Die Schacholympiade aus anderer Perspektive

18.09.2012 – Bei der Berichterstattung über die Schacholympiade steht meist das Geschehen an den Toptischen im Mittelpunkt: Wer schlägt wen? Wer gewinnt die Medaillen? Eine ganz andere Olympiade spielen aber die Mannschaften in der hinteren Hälfte der Tabelle. Dejan Bojlov "ergatterte" den begehrten Platz als Trainer von Papua-Neuguinea und musste sich erstmal über die Ziele belehren lassen. Craig Skehan, zum Beispiel, nimmt seit 1986 an Olympiaden teil, hat 59 Partien gespielt, aber bisher keine gewonnen. Das möchte er nun endlich. In seinem Bericht über die "andere Schacholympiade" lässt Dejan Bojkov auch weitere ungewöhnliche Vorkommnisse nicht unerwähnt - halbe oder dreiviertel Mannschaften oder Nichtantreten bei vermuteter Erfolglosigkeit - und fand außerdem Zeit, einige Eindrücke aus Istanbul zu präsentieren. Bericht und Bilder...

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Olympische Facetten
Von Dejan Bojkov

Vor ein paar Monaten erhielt ich ein überraschendes Angebot: ich wurde gefragt, ob ich die Olympiamannschaft von Papua Neuguinea (PNG) trainieren wollte. Das klang verlockend, denn so etwas hatte ich noch nie gemacht und natürlich wollte ich bei Olympia dabei sein. Ich schickte der Mannschaft meine Emailadresse und bat die Spieler, mir zu schreiben, wenn sie Fragen zur Eröffnungsvorbereitung hatten. Das taten sie allerdings nicht und als ich sie in Istanbul schließlich traf, verstand ich auch warum.

Das ganze Team bestand aus interessanten Charakteren: ein erfolgreicher Geschäftsmann, ein berühmter Journalist, ein ehemaliger Lehrer und ein Mitglied der Kommission für Entwicklungsländer hatten sich zu einem Team zusammen gefunden. Sie waren erfahrene Schachspieler und hatten schon an etlichen Olympiaden teilgenommen, doch waren zugleich beruflich eingespannt.


Papua Neuguina, li.:  Craig Skehan, Rupert Jones, RuperHelmut Marko, Stuart Fancy,
Brett 5 ist Press Shaun






Rupert Jones



Interview mit Rupert Jones...

“Unser Ziel ist es, ein paar gute Partien zu spielen, und wenn du Craig helfen kannst, seine erste Partie bei einer Olympiade zu gewinnen, dann wäre schon enorm viel erreicht”, erzählte mir unser Ersatzspieler Shaun Press vor Beginn der Olympiade. Für Craig Skehan war es die sechste Olympiade und wie die Statistik zeigt, hält er den Olympiarekord für die meisten Partien ohne Sieg.


Helmut Marko


Craig Skehan

1986 spielte er seine erste von insgesamt sechs Olympiaden. Dabei spielte er 59 Partien (kampflose Partien nicht mitgerechnet) und kam auf rekordträchtige 10 Remispartien und 49 Niederlagen. Auch in Istanbul startete er schlecht, wie übrigens das gesamte Team.


Sieg gegen Sao Tome And Principe


Rupert Jones, Dejan Boikov, Helmut Marko


Rupert Jones im Gespräch mit Jon Speelman

“Keine Sorge, für gewöhnlich fangen wir erst in Runde acht oder neun an, ein paar Wettkämpfe zu gewinnen…”, munterten mich meine Schützlinge auf. Doch unser erster Sieg kam bereits in Runde vier beim Kampf gegen Burundi. Allerdings spielte das afrikanische Land nur mit zwei Spielern, da die restlichen Mannschaftsmitglieder Visaprobleme hatten. Andere Länder litten unter ähnlichen Problemen. So saßen Brett zwei und drei der Bermudas mehr als einen Tag am Flughafen fest und verpassten die erste Runde. Das Chaos der ersten Runde und (höchstwahrscheinlich) auch Sprachschwierigkeiten brachten der Mannschaft von Sierra Leone einen kampflosen Verlust zu Beginn der Olympiade. Sie kamen einfach nicht rechtzeitig durch die Eingangstüren und verloren aufgrund der “Null-Toleranz-Regel”. Diese Mannschaft war es auch, das die gesamte Olympiade mit nur drei Spielern spielte.

