Diskussion um WM-Kampf

von André Schulz
27.08.2014 – In etwas mehr als zwei Monaten soll in Sotschi der Wettkampf um die Schachweltmeisterschaft zwischen Magnus Carlsen und Viswanathan Anand beginnen. Carlsens Manager Espen Agdestein hat jedoch kürzlich Kirsan Iyumzhinov um eine Verschiebung gebeten, was der FIDE-Präsident mit Hinweis auf den engen FIDE-Kalender ablehnte. Im Hintergrund könnte ein Poker um TV-rechte stehen. Mehr...

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Magnus Carlsen Manager Espen Agdestein hat sich an FIDE-Präsident Kirsan Ilyumshinov gewandt und um Verlegung des WM-Kampfes gegen Anand gebeten. Das Match, Neuauflage des WM-Kampfes von 2013 mit umgekehrten Vorzeichen - diesmal ist Carlsen Titelverteidiger und Anand Herausforderer -  soll vom 7. bis 28. November in Sotschi stattfinden. Nachdem es schon 2012 und 2013 Wettkämpfe um die Schachweltmeisterschaft gegeben hat, hatte die FIDE Schwierigkeiten für die Neuauflage in diesem Jahr einen Ausrichter zu finden. Auch nach Verlängerung der Frist lag kein Gebot vor und Ilyumzhinov geriet im Zuge des Wahlkampfes um das FIDE-Präsidentenamt in Erklärungsnot und präsentierte nach einem Treffen mit Russlands Staatschef Wladimir Putin schließlich Sotschi als Austragungsort. Es wird vermutet, dass de facto der russische Staat Sponsor des Matches ist. Von Seiten der FIDE wurde kein Geldgeber genannt, offiziell könnte einer der Putin nahe stehenden Oligarchen als Sponsor auftreten.

 

Magnus Carlsen

Für den mysteriösen Einjahreszyklus der Weltmeisterschaften seit 2012 gab es aus FIDE-Kreisen bisher keine Erklärung - im Gegenteil: In einem Interview mit ChessBase, kurz nach seiner Wiederwahl geführt, betonte Kirsan Ilyumzhinov sogar noch, dass die Weltmeisterschaft der Männer in einem Zweijahresrhythmus stattfinden soll, ohne allerdings zu erklären, warum das zuletzt nicht der Fall war. Möglicherweise liegt die Ursache für die Häufung der WM-Kämpfe in den letzten drei Jahren in einem Ablaufplan, den Andrew Paulsons Firma Agon, Inhaber der Rechte für die Schachweltmeisterschaften, aufgestellt hat.

Kirsan Ilyumzhinov

Vor ein paar Tagen, kurz bevor Magnus Carlsen beim Rex Sinquefield Cup in St. Louis startet - heute wird dort die erste Runde gespielt - hat sich sein Manager Espen Agdestein mit seinem Wunsch an Kirsan Ilyzmzhinov gewandt, der diesen jedoch umgehend ablehnte. Gegenüber der russischen Presse erläuterte der FIDE-Präsident, dass eine Verlegung nicht möglich sei, da dies den gesamten FIDE-Kalender durcheinander bringen würde. Es wurde darüber spekuliert, ob der Verschiebungswunsch des Carlsen-Teams möglicherweise politisch motiviert sei, da die Situation zwischen Russland und der Ukraine weiter angespannt sei. Die USA und die EU haben eine Reihe von Wirtschaftssanktionen gegen Russland und einige Oligarchen im Putin-Umfeld beschlossen und möglicherweise würde ein von diesen gesponserter WM-Kampf eine Verletzung der Sanktionen darstellen, ähnlich wie es 1992 beim Wettkampf zwischen Fischer und Spasski in Jugoslawien der Fall war. Allerdings ist Norwegen zwar Mitglied der NATO, gehört aber nicht der EU an. In seiner Stellungsnahme gegenüber der russischen Presse wies Ilyumzhinov allerdings alle Spekulationen über politische Beweggründe für den Verschiebungswunsch zurück.

