Überraschung beim Politikerturnier

12.11.2007 – Mit Hans-Jürgen Riesenbeck (Bild) gab es einen Überraschungssieger beim 17ten Politikerschachturnier, das am vergangenen Samstag in Berlin stattfand. Der Essener verwies den punktgleichen Dietmar Lingmann dank etwas besserer Zweitwertung auf Platz Zwei. Vorjahressieger und Favorit Jan Lundin musste sich nach zwei Niederlagen mit Platz Sieben begnügen. Erstmals fand das Turnier im Maritim Hotel statt. Der Gastgeber und Sponsor bot dem 64 Spieler umfassenden Teilnehmerfeld ausgezeichnete Spielbedingungen. Das Haus liegt an der Stauffenbergstraße, gleich gegenüber dem Bendlerblock, wo sich mehrere Widerstandsgruppen gegen den Nationalsozialismus gebildet hatten. Eine Gedenkstätte erinnert dort heute an den deutschen Widerstand und an Claus Schenk Graf von Stauffenberg, dessen Geburtstag sich am 15. November zum 100sten Mal jährt und dessen Leben hier am 21. Juli 1944 gewaltsam ein Ende fand. Bereicht, Bilder, Interviews

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Überraschungssieg beim Politikerturnier
Von André Schulz
Fotos: André Schulz Benjamin Bartels


Endstand...

Das Politikerturnier in Berlin hat sich zu einer festen Größe im Schachkalender entwickelt.


Berlin!

Jedes Jahr im Herbst findet es mit großer Zuverlässigkeit statt und wird vom Berliner Schachverband mit beachtlicher Routine professionell durchgeführt. Der Titel "Politikerschachturnier" suggeriert, Berliner Politiker würden sich nun vielleicht auch einmal im Schach versuchen. Doch dies stimmt so nicht und trifft auch nicht die Stimmung des Turniers. In Wirklichkeit treffen sich nämlich Schachspieler, die auch politisch aktiv sind, zu ihrem Schachturnier. Viele sind Mitglied in ihrem örtlichen Schachverein, manche engagierte Hobbyschachspieler, aber nicht minder ehrgeizig. Die meisten der Mitspieler sind schon seit Jahren dabei, nutzen diesen Anlass zu einem Besuch in Berlin und lassen sich die große Freude, mit der sie am Turnier teilnehmen, auch anmerken. Allerdings verleiht die gelegentliche Gegenwart einiger sehr prominenter Berliner Politiker aus der ersten Reihe dem Turnier häufig zusätzlichen Glanz.

Besonders der frühere Innenminister Otto Schily gehört zum festen Bestand des Wettbewerbs und hatte in den vergangenen Jahren auch Einfluss auf die Terminierung genommen, um an einem freien Tag in jedem Fall daran teilnehmen zu können. Leider fehlte Otto Schily im vergangenen Jahr, hatte sich in diesem Jahr wieder angemeldet und musste leider wieder ganz kurzfristig absagen. Einige weitere schachkundige Galionsfiguren der deutschen Politik wussten von vorne herein, dass sie nicht werden teilnehmen können.

So musste das Turnier auf so bekannte Schachliebhaber unter den Politiker wie Finanzminister Peer Steinbrück, Innenminister Wolfgang Schäuble, den saarländischen Ministerpräsident Peter Müller oder den früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse verzichten. Die meisten der Genannten waren früher schon einmal hier angetreten, um sich gemäß den Regeln des Schachs im geistigen Wettstreit zu messen.

Gerne erinnert sich Organisator Alfred Seppelt auch an die Schachspieler Richard von Weizsäcker und Helmut Schmidt. In diesem Jahr musste nun der Grünen-Frontmann Hans-Christian Ströbele,


Hans-Christian Ströbele

, der frühere SPD-Generalsekretär Klaus Uwe Benneter


Klaus Uwe Benneter

und die Professorin Margarita Mathiopoulos, Sicherheitsexpertin der FDP,


Prof. Margarita Mathiopoulos

die größte Last allgemeiner Bekanntheit tragen.

FDP-Geschäftsführer Hans-Joachim Beerfeltz, eigentlich immer im Turnierfeld zu finden, war diesmal wegen der Strategiekonferenz der FDP, die gleichzeitig in Hannover stattfand, abwesend. 

Mit dem langjährige Präsident des Schachbundes Rheinland-Pfalz, Günther Müller, der auch politisch in seinem Heimatort Kettig aktiv war, wurde der Deutsche Schachbund als Schachfraktion im Turnier gestärkt.


