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Auf der Suche nach der Wahrheit
Von André Schulz


Am linken Rand, in Brissago, wird die WM gespielt, rechts, oberhalb von Ascona am Monte Veritá wohnen die Spieler. In der Mitte liegen die Brissago Inseln, auch Inseln der Seligen genannt.



Henri Oedekoven, Sohn eines sehr reichen Antwerpener Großindustriellen, war Anfang Zwanzig und schwer krank. Jahrelang rang er mit dem Tode, bevor ein Leipziger Naturheilkundler ihn schließlich heilen konnte. In den Jahren seines Leidens hatte er sich Gedanken über sein bisheriges Leben als verwöhnter Dandy gemacht und sich radikal neu orientiert. Aus dem genussfreudigen Jüngling wurde ein nachdenklicher Mann, der sein ganzes Leben neu ausrichten wollte. Er strebte nach einem gesunden Leben im Einklang mit der Natur, wurde zunächst Vegetarier, schließlich wollte er sich überhaupt nur noch mit Früchten ernähren. Bei einem Besuch in der Naturheilanstalt Rikli in Veldes (Österreich) hatte der 24-Jährige die wesensverwandte, 11 Jahre ältere Ida Hofmann kennen gelernt. Zusammen beschlossen sie, ein Leben jenseits von bürgerlichem Schein, Luxus, Egoismus, Lüge und Heuchelei zu führen. Schließlich kamen sie auf den Gedanken, in einer Kolonie abseits der Zentren der Zivilisation die neue Lebensphilosophie zu verwirklichen.

Im Oktober 1900 versammelten sich insgesamt sieben Gleichgesinnte im Haus von Ida Hoffmanns Verwandten in München und diskutierte über die zu gründende Lebensgemeinschaft, unter welchen Bedingungen sie eingegangen werden könne und wer überhaupt dazu gehören solle. Schließlich wurden der ungarische Oberleutnant Karl Gräser, von vielen anarchistischen Idealen durchflutet, die hübsche, aber etwas überspannte Bürgermeistertochter Lotte Hattemer, Ida Hoffmanns Schwester Jenny, im Gegensatz zur Schwester eher nüchtern und sachlich, und Ida Hoffmann und Henri Oedenkoven selbst für geeignet befunden, den Aufbruch ins Paradies abseits des bürgerlichen Lebens zu wagen. Karl Gräsers jüngerer Bruder Gustav drängte sich selber auf und kam einfach mit.

Als Ort der Kolonie war zunächst Lenno am Comer See vorgesehen. Die Gruppe warf ihre bürgerliche Kleidung fort, hüllte sich in luftige Gewänder und machte sich zu Fuß auf den Weg durch die Alpen. Die ließen sich Bärte wachsen und auch ihr Haupthaar wurde immer länger, so dass es auf dem Weg in den Süden zu mancher Verwechslung kam, wenn einige Dorfburschen den Tunika behängten Gustav Gräser mit dem Heiland verwechselten.

Am Comer See angekommen fand sich jedoch kein geeignetes Grundstück. Die Kolonisten erforschten die nähere und weiter Umgebung und fanden sich schließlich vom Dorf Ascona und den vorgelagerten Brissagoinseln magisch angezogen. Die Inseln waren einst Stätte einer Klostergemeinschaft gewesen, deren Mitglieder der Botschaft der christlichen Nächstenliebe zu direkt gefolgt waren, so dass sogar der Papst eingeschritten war, um die Ausschweifungen zu beenden. Nun hatte eine russische Gräfin sich hier niedergelassen und verwandelte die Inseln durch zahlreiche Anpflanzungen in ein kleines Paradies. In den Orten am Lago Maggiore und den Tälern in der Nähe hatten sich bereits einige Alternative nieder gelassen: Vegetarier, politische Freidenker und Sonnenanbeter.

Bei Ascona fand Oedekoven schließlich einen kleinen Berg, dessen felsiger Grund für Ackerbau nicht geeignet war und kaufte hier Land an. Die Gruppe nannte den Berg nun Monte Veritá und das wurde auch der Name ihrer Kolonie.