Andere Mannschaften haben die Neigung, verspätet zum Turnier zu kommen. Die Mannschaft Angolas ist ein typisches Beispiel. Man weiß nicht genau warum und die Vermutungen reichen von finanziellen Motiven (man spart Kosten) bis hin zu purem Pragmatismus – auf alle Fälle ließen die Angolaner die ersten beiden Runden, in denen sie gegen starke Mannschaften hätten antreten müssen, einfach ausfallen und begannen das Turnier erst mit Siegen in den Runden drei und vier. Diese Strategie birgt allerdings auch Gefahren, denn für Mannschaften aus Entwicklungsländern gibt es Spezialpreise. Doch was immer die Gründe für solches Verhalten sein mögen, so sollte die FIDE hier etwas tun, denn in keiner anderen Sportart hat eine Mannschaft das Recht, in ein Turnier einzusteigen, das bereits begonnen hat.

Mein Mannschaftskollege Rupert Jones erzählte mir eine ganze Menge über schachliche Entwicklungsländer. Früher hat er in Botswana gelebt und gearbeitet und auch für Botswana gespielt. Neben Südafrika zählt Botswana zu den Ländern Afrikas, in denen es mit dem Schach aufwärts geht. Ein Indiz dafür ist die Tatsache, dass die Nationalmannschaften dieser beiden Länder jetzt von zwei Großmeistern trainiert werden: I. Glek und T. Abergel.


Peru, mit den Cori-Geschwistern...


...und die Mongolei sind eher keine Entwicklungsländer mehr.

Wie es scheint, zählt immer noch mehr als die Hälfte aller FIDE-Mitglieder zu den Entwicklungsländern.


Eine ganz besonders geschmackvolle und sehr dezente Mannschaftskleidung


Nach dem Geschmack des Landes gewandet.


Spieler aus Namibia


Aufeinandertreffen verschiedener Welten und Generationen


Cola wird überall getrunken






Die Türken spielten mit mehreren Kindermannschaften




Auch in Korea ist blond in

Doch die FIDE unternimmt etwas. Sie sorgte dafür, dass diese Länder während der Olympiade kostenloses Training erhielten und übernimmt die Reisekosten für die nächsten beiden Olympiaden. Die norwegischen und aserbaidschanischen Gastgeber der nächsten beiden Olympiaden bieten mehr als eine Million Dollar für die Ausrichtung der Olympiaden und dieses Geld wird für die Unterstützung der bedürftigen Länder sinnvoll verwendet.

Weitere Maßnahmen zur Förderung des Schachs sind Trainingsseminare für Schachlehrer, Schiedsrichter und Organisatoren in den jeweiligen Ländern. Je eher diese Länder nicht mehr auf die FIDE angewiesen sind, desto besser.

Nach unserem ersten Wettkampfsieg in Runde vier gewannen wir gleich auch noch in Runde fünf, was für jede Menge Optimismus sorgte. Später stellte ich fest, dass die abendlichen Blitzpartien der Mannschaft halfen, eine Mannschaft zu werden und ihr Schach zu verbessern. Gegen Ende des Turniers hatte unser Spitzenbrett Stuart Fancy Selbstvertrauen getankt und gewann eine Reihe von Partien. Und wenn der Spitzenmann gut spielt, dann ist das Team gut! Wir holten acht Punkte, ein großer Erfolg. Und in der letzten Runde geschah das Wunder – Craig gewann seine erste Partie! Seine 60. Olympiapartie brachte ihm Glück – seine entfernten Freibauern erwiesen sich für den Läufer seines Gegners als zuviel und bescherten ihm den lang ersehnten Sieg!

“Das Wichtige im Leben ist nicht der Triumph, sondern der Kampf, das Entscheidende ist nicht, gesiegt zu haben, sondern gut gekämpft zu haben.” Pierre de Coubertin.

Für manche der Spieler in Istanbul stimmt das. Aber trotzdem, den Ehrgeiz und das Feuer in den Augen dieser Spieler auf dem Weg zur Partie muss man gesehen haben!


Tabellenausschnitt

...

