Boris Spassky blickt zurück (Teil 3)

21.03.2016 – Boris Spassky ist der älteste lebende Schachweltmeister, nächstes Jahr wird er 80 Jahre alt. In einem Gespräch mit dem russischen Sport-Express blickte er auf Momente seines Lebens zurück. Im dritten Teil des Interviews berichtet er von zu vielen Zigaretten in Linares, von seinen Autos, darunter einen Ford Mustang und wie Mikhail Botvinnik Paul Keres vor dem WM-Turnier 1948 gefügig machte. Mehr...

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Gibt es eine Niederlage, von der Sie sagen können: "Das war die schlimmste"?

 

1961, die Partie mit Polugajevsky. Zwei Züge trennen mich vom Sieg. Lev "ging zugrunde" und machte keine Anstalten das zu verbergen. Er wurde immer unruhiger, die Zeit ging dem Ende entgegen. Gleich fällt das Fähnchen. Und plötzlich bin ich wie erstarrt. Ich nenne diesen Zustand "Rühr mich nicht an!". Die nervlichen Belastungen nahmen die Form einer Lethargie an. Ich verpasste sogar das Remis! Das Resultat veränderte das Bild in der Schachwelt.

Lev Polugajevsky

Wieso?

Wenn ich Lev geschlagen hätte, wäre ich automatisch zum Interzonen- und danach zum Kandidatenturnier gekommen. Ich hätte schon damals um den Weltmeistertitel kämpfen können.

In einem Interview haben Sie einmal fallengelassen, dass sie sich nicht für einen genialen Schachspieler halten.

Hm, daran kann ich mich nicht erinnern.

Gut. Wer ist denn für Sie ein Genie?

Ich spreche lieber nicht über Genies, sondern über Lieblingsschachspieler. Paul Morphy, Harry Pillsbury, Mikhail Tschigorin, Alexander Aljechin, Alexander Dmitrievich Petrov, der Großvater des russischen Schachspiels, Misha Tal. Alles tragische Figuren.

Warum Tal?

Wir haben eine Position analysiert, in der er links und rechts Figuren geopfert hat. Ich sage: "Misha, das ist doch Humbug!" Er zuckt mit den Schultern und sagt: "Weiß ich, aber mir gefällt es." In diesem Satz ist Tals Stil zu erkennen, er liebte stark ausgeprägtes Kombinationsschach. Zum 100. Geburtstag von Keres habe ich folgendes erzählt. Es war auf einem Turnier in Deutschland, wir spielten am ersten Brett gegeneinander, ich für Solingen und Tal für Berlin. Bevor die Partie begann, drehte er sich auf seiner eigenen Achse herum und fragte: "Und wo sind meine Juden?" Er hatte dort eine ganze Menge Bekannte unter den Emigranten, aber in jenem Moment war ausgerechnet kein einziger da. Ich musste Misha helfen. Ich sah mich ebenfalls nach allen Seiten um und rief: "Und wo sind denn meine Russen?" Tal hat das zu schätzen gewusst. Er nahm mich später am Arm und wir tranken an der Bar ein Gläschen Wodka. Einmal habe ich ihm sogar das Leben gerettet!

Wie das?

Die sowjetische Mannschaft hatte in Bulgarien die Schacholympiade gewonnen. Es war schon fast Mitternacht, als ich beschloss kurz zu Misha zu gehen. Aus der halb geöffneten Tür kam mir Rauch entgegen, er schlief auf einem schwelenden Kissen. Eine Zigarettenkippe war neben den Aschenbecher gefallen und er war eingeschlafen. Der Rauch hätte ihn umbringen können. Ich griff nach einer Karaffe, füllte sie im Bad mit Wasser und löschte den Brand. Mir ist auch einmal eine unangenehme Geschichte passiert, die mit dem Rauchen zu tun hat.

Was ist das für eine Geschichte?

