"Carlsen hat das moderne Schach verändert" - Interview mit Levon Aronian

11.07.2017 – Levon Aronian hat seine kleine Formkrise überwunden und knüpft an frühere Zeiten an. Nach Baden-Baden gewann er auch das Norway Chess-Turnier und ließ zum zweiten Mal Magnus Carlsen hinter sich. Im Interview spricht er über seine Einstellung zum Schach, Angstgegner, Motivationsfragen und viele andere Themen rund ums Spitzenschach.

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Levon Aronian: „Die Niederlagen verkrafte ich leichter als die Siege“

Der Schachkalender ist voll. Nach dem Ende eines Turniers gelingt einem nur selten ein Interview, da der Held bereits im nächsten Turnier spielt. Dieses Interview erfolgte nach dem Norway Chess 2017. Wie sehr haben die gastfreundlichen Norweger ihrem Liebling Magnus gewünscht, seinen Erfolg in Stavanger vom letzten Jahr zu wiederholen! Der Weltmeister musste aber einem seiner Hauptkonkurrenten den Staffelstab übergeben. In Norwegen feierte Levon seinen nächsten großen Sieg.

Wie wichtig ist die Motivationsfrage bei Schachspielern, die bereits Dutzende große internationale Turniere gewonnen haben?

Das Problem taucht immer wieder auf. Wie sehr ich mich auch anstrenge und mir einrede, wie wichtig ein Turnier für mich sei, irgendwann sträubt sich mein ganzes Wesen gegen diesen Hochdruck. Es ist schwierig, dagegen zu steuern. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Im Moment weiß ich, mich selbst zu motivieren. Ich versuche das Problem mit Hilfe von Fitnesstraining zu lösen.

Wie ist es für Sie als Südländer, in der Nähe des Polarkreises Schach zu spielen?

Nun, ich habe immerhin lange Zeit in Europa gelebt, jetzt bin ich regelmäßig in Berlin. Für mich ist es also kein Problem. Ich mag Norwegen, weil es dort Berge gibt. Sobald man höher steigt, wird es angenehm!

Sie sind Anhänger der aktiven Erholung? Einen Berg besteigen, dabei die frische Luft genießen?

Ja, für mich ist die Nähe zur Natur sehr wichtig.

Während eines anstrengenden Turniers kann von Entspannung natürlich keine Rede sein. Aber gegen die Müdigkeit sollte man schon irgendetwas tun. Wie lenken Sie sich vom Turniergeschehen ab? Lesen, Filme anschauen?

Ja, dazu kommt Musikhören, Spazierengehen, manchmal auch Jogging. Eben das, was die Mehrheit auch tut. Im Vergleich zu anderen Schachspielern verbringe ich vermutlich am meisten Zeit mit Musik. Ich bin da eigen.

Levon Aronian

Welche Art von Musik hören Sie?

Es gibt nicht die eine Art, Hauptsache sie ist ehrlich und … wie soll ich das sagen? Irgendwie spirituell angehaucht, inspiriert. Denken Sie jetzt nicht an religiöse Musik, ich muss einfach spüren, dass der Komponist oder Interpret von starken Gefühlen und Emotionen bewegt war. Für lustige Popsongs a la „Jemand hat mir die Wurst geklaut“ interessiere ich mich nicht besonders.

Die klassische Richtung liegt Ihnen?

Nicht unbedingt. Es kann sich auch um Volksmusik, Rock oder sogar Rap handeln. Auch diese Musikrichtungen sind sehr emotionsgeladen.

Tigran Vartanovich Petrosian bezeichnete in seinem Artikel die Gruppe Schachspieler, die regelmäßig an den berühmten Turnieren in Tilburg teilnahmen, als „Wanderzirkus“. Mit sehr wenigen Ausnahmen spielen Sie in hochkarätigen Rundenturnieren, in denen das Teilnehmerfeld nicht sehr abwechslungsreich ist. Kommt es nicht zu einer Übersättigung, da Sie im Grunde immer die gleichen Gegner haben?