130 149
 
Mozambique MOZ 11 3 2 6 8 116.5 17.5 97.00
131 127
 
Macau MAC 11 3 2 6 8 114.5 17.0 90.00
132 125
 
Malawi MAW 11 4 0 7 8 104.0 15.5 93.00
133 118
 
Palestine PLE 11 4 0 7 8 94.5 14.5 89.00
134 126
 
Papua New Guinea PNG 11 3 2 6 8 85.0 16.5 89.00
135 128
 
Guernsey GCI 11 3 2 6 8 83.5 14.5 86.00
136 131
 
Haiti HAI 11 2 3 6 7 147.5 19.0 87.00
137 135
 
Mauritius MRI 11 3 1 7 7 139.5 19.0 94.00
138 138
 
Namibia NAM 11 3 1 7 7 132.0 21.0 87.00
139 121
 
Kenya KEN 11 3 1 7 7 129.0 16.5 92.00
140 140
 
Chinese Taipei TPE 11 3 1 7 7 116.0 17.5 87.00
141 115
 
Malta MLT 11 2 3 6 7 113.0 17.0 94.00

...


Einzelergebnisse

134. Papua New Guinea (PNG / EloDS:2025, Kapitän: Bojkov, Dejan / Wtg1: 8 / Wtg2: 85)
Br.   Name Elo FED 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Pkt. Anz Rp w we w-we K rtg+/-
1   Fancy Stuar 2104 PNG 0 0 0 ½ + 1 0 0 1 1 1 5.5 11 1915 2.5 3.26 -0.76 15 -11.4
2 CM Marko Helm 2014 PNG 0 0 1 1 1 1 0 0 0 1 1 6.0 11 1909 4 4.04 -0.04 15 -0.6
3 FM Jones Ruper 1941 PNG 0 0 0 0 1   0 0 ½ 0 ½ 2.0 10 1612 1 3.06 -2.06 15 -30.9
4   Skehan Craig 0 PNG 0 0 0 0 + 0 0 0   0 1 2.0 10 1680 1        
5 CM Press Shaun 2041 PNG           ½     ½     1.0 2 0 1 1.45 -0.45 15 -6.8


Shaun Press hat einen eigenen Blog...


GM Dejan Bojkov
www.dejanbojkov.blogspot.com


 

Fotogalerie:

Großkopferte:


Russland hat es wieder nicht geschafft


Topergebnis für Mamedyarov


So sehen Sieger aus



Short und Howell


Spanien gegen Polen


Loek van Wely


Shirov ist wieder Lette


Zum Haare raufen: Sasikiran



Vizeweltmeister Gelfand


Usbekistan gegen Vietnam


Die Bulgaren, re., wurden 20ste



Die bulgarische Frauenmannschaft wurde 16te

Istanbuler Impressionen:






Skyline


Unverbaubare Hanglage


Meersstraße Bosporus


Einsamer Angler


Schmaler Strand


Badekunststück


Der Beylerbeyi-Palast am asiatischen Ufer steht eigentlich ziemlich nah an der der Bosporus-Brücke, hier nicht im Bild


Blick auf die Hagia Sofia


Tourismusattraktion



Die Hagia Sofia ist ein byzantinisches Bauwerk aus dem 6. Jahrhundert. Sie war im 7. Jh. Kathedrale des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453 wurden christliche Insignien, Inneneinrichtung, Dekorationen und Glocken der Hagia Sophia entfernt und das Gebäude als Hauptmoschee der Osmanen genutzt.


Blick über die Dächer Istanbuls


Minarette


Die türkische Flagge wird gerne gezeigt


Eine "ganz normale" Straße


Transportunternehmer


Altes Gemäuer


Schönheit im Park


Hier wird frisch gepresst


Kopfbedeckung so...


oder so.


Backwerk


Man hat Zeit


Papua Neuguina liegt zum größten Teil auf der Südhälfte von Neuguinea, etwa 20% der Staatsfläche ist auf einige weitere Inseln verteilt.

Im Norden grenzt das Land an Indonesien. Südlicher Nachbar ist Australien von dem Papua Neuguinea durch die Aratura See getrennt ist. Die Hauptstadt ist Port Moresby, offizielles Staatsoberhaupt ist Elisabeth II., Regierungschef ist Peter O'Neill. Die Einwohnerzahl beträgt knapp sieben Millionen Menschen.

 

Übersetzung: Johannes Fischer
Redaktionelle Bearbeitung: André Schulz

 

 


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