Das Seekadetten-Matt: Original und Fälschung

30.03.2011 – Eine der berühmtesten Kurzpartien der Schachgeschichte ist die als Kermur Sire de Legal - Saint Brie, Paris 1750 überlieferte Begegnung, in der Weiß eine Dame opfert, um damit das so genannte "Sekadettenmatt" zu erzwingen. Der Name der Kombination geht auf die Operette "Der Seekadett" von Richard Genée (Uraufführung 1876 in Wien, Libretto von Camillo Walzel) zurück, wo im zweiten Akt diese Partie als Lebendschachspiel aufgeführt wird. Geläufig ist aber auch die Bezeichnung „Matt des des Légal". Nun hat der Berliner Lehrer und Schachhistoriker Stephan Maaß jedoch herausgefunden, dass das Motiv der Kombination zwar von Kermur Sire de Legal, eigentlich „Legall de Kermeur“ stammt, die Originalpartie nicht so zwingend war, wie es für die Mythenbildung notwendig gewesen ist. Dr. René Gralla stellt Motiv und den Forscher vor. Mehr...

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Die Wahrheit über das MATT DES LEGALL:
EIN KULT-FINALE DER SCHACHGESCHICHTE - UND WIE HINTERHER DARAN KRÄFTIG GEDREHT WORDEN IST

Text und Interview: Dr. René Gralla
Fotoproduktion: Daniel Blank

Guttenberg ist überall. Selbst im Schach, wo die Aktionen in der 64-Felder-Miniarena doch deutlich sichtbar ablaufen und exakt nachrechenbar dokumentiert werden, kann heftig geschummelt werden. Einem Riesenschwindel um einen der berühmtesten Partieschlüsse der Geschichte ist ein 45-jähriger Bio- und Mathelehrer aus Berlin auf die Spur gekommen. Nachdem sich Stephan Maaß, der aktuell in Hamburg wohnt und arbeitet, eines Tages gefragt hat, ob beim legendären "Matt des Legall", das seit dem 18. Jahrhundert durch Lehrbücher und Fachmagazine geistert, eigentlich alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Die Irritationen fangen schon mit der Terminologie an. Der schneidige Partieschluss, in Deutschland auch bekannt als „Seekadettenmatt“, firmiert meist unter dem Begriff „Matt des Legal“ beziehungsweise „des Légal“, weil sein Erfinder „Kermur Sire de Legal“ respektive „Légal“ geheißen habe.

Korrekt ist jedoch wahrscheinlich der Name „Legall de Kermeur“, so die Analyse des französischen Experten Dominique Thimognier unter Berufung auf David Hooper & Ken Whyld, Verfasser des „Oxford Companion to Chess“. Das britische Autorengespann hat in Bezug auf diesen wichtigen Punkt sogar direkt vor Ort in der Stadtbibliothek von Rennes genealogische Recherchen angestellt, das berichtet jedenfalls Thimognier in seinem kurzen Aufsatz „LEGALL (Sire de Kermeur)“, der unter dem Link http://heritageechecsfra.free.fr/legall.htm im Web aufgerufen werden kann.

Besagter LEGALL DE KERMEUR (geboren am 4. September 1702 in Versailles, gestorben 1792 vermutlich in Paris) war Sohn des französischen Militärs Francois-René Baron de Legall (1652-1724), der sich vor allem im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) hervorgetan hatte. Doch wie so oft wollte die nächste Generation von den Taten der Altvorderen nichts wissen: Der Erstgeborene des gefeierten Generals, Legall de Kermeur, zog das gemütliche Zocken am Brett und ausgiebigen Genuss von Schnupftabak dem Pulverdampf auf den Schlachtfeldern vor, wie dem „Oxford Companion to Chess“ zu entnehmen ist. Der adlige Lebenskünstler war Schachprofi und unangefochtener Platzhirsch im Pariser Café de la Régence, galt folgerichtig als inoffizieller Weltmeister, bis er 1741 das hoffnungsvolle Talent Francois-André Danican Philidor zu unterrichten begann. Und bereits drei Jahre später zum Dank vom Schüler ziemlich respektlos besiegt und entthront wurde.