Günther Müller

Außerdem schauten mit Norbert Sprotte (Kreuzberg) und Manfred Rausch (Tegel) zwei Vorsitzende Berliner Vereine vorbei. Innenminister Wolfgang Schäuble schickte den Teilnehmern eine Grußbotschaft, die von Günter Müller verlesen wurde.


Günter Müller verliest die Grußbotschaft

In den letzten Jahren hat der Ehrenpräsident des Berliner Schachverbandes Alfred Seppelt auch mehr und mehr Angehörige der Botschaften eingeladen - seinerzeit ein Wunsch des damaligen Schirmherren Gerhard Schröder -, um dem Turnier mehr Internationalität zu verleihen. Dieser Umstand verhalf dem Turnier zu Teilnehmern wie Jan Lundin, Gesandter der schwedischen Botschaft und früher einmal schwedischer Jugendnationalspieler. Im letzten Jahr gewann Lundin bei seiner ersten Teilnahme prompt das Turnier. Seiner internationalen Erfahrung, die sich in einer Elozahl von knapp 2300 ausdrückt, hatten die anderen Teilnehmer nicht genug entgegen zu setzen. Auch in diesem Jahr war Lundin natürlich Favorit. Doch am Ende feierten die Teilnehmer einen Überraschungssieger.

Im Jahr 2007 wurde das Politikerschachturnier zum 17ten mal ausgetragen und hatte mit dem Maritim Hotel einen neuen Gastgeber gefunden.

Nun hat das Turnier in den vergangene Jahren In Bezug auf seinen Austragungsort alles andere als Not gelitten und war bestens versorgt, aber das Maritim Hotel als Sponsor hob die Rahmenbedingungen  tatsächlich auf einen noch höheren Standard.



Das geschmackvoll eingerichtete Haus mit ausgesprochen freundlichem Personal liegt in Fußweite zum Potsdamer Platz und auch das Regierungsviertel ist nur einen Steinwurf entfernt.

Neben dem Politikerschachturnier fand einige weitere Veranstaltungen statt. So gab Renault Deutschland im Foyer einen Empfang.


Renault lädt ein

Schachspieler haben im Vergleich zu anderen Sportarten übrigens den Vorteil, dass das Sportgerät recht leicht zu transportieren ist und auch nicht übersteuert.


Im Foyer: ein F1-Renault

Gleich gegenüber auf der anderen Seite der Stauffenbergstraße liegt das Bundesverteidigungsministerium und gleich daneben der berühmte Bendlerblock, heute Gedenkstätte des Deutschen Widerstandes. Der Turniersaal bot den 64 Schachpolitikern mehr als genügend Platz. Für Getränke wurde gesorgt und nach dem Turnier lud das Maritim Hotel Spieler und Organisatoren zu einem ausgezeichneten warmen Buffet ein. Als weitere Sponsoren stiftete die Agentur fischerAppelt und ChessBase Pokale und Preise.


Ralf Seibicke, Präsident des Landesrechnungshof Magdeburg


Der ehemalige Sieger Volker Wildt: Was habe ich denn noch nicht...

Um den Spielstärkeunterschied zwischen aktiven Vereinsspielern ("Profis 1"), ehemaligen Vereinsspielern ("Profis 2") und Hobbyspielern ("Amateure") auszugleichen, wird mit Bedenkzeithandicap gespielt. Eine Partie dauern 20 Minuten. Treffen zwei Spieler der gleichen Klasse aufeinander, erhält jeder 10 Minuten Bedenkzeit, bei einfachem Klassenunterschied beträgt die Verteilung 12:8 Minuten, bei zweifachem Klassenunterschied 15.5 Minuten.

Jan Lundin gewann im letzten Jahr mit 6,5 Punkten und war auch diesmal Favorit.

Der 44-Jährigen war in seiner Jugendzeit ein sehr aktiver Turnierspieler und bildete zusammen mit gleichaltrigen Pia Cramling und einigen anderen Spielern ein starke schwedische Jugendmannschaft. Dann hat er wie die meisten seines Jahrgangs mit Schach aufgehört. Anfang 2000 findet man ihn wieder in den Listen von einigen offenen Turnieren. "Die Kinder sind groß und ich habe wieder viel Interesse am Schach und auch etwas Zeit dafür. Eigentlich macht mir Schach heute viel mehr Spaß, weil ich glaube, nun mehr davon zu verstehen als früher."

