Anatoly Karpov: Mit 66 Jahren…

von André Schulz
23.05.2017 – Heute vor 66 Jahren wurde Anatoly Karpov geboren. Botvinnik bescheinigte dem späteren Weltmeister zwar völlige Talentlosigkeit, doch Karpov strafte ihn mit seinen Erfolgen Lügen. Mit Kortschnoj und Kasparov lieferte sich Karpov zwischen 1978 und 1990 zahlreiche Nervenschlachten. Mit 66 Jahren kann es der 12. Weltmeister der Schachgeschichte jetzt etwas ruhiger angehen lassen, oder?

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Heute vor 66 Jahren wurde Anatoly Karpov geboren. Das Bild, das viele Schachfreunde vom 12. Weltmeister haben, ist durch die Darstellung der intensiven Wettkämpfe mit Viktor Kortschnoj, 1978 und 1981, und mit Garry Kasparov 1984, 1985, 1986, 1987 und 1990 ziemlich verzerrt. Sicher hat Karpov seinen Weg unter den Bedingungen gemacht, der in der Sowjetunion vorgegeben waren und er vertritt auch heute noch, nicht zuletzt als Abgeordneter der Duma, offensiv die politischen Positionen der russischen Regierung, aber er ist ein viel netterer und umgänglicherer Typ als manche unter dem Eindruck der damaligen Berichte seiner Gegner glauben. Und seine Schachkunst steht natürlich außer Frage.

Karpov wurde am 23. Mai 1951 in Slatoust geboren, eine Stadt im mittleren Ural, etwa 1700 km östlich von Moskau gelegen. Schach lernte er mit vier Jahren. Mit elf Jahren war Anatoly Karpov schon „Kandidat-Meister“ und der beste Schachspieler der Stadt. Das brachte ihm eine Einladung zur Botvinnik-Schachschule ein. Der „Patriarch“ beäugte den schmächtigen Jungen höchstselbst und fällte sein berühmtes und vernichtendes Fehlurteil:

„Der Junge hat keine Ahnung vom Schach. Eine Zukunft als Schachspieler gibt es für ihn nicht.“

Stattdessen reihte Karpov Erfolg an Erfolg. 1967 gewann er die die Junioren-Europameisterschaft in Groningen, 1969 siegte er bei der Junioren-Weltmeisterschaft in Stockholm. Den Großmeistertitel erhielt er 1970, mit 19 Jahren. 1968 war Karpov von Moskau nach Leningrad gezogen und wurde nun von Semyon Furman trainiert, der als einer der besten Trainer des Landes galt.

1972 verlor die UdSSR den Schach-Weltmeistertitel an den Klassenfeind. Spassky unterlag im Wettkampf mit dem US-Amerikaner Bobby Fischer. Die Hoffnungen des Sowjetschachs ruhten nun bald auf Anatoly Karpov. Er sollte den Titel für zurückerobern.

1973 gewannen Karpov und Kortschnoj das Interzonenturnier von Leningrad. Beide standen dann 1974 im Kandidatenfinale. Karpov gewann und war der Herausforderer von Fischer. Doch der stellte immer neue Bedingungen für den Wettkampf und trat am Ende nicht an. Karpov war nun Weltmeister, doch leider kampflos. Um seinen Anspruch zu unterstreichen, der beste Spieler des Planeten zu sein, eilte Karpov nun von Turnier zu Turnier und gewann diese meistens. Kein anderer Spieler hat im Laufe seiner Karriere so viele Turniere gewonnen wie Karpov. Dazwischen gab es aber auch Gespräche mit Robert Fischer, um mit diesem vielleicht doch noch zu einem Match zu kommen. Allerdings war dies nicht die offizielle Politik des sowjetischen Sport-Komitees. Auch Karpovs damaliger Trainer Alexander Nikitin sprach sich gegen den Wettkampf aus. Es kam zum Streit mit Karpov. Nikitin wurde als offizieller Trainer entlassen, schwor Rache und fand einen neuen Schützling: Kasparov.