Im Café de la Régence

Der schachliche Nachlass des Barons und Bohemiens ist verloren. Mit einer einzigen Ausnahme, die den Namen LEGALL unsterblich gemacht hat: nachfolgend die gängige Zugfolge jener Blitzexekution, auf die sich bisher die Mehrheitsmeinung im Schrifttum verständigt hat.

 


Ein epochales Matt der Schachgeschichte trägt seinen Namen: Legall de Kermeur (1702 - 1792)

"MATT DES LEGALL" - Konsens-Version mit 4. ... g6(?!?)

Weiß: Legall de Kermeur
Schwarz: Saint Brie
Paris, angeblich 1750

Philidor-Verteidigung [C41]

1.e4 e5 2.Sf3 d6 3.Lc4 Lg4(??) 4.Sc3 g6(?!?) 5.Sxe5!! Lxd1?? 6.Lxf7+ Ke7 7.Sd5# 1-0



 

Die vorstehende Fassung des Legall-Matts ist von vielen Nach- und Abschreibern übernommen worden. Dabei hätte der hartnäckig kolportierte schwarze Zug 4. … g6 (?!?) doch stutzig machen sollen. Schließlich scheint das Vorrücken des g-Bauern ein Fianchetto des schwarzfeldrigen Lf8 vorzubereiten, aber das wäre ein Motiv, das vielleicht zu den hypermodernen Revoluzzern im 20. Jahrhundert gepasst hätte, nicht jedoch zu den müden Salonlöwen im Rokoko.

Der offenkundige Widerspruch hat den Neu-Hamburger Pauker und Teilzeit-Schachhistoriker Stephan Maaß animiert, persönlich in die Archive zu steigen. Anschließend hat er das Ergebnis seiner Recherchen unter der Überschrift "Das musikalisch-schachliche Operetten-Mysterium" ins Netz gestellt auf der Homepage seines langjährigen Vereins SC Weiße Dame Berlin: www.sc-weisse-dame.de/kuka3.html 

Im CHESSBASE-Interview fasst Stephan Maaß die Ergebnisse seiner Arbeit zusammen.

Dr. René Gralla / CHESSBASE: Sie haben jetzt den Anti-Guttenberg im Schach gegeben, indem Sie das Finale einer viel zitierten Begegnung aus dem vorrevolutionären Frankreich unter die Lupe genommen haben. 

Stephan Maaß: Wobei damals, als die ominöse Stellung auf das Brett gestellt worden ist, natürlich noch niemand den späteren Herrn Guttenberg und seine Causa vorausahnen konnte.

Dr. R.Gralla / CB: Das "Matt des Legall" ist benannt nach seinem Erfinder, Legall de Kermeur. Der Mann hat sich mit einem verwegenen Damenopfer in den Annalen verewigt. Allerdings ist das Original nun doch weniger elegant gewesen, als man das bisher angenommen hat.

S.Maaß: In der realen Partie, die seinerzeit im Pariser Café de la Régence ausgetragen worden ist, hat Legall seine Königin zum Schlagen angeboten. Aber wäre der Gegner, ein gewisser Saint Brie, nicht zu gierig gewesen und hätte sich, statt unüberlegt nach der stärksten Figur auf dem Brett zu schnappen, begnügt mit einem deutlich schwächeren Springer - der stand nämlich auch en prise! - , dann hätte nach menschlichem Ermessen der Hasardeur Legall das Duell verloren.

MATT DES LEGALL - THE REAL THING

Weiß: Legall de Kermeur
Schwarz: Saint Brie
Paris, wahrscheinlich 1787

Läuferspiel mit Übergang ins Dreispringerspiel [C46]

1.e4 e5 2.Lc4 d6 3.Sf3 Sc6 4.Sc3 Lg4 5.Sxe5?!?!? Lxd1??? 6.Lxf7+ Ke7 7.Sd5# 1-0

Dr. R.Gralla / CB : Ein Makel, der den Zeitgenossen - samt vielen, die von ihnen abgekupfert haben - nicht gepasst hat.