Ich möchte mit einem musikalischen Beispiel antworten. Spürt ein Dirigent, der eine Beethoven Symphonie leitet, eine Übersättigung? Oder der Sänger, der gemeinsam mit Maria Callas auftritt? Natürlich nicht! So ist es hier auch. Du spürst die Gesellschaft der stärksten und würdigsten Spieler der Welt, jeder einzelne davon ist in der Lage, dich zu überspielen...
Und die Sache mit den „Open-Turnieren“: Sagen wir, man hat sechs Gegner mit 2600, die ordentlich Schach können. Drei Partien konnte man gewinnen und drei unentschieden spielen. Dann spürt man, dass die Remisen gar nicht hätten sein dürfen, obwohl man ja im Grunde sehr gut gespielt hat. Der Grund: Man muss auf jeden Fall gewinnen, ansonsten verliert man Elo. Und die Elozahl ist eine wichtige Sache. Sie garantiert einem die Einladungen für starke Turniere, man kann sogar aufgrund seiner Elozahl einen Platz im Kandidatenturnier ergattern. Irgendwann spielt man kein Schach mehr, sondern eine Art „Hütchenspiel“. Was soll man auch tun? Es gibt keine andere Möglichkeit zu gewinnen, außer den Gegner auszutricksen.

Aufgrund Ihrer Antwort taucht die Frage auf: Wie genau achten Sie auf Ihre Platzierung in der Ratingliste? Ist es für Sie von grundlegender Bedeutung, ob Sie sich auf Platz zwei oder fünf befinden?

Im TV-Studio von Stavanger

In letzter Zeit ist dieser Aspekt wichtiger geworden. Neugier pur. Man schaut sich irgendwelche Zahlen an und passt auf, ob man dazu gewonnen oder verloren hat. Wäre es so geblieben wie früher, als es unmöglich war, nur aufgrund der Elozahl ins Kandidatenturnier zu kommen, so hätte es keinen Sinn gegeben, so genau darauf zu achten. Heute aber ist die Elozahl sehr wichtig und ich gebe mir Mühe, dies nicht zu vergessen.

Man spielt stärker, wenn man sich daran gewöhnt hat, einen bestimmten Gegner zu besiegen

Gibt es im Elite-Schach das Problem der "Angstgegner" oder ist alles eine Frage von Pech, dass man gegen einen bestimmten Gegner immer wieder hat.

Das Problem gibt es zweifelsohne. Man beobachtet oftmals, dass ein Schachspieler einen anderen regelmäßig abfertigt. Aus psychologischer Sicht spielt man auch sehr stark, wenn man sich daran gewöhnt hat, einen bestimmten Gegner zu besiegen. Vieles hängt auch mit der Eröffnung zusammen. Hat man eine Stellung auf das Brett bekommen, die man gern spielt? Ist der Gegner in „deine“ Eröffnung reingetappt, weil er sich noch keine Gedanken über die eigene gemacht hat? Grundsätzlich aber kann man das Problem anpacken. Ich hatte ein gewaltiges Minus gegen Ivanchuk und heute scheint alles wieder gut zu sein (lächelt). Ich erinnere mich, dass ich bei
-7 oder sogar -8 stand. Ich schaffte es aber, bis -1 oder -2 aufzuholen.

Unabhängig vom Ergebnis der Partie können Sie Ihre Emotionen ausgezeichnet kontrollieren. Manche Schachspieler (selbst der Weltmeister) halten es nicht für notwendig, diese vor den Zuschauern zu verbergen, obwohl das vielleicht ein Teil des Spiels ist. Wie gut verkraften Sie Niederlagen?

Die Niederlagen verkrafte ich besser als die Siege (lächelt). Nach einem Sieg beginnt man automatisch darüber nachzudenken, wie man die Serie fortsetzen kann. Mit einer Niederlage wurde man in seine Schranken verwiesen. Dann muss man sich anstrengen, um da heraus zu kommen. Daher verstehe ich meine Niederlagen als Wegweiser auf meinem Schachweg, als notwendige Herausforderungen.

Wie schwer ist es für Sie gegen Schachspieler anzutreten, mit denen Sie befreundet sind bzw. die sie sehr achten und als Mensch mögen?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Generell empfinde ich sehr viele Menschen als angenehm. Noch angenehmer finde ich es aber, sie zu überspielen! Danach können wir die Partie ausdiskutieren, ein wenig herumalbern, so macht man es unter Freunden.