Bald nach der Gründung gab es Streit zwischen Henri Oedenkoven und Gustav Gräser. Gräser musste gehen. Statt seiner stieß der ungarische Militärarzt Albert Skarvan, der sich im Tessin als Flüchtling aufhielt, hinzu. Mit ihrer eigener Hände Arbeit begannen die fünf Kolonisten Bäume zu roden, Häuser zu bauen und den Berg bewohnbar zu machen. Bald mussten sie jedoch Hilfe von Handwerkern aus der Umgebung anzufordern. Auch dann ging die Arbeit nur zäh voran. Als besonders störend erwies sich die rasche Popularität des Unternehmens. Über verschiedene Insiderzirkel für alternative Lebensformen, Vegetarismus, Gleichberechtigung der Frau verbreitete sich die Kunde vom neuen Modell rasch und zog allerlei Leute an, die vor allem gerne über ihre Weltanschauungen diskutierten und die Kolonisten ansonsten von der Arbeit abhielten.

Nach einigen Mühen gelang es nach und nach, den öden Hügel oberhalb Asconas in ein kleines Paradies zu verwandeln. Während Oedenkoven und Hoffmann immer ihre Idee eines Naturheilsanatorium im Auge behielten, versammelten sich in der zeitweise genossenschaftlich organisierten Kolonie zahlreiche Phantasten, Theosophen, radikale Vegetarier, Spiritisten, Anarchisten, Kommunisten. Zahlreiche Nichtsnutze in weltanschaulicher Verkleidung waren darunter, die auf Kosten anderer ihr Leben zu bestreiten gewohnt waren, aber auch einige Köpfe, die das europäische Geistesleben später nachhaltig geprägt haben.



Der Expressionist Werner Ackermann, nach 1923 einer der Besitzer des Berges, hat unter dem Pseudonym Robert Landmann ein unterhaltsames und detailreiches Buch über den Monte Veritá veröffentlicht, in dem dessen kurze Geschichte erscheint die kleine Gesellschaft dort wie ein Mikrokosmos des menschlichen Zusammenlebens. In durchaus ironisch-distanzierten Notizen werden viele Personen noch einmal kurz lebendig, die in dieser Zeit, zu Anfang des letzten Jahrhunderts, an diesem Ort eine Rolle gespielt haben und in einer Zeit großer Umgestaltungen der Lebensbedingungen für viele Menschen im Zuge der zunehmenden Industrialisierung entwurzelt wirken.



Unter denen, die sich von den Ideen des Monte Veritá angezogen fühlten und die Kolonie besuchten, waren Namen wie Hermann Hesse, Erich Maria Remarque, Hugo Ball, Else Lasker-Schüler, Stephan George, Isidora Duncan, Carl Eugen Keel, Paul Klee, Rudolf Steiner, Mary Wigman, Max Piccard, Ernst Toller, Henri van de Velde, Fanny von Reventlow, Frieda und Else von Richthofen, Otto Gross, Erich Mühsam und Gustav Stresemann.

Ich liebte nicht die Totenkopfhusaren,
Und nicht die Mörser mit den Mädchennamen,
Und als am End die grossen Tage kamen,
Da bin ich unauffällig weggefahren.
Hugo Ball

Hugo Ball und die aus Flensburg stammende mit ihm verheiratete Emmy Hennings traten später im von Ball, Hülsenbeck und Arp 1926 gegründeten Dada-Theater "Cabaret Voltaire" in der Züricher Spiegelgasse 1 auf und standen mit ihren offensichtlich aufrührerischen Inhalten unter ständiger Beobachtung der Polizei. Nur wenige Häuser weiter. in der Spiegelgasse 14 wohnte "ein gewisser Herr Uljanow alias Lenin". Der gelehrte Russe erregte bei den Behörden viel weniger Aufmerksamkeit als die chaotischen Künstler vorne im Eckhaus. Mit seinen kommunistischen Freunden spielte Lenin gerne Schach, eine harmlose Leidenschaft, die nicht ahnen lässt, dass er später, nachdem er mit deutsche Hilfe nach Russland gelangt ist, dort die Macht übernehmen und zusammen mit seinen Nachfolgern und anderen Parteifreunden daran gehen wird, Russland ohne Rücksicht auf Menschenleben radikal umzugestalten und Europa und die Welt in einen folgenreichen ideologischen Konflikt zu stürzen, der auch heute noch nicht ganz überwunden ist.


