Ab 22. Januar: The Imitation Game

von André Schulz
19.01.2015 – Am 22.1. kommt die deutsche Fassung von "The Imitation Game" in die Kinos. Im Mittelpunkt des Films steht der englische Mathematiker Alan Turing, dargestellt von Benedict Cumberbatch, der im Zweiten Weltkrieg maßgeblich an der Entschlüsselung der deutschen Enigma mitgewirkt hat. Keira Knightley spielt Turings Gefährtin Joan Clarke. 1954 hat sich Turing das Leben genommen.Mehr über den Film...

The Immortal Game

Mit dem neuen Film über Alan Turing "The Imitation Game" - die Hauptrollen spielen "Sherlock Holmes"- Darsteller Benedict Cumberbatch und Keira Knightley - ist das Interesse am englischen Mathematiker, Codebreaker und Vater der Computerwissenschaft wieder erwacht. Turing spielte, ebenso wie eine Reihe von britischen Schachspielern, bei der Entschlüsselung der deutschen Enigma-Maschine im Zweiten Weltkrieg durch den englischen Geheimdienst eine entscheidende Rolle, hat in seinen mathematischen Arbeiten die theoretischen Grundlagen für die Informatik formuliert („On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem“, 1936) und zudem das erste Schachprogramm geschrieben. Die Abfolge von Anweisungen für die gedachte Maschine - Computer gab es ja noch nicht - notierte er auf Papier, weshalb dieses Programm "Paper-Engine" genannt wurde.

Benedict Cumberbatch als Alan Turing

Keira Knightley als Joan Clarke

Der Film, dessen deutsche Fassung am 22. Januar in unsere Kinos kommt, bedient zwar eine Reihe von altbekannten Mythen über die Enigma und deren Entschlüsselung und hat zudem noch einige neue Unwahrheiten und historische Ungenauigkeiten hinzu gedichtet, ist aber trotzdem offenbar so gelungen, dass er nun für acht Oscars nominiert wurde.

Zu den den dramaturgisch motivierten Neudichtungen des Films gehört eine Verbindung zwischen Alan Turing, der einer der Abteilungsleiter war, und dem Sowjetspion John Cairncross. Sowjetische Nachrichtendienste hatten vor und während des Zweiten Weltkrieges insbesondere in England und den USA zahlreiche Sympathisanten als Agenten angeworben und mit diesen britische und US-amerikanischen Dienste bis in hohe Regierungsstellen unterwandert. Im Zuge des in Deutschland weitgehend unbekannt gebliebenen VENONA-Projekts wurden später eine Reihe der Sowjetspione enttarnt. Cairncross gehörte zu einer Gruppe von fünf Briten, die für Sowjetdienste tätig waren, den so genannten "Cambridge Five". Zwar hat er ebenfalls im britischen Entzifferungszentrum in Bletchley Park gearbeitet, eine Verbindung zu Turing ist jedoch nicht belegt.

Die Enigma ist die bekannteste einer Reihe von deutschen Verschlüsselungsmaschinen und wurde von der Wehrmacht genutzt, um Nachrichten maschinell zu ver- und zu entschlüsseln.

Mit Hilfe von drehbaren Walzen wurden die Buchstaben von Nachrichtentexten in immer andere Buchstaben abgebildet. Bei der Entschlüsselung musste der Empfänger die Ausgangsstellung der Walzen kennen, um die Nachrichtentexte wieder in den Klartext zurück zu übersetzten. Die Ausgangsstellung wurde allerdings täglich geändert.

Turing-Bombe

Schon durch die Arbeit von polnischen Mathematikern vor dem Zweiten Weltkrieg um Jerzy Rozycki, Henryk Zygalski and Marian Rejewski war die Funktionsweise der Enigma bekannt. Zudem war das Patent in verschiedenen Patentämtern hinterlegt und konnte dort nachgelesen werden. Durch die wechselnden Tagescodes war die Aufgabe der Entschlüsselung dennoch schwierig. War der Tagescode ermittelt, mussten die zahlreichen aufgefangenen Funksprüche in Klartext übersetzt werden, was mit einem enormen Arbeitsaufwand verbunden war.

Bletchley Park

Zu den englischen Schachspielern in Bletchley Park gehörten die englischen Nationalspieler Hugh Alexander, Stuart Milner-Barry und Harry Golombek.