Ich stelle die Frage anders herum: Kann ein Gegner, den sie, warum auch immer, als unsympathisch empfinden, Ihren Kampfgeist stärken?

Der Kampfgeist kann nie zu stark sein. Je stärker, desto besser. Es gibt nur sehr wenige Menschen, denen ich mit einer gewissen Feindseligkeit begegne. Wenn ich jemanden nicht mag, versuche ich, ihn zu ignorieren. Bei mir findet man nicht das Phänomen „Den muss ich jetzt unbedingt schlagen!“ Meine Partie-Ergebnisse hängen bestimmt nicht damit zusammen, ob ich meinen Gegner sympathisch oder unsympathisch finde. Oftmals ist es sogar so, dass ich gegen meine engsten Freunde die besten Ergebnisse habe.

Levon Aronian: Sieger in Stavanger

Gibt es für Sie so etwas wie eine ethische Grenze, die man nicht überschreiten sollte, bezogen natürlich auf das Schachbrett?

Wer beim Schach betrügt, betrügt sich selbst

Nie im Leben würde ich Computer bzw. eine andere elektronische Hilfe oder Spickzettel während einer Partie verwenden. Damit betrügt man nicht nur im Spiel, sondern auch sich selbst. Wer sich auf so etwas einlässt, darf sich nicht Schachspieler nennen. Es gibt jedoch Dinge, die ich mir leisten kann. Beispielsweise in einer Remis-Stellung auf die gegnerische Zeit zu spielen. Was soll man tun, das gehört halt zum Wettkampf dazu. Ich denke aber, dass ich im Rahmen der universellen Menschenrechte und Weltkultur handle.

Was glauben Sie? Existiert das Problem „Betrug im Schach“ auf höchster Ebene?

In der Schachelite nicht. Dieses Problem existiert bei Turnieren niedrigeren Ranges. Jemand, der Erfolge auf höchster Ebene erzielt, wird sich wohl kaum mit derartigem Unsinn beschäftigen.

Sie haben selbst das Spielen auf die „gegnerische Zeit“ erwähnt. Wie erfolgversprechend ist es, die Zeitkontrolle zu verkürzen? Wie würden Sie persönlich auf die Ankündigung reagieren, dass es keine Turniere mehr im klassischen Schach geben würde, sondern nur noch Rapid- und Blitzschach?

Wir Profis passen uns immer an. Nehmen wir das Turnier in Stavanger als Beispiel: eine Stunde und 40 Minuten, anstatt der gewohnten zwei Stunden für 40 Züge. Das ist eine Herausforderung. Manche mögen die 20 Minuten Differenz als geringfügig empfinden, für die Schachspieler der höchsten Klasse aber ist diese veränderte Zeitkontrolle sehr hart. Wie ich dazu stehen würde? Wahrscheinlich wie ein Läufer, der immer 5.000 Meter gelaufen ist und plötzlich benachrichtig wird, dass es zukünftig nur noch die Disziplinen „400“ und „100“ Meter geben werde. Das heißt, ich würde es mit Verständnis, aber ohne Begeisterung aufnehmen. Mit der längeren Zeitkontrolle hat man Zeit, sein Netz zu spinnen. Um auf die Musikanalogie zurückzugreifen: Schlagen Sie einem Komponisten vor, eine Symphonie zu schreiben, die nur aus einem Teil besteht, entweder Allegro oder Adagio. Es gibt auch schöne Blitz- und Schnellschach Partien. Oftmals aber stellt man während der Partie fest: Das ist eine interessante Brettstellung, die eine tolle Entwicklung bietet, aber die Zeit reicht nicht aus, um diese umzusetzen.

Ihr Schachspieler seid kreative Menschen, die sich selbst dann um innovative Lösungen am Brett bemühen, wenn es sich um bekannte Brettstellungen handelt (auch Ihre Partie gegen den Weltmeister spricht dafür). Aber die Sache ist die: Die Computer Programme haben schon so viele Eröffnungsschemata drauf, dass vielleicht wirklich der Zeitpunkt gekommen ist, um auf Fischer-Schach umzusteigen... ?