Das war Linares, 1983. Die entscheidende Partie gegen Yasser Seirawan. Ich rauchte die ganze Zeit und trank ununterbrochen Kaffee. Die Partie wurde abgebrochen. Auf dem Weg ins Hotelzimmer verlor ich das Bewusstsein und schlug mit dem Kopf auf dem Marmorfußboden auf.

Wieso waren Sie ohnmächtig geworden?

Mein Organismus hatte genug von Tabak und Koffein und sagte: "Stopp." Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Bett. Ich stellte die abgebrochene Position auf und analysierte. Am nächsten Morgen trieb ich Seirawan in die Enge. Dank dieses Siegs überholte ich Karpov und belegte den ersten Platz.

Und mit dem Rauchen haben Sie dann Schluss gemacht?

Erst später, 1975. Ich hatte in Wien trotz guter Position gegen den österreichischen Großmeister Andreas Dückstein verloren. Ich dachte darüber nach, wie ich die Niederlage in einen Sieg verwandeln könnte und erinnerte mich an den Rat meiner Mutter: "Hör auf zu rauchen!"

Und wie ging es weiter?

Seit jenem Tag habe ich keine einzige Zigarette mehr geraucht! Zuerst war es ziemlich schwer, ich träumte ständig, dass ich eine rauche. Wachte auf und freute mich: Was für ein Glück, dass es nur ein Traum war.

Botvinnik ist eine sehr markante Persönlichkeit, aber Sie begegneten Mikhail Moiseevich und seinen kommunistischen Ideen mit viel Ironie...

Dabei kamen wir gut miteinander aus. Ich nannte ihn Mikel. Ich erzählte lustige Geschichten und er wieherte dann wie ein Pferd. Da gab es folgende Episode: Wir gingen zu einem Treffen mit Pavlov (Anm. d. Red.: Vorsitzender des Sport-Komitees). Ich sagte: "Mikel, manchmal fängt Sergey Pavlovich an mit den Augen Sonnenstrahlen loszuschicken. Seien Sie darauf gefasst!" Pavlov hatte diese Eigenart.

Und? Hat er es gemacht?

Wir sitzen und unterhalten uns. Ich sehe – es geht los! Und hebe den Finger. "Er schickt welche!" Mikel: "Hahaha." Ich fühlte mich natürlich schuldig und entschuldigte mich. Aber da war es schon zu spät.

Averbakh hat uns erzählt, wie man Unterschriften von Großmeistern gesammelt hat für einen Brief, der Kortschnoj verurteilen sollte. Vier haben nicht unterschrieben. An Sie ist man nicht herangetreten. Man wusste, dass es nichts bringen würde. Botvinnik hat gesagt: "Ich habe selbst 1937 nichts unterschrieben." Stimmt das?

Wer weiß das schon? Bei mir war es anders!

Wie?

Ich war in Paris. Um den Brief gegen Kortschnoj zu unterschreiben, musste man in die sowjetische Botschaft fahren. Dort habe ich gesagt: "Ohne mich." Ich habe mich umgedreht und bin weggefahren. Das war’s. In Zusammenhang mit diesen Briefen passierte einmal folgendes. Wir treffen uns auf der Krymskiy most und er sagt: "Wir brauchen deine Unterschrift zum Schutz von Angela Davis", eine Schwarze.

Und haben Sie wieder abgelehnt?

Natürlich. Ich, sage ich zu ihm, bin kein Kommunist, damit möchte ich nichts zu tun haben. Es ist schon komisch, denn Mikel selbst hat auch nicht unterschrieben. Er reagierte folgendermaßen: "Sammeln sie alle Informationen zu Angela Davis und geben Sie mir alles zum Studium. Ich werde es mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen, ob ich es unterschreibe oder nicht."

Interessant.