Als Top-Favorit gehandelt, war Lundin doch auch etwas nervös, da nun jeder erwartete, dass er auch diesmal gewinnen würde. Tatsächlich musste er jedoch gleich in der ersten Runde eine Niederlage gegen Martin Wünschmann hinnehmen. In wohl ausgeglichener Stellung bot Wünschmann remis. Doch Lundin spielte auf Gewinn - und verlor. In den nächsten Runden versuchte er, den Rückstand zur Spitze aufzuholen und gewann auch alle Partien. Dann traf er in der letzten Runde auf Dietmar Lingmann. Im Kampf um den ersten Platz unterlag der Schwede diesmal dem Kreuzberger Vorstandsmitglied der Berliner Grünen. Damit hatte Dietmar Lingmann 6 Punkte auf dem Konto, eigentlich genug zum Turniersieg. Doch überraschend bezwang Hans-Jürgen Riesenbeck in der Schlussrunde Gerhard Meiwald und kam auf die gleiche Punktzahl. Dank hauchdünner besserer Zweitwertung verwies er Lingmann auf Platz Zwei.


Preisverleihung mit Alfred Seppelt und Dr. Matthias Kribben


Sieger Hans-Jürgen Riesenbeck

Alfred Seppelt und der Berliner Schachverband, vertreten durch seinen Präsidenten Dr. Manfred Kribben, sorgten für ein perfektes Turnier, das von Dr. Joachim Fechner souverän geleitet wurde.


Organisationsteam um Dr. Fechner

Als Schiedsrichter haben sich Matthias Möller, Internationaler SR des DSB und Landespielleiter des Berliner Schachverbandes und Martin Sebastian, Mitglied des Spielausschusses im BSV, zur Verfügung gestellt. Im Rahmen der Preisverleihung dankte Dietmar Lingmann Alfred Seppelt und dem Berliner Verband im Namen aller Teilnehmer für ihre langjährige großartige Arbeit.


Dietmar Lingmann bedankt sich


Alfred Seppelt in  seinem Element

Beim Verlassen des Maritim Hotels schaut man auf der anderen Straßenseiteseite auf den Bendlerblock.

Die gemeinsame Adresse ist in Erinnerung an den Widerstandskämpfer Claus Graf Schenk von Stauffenberg heute Stauffenbergstraße.


Büste von Stauffenberg

Früher hieß die Straße Bendlerstraße. In den Jahren 1911 bis 1914 entstand der Gebäudekomplex am Landwehrkanal als Sitz für die oberste Marinebehörde. Auch Alfred Tirpitz hatte hier seine Wohn- und Arbeitsräume. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Gebäude vom Reichswehrministerium genutzt, seit 1935 auch vom Oberkommando der Wehrmacht. Der ursprünglich als Bendlerblock bezeichnete Erweiterungsbau entstand 1938.

Im Bendlerblock hatte auch das Auslandsamt/Abwehr ihren Sitz, wo sich besonders unter General Oster eine große Widerstandsgruppe versammelt hatte. Bereits 1938 war von der Gruppe ein Umsturz geplant worden, der sich aber wegen der politischen Ereignisse zerschlug. Eine andere Widerstandsgruppe unter der Leitung von General Olbricht hatte ihren Sitz im Ostflügel des Baus. Nach dem missglückten Attentat des 20 Juli, bei dem Claus Graf Schenk von Stauffenberg eine Tasche mit einer Bombe in unmittelbarere Nähe von Hitler platziert hatte, wurden im Innenhof des Bendlerblocks die Widerstandskämpfer Generaloberst Ludwig Beck, General der Infanterie Friedrich Olbricht, Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg, Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Oberleutnant Werner von Haeften hingerichtet.

1950 entstand hier ein Ehrenmal Am 20 Juli 1953 enhüllte der Regierende Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter eine Bronzefigur, die Richard Scheibe geschaffen hatte. Von Edwin Redslob stammt die Inschrift auf dem Gedenkstein.

"Ihr trugt die Schande nicht, Ihr wehrtet Euch, Ihr gabt das große ewig wache Zeichen der Umkehr, opfernd Euer heißes Leben für Freiheit, Recht und Ehre."

Im Jahr 1955 wurde die Bendlerstraße in Stauffenbergstraße umbenannt. Später wurde eine weitere Gedenktafel mit den Namen der Erschossenen angebracht.

"Hier starben für Deutschland am 20. Juli 1944 Generaloberst Ludwig Beck – General der Infanterie Friedrich Olbricht – Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg – Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim – Oberleutnant Werner von Haeften."