Matthew William Goode als Hugh Alexander

Milner-Barry bekleidete später hohe Ämter in englischen Ministerien, Golombek betätigte sich als Schachpublizist und Schiedsrichter und Alexander wurde Chef der Entschlüsselungsabteilung im MI5 und konnte deshalb an keinen Turnieren im Ostblock mehr teilnehmen.

Die deutschen Dienste waren sich darüber im Klaren, dass die Enigma nicht absolut sicher war, konnten sich aber nicht vorstellen, dass die Gegenseite den notwendigen riesigen Aufwand betreiben würden, um in die deutschen Codes einzubrechen. Von großem Nutzen erwies sich die Entschlüsselung besonders im Afrika-Krieg, da man mit Hilfe der entschlüsselten Nachrichten das deutsche Afrika-Korps fast komplett vom Nachschub abschneiden konnte, und nach der Invasion in der Normandie, als besonders George Patton die gewonnenen Informationen nutzte, um zwischen den deutschen Linien in Süddeutschland bis Pilsen vorzustoßen. Die deutsche Marine hatte zwischenzeitlich erkannt, dass ihre Codes geknackt worden waren und ließ in die Marine-Enigmas eine zusätzliche Walze einbauen, was die Entschlüsselung deutlich erschwerte und sich für die Alliierten im U-Boot-Krieg nachteilig auswirkte.

Turing beschäftigte sich nach dem Krieg weiter mit der Entwicklung von Computern, wurde aber wegen seiner Homosexualität - zu jener Zeit strafbar - vom englischen Geheimdienst als Sicherheitsrisiko betrachtet und von den Behörden zu einer Hormonbehandlung gezwungen. Am 7. Juni 1954 nahm er sich das Leben, wahrscheinlich mit Hilfe eines vergifteten Apfels. Vor zwei Jahren wurde Turing von der Englischen Königin durch das "Royal Pardon" rehabilitiert.
 

Deutscher Trailer

 

Zum Filmstart wird der Film zum Beispiel in folgenden Kinos vorgeführt (ohne Gewähr):

Berlin

Mo. 19.1.

International
10178 Berlin, Karl-Marx-Allee 33
Stadtteil: Mitte

The Imitation Game (OmU)

22:00

Hamburg

Mi. 21. Januar

Savoy Filmtheater 3D-Kino
20099 Hamburg, Steindamm 54-56

The Imitation Game (OV)

20:30

Bremen

Mi. 21. Januar

CinemaxX Bremen 3D-Kino
28195 Bremen, Breitenweg 27
Stadtteil: Bahnhofsvorstadt

The Imitation Game

20:00

München

Do. 22. Januar

Cinema München 3D-Kino
80335 München, Nymphenburger Str. 31
Stadtteil: Maxvorstadt

The Imitation Game (OV)

19:45

Leopold Kinos 3D-Kino
80802 München, Leopoldstr. 78
Stadtteil: Schwabing-Freimann

The Imitation Game

22:15


Der Film wird außerdem in Darmstadt, Düsseldorf, Hannover, Mainz und Passau gezeigt.


 

Neuer Film über Alan Turing (ChessBase)...

Turing und Schach (ChessBase, 2004)...

Artikel über Alan Turing in der "Welt"...

Artikel bei Wikipedia...

Bletchley Park...

Venona (bei der NSA)...

Venona-Projekt (Wikipedia)...

 

 


André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Andreas Saremba Andreas Saremba 07.02.2015 05:46
Angesichts der vielen frei erfundenen historischen "Tatsachen" in dem ansonsten sehenswerten Film ist es vielleicht kaum erwähnenswert, aber trotzdem interessant: Hugh Alexander war offenbar ein Hellseher. Als er 1940 beim Kennenlernen der Kryptographen als britischer Champion im Schach vorgestellt wird, ergänzt er etwas vorlaut: "zweimaliger!". Nun, seinen ersten Meistertitel gewann er 1938, aber den zweiten erst 1956...

Lesenswert ist übrigens auch der ihm gewidmete Eintrag im "Oxford Companion to Chess" von Hooper und Whyld, einem als äußerst zuverlässig bekannten Schachlexikon. In der 1. Auflage von 1984 (zehn Jahre nach seinem Tod!) firmiert er noch als hoher Mitarbeiter des Außenministeriums; seine Mitarbeit bei der Entschlüsselung der Enigma-Codes und die Nachkriegs-Karriere beim Geheimdienst wurde erst später bekannt und findet sich dann in der 2. Auflage von 1996.
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