Dann gab es noch eine Geschichte mit Mikel in Holland. Sein Benefiz-Turnier wurde vom Schachverband der Stadt Leiden organisiert. Dort gibt es eine Universität mit riesigen Beständen. Wir fliegen nach Amsterdam und hören: Man hat zwei sowjetische Spione auf frischer Tat ertappt. Es steht in den Schlagzeilen aller Zeitungen. Botvinnik war der Leiter der Delegation, ich sein Stellvertreter. Er tritt an mich heran: "Wir müssen uns unverzüglich nach Den Haag begeben." – "Weshalb?"  "Uns in die sowjetische Botschaft setzen und warten, bis sie dort anfangen, die Fenster einzuschlagen."

Wie romantisch. Waren Sie mit ihm einer Meinung?

Ich antwortete ihm: "Wenn Spione schlecht arbeiten, sollen sie ruhig ihre Qualifikation verlieren, damit man sie nicht auf frischer Tat ertappt. Ich bin hierhergekommen, um Schach zu spielen und nicht um in der Botschaft herumzustehen!"

Was hat Botvinnik dazu gesagt?

Er hat sich gefreut. Er hatte auch keine Lust hinzufahren. Nun konnte er in eine Handelsvertretung zu den KGB-Leuten gehen und sagen: "Spassky weigert sich Folge zu leisten. Ich als Leiter der Delegation bin dazu verpflichtet ihn zu beobachten, damit er nicht noch andere Dummheiten macht…" Mikel kapierte schnell, er war in dieser Hinsicht ein kluger Kopf. Der Protest in der Botschaft fand ohne uns statt. Alles war im Voraus geplant, wann sie kommen, wie viel zerschlagen wird und um welche Summe es dabei geht. Es gab ein Budget für die Reparaturen. Genau das gleiche geschah in Paris in der Vertretung von "Aeroflot". Diese Tradition begann nach der Revolution. Aber der bekannteste Sturm auf eine russische Botschaft fand schon 1829 in Teheran statt. Dabei kamen alle ums Leben. Den Körper Griboedovs erkannte man an der Hand, die ihm bei Duell abgeschlagen worden war.

Botvinnik träumte davon den ersten Schachcomputer zu konstruieren.

Darüber haben wir gesprochen: "Mikel, haben Sie eine mathematische Ausbildung?" – "Sie haben den wunden Punkt getroffen…" Er wetteiferte mit Professor Alexander Kronrod. Jener war Anwärter auf den Meistertitel, hatte Botvinnik in Computerfragen aber überholt. Ich erinnere mich daran, wie sie eine regelrechte Expedition zum Genossen Demichev organisierten. Er war Minister, hatte ein rotes Gesicht…

Eine bekannte Persönlichkeit.

Wir kamen mit einer großen Gruppe zu ihm: Keres, Smeslov, Botvinnik und ich. Wir sprechen darüber, was man für das Schachspiel in der Sowjetunion tun könnte. Denichev nickt zustimmend, "Ihr seid prima Kerle. Ihr arbeitet und wir helfen euch." Plötzlich bittet Botvinnik ihn leise: "Pyotr Nilovic, ich würde gerne mit Ihnen unter vier Augen sprechen." Wahrscheinlich wollte er um Hilfe für weitere Projekte bitten, aber er verhielt sich uns gegenüber überhaupt nicht kollegial.

Botvinnik war ein komplizierter Mensch.

Einmal hat er mich gebeten ihn zum Sekretär der Kuybeshever Kreisleitung zu begleiten, um die Witwe von Ragozin in der Wohnungsfrage zu unterstützen. Unterwegs beginnt er ein Gespräch: "Ich möchte dich an die alte Wahrheit von Savelich erinnern. Als die Lage aussichtslos wurde, sagte Grinyov: "Väterchen, was ist schon dabei? Spuck einmal aus und küss dem Übeltäter das Händchen." (Puschkin, die Hauptmannstochter) Das anhören zu müssen, war erniedrigend. Und das in meinem Land! Das habe ich doch nicht nötig. Aber Botvinnik hatte eine ganze Reihe von solchen provinziellen Tricks drauf. Er hatte eine spezielle psychologische Vorbereitung ausgearbeitet.

Wie das?