Die "Gedenkstätte des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus" ist mit einer Ausstellung verbunden, die den deutschen Widerstand dokumentiert.


Widerstandskämpfer

Unter anderem enthält sie Verhörprotokolle. Auch Gestapoberichte können eingesehen werden.


Gestapoberichte

Auch ein Bild der Widerständler Harro und Libertas Schulze-Boysen ist zu sehen. Es zeigt die beiden - beim Schach.



Harro und Libertas Schulz-Boysen

Sieg eines Schwergewichts in Berlin
Von Dagobert Kohlmeyer

Den schwergewichtigen Mann hatten nur die wenigsten auf der Rechnung. Nach dem letzten Zug im Schachturnier der Politiker war Hans-Jürgen Riesenbeck aus Düsseldorf erst einmal erschöpft, aber glücklich. Der 62-jährige Regierungs-Vizepräsident aus Düsseldorf hat am Wochenende bei der Traditionsveranstaltung im Maritim Hotel Berlin allen prominenten Gegnern die Show gestohlen. Mit sechs Punkten aus sieben Partien gewann der SPD-Politiker nach Feinwertung vor dem punktgleichen Berliner Dietmar Lingemann (Grüne), der vor drei Jahren den begehrten Pokal geholt hatte. Lingemann leistete dem neuen Sieger unfreiwillige Schützenhilfe, indem er Titelverteidiger Jan Lundin, einen spielstarken schwedischen Diplomaten, in der Schlussrunde vom Brett fegte.


Lundin-Lingemann

FIDE-Meister Lundin wurde diesmal überraschend nur Siebenter.


Hans-Jürgen Riesenbeck

„Glück braucht man bei einem solchen Turnier schon“, sagte Riesenbeck hinterher. Die Buchholzwertung sprach am Ende hauchdünn für ihn, obwohl Lingemann ihn im direkten Vergleich besiegt hatte. Nach getaner Gedankenarbeit zündete der Mann aus NRW sich erst einmal eine Zigarette an. Auf die Frage, welche Tätigkeit ihm mehr Vergnügen bereite - Rauchen oder Schachspielen - erwiderte Hans-Jürgen Riesenbeck augenzwinkernd, das Brettspiel sei gesünder.

Der aus Essen stammende Politiker ist eine Frohnatur. Am Brett mit den 64 Feldern jedoch agiert er unerbittlich. In der letzten Runde des Berliner Turniers traf er auf seinen Parteigenossen und ehemaligen Vereinskameraden Gerhard Meiwald. Was tun - ein kurzes Remis schieben oder mit offenem Visier in die Schlacht ziehen?

„Ich hätte lieber gegen einen anderen gespielt, doch das Los wollte es so.  Aber bei diesem Turnier geht es neben dem Spaß am Schach auch um die Ehre. Deshalb waren wir uns einig: Wir kämpfen!“

So geschah es. Riesenbeck drang mit den schwarzen Figuren kraftvoll ins Lager des Gegners ein und ließ ihm mit gekonnten Manövern keine Chance. Lohn für sein couragiertes Spiel war der erste Sieg bei der vierten Teilnahme am Politikerturnier. Gerhard Meiwald schaffte noch Platz 3.

Wir wollten vom Sieger wissen, welche Eröffnungen er besonders gern mag. „Mit Schwarz spiele ich Grünfeld-Indisch und Französisch, mit Weiß einen Eigenbau, der eigentlich gar keinen Namen hat. Er ist dadurch gekennzeichnet, dass man sich sehr passiv, aber sicher aufstellt und dann auf eine Schwäche des Gegners wartet.“

Auch wenn ihm durch sein zeitraubendes Amt als Regierungs-Vizepräsident nur wenig Muße für das Lieblingshobby bleibt, steht Riesenbeck seinem Heimatklub „Sportfreunde Katernberg“ in Essen jede Saison für einige Spiele zur Verfügung. „Für Partien im Internet habe ich keine Zeit“, sagt er. Auf jeden Fall aber will der Schach-Riese im nächsten Jahr beim Promiturnier in Berlin seinen Titel verteidigen.