Ich habe mich oft zu meiner Liebe, dem Fischer-Schach, bekannt. Ich hoffe, dass es weitere Turniere geben wird und dass die Menschen diese Schachart zu schätzen lernen, so wie ich es tue.
Dank Magnus Carlsen, der für viele neue Ansätze im Schach gesorgt hat, spielen wir heute im Grunde etwas Ähnliches wie Fischer-Schach. Ihm ist es vor allem gelungen, den Stellenwert der Eröffnung neu zu definieren. Eine Art Petrosian-Fischer Ansatz: Lasst uns manövrieren und schauen, wer stärker spielt. Carlsen hat das moderne Schach verändert. Die meisten Spieler suchen heute nach Möglichkeiten, die breitgetretenen Eröffnungspfade schnell zu verlassen und eine unkonventionelle Brettstellung zu bekommen. Das verlängert die Ära des klassischen Schachs.

Was das Interesse am klassischen Schach angeht: Wie stehen Sie als Teilnehmer der Grand Prix Turniere und des letzten Kandidatenturniers zur Politik der Firma „AGON“, die sich für ein Übertragungsverbot aller Turniere einsetzt, die sie selbst organisiert?

Eine schwierige Frage … In den meisten Sportarten erwerben die Veranstalter auch die Übertragungsrechte. Die Sache ist hier rein rechtlicher Natur. Als Schachliebhaber bin ich natürlich dagegen. Es steht mir aber nicht zu, Geschäftsmodelle zu beurteilen und über Menschen zu diskutieren, die etwas auf die Beine stellen und dafür ihr Geld investieren. Was die Popularisierung des Schachs angeht: Eine kostenlose Übertragung erreicht natürlich eine Menge Leute.

In welcher Sprache gehen Sie eine Variante gedanklich durch?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Es ist schwierig zu sagen. Möglicherweise mischt eine spezifische Schachsprache mit. In der Regel summe ich gedanklich vor mich hin, manchmal denke ich an schachfremde Sachen. So wie die meisten Spieler auch.

Schleichen sich manchmal auch Obsessionen, Zwangsvorstellungen, ins Gehirn ein?

Auch das passiert mal. Oftmals ergibt sich aus dem Spiel eine Art Entwurf. Der Partieverlauf erinnert an eine Filmszene, einen Menschen oder sogar an eine Situation. Es folgt eine Reihe von Zügen und man erkennt in den umherwandelnden Figuren eine gewisse Komik.

Stört oder hilft Ihre Bekanntheit in Ihrer Heimat? Viele Schachspieler sind zu Hause nicht besonders erfolgreich - wieder einmal müssen wir Magnus Carlsen erwähnen. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Ich denke, es hilft. Ich habe viele Fans... Wenn ich aber schlecht spiele, bekomme ich es sofort zu spüren. Ich setze mich zum Beispiel ins Taxi und der Fahrer sagt: „Hör zu, wenn du es nicht kannst, dann lass es sein! Schmeiß es hin, zum Teufel!“ (lacht). Ich sehe aber, dass die Menschen aufrichtig mitfiebern und irgendwie versuchen zu helfen. Und das hilft! Wenn ich in Armenien spiele … In der Regel klappt das! Zu Hause habe ich immer erfolgreich gespielt.

Petrosian hat mal geschrieben, dass man seinen Ruhm wie eine feine Praline betrachten sollte. Es ist schön, wenn sie da ist, man kann aber auch ohne sie auskommen.

Wenn ich ehrlich sein soll, ohne Ruhm wäre das Leben nicht so angenehm (lacht). Wenn ich also diese Praline probiert habe, möchte ich sie schon immer parat haben.

Eine ehrliche Antwort! Sie beenden bald Ihren nächsten zwölfjährigen Lebenszyklus ...

Im Oktober werde ich 35.

Das heißt, Sie kommen dem Höhepunkt Ihres Schach-Lebens näher. Es bleibt Ihnen zu wünschen, dass alles optimal für Sie abläuft.

Ich werde mir Mühe geben!

Das Interview führte Sergey Kim für chesspro.ru. Nachdruck mit freundlicher Genehmigung

Quelle: http://chesspro.ru/details/aronian_interview_2879

 


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