Der große Bogota-Gelddiebstahl

21.12.2011 – Wer reiselustig ist und gut Schach spielen kann, kommt rum in der Welt. Sergey Tiviakov bereist als Schachprofi seit vielen Jahren die Erdkugel, hat schon an den entlegensten Punkten an Offenen Turnieren teilgenommen und verbindet so seinen Beruf mit dem Interessen am Neuen. In seine zahlreichen Bildreportagen kann man seine Begeisterung für die entdeckten Kulturen spüren, doch bei seinem jüngsten Ausflug nach Bogota kam kaum Freude auf. Zwar hat auch die kolumbianische Andenhauptstadt, in einer Höhe von 2600 Meter über NN gelegen, viele kulturelle Reize zu bieten, doch die Umstände, unter denen das Turnier ausgetragen wurde, ließen von den guten Eindrücken wenig übrig. Die Partien wurde in ziemlicher Kälte in einem Einkaufszentrum zwischen Laufkundschaft und Sonderangeboten gespielt. Eine für Open absurde Zweitwertung - die Anzahl der gewonnenen Partien - sorgte dafür, dass man sich entweder durch eine Niederlage zurückfallen lassen musste, um an die besseren Preistöpfe zu gelangen, oder bei normalem Spiel finanziell zurück gestuft wurde. Sergey Tiviakov gehörte zur zweiten Gruppe und ist sauer, hat aber trotzdem einige hübsche Impressionen mitgebracht. Turnierseite...Bericht, Impressionen, Partien, Diebstahl...

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Der große Bogota-Gelddiebstahl
Von Sergey Tiviakov

Schaut man sich meine Fotoreportagen aus aller Welt an, dann könnte man leicht denken, wie schön es doch wäre, ein Schachspieler zu sein: Man sieht die Welt, reist in exotische Länder und gewinnt Turniere. Aber manchmal ist das Leben als Schachspieler alles andere als leicht, sondern einfach nur harte Arbeit. Oft spielt man unter schweren Bedingungen und fühlt sich alles andere als wohl. Deshalb möchte ich Ihnen von dem erzählen, was ich bei meinem letzten Turnier in Bogota in Kolumbien erlebt habe. Eigentlich war fast die ganze Reise eine Quälerei.


Das Calima Shopping Center

Das Turnier 'II JAHV MC GREGOR ITT" in Bogota fand zum zweiten Mal in Folge statt. 2010 hatte ich bereits mitgespielt und war auf dem geteilten ersten Platz gelandet und wurde dann nach Wertung Erster. Letztes Jahr hatte es ein paar Probleme gegeben (so war man für die Fahrt vom Hotel zum Spiellokal mit dem Auto eine Stunde unterwegs), doch der Organisator Orlando Ruiz hatte Verbesserungen versprochen.


Orlando Ruiz, re.

Allerdings waren die Turnierbedingungen nicht besser, sondern schlechter geworden. So wurde der Preisfonds reduziert – für den ersten Platz gab es nicht mehr 3.500$, sondern nur noch ungefähr 2.500$. Auch die anderen Preise waren verringert worden. Dafür lag das Hotel dieses Jahr in der Nähe des Spiellokals – dem neu eröffneten Shopping Center CALIMA. Aber das war eine unglaublich schlechte Wahl, denn die Spielbedingungen waren einfach unerträglich.... So spielten wir nicht in einem abgesperrten Raum, sondern in den Passagen des Shopping-Centers. Der Geräuschpegel war unglaublich hoch: immerzu hörte man laute Musik im Hintergrund, dazu der Lärm der Passanten, die sich unterhielten, klingelnde Handys, spielende Kinder und immer wieder offizielle Durchsagen des Shopping Centers. Außerdem war es unglaublich kalt: die meisten Spieler spielten in warmen Jacken und viele mit Mütze und mit Handschuhen.












Bogota liegt zwar in der Nähe des Äquators, doch wegen seiner Höhenlage (2600 Meter über dem Meeresspiegel) steigt das Thermometer dort selten über 17° bis 20°. Abends und in der Nacht können die Temperaturen dann schon einmal auf 4° sinken. Da das Shopping Center CALIMA kein festes Dach hat, ist es innen genauso kalt oder warm wie außen – und es war wirklich kalt.