Urgestein Günther Müller
Von Dagobert Kolmeyer

Der langjährige Präsident des Schachbundes Rheinland-Pfalz, Günther Müller, verlas zu Beginn der Veranstaltung ein Grußwort von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble an die Teilnehmer des Prominententurniers. Darin wurde u. a. hervorgehoben, dass Schach Zielstrebigkeit, Konzentration, Selbstdisziplin, Ausdauer und Fleiß fördert. Das Spiel sei geistige Auseinandersetzung und gemeinsames Erlebnis zugleich. Auch ein passendes Zitat aus Stefan Zweigs Schachnovelle über die Faszination und schöpferische Kraft des Schachs fehlte nicht: „Uralt und doch ewig neu, mechanisch in der Anlage und doch nur wirksam durch Phantasie, begrenzt im starren Raum und dabei unbegrenzt in seinen Kombinationen… Das einzige Spiel, das allen Völkern und allen Zeiten zugehört…“


Günther Müller

Günther Müller, im Berufsleben lange Zeit Bürgermeister der Gemeinde Kettig, ist aus dem Schachleben in Rheinland-Pfalz nicht wegzudenken. Sein eigener Verein in Kettig hat früher ganz oben mitgespielt, erinnerte uns der 77-Jährige nicht ohne Stolz: „Wir waren in ganz Deutschland bekannt. 1974 haben wir die Endrunde um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft ausgetragen. Bamberg gewann, Kettig durfte mitspielen und wurde Vierter. Wir hatten vorher Porz hinausgeworfen“.
Seitdem die Bundesliga so viel Geld kostet, backen sie dort etwas kleinere Brötchen und spielen heute in der Rheinland-Pfalz-Liga Nord. - Zwischen zwei Runden in Berlin war Zeit für ein paar Fragen.

Wie lange sind Sie Schachfunktionär gewesen, Herr Müller?

Die Spanne ist sehr lang. 35 Jahre war ich ohne Unterbrechung Vorsitzender des Schachklubs Kettig und 24 Jahre Präsident des Schachbundes Rheinland-Pfalz. Von 1991-1994 war ich Vorsitzender der Landesverbände im DSB. Ich bin Ehrenmitglied im Deutschen Schachbund.

Ehre wem Ehre gebührt. Kann man seine eigene Leistung im Alter nicht noch steigern?

Ich hoffe es, denn ich spiele immer noch gern Schach. Auch wenn ich Jahrgang 1930 bin, möchte ich meine DWZ von 1661 gern noch erhöhen. Ich denke, meine 3,5 Punkte in diesem Politikerturnier können sich sehen lassen.

Spielen Sie manchmal mit einem Computer?

Mein 12-jähriger Enkel bringt mir derzeit bei, wie man mit einem Schachprogramm umgeht. Vielleicht führt das zu einer Leistungssteigerung.


Der Neue: Khin Maung Yin

Einer der Exoten des Turniers war neben dem mongolischen Kulturattaché Battumur Yondon und dem iranischen Gesandten Davoud Charmi der burmesische Exilpolitiker Khin Maung Yin. Der heute 60-Jährige studierte in den 1970er Jahren an der TU in Berlin Geodäsie. Danach blieb der diplomierte Landvermesser in der deutschen Hauptstadt, heiratete und hat zwei Kinder. Zum Prominententurnier kam Khin Maung Yin durch einen glücklichen Zufall, denn die Botschaft seines Landes delegierte den Oppositionellen nicht. Wir sprachen in einer Spielpause mit dem Turnier-Debütanten.


Khin Maung Yin

Sie leben schon lange in Deutschland. Warum engagieren Sie sich politisch?

Seit 1972 bin ich in Berlin und seit 1988 aktiv in der Politik. Ich habe etwas gegen die Militärdiktatur in meiner Heimat. Das Schicksal meiner Landsleute lässt mich nicht kalt. 1991 gründete ich in Berlin das „Burma-Projekt“, in dem auch viele Deutsche Mitglieder sind. Wir treten für eine demokratische und rechtsstaatliche Gesellschaftsordnung in Burma (Myanmar) ein.
Haben Sie Kontakt zur Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi
Ja, wir haben Kontakte zu ihr. In den vergangenen Tagen veröffentlichte sie zwei Erklärungen, aus denen hervorgeht, dass sie jetzt wieder etwas optimistischer ist. Sie durfte ihr Haus verlassen und mit anderen Oppositionellen reden.

Spielt ihre Nationalheldin auch Schach?

Nein, aber sie spielt sehr gut Klavier.

Ist das königliche Spiel in Burma sehr populär?

Ja, Schach wird in meiner Heimat gespielt, aber vorwiegend von Intellektuellen.

Nächstes Jahr gibt es in Dresden die Schacholympiade. Was sagen Sie dazu?