Gorki, Bogdanow, Lenin (Capri 1908)

Unter den russischen Exilanten und Schachfreunden Lenins befindet sich auch jener Nikolai Krylenko, später Justizkommissar der UdSSR, der als Chef des Schachverbandes der UdSSR für den Schachboom in der Sowjetunion sorgen wird. Von ihm stammte der Spruch: "Es genügt nicht die Schuldigen zu erschießen, erst wenn man ein paar Unschuldige liquidiert, sind die Leute beeindruckt." In den Tagen des Terrors ließ Stalin ihn hinrichten. Unschuldig war er nicht, aber wahrscheinlich auch nicht dessen schuldig, dessen er beschuldigt wurde.

Die Dada-Idee wurde von den Surrealisten aufgenommen und wirkte noch weit in die heutige Zeit hinein, z.B. in der New Wave- Bewegung der Popomusik der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Eine bekannte Gruppe nannte sich ebenfalls "Cabaret Voltaire".

An die Scheiben schlägt der Regen

An die Scheiben schlägt der Regen.
Eine Blume leuchtet rot.
Kühle Luft weht mir entgegen.
Wach ich, oder bin ich tot?

Eine Welt liegt weit, ganz weit,
Eine Uhr schlägt langsam vier.
Und ich weiß von keiner Zeit,
In die Arme fall ich dir ...
Emmy Hennings

 

Die Schriftstellerin und Darstellerin Emmy Hennings (li.) war eine ganz besonders illustre Persönlichkeit. Ihre sinnesfrohe Lebensauffassung ließ sie u.a zur Geliebten von Hans Arp, Johannes R. Becher, Erich Mühsam oder auch Hermann Hesse werden.

Erich Mühsam nennt sie ein "erotisches Genie": ´"Das arme Mädchen kriegt viel zu wenig Schlaf. Alle wollen mit ihr schlafen, und da sie sehr gefällig ist, kommt sie nie zur Ruhe." Ferdinand Hardekopf, Reichstagsstenograf und Journalist, große Liebe und Zuhälter der Hennings, hatte Mühsam diese zur Übernahme angeboten, als ihm die Behandlungskosten ihrer Typhuserkrankung zuviel wurden. Doch Mühsam lehnte ab.

Emmy Hemmings war Tingel-Tangel-Mädchen, Dichterin, Prostituierte, Drogensüchtige und überzeugte Katholikin. Nach 1910 trat sie im Berliner Café Größenwahn auf. Ihre literarische Begabung erregt den Neid und die andauernde Feindschaft von Else Lasker-Schüler. Sie lernte u.a den Expressionisten Georg Heym kennen, der 1912 beim Eislaufen auf dem Wannsee ertrinkt. Der spätere DDR-Kultusminister Becher, mit dem zusammen sie die Drogensucht nach Äther und  Morphium teilt, verfällt ihr völlig.

1914 wird Hennings wegen Beischlafdiebstahls verhaftet, Mühsam besucht sie und besorgt ihr einen Anwalt. Als Mühsam selbst 1933 von den Nazis in Berlin verhaftet wird, lebt seine frühere Liebe im Tessin und versucht von dort aus, mit allen Kräften seine Freilassung zu erreichen. 1934 reist sie nach Berlin, um Mühsam im KZ Oranienburg zu besuchen. Es ist nicht bekannt, ob sie ihn noch einmal gesehen hat. Erich Mühsam wird drei Wochen später von KZ-Schergen zu Tode geprügelt, weil er sich weigerte das Horst-Wessel-Lied zu singen. Emmy Hennings starb 1948 im Tessin an den Folgen einer Lungenentzündung.
 