Karpov hatte es zunächst aber erst einmal mit Viktor Kortschnoj zu tun. Im Kandidatenfinale von 1974 fühlte sich Kortschnoj von der Sowjetführung benachteiligt. Das war er wahrscheinlich auch. Nachdem Kortschnoj sich darüber beklagte, auch noch im Ausland, fiel er in Ungnade. 1976 flüchtete der unzufriedene Kortschnoj nach einem Turnier im Westen und suchte in Amsterdam Unterschlupf. Der damalige FIDE-Präsident Max Euwe half dem Flüchtling und sorgte auch dafür, dass dieser an den Kandidatenwettkämpfen teilnehmen konnte, obwohl alle Spieler des damaligen Ostblocks nun auf Geheiß der Sowjetunion den Dissidenten Kortschnoj boykottierten und an keinen Turnieren teilnahmen, an denen Kortschnoj mitspielte. Der wütende Kortschnoj, bald „Viktor der Schreckliche“ genannt, gewann die Wettkämpfe gegen Petrosjan, Polugaevsky und Spasski. Die letzte Bastion vor der Katastrophe für das Sowjetschach – ein Dissident gewinnt den Schach-Weltmeistertitel – war Antatoly Karpov. Keine leichte Aufgabe. Es war zudem die erste Titelverteidigung für den 12. Weltmeister, der erste echte WM-Kampf. Der WM-Kampf in Baguio City wurde zum beispiellosen Psychokrieg. In der Darstellung der Westpresse kämpfte Kortschnoj stellvertretend für den freien Westen am Schachbrett für Demokratie und Meinungsfreiheit. Allerdings kämpfte Kortschnoj mehr oder weniger alleine. Karpov stand für das System der UdSSR, in dem die Menschen ihrer Freiheit beraubt waren. Michael Tal war von der Sowjetunion Karpov als einer der zahlreichen Helfer und Sekundanten zugeordnet. „Wenn ich Karpov damals nicht geholfen hätte und Kortschnoj Weltmeister geworden wäre, dann wäre Schach in der Sowjetunion womöglich verboten worden“, witzelte Tal später. Weniger witzig war eine andere Auskunft von Tal: „Wenn Kortschnoj gewonnen hätte, dann hätte der KGB ihn umgebracht“. Am Ende siegte Karpov knapp mit 6:5. 1981 kam es zu einer Neuauflage, aber Kortschnoj hatte seinen Zenit inzwischen überschritten.

Karpov und Kortschnoj

Die nächste große Schlacht musste Karpov mit Garry Kasparov führen. Sie dauerte sechs Jahre und 144 Partien. Kasparov verzeichnete einen raketenhaften Aufstieg, fühlte sich aber mit seinem früh verstorbenen jüdischen Vater, seiner armenischen Mutter, in Baku (Aserbaidschan), also außerhalb Russlands geboren, von der Sowjetführung benachteiligt. Im Hintergrund der Aktivitäten gegen ihn vermutete er Karpov als Strippenzieher. Kasparov hatte aber die Unterstützung vom aserischen KGB-Chef Heydar Aliev, der im Politbüro saß, und war zudem ein Meister der Propaganda. Seine Verbündeten fand er in den Westmedien.

Beim ersten Anlauf auf den Titel holte sich der junge und ungestüme Kasparov beim amtierenden Weltmeister aber zunächst eine blutige Nase. Im WM-Kampf von 1984, der noch auf sechs Gewinnpartien gespielt wurde, ging Karpov mit 4:0 Siegen in Führung. Kasparov änderte seine Strategie und schleppte den Wettkampf nun mit Remispartien dahin. In der 27. Partie erhöhte Karpov auf 5:0, verlor dann aber die 32.Partie. Es folgte eine weitere lange Remisserie. Karpov machte den strategischen Fehler, weiter solide zu spielen und auf Fehler des Gegners zu warten, anstatt etwas zu riskieren und damit vielleicht einen Gewinn zu forcieren. Schließlich gewann Kasparov die 47. und 48. Partie. Dann brach FIDE-Präsident Campomanes den Wettkampf ab. Er reagierte damit auf den Druck aus der Sowjetführung, die des überlangen Schach-Wettkampfes in der sowjetischen Hauptstadt inzwischen mehr als überdrüssig geworden war. Beide Spieler fühlten sich durch den Abbruch und die Bedingungen für die Neuansetzung benachteiligt und es entstanden eine Reihe von Mythen.

1985 kam es zur Neuauflage. Inzwischen wehte in der UdSSR ein anderer Wind. Michail Gorbatschow war nun Generalsekretär der KPdSU, damit praktisch Staatschef. Der neue starke Mann wollte die kränkelnde Sowjetunion reformieren, sprach von Glasnost (Transparenz) und Perestroika (Umbau). Kasparov setzte sich an die Spitze der Bewegung, trommelte mit zahlreichen Interviews in den Westmedien für sich und gegen Karpov. Den Wettkampf von 1985 gewann Kasparov klar. Dann musste er den Titel aber ständig gegen Karpov verteidigen, was ihm meist nur knapp gelang: 1986 in London/ Leningard: 11½ zu 12½ (+4 −5 =15), 1987 in Sevilla: 12 zu 12 (+4 −4 =16) und in New York/Lyon: 11½ zu 12½ (+3 −4 =17). Auch die Kämpfe neben dem Brett waren intensiv. Rechtzeitig zum Matchbeginn 1987 berichtete Kasparov im Interview mit dem Spiegel, dass Karpov „vergessen“ hatte, seine Werbeeinnahmen aus Schachcomputerverkäufen in der UdSSR zu deklarieren.