S.Maaß: Die Grundidee von Legall ist frappierend: Der schwarze Monarch wird von zwei Reitern und einem Läufer in der Mitte des Brettes zur Strecke gebracht, obwohl Weiß die Dame eingebüßt hat. Um so ärgerlicher ist, dass die Kombination nicht zwingend ist, sondern ein fatales Loch aufweist, weil sich der übertölpelte Saint Brie ganz einfach nicht auf den Tanz hätte einlassen müssen. Daher haben die Kommentatoren vermutlich relativ schnell und wahrscheinlich noch zu Lebzeiten von Legall das Geschehen geschönt: Sie haben die real gespielte und quasi "illegale", weil fehlerhafte Zugfolge des Legall de Kermeur im Nachhinein sozusagen "legal" gemacht. Der Trick: Sie haben relativ sinnfreie Bauernzüge erfunden und die Partie entsprechend umgedichtet.

Dr. R.Gralla / CB: Und der wahre Verantwortliche, Maître Legall de Kermeur, hat das stillschweigend gebilligt?! 

S.Maaß: Von ihm ist nicht überliefert, dass er sich gegen die Legendenbildung post festum verwahrt hätte.

Dr. R.Gralla / CB: Mit der Folge, dass die manipulierte Partienotation bis in die Gegenwart als authentisch gilt, in Lehrbüchern und Datenbanken ...

S.Maaß: ... und die Fälschung wird zur Wahrheit. 

Dr. R.Gralla / CB: Wie sind denn nun Sie darauf gekommen, sich eine Story, die lange niemand hinterfragt hat, einfach mal etwas genauer anzuschauen?

S.Maaß: Auslöser war der Lösewettbewerb einer Schachzeitung. Die Leser sollten unter anderem den Komponisten jener Operette nennen, in der das notorische "Seekadettenmatt" vorkommt. Dazu müssen Sie wissen, dass besagtes "Seekadettenmatt" nichts anderes ist als das in Deutschland gebräuchliche Synonym für das "Matt des Legall". Als ich dann tiefer in die Quellen eingestiegen bin, sind mir viele Ungereimtheiten aufgefallen. Und sukzessive fand ich drei bis fünf Versionen vom "Seekadettenmatt", das in der einschlägigen Operette - programmatischer Titel: "Der Seekadett" - als Lebendschach vorgeführt wird.

Dr. R.Gralla / CB: Wie haben Sie am Ende die echte Zugfolge herausgefunden? 

S.Maaß: Kritische Quellenforschung ist der Schlüssel, um sich der Wahrheit anzunähern. Ich analysiere die Fundstellen und versuche, bei Widersprüchen abzuwägen: Wer sind die Verfasser? Sind das Vielschreiber, die in schneller Folge auf Masse publizieren - die können dann doch wohl kaum alles recherchieren?! Oder arbeiten sie gediegen und gelten als seriös? Entsprechend bewerte ich die Quellen.

Dr. R.Gralla / CB: Haben Sie eigentlich eine Erklärung dafür, dass ein Legall de Kermeur, der Schachprofi war und zeitweilig als inoffizieller Weltmeister galt, bei der Komposition seines Mattschlusses selber massiv patzte? Nachdem Sie Ihre Erkenntnisse im Internet veröffentlicht haben, hat der Autor der Website Chesscorner.com unter dem Link www.chesscorner.com/games/fascinating/int4.htm ungenannte Zeitzeugen zitiert, denen zufolge Legall den ominösen Springer auf f3 - der zunächst noch die weiße Dame auf f1 gegen den Angriff durch den schwarzen Läufer g4 abschirmte - , aus Versehen berührt haben soll. Als aber Legall seine Hand schnell wieder weggezogen habe, sei er an die Regel "Berührt-geführt!" erinnert worden, und nachdem er länger nachgedacht habe, sei ihm plötzlich der Harakiri-Dreinschlag mit dem Springer nach e5 eingefallen.

S.Maaß: Ich denke, das war eine provozierte psychologische Falle. Legall war stark genug, um zu erkennen, wie zweifelhaft sein Angriffsplan war. Aber er war bereit, das Risiko eines Scheiterns einzugehen, weil das Schlussbild nach dem Schlagabtausch einfach zu verlockend war. Und Legall war erfahren genug, um seinen Matchpartner richtig einzuschätzen - dass der sich bluffen lassen würde. Folgerichtig hat Legall getrickst, um das ersehnte Motiv zu kreieren, und das hat tatsächlich geklappt.

Dr. R.Gralla / CB: Umstritten bleibt allerdings, wann Legall de Kermeur und Saint Brie sich derart schicksalhaft begegnet sind. Das soll 1750 gewesen sein ... 