Oedenkoven und Hoffmann realisierten ihren Traum vom selbst geschaffenen Paradies vor allem mit den Mitteln des eigenen Vermögens. Wo das nicht reichte, half Oedenkovens Mutter aus. Große Pläne wurden geschmiedet. Das ganze Maggia-Tal sollte in eine genossenschaftlich organisierte Vegetarierkolonie verwandelt werden. Die Kolonisten und die Gäste des Sanatoriums ernährten sich vor allem von Körnern und destillierten Früchten. Wollkleidung war ebenso verpönt wie Milch und Milchprodukte. Einzig Sandalen aus Leder waren in Ermangelung einer Alternative zugelassen. In der Kolonie bewegte man sich gerne nackt, was zahlreiche Neugierige anzog und von einer Reederei am Lago Maggiore mit Ausflugsschiffen nach Ascona zum Geschäft gemacht wurde.

1914 verliebte sich Oedenkoven in eine junge Engländerin, die nichts von freier Liebe hielt und auf Heirat bestand. Die beiden heirateten und bekamen sogar zwei Kinder, was Erich Mühsam zwnag, seine These von der Kinderlosigkeit vegetarischer Verbindungen zu revidieren. Der erste Weltkrieg sorgte jedoch bald für den Niedergang der Sanatoriumsgeschäfte auf dem Monte Veritá. Theodor Reuß kaufte sich 1917 ein und gründete die geheimnisvolle Gesellschaft O.T.O, "Ordenstempel des Ostens, unter deren Deckmantel er seine sexuellen Fantasien mit seinen Anhängerinnen in den Gärten des Monte Veritás verwirklichte, bis er endlich wieder rausgeschmissen wurde. Sein "Wirken" hatte die Kolonie stark in Verruf gebracht. Inzwischen hatten sich sich auch zuviele Salonanarchisten und andere Selbstdarsteller dort versammelt, die zwar für ein buntes Treiben sorgten, aber mit den Oedekovenschen Grundgedanken nichts mehr gemein hatte.

Oedekoven verpachtete schließlich den Berg und verließ Ascona zusammen mit seiner Frau Isabella und seiner Ida Hoffmann schließlich im Jahr 1920. Der Berg verkam zum Rummelplatz und wurde bald völlig verlassen. Nach einigen Jahren wechselte der Berg den Besitzer, 1926 wurde er von dem Kunstsammler Eduard Freiherr von der Heydt gekauft, der dort einen Hotelbetrieb mit Sanatoriumscharakter etablierte. Heute dienen die Gebäude am Monte Verítá als Museum und Kongresshotel.



Die Brissago-Inseln

Auf dem Weg vom Monte Veritá nach Brissago kann man auf halber Strecke auf der Höhe von Ronco einen Blick auf die legendären Brissago-Inseln werfen.

Diese waren in schon in römischen Zeiten eine Kultstätte und waren zur Zeit der Christenverfolgungen ein Zufluchtsort für die frühen Christen aus der Umgebung. Auf der kleineren Insel wurde die erste christliche Kirche der Gegend gebaut. Später, seit dem 12.Jh. hatte der Orden der Umilati auf den Inseln seinen Sitz. Papst Pius V. löste in 1574 wegen zu großer Degenerierung und Entfernung von der christlichen Botschaft auf. Die Inseln blieben unbewohnt, bis sie im Jahr 1885 von der Baronin de St. Léger gekauft wurden.

Waren unter den Besuchern des Monte Veritá schon einige mit bewegenden Biografien, so wurden diese von der der Geheimnis umwitterten Baronin noch übertroffen. Man munkelte, dass die in St. Petersburg geborene Frau de St. Léger, einer Liasion zwischen einer Tänzerin und einem ranghohen Mitglied des russischen Zarenhofes entstammte. Einige meinten, Zar Alexander II. sei ihr Vater gewesen. Sie erhielt eine gute Ausbildung und wurde wegen ihrer zarten Natur in Begleitung einer Gouvernante zur Erholung nach Nepael geschickt und dort beim deutschen Konsul Jäger untergebracht, den sie bald heiratete. Sie reiste viel und lernte in Rom u.a Liszt kennen, von dem sie als letzte Schülerin Klavierunterricht erhielt. Danach begann sie, sich als Kunstsammlerin zu betätigen. Nach der Scheidung von ihrem Mann reiste sie mit ihrem Sohn umher und heiratete dann den irischen Diplomaten Baron de St. Lèger. Wegen des angenehmen Klimas ließ sich das Paar am Lago Maggiore nieder. 1885 kaufte der Baron für 25.000 Franken die Inseln.