Als er das WM-Turnier von 1948 spielte, an dem auch Keres teilnahm, gab seinen Leuten den Auftrag kompromittierendes Material über Paul zu sammeln. Keres hatte während des zweiten Weltkriegs an Turnieren auf dem Gebiet des Deutschen Reiches teilgenommen. Keres war Profi, es war schwer im Krieg Geld zu verdienen. Da hatte Mikel den wunden Punkt getroffen. Die erste Hälfte des WM-Turniers fand in Den Haag statt, die zweite in Moskau. Paul und seine Frau Maria Augustovna haben lange darüber gesprochen, ob sie Botvinnik danach noch grüßen sollen oder nicht.

Wofür haben sie sich entschieden?

Sie haben ihn wie immer begrüßt. Sie hatten beschlossen in dieser Sache nicht die Rolle des obersten Richters zu spielen. Es gibt einen obersten Richter, der wird das schon klären. Solche Taten bleiben nicht ungestraft.

Keres wollte ja 1942 emigrieren, verspätete sich aber zum Schiff.

Maria Augustovna erinnert sich: "Man musste Paul retten, er hatte Endarteriitis. Aber sowjetische Truppenteile blockierten die Wege, wir sind nicht aufs Schiff gekommen…"

Paul und Maria Keres haben Botvinnik verziehen. Und Sie haben Smyslov verziehen, der ihre Einladung zur Hochzeit mit einer französischen Staatsbürgerin abgelehnt hat?

Smyslov hatte Angst. Aber er argumentierte geschickt: "Die Konstellation der Himmelsgestirne stehen meiner positiven Entscheidung ungünstig gegenüber." Nach solchen Worten fällt es schwer gekränkt zu sein.
Gab es jemanden, der Sie in Erstaunen versetzt hat, weil er kein Feigling war?

Sie werden es nicht glauben – Kortschnoj! Er kam nicht zur Hochzeit, sondern spät am Abend zu uns nach Hause. Wir wohnten in einem Haus von der Botschaft. Plötzlich klingelt es, Marina macht auf. Auf der Schwelle im Halbdunkel steht Kortschnoj mit Blumen! Sie wissen doch, er sieht ein bisschen wie ein Teufel aus…

Eine interessante Beobachtung.

Doch, doch, er hat etwas vom Teufel. Auf der Schwelle steht ein verlegener Teufel. Ich bin Kortschnoj bis heute dafür dankbar. Meine Frau hat damals einen Riesenschreck bekommen, nicht gewusst, wer da stand.

Karpov hat erzählt, wie Sie Ihr ausländisches Auto neben dem Sportkomitee auf dem Stellplatz von Pavlov abgestellt haben. Danach hat er angeordnet, dass man den Schachspielern bei den Auslandshonoraren nicht so große Zugeständnisse machen sollte.

Ja? Merkwürdig. An so eine Episode kann ich mich nicht erinnern.

Der Tennisspieler Metreveli hat versichert, dass nur Sie und er im Moskau jener Zeit einen Ford Mustang Sportwagen besaßen.

Das stimmt! Ich hatte einen Mustang, aber nach der Scheidung von meiner Frau Larissa ging er in ihren Besitz über. Sie hat ihn ganz schnell irgendwelchen Georgiern verkauft. Sie ist eine praktisch veranlagte Frau.

Ist es ein gutes Auto?

Nichts besonderes. Ein ganz gewöhnliches Fahrzeug mit Automatikgetriebe! Die Amerikaner sollten mir diesen Mustang schicken. Ich hatte darum gebeten, dass er nach Hamburg geliefert wird. Dort ist der Zoll. Der Leiter des Teams in Solingen, mein Freund, schickte seinen Angestellten los, um das Auto abzuholen. Gleich in Solingen setzte ich mich ans Steuer – und fuhr durch ganz Europa nach Moskau.

Ohne Abenteuer?

Einmal bin ich unterwegs eingeschlafen. Ist das ein Abenteuer?

Und was für eines.

