Attraktionen in Sofia

16.05.2008 – Das M-Tel Masters geht in den Endspurt. Nach sieben Runden führt Vassili Ivanchuk mit 6 Punkten. Veselin Topalov spielt auch sehr gut, konnte aber das furiose Anfangstempo Ivanchuks nicht mithalten und liegt einen Punkt hinter dem Ukrainer. In der siebten Runde kam es zum zweiten Aufeinandertreffen der beiden Tabellenführer. Dagobert Kohlmeyer war rechtzeitig in Sofia vor Ort, um diese und weitere Attraktionen des Turniers in Wort und Bild festzuhalten. Turnierseite...Zum Bericht...

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Ein Bilderbogen aus Sofia
Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer

Die bulgarische Hauptstadt vereint jedes Jahr im Mai sechs Supergroßmeister beim M'tel Masters, was auch Schachjournalisten aus aller Welt veranlasst, die "Topalow-Spiele" live zu verfolgen. Bisher konnte der bulgarische Vorkämpfer alle Events gewinnen. Dieses Jahr aber gibt es einen, der ihm die Suppe versalzen will. Wassili Iwantschuk aus der Ukraine, der so fulminant mit 5 aus 5 startete, liegt derzeit noch immer mit einem Punkt Vorsprung vor Topalow.


Vor dem Kampf

Gespielt wird erstmalig im Zentralen Militärklub, einem eindrucksvollen Palast im Zentrum der Stadt, nicht weit vom Grand Hotel, wo die Spieler und Ehrengäste wohnen und wo in den Vorjahren auch das Turnier stattfand.


Der Zentrale Militärklub


Natürlich prangen Flaggen am Militärklub

Bei meiner Ankunft nach Halbzeit des Wettbewerbs regnet es etwas, aber an den nächsten Tagen gibt es nur noch Sonne in Sofia. Vom Appartement inmitten der Hauptstadt kann man über die Dächer hinweg auf die Kuppeln der berühmten Alexander-Newski-Kathedrale sehen.






Eine klassische russische Kirche

Über den Straßen liegt ein typischer Geruch von feinem Staub, geschäftige Menschen eilen an einem vorbei, aber es gibt auch Müßiggänger, vor allem ältere Leute, die in den Parks gern in der Sonne sitzen.

Der Zentrale Militärklub hat mehrere Eingänge. Am linken Tor steht eine Tafel, die darauf verweist, dass es hier um eine Einrichtung des Verteidigungsministeriums handelt. Es ist der falsche Eingang für Reporter. Also zur nächsten Tür. Dahinter befindet sich eine Whisky & Sushi-Bar mit dem schönen Namen "Black Label".



Das rechte Tor schließlich führt zum Spielsaal, in dem Iwantschuk, Topalow, Aronian und Co ihre Figuren setzen.

Es ist ein prächtiges Ambiente, in dessen Mitte ein riesiger Glaskasten steht. Die Spieler sind hermetisch von den Zuschauern abgeschirmt, kein Laut dringt von außen nach innen in ihr "Aquarium". Erinnerungen an Sveti Stefan und Belgrad 1992 werden wach, als Bobby Fischer und Boris Spasski dort ihr Re-Match spielten und der Amerikaner verlangte, dass eine Glaswand zwischen Spielern und Zuschauern eingezogen wird. Auch im World Trade Center von New York konnten wir 1995 Garri Kasparow und Vishy Anand bei ihrem WM-Match in einem Glashaus beobachten. So eine Konstruktion erschwert zwar die Arbeit der Fotografen (das Glas reflektiert jeden Blitz sehr stark), wird aber billigend in Kauf genommen. Organisator Silvio Danailow und seine Crew gehen mal wieder neue Wege, um auf Schach aufmerksam zu machen. Die Sofia-Regel (Remisvereinbarungen betreffend) hat sich ja seit Jahren auch eingebürgert und findet international immer mehr Anhänger.

Der Schachgott aus Frankreich

Boris Spasski ist seit Dienstag Ehrengast des Turniers und absolviert jeden Tag eine Reihe hochkarätiger Termine. Der Exweltmeister war auch schon beim Präsidenten des Landes zur Privataudienz. Beide Herren sollen dabei dem Vernehmen nach viel gescherzt haben. Landesvater Georgi Parvanov ist wie immer Schirmherr des Turniers und bezeichnet das M'tel Masters in seinem Grußwort im Programmhaft als eines der wichtigen Sportereignisse des Jahres neben den Olympischen Spielen und der Fußball-Europameisterschaft. Die bulgarischen Massenmedien tun ihr Übriges, um das Turnier so breit wie möglich darzustellen. Es gibt zum Beispiel am Nachmittag Liveübertragungen (!) im Fernsehen und jeden Abend eine halbstündliche Zusammenfassung des Spielgeschehens. Davon können wir in Deutschland nur träumen.