Aha, das ist eine feine Sache. Aber Spieler oder Gäste aus unserem Land werden wohl nicht kommen können. Die Regierung hat ja die Grenzen dicht gemacht. Wir sind isoliert von der ganzen Welt.

Die Botschaft ihres Landes in Berlin ist dem Regime treu ergeben und hat Sie als Oppositionellen nicht zum Politikerturnier delegiert. Wer hat Sie eingeladen?

Bei einer Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin habe ich den Organisator Herrn Seppelt kennen gelernt. Dort hat er mich gefragt, ob ich mitspielen möchte. Ich habe sehr gern zugesagt.

Wie haben Sie sich auf das Turnier vorbereitet?

Ich spielte zu Hause einige Partien mit meinem Computer.


Davoud Charmi, Iran - Khin Maung Yin, Burma


Partien:
Politikerturnier 2007

Lomer – Wildt (Runde 1)

1.Sf3 d5 2.g3 Sf6 3.Lg2 c5 4.0–0 Sc6 5.d4 e6 6.c4 Le7 7.cxd5 exd5 8.Sc3 0–0 9.dxc5 Lxc5 10.Lg5 Le6 11.Tc1 Le7 12.Sd4 Db6 13.Sxe6 fxe6 14.b3 Tae8 15.Sa4 Da5 16.Lh3 La3 17.Tc2 Se4 18.Ld2 Dd8 19.Lg2 Sxd2 20.Dxd2 Df6 21.e3 Se5 22.Tc7 Te7 23.Txe7 Dxe7 24.Dd4 Sc6 25.Dg4 b5 26.Sc3 a6 27.Se2 Df6 28.Sf4 Te8 29.Sh5 Df7 30.Sf4 Se5 31.De2 Tc8 32.Lh3 Tc6 33.Td1 g5 34.Sd3 Sg6 35.b4 e5 36.Dd2 h6 37.Se1 Se7 38.Sc2 Lb2 39.e4 d4 40.Se1 Lc3 41.De2 Lxb4 42.Sd3 Ld6 43.Tc1 Tc4 44.Tc2 Kg7 45.Sb2 Tb4 46.a3 Tb3 47.a4 bxa4 48.Sxa4 De8 49.Sc5 Lxc5 50.Txc5 d3 51.Da2 Tb5 52.Txb5 axb5 53.De6 Dd8 54.Dxe5+ Kh7 55.Lf5+ Sxf5 56.Dxf5+ Kg7 57.De5+ Remis


Lingemann – Arndt (Runde 2)

1.Sf3 Sc6 2.d4 d5 3.Lf4 Sf6 4.e3 e6 5.a3 Le7 6.Ld3 0–0 7.0–0 b6 8.Sbd2 Lb7 9.c4 dxc4 10.Sxc4 Se4 11.Lxe4 Ld6 12.Sxd6 cxd6 13.Tc1 e5 14.Lg5 f6 15.Lh4 Se7 16.Lxb7 Tb8 17.Le4 d5 18.Lb1 e4 19.Sd2 Dd7 20.Db3 Tfd8 21.Sxe4 Sf5 22.Lxf6 gxf6? 23.Sxf6+ Kg7 24.Sxd7 1:0


Wagner – Lundin (Runde 3)

1.e4 d5 2.exd5 Dxd5 3.Sc3 Da5 4.d4 Sf6 5.Ld2 c6 6.Se4 Dc7 7.Sxf6+ gxf6 8.Lc4 Lf5 9.c3 e6 10.g4 Le4 11.f3 Lg6 12.Sh3 Ld6 13.De2 Sd7 14.f4 0–0–0 15.0–0–0 h5 16.g5 fxg5 17.Sxg5 Lxf4 18.Lxe6 Lxd2+ 19.Dxd2 fxe6 20.Sxe6 Da5 21.b4 Df5 0-1
 

Galerie:

 
Volker Wildt beim Fachsimpeln


Dennis Dietel (FDP)


Thomas Delling


Heinz Lanfermann


Josef König spielet meist oben mit


König gegen Lundin


Bester "Amateur": Dr. Udo Haase


Paul-Werner Wagenr sprang als Ex-Politiker ein


Hans-Christian Ströbele


Martin Wünschmann schlug Lundin


Volker Wildt: Blick auf die Zeit


Harald Fietz (SM 64)


Alfred Seppelt, ... bis zum nächsten Jahr

 

 

 

 

 


 

 

 

 


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