Doch obwohl sich alle Teilnehmer beim Organisator beschwerten, tat er nichts, um die Spielbedingungen zu verbessern. Im Gegenteil: Er vermittelte den Eindruck, als seien ihm die Spielbedingungen völlig gleichgültig. "Wem es nicht gefällt, der kann ja gehen", war seine Antwort! Es hätte zwar die Möglichkeit gegeben, in einem geschlossenen Raum (vor Lärm und Kälte geschützt) zu spielen, aber der Organisator weigerte sich, auch nur die Spitzenbretter in diesen Raum zu verlegen!

Deshalb mein Rat an alle Spieler, die überlegen, ob sie nächstes Jahr in Bogota spielen: Tun Sie es nicht! Die Spielbedingungen sind wirklich abscheulich!!! Dort Schach zu spielen ist die reine Qual und bringt keinerlei Vergnügen!

Ein anderes bedenkliches Problem war der durch das Organisationskomitee orchestrierte 'Diebstahl' bei der Preisverleihung. Vor dem Turnier hatte der Organisator verkündet, dass das Preisgeld nach folgenden Wertungskriterien vergeben würde (die Preise wurden nicht geteilt):

1) Das Ergebnis der Direktbegegnung
2) Die Anzahl der Siege
3) Fortschrittswertung
4) Buchholz

Ich protestierte vor Beginn des Turniers gegen diese absurde Reihenfolge, aber der Organisator weigerte sich, daran irgendetwas zu ändern. Spielt man in einem großen offenen Turnier (in Bogota gingen 2011 380 Spieler an den Start) begünstigt die Wertung nach Anzahl der Siege die schwächeren oder schlechteren Spieler. Denn in einem offenen Turnier bekommt man nach einer Niederlage deutlich schwächere Gegner als die Spieler, die an der Tabellenspitze Remis spielen. Die Wertung nach Anzahl der Siege MUSS in allen offenen Turnieren verboten werden!

Schauen wir uns jetzt an, warum das so ist – und nehmen wir Bogota 2011 dabei als Beispiel. Offizieller Sieger des Bogota-Turniers war Lazaro Bruzon aus Kuba, obwohl er in Bogota deutlich schlechter gespielt hatte als B. Macieja und ich (mit 8,5 Punkten aus 10 Partien lagen wir am Ende des Turniers gemeinsam an der Spitze). Natürlich ist Bruzon mit einer Elo-Zahl von 2690 Punkten ein starker Spieler, aber in Bogota zeigte er nicht sein bestes Schach.

Schauen Sie sich zum Beispiel seine Partie gegen A. Zapata an!


Zapata gegen Bruzon




Natürlich sollte sich Bruzon schämen, eine solche Partie in 25 Zügen zu verlieren. Aber es waren gerade sein schlechtes Spiel und seine Niederlage in dieser Partie, die Bruzon zusätzliche 1.500 $ einbrachten (1.000 $ wurden mir gestohlen, 500 $ B. Macieja).


Cadena - Macieja


Tiviakov-Sanchez in Jacken

Und dann schauen Sie sich den Viertplatzierten an: FM Henry Contreras aus Kolumbien, Elo-Zahl 2240: Er kam auf eine Performance von 2237 und spielte dabei nur eine Partie gegen einen Spieler mit halbwegs guter Elo-Zahl, alle anderen seiner Gegner bewegten sich im Bereich zwischen 1800 - 2000. Und all das, nachdem er in der ersten Runde gegen einen Spieler mit einer Elo-Zahl von 1812 verloren hatte.

Ein anderes Beispiel ist A. Ramirez aus den USA, der auf dem 9. Platz landete, aber eigentlich Fünfter hätte werden sollen. Er wurde ebenfalls bestohlen!


Ramirez, vorne links

Weil er solides Schach an der Tabellenspitze gespielt hat. Es ist offensichtlich, dass die FIDE hier etwas unternehmen und die Zahl der Gewinnpartien als Wertungskriterium bei offenen Turnieren verbieten muss.


 

 



 

Endstand nach zehn Runden

Rk.     Nombre FED FIDE EloN Pts. Des 1 Des 2 Des 3 Rp n w we w-we K elo+/-
1
 
GM Bruzon Batista Lazaro CUB 2689 0 8.5 0.0 8 48.0 2600 10 8.5 8.24 0.26 10 2.6
2
 
GM Tiviakov Sergei NED 2650 0 8.5 0.0 7 50.0 2659 10 8.5 7.48 1.02 10 10.2
3
 
GM Macieja Bartlomiej POL 2616 0 8.5 0.0 7 49.0 2591 10 8.5 7.93 0.57 10 5.7
4
 
FM Contreras Henry COL 2240 0 8.0 0.0 8 41.0 2237 8 6 5.79 0.21 15 3.2
5
 
GM Cordova Emilio PER 2538 0 8.0 0.0 7 49.5 2562 10 8 6.80 1.20 10 12.0
6
 
IM Shoker Samy EGY 2512 0 8.0 0.0 7 46.0 2441 10 8 8.11 -0.11 10 -1.1
7
 
IM Gallego Alcaraz Andres Felipe COL 2360 0 8.0 0.0 7 45.0 2377 10 8 7.50 0.50 10 5.0
8
 
