Carlsen gewinnt chess.com Isle of Man Open

von André Schulz
02.10.2017 – Das chess.com Isle of Man Open war vielleicht das best besetzte Open der Schachgeschichte und wurde in beeindruckender Weise von Magnus Carlsen dominiert. Nach acht kraftvollen Vorstellungen ließ er das Turnier mit einem Kurzremis gegen Hikaru Nakamura ausklingen. (Foto: John Saunders)

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Die große Carlsen Show

Fast schon scheint es, als ob das Open-Format das Rundenturnier als Standard-Format für Top-Turniere ablöst. Während die Teilnehmer des World-Cups in Tiflis allmählich ihre Sachen packten und abreisten, in kurzen und in langen Hosen, nur noch Ding Liren und Levon Aronian um den sportlich bedeutungslosen Turnsieg kämpften, versammelte sich die Weltelite schon in der irischen See, auf der Isle of Man.

Eigentlich war diese Insel früher einmal vor allem für ihre lebensgefährlichen Motorrad-Rennen bekannt. Im Laufe der Isle of Man Trophy Geschichte, die bis 1907 zurückreicht, haben hier über 250 Motorsportanhänger ihr Leben gelassen. Wie gesund ist Schach im Gegensatz dazu! Und auch viel leiser.

Das Isle of Man Open hat im Laufe der letzten Jahre ständig an Qualität gewonnen. In diesem Jahr war das Teilnehmerfeld geradzu sensationell. Das lag natürlich auch daran, das Magnus Carlsen sich in die Teilnehmerliste eingetragen hat. Der Weltmeister ist vielleicht der Meinung, dass die Reduktion auf die Top-Rundenturniere ihm zu wenig Praxis bietet, hat beim World Cup mitgespielt und ist dann gleich weiter zum Isle of Man- Open gereist. Aber Carlsen ist ja bei weitem nicht der einzige Weltklassespieler, der diese Idee hatte. Am Master-Open habe sich 160 Spieler beteiligt, davon hatten 13 Spieler eine Elozahl über 2700, also allein schon numerisch mehr als bei allen Rundenturnieren mit acht, zehn oder zwölf Teilnehmern. Die Liste der Spieler mit einer Elozahl über 2600 reichte bis zum Setzlistenplatz 35. Die kleinste Gruppe stellten eigentlich die titellosen Spieler, die sonst in den "normalen" Open das Gros bilden. Man kann vermuten, dass es für die Spitzenstars vielleicht Startgelder gegeben hat, aber auch das Angebot an Preisgeldern könnte für manchen ein hinreichendes Argument für die Teilnahme gewesen sein. Von den 133.000 Pfunf Gesamtpreisfonds entfielen 50.000 Pfund auf den ersten Platz. Dahinter halbieren sich die Preise bis Rang zehn. Die beste Frau erhielt 6.000 Pfund. Das Isle of Man Open 2017 könnte das bestbesetzte Open der Schachgeschichte gewesen - zumindest gefühlt - noch stärker besetzt als das Gibraltar Open.

 

Yifan Hou

 

Magnus Carlsen kam, sah und siegte. Endlich mal wieder. Beim World Cup in Tiflis startete er zwar gut, flog dann aber schon bald gegen Bu Xiangzhi aus dem Turnier.

Magnus Carlsen zufrieden

 

Hier lief es nun endlich einmal optimal. In seinen neun Partrien gab der Weltmeister gerade einmal drei Remis ab, gegen Rustam Kasimdzhanov, gegen Vidit Gujrathi und in der Schlussrunde gegen Hikaru Nakamura. Das Schlussrundenremis gegen Nakamura genügte nur der Antrittspflicht, endete in einem Dauerschach und hatte auch schon einen notationsgleichen Vorläufer.  Die anderen acht Partien von Carlsen waren allerdings allesamt hochinteressant, teilweise sehr beeindruckend. Carlsen bot besonders mit den schwarzen Steinen ein Potpourrie an seltenen Eröffnungen, 1... g6, 1... Sc6 und 1...b6. Nur Fabiano Caruana kam in den Genuss einer "Mainstream-Eröffnung", 1...e5, wurde aber auch besiegt. Mit 7,5 Punkten, einer Eloleistung von über 2900, einem Elogewinn von 11 Punkten und einem Siegerscheck in Höhe von 50.000 Pfund reist Carlsen sicher hochzufrieden aus Douglas ab.