Die Baronin begann sofort mit der Umgestaltung der Inseln und ließ unzählige Pflanzen aus allen Ecken der Welt anpflanzen. Bald war ein blühendes Paradies entstanden.



Gleichzeitig knüpften sie zahlreiche Kontakte und war in viele Geschäfte verwickelt, die Haute Volaute der näheren und weiteren Umgebung gab sich die Klinke in unzähligen Gartenfesten die Hand. Dem eher ruhigen Baron wurde das bald zuviel, ließ sich nach Nepal versetzen und kehrt nicht wieder. 1923 starb er in Neapel. Aufgrund ihrer vielen nicht immer einträglichen Geschäfte und ihres aufwändigen Lebenswandel musste die Baronin nach Ende des Ersten Weltkrieges bald Stück um Stück ihres Besitzes verkaufen. Schließlich musste sie die Inseln selbst für veräußern. Der Hamburger Warenhausbesitzer Dr. Emden kaufte sie 1927 für 350.000 Franken. Bis zum vereinbarten Auszugstermin wusste Antoinetta de St. Léger nicht, wo sie mit ihren zahlreichen Kisten voller Erinnerungsstücke hin sollte, bis Dr. Emden schließlich gegenüber von den Brissago Inseln eine alte Mühle mit einigen Gebäuden für sie kaufte. Sie starb völlig verarmt im Altersheim von Intrinata.

Mit dem Hamburger Kaufmann Max Emden kam ein ganz anderer Lebensstil auf die Inseln. Das Haus der Baronin und die Reste der alten Kirchen wurde gesprengt, ein neuer prächtiger Palazzo mit 30 Räumen in luxuriöser Ausstattung gebaut.

Emden, der im Alter von knapp 50 Jahren seine Warenhäuser verkauft hatte und nun unbegrenzte Mittel zur Verfügung hatte, konzentrierte sich vor allem auf die Kunst zu leben. Der Park wurde ausgebaut. Er ließ ein 33 Meter großes offenes römische Bad erreichten, in dessen Mitte ein Schwimmbecken aus Marmor. Der Hamburger Bildhauer Wrba schuf ein Frauenfigur, die am Bassin aufgestellt wurde.

Der Badeplatz war von einer Mauer umgeben. An einer Ecke wurde eine bogenförmige Öffnung eingelassen, die durch ein schmiedeeisernes Gitter gesichert war.




Heute...


...damals. Andere Zeiten, andere Sitten.

Am 9.April 1956 stand Konrad Adenauer vor dem Aussichtsfenster und bezeichnete es als schönsten Aussichtspunkt, den er jemals in Europa gesehen habe.

Neben Golf war Emdens Hobby das Sammeln von schönen, jungen Frauen. Zahlreiche Mädchen bevölkerten die Insel. Eines seiner Spiele bestand darin, Münzen in das Schwimmbecken zu werfen und den nackten Nymphen zuzuschauen, wenn sie danach tauchten. Wenn der Lebemann täglich mit einem seiner 10 Boote Boot auf dem Lago kreuzte, lagen braun gebrannten Körper auf dem Deck. Zusammen hatte man viel Spaß am Leben.



Zu den Gästen der Insel in jener Zeit gehörten u.a. Aga Khan und Erich Maria Remarque. Max Emden starb 1940 im Alter von 66 Jahren und ist in Ronco begraben. Die Inseln waren bald wieder verlassen und Geheimnis umwittert. Nach dem Tode Mussolinis hieß es zeitweise, die Gebeine des Duces seien über die Grenze auf die Brissagoinseln geschafft worden.

 

Literatur:
Robert Landmann: Ascona Monte Veritá, Zürich 1973
Andreas Schwab und Claudia Lafranchi (Hrsg.): Sinnsuche und Sonnenbad, Zürich 2001
Guiseppe Mondada: Die Brissago Inseln, Brissago 1975
 

 


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