Das war in Ostdeutschland. Gerettet haben mich die deutschen Seitenstreifen. Wenn der Fahrer einschläft, rollt er dorthin und es ertönt ein Laut unter den Reifen. Ich bin sofort aufgewacht. Hinter mir fuhr ein Freund. Er brachte für einen Araber einen Mercedes nach Moskau. ich sage zu ihm: "Kolja, ich kann nicht mehr. Ich lege mich schlafen."

Über Sie kursieren viele Geschichten. Hier ist eine. Man hatte Sie zu einem Gremium eingeladen, an dem auch alte Bolschewiken teilnahmen. Sie kamen in einem pinkfarbenen Volvo, trugen ein gelbes Halstuch und sagten: "Ich habe Ihre Zeitung, die Prawda nicht gelesen und habe auch nicht vor sie zu lesen." Woraufhin Sie ungefähr sieben Monate lang nicht ins Ausland durften.

Ich erinnere mich an etwas Anderes. Zu einem Treffen mit Vorgesetzten kam ich in einer gelben Cordhose. Man betrachtete mich argwöhnisch von der Seite… Aber ein gelbes Tuch trug ich nicht.

Und auch kein pinkfarbener Volvo?

Der Volvo war dunkelblau. Ein fantastisches Auto, kein Vergleich zum Mustang. Ich habe ihn an einen Freund von mir, der Tänzer ist, verkauft.

An Makhmud Esambaev?

Nein. Obwohl ich Esambaev auch gekannt habe. Jenen Volvo hatte ich direkt am Flughafen von Amsterdam gekauft, wo es 30 % Rabatt gab. Euwe hat mir das Auto nach Siegen gebracht.

Der Präsident der FIDE? Alle Achtung!

Das ist nichts Besonderes. Schließlich waren wir befreundet. Er hat mir selbst seine Hilfe angeboten. Dann setzte ich Keres und seine Frau Maria Augustovna ins Auto und wir machten eine wunderbare Reise durch den Norden von Siegen nach Vilnius.

Waren solche Strecken angenehm zu fahren?

Durch Europa fuhr ich sehr gerne. Es machte mir Spaß die kleinen Städte anzuschauen. Ich unterhielt mich mit den Menschen, sogar mit den Straßenpolizisten. Ich hatte einen flotten Fahrstil. In Polen musste ich ein Bußgeld wegen überhöhter Geschwindigkeit bezahlen – fast 100 Mark. Ich versuchte zu handeln: "Herr Inspektor, das ist teuer, ich habe nicht soviel Geld. " Er antwortete: "Lieber Fahrer, du wirst bezahlen... " Aber es gibt auch kummervolle Erfahrungen. Ich nehme am Turnier in Palma de Mallorca teil, mit Petrosian und Kortschnoj. Wir kehrten über Paris zurück. Wir wohnten am Stadtrand, in der Nähe des Bois de Vincennes, über den Shakespeare geschrieben hat. Petrosian und Kortschnoj holten ihre Zettel raus, auf denen stand, was sie einkaufen sollten. Sie liefen durch die Geschäfte und suchten nach Jacken und Hosen.

Sie nicht?

Ich hatte eine andere Idee. Auf der Champs-Élysées hatte ich in einem Autohaus einen schicken weißen Citroën gesehen. Also bin ich reingegangen und habe ihn gekauft. Mit so einem war einst Fantomas weggeflogen, er gab in dem berühmten Film Gas und weg war er…

 

 

Fantastisch, für einen Bürger mit sowjetischem Pass.

Ganz und gar nicht! Es war eine schreckliche Dummheit den Citroën zu kaufen!  Ich konnte ihn nicht sofort mitnehmen. Der Manager des Autohauses hat mich noch gefragt: "Warum legen Sie die ganze Summe hin? Hinterlassen Sie einfach 500 Dollar Kaution. Aber ich gab nicht nach: "Äh, nein. Nehmen sie alles!" Es verging eine Weile und mir wurde klar, dass ich das Auto nicht haben wollte. Ich brauchte es nicht.