GM Ortiz Suarez Isan Reynaldo CUB 2553 0 8.0 0.0 7 43.5 2453 9 8 7.89 0.11 10 1.1
9
 
GM Ramirez Alejandro USA 2595 0 8.0 0.0 6 49.5 2537 10 8 7.67 0.33 10 3.3
10
 
IM Baules Jorge PAN 2380 0 8.0 0.0 6 41.5 2360 9 7.5 6.99 0.51 15 7.7
11
 
GM Zapata Alonso COL 2483 0 7.5 0.0 7 45.5 2457 10 7.5 7.01 0.49 10 4.9
12
 
FM Rios Cristhian Camilo COL 2388 0 7.5 0.0 7 44.5 2367 10 7.5 7.34 0.16 10 1.6
13
 
IM Arenas David COL 2433 0 7.5 0.0 7 44.5 2351 9 6.5 7.00 -0.50 10 -5.0
14
 
  Becerra Juan David COL 2280 0 7.5 0.0 7 43.5 2415 9 6.5 4.91 1.59 15 23.9
15
 
  Pinzon Jairo David COL 2198 0 7.5 0.0 7 42.5 2335 8 5.5 4.07 1.43 15 21.5
16
 
FM Ruiz C Joshua D COL 2241 0 7.5 0.0 7 41.0 2255 9 6.5 6.26 0.24 15 3.6
17
 
IM Rios Alejandro COL 2355 0 7.5 0.0 6 46.0 2439 10 7.5 6.03 1.47 10 14.7
18
 
GM Barrientos Sergio E COL 2517 0 7.5 0.0 6 45.5 2422 10 7.5 7.80 -0.30 10 -3.0
19
 
FM Ruiz Alciguel COL 2213 0 7.5 0.0 6 41.5 2318 9 7 5.70 1.30 15 19.5
20
 
  Herrera Juan Sebastian COL 2141 0 7.5 0.0 6 41.5 2322 9 7 4.60 2.40 15 36.0
21
 
  Corradine Jorge Ricardo COL 2162 0 7.5 0.0 6 38.5 2344 6 5 3.65 1.35 15 20.3
22
 
CM Valle Efrain COL 2176 0 7.5 0.0 6 38.0 2198 6 4.5 4.26 0.24 15 3.6
23
 
  Vargas Pedro COL 0 0 7.5 0.0 6 36.5 2375 5 4        
24
 
GM Perez Rodriguez Luis Manuel CUB 2475 0 7.5 0.0 5 45.5 2349 9 6.5 7.16 -0.66 10 -6.6

... 380 Spieler


Meine besten Partie aus Bogota waren die gegen Gomez Garrido und Zapata. Meine Partie gegen Zapata werde ich für das ChessBase Magazin analysieren.



Doch jetzt zu Bogota. Ich konnte im Laufe des Turniers eine ganze Reihe von Fotos machen und habe in Bogota einige Museen besucht.


Das Parlament


Der Platz der Kathedrale


Auch hier weihnachtet es


Die Kathedrale von Bogota


Einheimisches Viehzeug


Alte und neue Gebäude






Stadtvilla mit Moped


Spanischer Stil









Das Botero-Museum



Fernando Botero, geb. 1932, ist einer der bekanntesten bildenden Künstler Lateinamerikas. Er stammt aus einem Dorf in den Anden und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Mit 12 Jahren begann er zu malen und entwickelte im Laufe der Zeit den ihm eigenen Stil. 1951 zog er nach Bogota und lebte später auch in Europa. Boteros Thema ist der Mensch mit all seinen Facetten. Seit 1976 ist er auch als Bildhauer aktiv.









Das Kunstmuseum der Banco de la Republica


ca. 5 kg Gold in diesem Raum


Max Ernst-Figur


Eine Skulptur von Dali


Eine Plastik von Degas


Gregoriao Vazquez de Arce y Ceballos: Virgen de la silla

Das Museo de Casa de Moneda de Bogota


Hier geht es ums Geld


Münzpresse

Das Museum für Kolonialkunst


Artefakte aus der Kolonialzeit





 


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