Ein Schiedsrichter prüft Karpovs Stuhl

Im Kandidatenzyklus von 1991-1993 unterlag Karpov dann Nigel Short und erstmal gab es einen nicht-sowjetischen WM-Herausforderer seit Fischer. Kasparov und Short sorgten jedoch für einen Eklat und spalteten die Schachwelt, als sie ihren WM-Kampf ohne Beteiligung der FIDE spielten. Die FIDE setzte einen alternativen WM-Kampf an, mit Karpov und Timman. Karpov gewann und kehrte so als „FIDE-Weltmeister“ zurück auf den Thron, den er sich jetzt aber mit dem Konkurrenz-Weltmeister Kasparov teilen musste. 1996 verteidigte Karpov diesen FIDE-Titel im Wettkampf gegen Gata Kamsky und 1997/98 noch einmal gegen Viswanathan Anand nach Stichkampf, unter allerdings unfairen Bedingungen, denn Anand musste zuvor ein langwieriges K.o.-Turnier gewinnen, um sich als Herausforderer zu qualifizieren. Am nächsten K.o.-Turnier, nun von der FIDE als Weltmeisterschaft deklariert, nahm Karpov nicht mehr teil.

Danach ließ Karpov es etwas ruhiger angehen, spielte aber noch regelmäßig bei Schnellschach - und Blitzturnieren mit. Das Schnellschachturnier in Cap d’Agde ist nach dem 12. Weltmeister benannt und dieser nimmt selber auch teil. Auch in Pojkovsky wird jedes Jahr ein „Karpov-Turnier“ ausgetragen, hier ist Karpov aber nur Zaungast. Gelegentlich spielt Karpov auch noch freie Wettkämpfe, am liebsten gegen Jan Timman.

Außerdem besetzt er das erste Brett des SV Hockenheim in der Bundesliga und feierte zusammen mit seiner Mannschaft die Vizemeisterschaft 2017 anlässlich der zentralen Bundesliga-Endrunde in Berlin. Von dort eilte er gleich zur russischen Mannschaftsmeisterschaft nach Sotschi wo er an Brett eins, vor Shirov, für die Mansnchaft Ural antrat. Mit anderen Schachfreunden des russischen Parlaments „Duma“ organisiert Karpov zudem eine Wettkampfserie der europäischen Parlamente. Ende Mai spielt die Duma-Mannschaft mit ihm gegen ein Team des Bundestages in Berlin.

Karpov gibt in Berlin Autogramme (Foto: Georgios Souleidid)

Auch neben dem Schachbrett ist Karpov sehr aktiv. Mit Kasparov hat er sich ausgesöhnt, spielte 2009 mit ihm in Valencia einen Jubiläums-Wettkampf und bildete mit seinem Nachfolger 2010 ein Team für die Präsidiumswahlen der FIDE. Karpov war der Kandidat. Kasparov unterstützte ihn. Manche glauben, dass Karpov 2018 erneut antreten wird, aber dieser lässt sich nicht in die Karten schauen.

Von Karpov signiert

Karpovs Stil wird gerne als ausgesprochen positionell beschrieben. Das ist er auch, aber es gibt noch einen anderen Karpov. Bei der Durchsicht der Karpov-Partien für die Masterclass-DVD über den 12. Weltmeister fand Oliver Reeh eine Vielzahl von prächtigen Kombinationen mit glasklarer Taktik.

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Karpovs positionelle Manöver bleiben hingegen vielen rätselhaft. Als Anand sich im Kandidatenviertelfinale von 1991 auf Karpov vorbereitete und dessen Partien studierte, meinte er hinterher: „Ich sah langwierige Manöver über viele Züge und manchmal habe ich keinen einzigen dieser Züge verstanden“. Bei der Analyse ist Karpov übrigens Schachspieler durch und durch – völlig unobjektiv. Der junge Anand machte Karpov und seine Art der Postmortem-Analyse einmal – etwas übertrieben - so nach: „Ja sicher, ich habe eine Dame weniger. Aber schau: Hier gibt es Kompensation, dort habe ich Spiel und dann ist da noch dieser Bauer schwach. Wahrscheinlich ist es remis.“

Heute feiert Karpov also seinen 66sten Geburtstag. Die Schachwelt gratuliert, am besten vielleicht mit den Worten von Udo Jürgens:

Ihr werdet euch noch wundern, wenn ich erst Rentner bin!
Sobald der Stress vorbei ist, dann lang ich nämlich hin, o-ho, o-ho, o-ho.

Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an!
Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran.
Mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss!
Mit 66 ist noch lange nicht Schluss!
  



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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AWSoP AWSoP 23.05.2017 05:05
Aber nicht bloß "ein Schiedsrichter", sondern GM Svetozar Gligoric höchstpersönlich! :-)
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