Haben Sie ihr Geld zurück bekommen?

Das hat fünf Jahre gedauert. Ein Holländer hat mir dabei geholfen und alles mit der Vertretung von Citroën geregelt. Man hat mir dann sogar noch 500 Dollar zu viel ausgehändigt.

Demnach hatten Sie also erfolgreich investiert.

Ich habe das Geld zurückgeschickt. Ich hatte beschlossen, dass die Franzosen sich geirrt hätten. Zu viel Geld wollte ich nicht zurückhaben.

Man hat gesagt, dass Ihre Autos Kennzeichen mit der Nummer 64 gehabt hätten.

Das ist gelogen. Ich habe niemals besondere Nummern gehabt.

Gab es noch andere Großmeister in der Sowjetunion, die ein ausländisches Auto fuhren?

Petrosian hatte einen Mercedes, Keres einen Chevrolet. Im sowjetischen Moskau konnte man über die UPDK alles kaufen.

Die Verwaltung des diplomatischen Korps?

Ja. In den Botschaften wurden ziemlich gute Autos ausgemustert, die noch lange fahrtüchtig waren. Ich versuchte, die ganze Zeit Tolya Romashin zu überreden: "Komm, ich kauf dir einen amerikanischen Donnerschlitten, einen Ford Impala, eine riesige Kiste…" Tolyas Augen wurden rund:" Gott behüte mich davor! Im Theater machen die mich fertig!"

Der Schauspieler Anatoly Romashin

Hat Romashin sich für Schach interessiert?

Nein, was uns aber nicht daran gehindert hat miteinander Umgang zu haben, zusammen einen zu trinken. Wir haben uns sowohl in Paris als auch in Moskau getroffen. Ich mochte Romashin sehr gern, er war ein echter Freund. Er hat die Rolle Nikolaus II im Film "Agonie" unter der Regie von Elem Klimov großartig gespielt. Tolya ist auf absurde Weise ums Leben gekommen. Er sägte Holz auf seiner der Datscha und wurde von einem Holzstapel erdrückt. Ein grausamer Tod!

 

 

 

Original Interview (in russischer Sprache) bei Sport-Express...

 


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Mendheim Mendheim 22.03.2016 12:30
In der Tat ein tolles Interview, aber welche Fakten davon stimmen, richtig oder falsch erinnert sind, das könnte Schachhistoriker noch Jahre beschäftigen.
Ein völlig harmloses Beispiel: Nachdem Spassky erzählte, wie er 1983 in Linares übermäßig geraucht und Kaffee getrunken hatte, geht es im Interview weiter:
"...Und mit dem Rauchen haben Sie dann Schluss gemacht?
Erst später, 1975. Ich hatte in Wien trotz guter Position gegen den österreichischen Großmeister Andreas Dückstein verloren. Ich dachte darüber nach, wie ich die Niederlage in einen Sieg verwandeln könnte und erinnerte mich an den Rat meiner Mutter: 'Hör auf zu rauchen!'"
Damit die Geschichte einigermaßen passt, müsste es aber wie folgt gewesen sein:
Spassky verlor laut Database (nur) 1984 in Zürich gegen Dückstein. Ein guter Zeitpunkt nach Linares, mit dem Rauchen aufzuhören... In Wien 1985 spielte er gegen ihn dann remis.
Kann es anders gewesen sein??
flachspieler flachspieler 21.03.2016 07:49
Danke.
Hoffentlich kommt in einem der nächsten Abschnitte noch die Geschichte, wie er
1988 Bobby Fischer nach Deutschland holte.
Jupprob Jupprob 21.03.2016 07:44
Finde das toll, wenn alte Haudegen so aus dem Nähkästchen plaudern, macht ihn seht sympathisch.
schnelle schnelle 21.03.2016 04:45
Tolles Interview! Spassky scheint nicht nur ein sehr intelligenter und lebenslustiger Mensch zu sein, sondern auch noch ein äußerst sympathischer obendrein.
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