Der immer gut aufgelegte Boris Spasski spielte am Freitagvormittag gegen 18 bulgarische Journalisten von Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen simultan. Nicht weniger als achtmal wählte er dabei sein geliebtes Königsgambit. Keiner schiebt so locker und elegant die Figuren übers Brett wie der Exweltmeister.



Zumeist erfolgen die Züge sehr schnell, bei manchem Brett bleibt Boris aber schon mal drei Minuten stehen, um den besten Zug zu finden. Nach den Partien sagte er seinen Gegnern auf charmante Art, was sie falsch gemacht haben.


Spasski hat Spaß am Simultan

Und er macht manchmal nach eigener Aussage "grobe Züge", um im Endspiel seinen Vorteil zu verwerten. Das Ergebnis war standesgemäß, der Maestro gab nur drei Remis ab. Glücklich über sein Unentschieden war Georgi Spasov, Chefredakteur eines Militär-Fernsehkanals. Er hatte Caro-Kann gespielt, nach 23 Zügen wurde die Friedenspfeife geraucht. Es fiel uns auf, dass Spasski nur männliche Gegner hatte.

Im Grand Hotel hatte der 10. Schachweltmeister tags zuvor eine herzliche Begegnung mit der bulgarischen Fußball-Ikone Christo Stoichkov. Der frühere Nationalspieler und -coach spielte in seiner Glanzzeit für den FC Barcelona. 1994 war er WM-Torschützenkönig und Europas Fußballer des Jahres.


(Neben Spasski und Stoitschkow sitzen Schiedsrichter Faik Gasanov und Turnierdirektor Silvio Danailow).

Die Sofioter Zeitungen brachten heute die Nachricht über das Treffen der beiden Sportlegenden und das Foto ebenso.

Apropos Ikone. Auch für den Sieger des Jahrgangs 2008 gibt es traditionell eine solche.



Wird es diesmal Iwantschuk sein, der sie mit nach Hause nimmt, oder schaltet Topalow in den letzten drei Runden wieder seinen berühmten Turbo ein, um seine Kollektion von Heiligenbildern zu komplettieren?


Plamena Andreeva...


... scheint einen klaren Favorit zu haben.

In der gestrigen siebenten Runde teilten Iwantschuk und Topalow den Punkt. Der Ukrainer drückte mit Weiß lange Zeit auf die Stellung des Bulgaren. Spasski, der dem Kommentatoren-Team beisprang und die Partie für die Zuschauer erläuterte, konstatierte, dass Weiß die angenehmere Position habe, kritisierte aber einige Turm- und Springermanöver Iwantschuks.


Spasski im Kommentatorenraum

Wassili räumte auf der anschließenden Pressekonferenz ein, nicht immer die optimalen Züge gefunden zu haben, um seinen Vorteil in einen Punkt umzumünzen.



An den Gesamtsieg denke er jetzt noch nicht, noch seien drei Runden zu spielen. Das Rennen um den Titel von Sofia bleibt also weiterhin spannend, auch die Situation hinter den beiden Spitzenreitern.

Iwan Cheparinow, der zweite Lokalmatador, trennte sich zuletzt von Levon Aronian remis. Die bulgarische Nr.2 behauptet vor der achten Runde weiterhin den dritten Rang, muss ihn aber jetzt mit Teimur Radjabow teilen.


Zwei Bulgaren. Noch steht Cheparinov im Hintergrund

Der Mann aus Baku will, angespornt durch seinen Sieg über den Chinesen Bu Xiangzhi, ebenfalls weiter nach vorn. Levon Aronian spielt hier unter seinen Möglichkeiten, und Bu, einstmals jüngster Großmeister der Welt, hat bisher nur ein mageres Pünktchen auf seinem Konto. Er ziert mit großem Abstand das Tabellenende, bleibt aber gelassen und freundlich. Der freundliche Großmeister stammt aus der Millionenstadt Qing Dao im Osten Chinas und wohnt heute wie alle Spitzenspieler in Peking. Xiangzhi freut sich auf den Länderkampf im August an zehn Brettern gegen die deutsche Nationalmannschaft, ehe es dann im November nach Dresden zur Schacholympiade geht. Vor zwei Jahren beim Turnier der Nationen in Turin saß Bu am Spitzenbrett des chinesischen Teams und holte mit ihm die Silbermedaille.

Zur Erdbebenkatastrophe in China sagte er uns, dass sein Heimatland derzeit von der Natur wahrlich nicht mit Glaceehandschuhen angefasst werde. Glücklicherweise seinen keine Verwandten und Freunde von ihm unter den Opfern.

Neben Spasski gibt es beim M'tel Masters in Sofia noch andere Ehrengäste, zum Beispiel Gennadi Sosonko. Der ehemalige St. Petersburger Großmeister mit Wohnsitz in Holland freute sich wie sein Landsmann Spasski am Mittwochabend über den UEFA-Cup-Sieg von Zenit St. Petersburg über die Glasgow Rangers.


Gennadi Sosonko


Sosonko und Zurab Azmaiparashvili

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