Das „Schachmonster im Himmel“ begeistert

von Hartmut Metz
16.08.2017 – Er ist wieder da. Garry Kasparovs Aufstieg zur Weltspitze erfolgte kometenhaft. 1985 wurde er Weltmeister und bereicherte das Schach dank seines Siegeswillen mit unzähligen Glanzpartien. 2005 trat er zurück. Derzeit feiert er ein Comeback. Hartmut Metz hat sich die ChessBase Masterclass-DVD zu Kasparov angeschaut.

Siebte Master-Class-DVD ist Garry Kasparov gewidmet

Die ChessBase-Reihe über die Asse auf den 64 Feldern ist mittlerweile schon bei Nummer acht angekommen und widmet sich auf dieser DVD dem aktuellen Weltmeister Magnus Carlsen. Ein Blick zurück lohnt sich jedoch – auch, weil sich der Held vergangener Tage gerade zumindest im Schnellschach wieder ans Brett begibt: Die siebte Ausgabe über die Champions bietet nämlich nicht nur eine Rundumschau auf eine große Karriere, sondern begeistert vor allem durch ihren taktischen Gehalt. Alle vier Autoren der DVD outen sich – allzu verständlich – als glühende Bewunderer von Garry Kasparov!

Mihail Marin beschreibt einleitend ziemlich wortreich das Können des „Schachmonsters im Himmel“, dem nur Anatoli Karpov das Wasser reichen konnte. Durch seinen russischen Erzrivalen lernte der 13. Weltmeister der Schach-Geschichte auch mehr strategisches Denken und hängte selbst den schärfsten Konkurrenten in den 90er Jahren ab. Dorian Rogozenco rundet die Verdienste Kasparovs ab und stellt klar, dass er nicht nur viele famose „Ideen“ entwickelte: „Alle Weltmeister hatten schon immer großen Einfluss auf die Eröffnungstheorie – aber Kasparovs Einfluss war enorm. Er brachte die Eröffnungsvorbereitung auf ein neues Niveau, eine neue Ebene!“ Ja, „seine Eröffnungsideen waren so tief, dass sie auch die nachfolgende Generation noch benutzten“, verweist Rogozenco auf den kleinen Magnus – weil Carlsen einst einer Schottisch-Variante des Dominators der 90er folgte. Und noch mehr: „Die Beiträge zur Schottisch-Theorie zählten zu den größten, die Kasparov zur Eröffnungstheorie gemacht hat“, schwärmt der deutsche Bundestrainer.

Ähnliches galt für Königsindisch, ehe das „Ungeheuer aus Baku“ dieser nach einer Niederlage gegen Wladimir Kramnik 1997 abrupt entsagte und auf Grünfeld-Indisch umstellte. Dieser neuen Liebe blieb Kasparov treu bis zum Karriereende 2005. Wie Rogozenco jedoch brandaktuell in seinen interessanten neun Videos anmerkte, wagte das Genie bei seinem ersten Schnellschach-Comeback in St. Louis wieder Königsindisch mit gutem Erfolg. Ob dies zu einer Renaissance der Variante führt? Vermutlich nicht ohne die fehlende Entwicklungshilfe des russischen Schach-Genies. Einziger kleiner Mangel bei der Präsentation all der Eröffnungsvarianten Kasparovs ist eigentlich nur: Rogozenco hätte die mit den Varianten angesprochenen Hauptpartien gleich bis zum Ende zeigen sollen, wenn auch nur kurz durchgeklickt. So muss der Zuschauer diese nach der Vorentscheidung selbst heraussuchen – mitgeliefert werden die Stammpartien natürlich genauso wie alle anderen verfügbaren Duelle des Maestro.

