch nicht ohne Kritik: „[Aljechin] gibt stundenlange Interviews, empfängt täglich einige Pressevertreter, Leute von der Regierung und andere hochgestellte Persönlichkeiten, unternimmt lange Autofahrten, besucht Opern, Museen, Fabriken und alte Kirchen und verfolgt in der Zwischenzeit mit leidenschaftlicher Teilnahme das Turnier in Ujpest. Letzteres tut er so gründlich, dass er in der Lage ist, eine lange Reihe der dort gespielten Partien aus dem Gedächtnis vorzuführen und diese mit fabelhaft tiefen Analysen zu versehen. Der sachkundige Zuschauer wird bei alledem von einem Gefühl der Bewunderung übermannt, doch zugleich auch von der Empfindung, dass Aljechin sich zu viel abverlangt.“

Bogoljubows katastrophale 21. Wettkampfpartie | De Telegraaf 4. Juni 1934

Die lebendige Schilderung Aljechins während der 21. Partie, als dieser gerade eine Verluststellung infolge eines Bocks seines Gegners noch drehen konnte, lässt den Weltmeister sehr anschaulich vor die Augen des Lesers treten: „Der eben noch gelähmte Gegner reißt nun alle Fesseln nieder, schnellt wie eine Sprungfeder hervor und hat plötzlich ein kerngesundes Endspiel mit Mehrqualität. Aljechin, der bis zu diesem befreienden Moment mit aschgrauem Gesicht und nervösen Zuckungen an seinen Stuhl geklammert saß, verließ nun seinen Sitzplatz und präsentierte sich dem Publikum siegesgewiss. Mit hoch angezogener rechter Schulter, die eine Hand in die Hüfte gelehnt und mit herausgestreckter Brust, erinnert seine Haltung wieder stark an die der russischen Offiziere. Bogoljubow dagegen ist vernichtet; sein erblasstes Gesicht zeigt neben Verzweiflung große Verlegenheit. Er schämt sich vor dem Publikum. Nach Abbruch der Partie verlässt er sofort das Lokal durch eine Hintertür, um ungesehen sein Zimmer zu erreichen.“

Zwei von Nimzowitsch kommentierte Wettkampfpartien

 

Chessbase wird die Kommentare von Nimzowitsch zu diesem Weltmeisterschaftskampf in die nächste Megabase einbinden. Die obigen interessanten Auszüge sowie zwei weitere komplette Partiekommentare sollen unseren Lesern Lust auf die in ein paar Monaten erscheinende DVD machen.

Titelbild: De Gronwet 13. Juni 1934


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Roggenossi Roggenossi 26.08.2017 10:37
Sosehr ich den atmosphärischen Genuß der Schachgeschichte schätze: Danke, aber nein danke...
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