Die Plätze belegen Viswanthan Anand und Hikaru Nakamura. Anand gilt sicher nicht als großer Open-Spezialist und musste bei seiner Teilnahme am Gibraltar-Open auch schon einmal bitteres Open-Lehrgeld zahlen, aber hier lief es für den 15. Weltmeister gut. In der Schlussrunde überspielte er Hou Yifan in der Russischen Verteidigung.

Open-Spezialist Anand

 

 

Übrigens war Viswanthan Anand nicht der einzige Anand im Feld. Den Namen teilte er sich mit dem 11-jährigen Pranav Anand. Der Junge wurde mit 2,5 Punkten 141ter. Und dann gab es ja auch noch Praggnanandhaa R., oder wie Simon Williams ihn nannte: "Double Anand". Zusammen mit dem gleichaltrigen Nihal Sarin bildet der 12-Jährige die Speerspitze der indischen Nachwuchsriege und sammelt Jahr um Jahr Jugendweltmeistertitel. Praggnanandhaa R kam auf 5,5 Punkte und lag damit wieder etwas über der Erwartung. David Howell war diesmal einer seiner GM-Opfer. Nihal Sarin holte einen halben Punkt weniger. Hinter Anand und Nakamara liefen Vladimir Kramnik und Fabiano Caruana als beste Spieler mit 6,5 Punkten ins Ziel ein. Kramnik hatte eine sehr durchwachsene erste Turnierhälfte, schloss aber mit 4 aus 4 ab.

Caruana siegte in der Schlussrunde gegen Akobian.

 

Als beste Frau im Turnier schnitt tatsächlich noch Yifan Hou ab. Die Chinesin wurde zu Beginn des Turniers gegen vier andere Frauen gelost und fragte sich, wie schon beim Gibraltar Open, ob dies wohl mit rechten Dingen zuginge. Sie nahm zum Nachdenken ein "Bye", setzte also einmal aus - inzwischen bei vielen Open eine regelkonforme Option - und traf dann in der Tat endlich auf vier Männer. Dreimal gewann sie, nur gegen Anand nicht. So kam die beste Frau der Welt also noch zu einem versöhnlichen Turnierabschluss.

Hinter den Indern stellte übrigens Deutschland mit 28 Spielern das größte Kontingent. Von den deutschen Großmeistern belegten Falko Bindrich und Dennis Wagner mit 6 Punkten am Ende die besten Plätze, als 21ter und als 24ter. Beide lagen dabie mit ihren Leistungen klar über ihrer Eloerwartung. Wagner besiegt unter anderem Granda Zuniga und in der Schlussrunde Ivan Sokolov. Zu Bindrichs Opfern gehörte Zoltan Almasi. Niklas Huschenbeth und Alexander Donchenko kamen mit 5,5 Punkten ins Ziel. Rasmus Svane schloss mit 5 Punkten ab.

Endstand:

 

166 Spieler

Partien

 

Fotos, wenn nicht anders angegeben: Alina l'Ami

Turnierseite...

Ergebnisse bei Chess-results.com...



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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hockeyplayer hockeyplayer 04.10.2017 10:20
Kleine Anmerkung noch zu Carlsen: In der 12.Partie des WM-Kampfes gegen Karjakin kam es zur Berliner Verteidigung der Spanischen Verteidigung bzw. Ruy Lopez. Diese Partie wurde im Schnellschachtempo gespielt. Es ist also nicht so als wäre das Remis auf ein Isle of Man ein Einzelfall. Bei allem Respekt vor Carlsen aber spätestens nachdem Nakamura ...e5 gezogen hat, muss es für Carlsen klar gewesen sein, dass diese Partie mit einem schnellen Remis, noch schneller als obengenannte Partie gegen Karjakin enden würde. Er hätte also früher abweichen müssen, tat es aber nicht. Selbst wenn es keine Absprache war, haben sich beide Spitzenspieler ungeschickt verhalten. Oder aber Nakamura wollte ohnehin ein Remis und das damit verbundene Preisgeld. Beides ist schlecht für das Profischach oder zeigt auf, wie bereits von DoktorM erwähnt, warum mit Schach kein Geld zu verdienen ist. Man vergleiche nur das Jahresgehalt von Magnus Carlsen mit dem von Cristiano Ronaldo. Irgendwie selbsterklärend.
hockeyplayer hockeyplayer 04.10.2017 09:20
@Silvio Z:
Bitte lernen Sie ernst lesen und schreiben bzw. interpretieren: Das Zitat aus dem Zitat: " Das Entscheidende in dieser Variante ist, dass ich ein Remis praktisch erzwingen kann, weil er sonst schlechter steht." besagt dass zumindest Carlsen diese Variante bekannt war.
Jetzt müssen Sie mir noch erklären, warum Herr Nakamura diese Variante nicht kannte.