Tatsächlich ist man wohl im Carlsen-Camp mit den Konditionen des Wettkampfes nicht wirklich zufrieden. Die Preisbörse des Matches ist gegenüber dem Vorjahr um 50% reduziert und beträgt nun ca. eine Mio. Euro für jeden der beiden Spieler. Carlsens Manager Agdestein hätte wohl gerne mehr Zeit bis zum Beginn des Wettkampfes zur Verfügung, um möglicherweise zusätzliche Einnahmen, zum Beispiel durch Verkauf von Fernsehrechten, zu generieren. Derzeit verhandelt er aber noch mit der FIDE bezihungsweise AGON über einen Anteil für Carlsen an den Erlösen aus TV-Rechten.

 

Espen Agdestein

Carlsen hat den Vertrag zum WM-Kampf bisher noch nicht unterzeichnet und hat verkündet, dass er dies erst nach dem Ende des Rex Sinquefield Cups erledigen will. Offenbar wird hier noch gepokert.

Inzwischen hat sich auch der Präsident der Spielerorganisation ACP, Emil Sutovsky, zu Wort gemeldet und in einem offenen Brief an den FIDE-Präsidenten verschiedene finanzielle und organisatorische Unzulänglichkeiten angesprochen. So wurde der Preisfonds für die Grand-Prix-Serie ebenfalls um 50% reduziert und die Teilnehmerinnen der Frauen-Weltmeisterschaft, in diesem Jahr mit 64 Spielerinnen im K.o.- System ausgetragen, haben anderthalb Monate vor Beginn noch keine Informationen über die Details, zum Beispiel den Austragungsort.

 

Open Letter to FIDE President Mr.Kirsan Ilyumzhinov

 

Emil Sutovsky



Dear Mr. President,

The most recent developments around the World Championship Cycle (men and women) that concern all the top players and global chess community leave me no other choice but to address you publicly with this open letter. There are several issues that require an urgent action - I will present them one by one.

1. World Championship Match.

We all know, that it took a lot of time and effort to find a venue and funding for the World Championship Match. Finally it was announced that the Match will be staged in Sochi, Russia. In the absence of other bids, the prize fund was decreased almost by 50% , compared to the last World Championship Match, but, no less importantly, there are still quite a few uncertainties regarding the Match, that led to a deadlock - as a result, the contracts have not been signed so far. Unfortunately, I have to admit, that even being a member of the Commission for World Championships and Olympiads of FIDE (hereinafter referred as WCOC), yours truly is not updated with the real situation, and greatly concerned about the lack of transparency and the possible consequences.
Mr. President, I call you to make everything possible in order to resolve all the disagreements, and not to let the chess world divide, as it happened in the recent past.

2. Grand Prix series.

The FIDE Grand Prix series that serve as a qualifier for the FIDE Candidates Tournament also raise a lot of concern. While here the prize fund was also decreased by about 50%, there are other issues to be resolved as well. The whole Grand Prix cycle that was supposed to be confirmed by the end of 2013 was only confirmed in August, and the players have just one week to confirm on their participation. That is especially disturbing, given that the time control stipulated in the contract differs from the one supported by the players (see the ACP poll: http://www.chessprofessionals.org/content/survey-among-top-30-players-about-time-control  ). It doesn't make major difference for the organizers (after all, the game would last the same number of hours), but it is disturbing that top players' opinion is ignored again and again. I have raised this issue in WCOC several times, but got no satisfying reply. There is a hope that after this letter the things might change.

3. Women's World Championship

It is shocking to see no official news for the Women's World Championship scheduled to start in 1.5 months. Sixty four ladies are supposed to take part in this most prestigious competition, and they can neither prepare for the event, nor to accept invitations to other tournaments in September - November period. Having no official news about World Championship tournament just a few weeks prior to its commencement is unheard of, and I ask you, Mr.President, to confirm or postpone it officially without further delay.

Dear Mr. President, as you see, there are several urgent issues, and on behalf of the ACP and the global chess community, I ask you to take all the necessary steps in order to restore the order in the chess Kingdom.

Sincerely yours,

Emil Sutovsky
The ACP President
 

 

 

Artikel bei Kommersant (russ.)...

http://www.chessprofessionals.org/

Offener Brief...

ACP bei Facebook...

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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