Marin lädt bei seinen fünf Clips, die sich strategisch ausgerichteten Partien widmen, dazu ein, sich ein wenig in Kasparov hineinzuversetzen. An mehreren Stellen soll das Publikum selbst grübeln, ob es die Fortsetzungen des Genies findet. Wird der richtige Zug eingegeben, geht es weiter mit dem Video. Das gilt ebenso für die schön ausgewählten 20 Kombinationen von Oliver Reeh. Schon der Auftakt mit vier brillanten Springerzügen des damals 17-Jährigen gegen Slobodjan Marjanovic bei der Olympiade 1980 oder das nächste Beispiel von der Junioren-WM gegen Jaime Sunye Nieto, als zwei Türme und der Springer über den weißen König herfallen, zeigt die Kombinationsgewalt des jungen Kasparov. Und auch danach gibt es „Kasparov in Bestform“ (Reeh) zu bewundern. Die Freude darüber verstärkt der IM noch, wenn man selbst die Fortsetzungen richtig löst und dafür von Reeh beim interaktiven Videofeedback ein „toll gesehen!“ erntet.

Die Partien bereiten Schach-Gourmets enorme Freude! Was sind schon carlseneske Langweiler-Duelle heutzutage im Vergleich dazu? „Kasparov-Partien nachzuspielen macht Spaß!“, sagt auch Reeh bei Testpartie 14, in der der 13. Weltmeister seinen Gegenspieler Valery Salov in einem „Igel“ zertrümmert. Höhepunkt ist natürlich die „Perle von Wijk“, Kasparovs legendäre Opferkaskade 1999 gegen Veselin Topalov – die wohl spektakulärste Partie seiner Karriere. Die noch einmal aufkeimende Freude beim Betrachter wird nicht dadurch geschmälert, dass man die wenigsten Züge bei den Trainingsfragen ohne Videofeedback-Hilfe der Autoren findet. Es gibt eben nur einen Kasparov!

Auf der in deutscher wie englischer Sprache gehaltenen DVD schließt sich sogar Karsten Müller als kühler Hanseat der Euphorie um den Russen an. In der Historie ordnet ihn der Großmeister als seine persönliche „Nummer zwei hinter Bobby Fischer“ ein. Wegen seiner Bücher über seine Vorkämpfer auf dem WM-Thron habe er sogar einen höheren Platz verdient, gibt der Endspiel-Experte der Silbermedaille einen goldenen Anstrich. In der Schlussphase lässt Kasparov auch häufig nicht ab vom gegnerischen König, wie Müller gleich beim ersten instruktiven Endspiel gegen Gata Kamsky (PCA-Schnellschach-Grand Prix von 1994) hübsch zeigt. Der Großmeister widmet sich zudem den legendären Wettkämpfen von Kasparov gegen Deep Blue, bei denen der damals 34-Jährige als erster Weltmeister einem Rechenmonster in einer Turnierpartie und dann nach seinem 4:2-Erfolg (1996) sogar in einem Match (1997) unterlag.

Die Datenbank enthält überdies 162 Partien mit 575 Trainingsfragen. Diese können dazu beitragen, wie es auf der DVD selbst heißt, sein „taktisches Verständnis mit Hilfe von Kasparovs Geistesblitzen zu perfektionieren“. Ein hehres Ziel. Neben Informationen rund um die Karriere finden sich auf dem Chessbase-Produkt zahlreiche Turniertabellen aus der Ära der Koryphäe, die von 1978 bis 2005 die Fans schachlich verzückte.
Der einzige kleine Minuspunkt bei einer ansonsten – um auf Marin zurückzukommen - „himmlischen“ DVD: Bei Versprechern oder falsch angeklickten Varianten sollten sich die Autoren künftig die kleine Mühe machen, die kurze Sequenz entweder nochmals schnell und korrekt einzusprechen – oder das Material eben schneiden lassen, nachdem die Aufnahme ab dem kleinen „Hakler“ erneut gedreht wurde.

Das Schlusswort zu Garry Kasparov soll Oliver Reeh gehören: „Es ist schade, dass er so früh seine Karriere beendete!“ Die DVD tröstet darüber – so es bei dem Kurzzeit-Comeback in St. Louis bleibt - zumindest ein bisschen hinweg.

Dorian Rogozenco, Mihail Marin, Oliver Reeh und Karsten Müller, "Garry Kasparov - Master Class"

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Beispielvideo:

 

 


Hartmut Metz ist hauptberuflich Redakteur beim Badischen Tagblatt mit Hauptsitz in Baden-Baden. Er schreibt außerdem unter anderem für das Schach-Magazin 64 und Schach-Aktiv (Österreich).
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