Derjenige, der hier Anschuldigungen verbreitet sind Sie, nicht ich.
Nils-Hero Nils-Hero 03.10.2017 06:14
Schließe mich Silvio Z und kumagoro an. Kurzremisen um den Turniersieg abzusichern gibt es seit es das professionelle Schach gibt.
Silvio Z Silvio Z 03.10.2017 12:00
@hockeyplayer

Mir scheint, daß Sie es sind, der dem Profischach schaden zufügt, mit unhaltbaren Anschuldigungen und Gerüchten! Und mir scheint, daß Sie es sind, der etwas lernen sollte: Sich erst kundig zu machen, bevor Sie Rufmord an den Spielern begehen.

Hier der Kommentar von Carlsen, zur gespielten Partie gg. Nakamura:

"Ich wusste wirklich nicht, womit ich rechnen sollte, ob er Königsindisch oder seine normalen Eröffnungen spielen würde. Das Entscheidende in dieser Variante ist, dass ich ein Remis praktisch erzwingen kann, weil er sonst einfach schlechter steht. Tatsächlich überlegte ich sogar etwas Solides zu spielen, aber die Verlockung, den Turniersieg direkt abzusichern, war zu groß. Da er zurückliegt, ist es an ihm, mich zu schlagen, und nicht andersherum."
kumagoro kumagoro 02.10.2017 10:31
Es wäre unprofessionell, bei diesem Turnierstand NICHT mit Remis zufrieden zu sein. Was hätte ein Nakamura davon, zum x-ten Mal gegen einen Carlsen mit fliegenden Fahnen unterzugehen? In einem Open wohlgemerkt mit 7 Runden ohne Ruhetag gegen zum grossen Teil Top-GMs - nicht in einem Match.

Manchen Fans kann man es eben einfach nicht recht machen. Die Erwartungen sind hoch. Ein langweiliges Remis wollen sie nicht, ein interessantes Remis auch nicht. Verlieren soll auch niemand - und wenn, dann soll jeder nur gute Züge gefunden haben.

Ich bin doch froh, daß da noch Menschen sitzen, die (ohne elektronisches Doping) vor der letzten Runde dem Rest der Tabelle enteilt sind. Sie haben das Recht Kasse zu machen, während man hinter ihnen um die Plätze kämpft.
DoktorM DoktorM 02.10.2017 10:23
Das Remis von Carlsen in der letzten Runde ist genau das, was potentielle Sponsoren am Schach abschreckt. Wer gibt schon Geld, wenn die Spieler nicht kämpfen wollen? Da muss man ja irgendwie blöd sein.
hockeyplayer hockeyplayer 02.10.2017 05:08
Gegen Carlsens Turniersieg gibt es mit Ausnahme der Schlussrunde nichts einzuwenden. Aber dieses Remis hinterlässt nun einmal den Eindruck, dass es abgesprochen war.
Vielleicht sollten beide an diesem Remis beteiligten Spieler über eine andere Variante nachdenken, wenn sie schon Remis gegeneinander spielen wollen. Die in der 9. Runde gewählte Variante ist wegen des oben geäußerten Verdachts ungeschickt. Etwas mehr Kreativität darf von Spielern mit 2750+ schon erwartet werden.
Schade eigentlich. Hoffentlich lernen die Spieler daraus. Wenn nicht, wird dem Profischach weiterer Schaden zugefügt.
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