S.Maaß: ... erneut widersprechen sich die Chronisten. 1750 wage ich zu bezweifeln, wahrscheinlicher ist ein späteres Datum, vermutlich 1787.

Dr. R.Gralla / CB: Übrigens steht auch nicht fest, wer die Operette "Der Seekadett" um das "Matt des Legall" geschrieben hat.

S.Maaß: Da sind verschiedene Namen im Angebot. Wahrscheinlich hat Richard Genée das Werk komponiert, aber offen ist, welchen Part sein langjähriger Kompagnon F. Zell, hinter dem Pseudonym verbarg sich der Schriftsteller Camillo Walzel, hier übernommen hat. Und sogar die Angaben zur Publikation und Erstaufführung schwanken, die Bandbreite reicht von 1876 bis 1887.

Dr. R.Gralla / CB: Fazit - auch die Schachszene hat ihre Guttenbergs. Ein Einzelfall?

S.Maaß: Keineswegs. Wer die Wahrheit liebt und sucht, sollte auch beim vorgeblich "königlichen" Spiel sehr vorsichtig sein. 

Dr. R.Gralla / CB: Wie ist es möglich geworden, dass sich die hemmungslos retuschierte Version vom Matt des Legall derart lange gehalten hat?

S.Maaß: Weil zu viele Autoren ohne Bedenken voneinander abschreiben. Ohne Quellenangabe, ohne eigene Forschung. Man liest das irgendwo, und das gibt man dann in seinem eigenen Werk einfach wieder.

Dr. R.Gralla / CB: Dann ist Bayerns CSU-Freiherr zu Guttenberg, der seine Doktorarbeit zusammengeschustert hat, wohl gar nicht allein?

S.Maaß: Garantiert nicht. Am Freiherrn zu Guttenberg stört mich deswegen auch nicht, dass er ein Plagiator ist. Mich stört daran, dass er, als er mit der Tatsache des Abschreibens konfrontiert worden ist, geleugnet und gedroht hat. Wer mit der Hand in der Keksdose erwischt wird, kann nicht von sich behaupten, dass er die Schachtel bloß von innen sauber machen wollte!

Obwohl das echte MATT DES LEGALL nicht ganz so sauber durchkomponiert worden ist, wie das viele Bewunderer geglaubt haben, hat diese Erkenntnis auch etwas Tröstliches: Auch vermeintliche Superstars sind oft nur ganz normale Trickser wie wir Durchschnittspatzer.

Trotzdem ändert das nichts am schachhistorischen Verdienst des Legall de Kermeur. Sein fabelhafter Fake ist eine Initialzündung gewesen: Mit der Blaupause des LEGALL im Kopf lauern seitdem die Vollbluttaktiker rund um den Globus auf jede Chance, blauäugig Ahnungslose à la Café de la Régence abzukochen.

Wo früher der Nabel der Schachwelt war und das MATT DES LEGALL zum ersten Mal auf's Brett gestellt wurde: Paris, Rue Saint Honoré Nr. 161, die Adresse des einstigen Café de la Régence in der Gegenwart.

Und oft geht die Aktion dann auch weniger holperig über die Bühne. Das MATT DES LEGALL, das Islands Oskar Bjarnason dem verdutzten Volkfried Dittler vor gut zehn Jahren in Bad Wörishofen auftischte, war zweifelsfrei LEGAL.

Vorsicht, auch dieser Mann hat das MATT DES LEGALL im Repertoire: Islands Bad Wörishofen-Stammgast Oskar Bjarnason (45)

Weiß: Oskar Bjarnason
Schwarz: Volkfried Dittler
22.03.2001, Bad Wörishofen 2001

Linksspringer-Eröffnung mit Übergang in Philidorverteidigung [A00]

1.Sc3 e5 2.Sf3 d6 3.e4 Lg4 4.Lc4 Lh5? 5.Sxe5!! Lxd1 6.Lxf7+ Ke7 7.Sd5# 1-0

Das ist - schlappe 200 Jahre später - ein Remake vom MATT DES LEGALL, das der Erfinder sicher nur zu gerne hingelegt hätte. Große Ideen brauchen eben ihre Zeit, um zu reifen.

 


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