Dreev gewinnt Freilicht-Blitz

07.09.2003 – Nur wenige Spieler schaffen es, sich für das Moskauer Freilicht-Blitzturnier zu qualifizieren, das alljährlich im Park Museon stattfindet und von der Zeitung Vechernjaja Moskva gesponsert wird. 500 haben es dieses Jahr versucht, einen der 10 Plätze zu ergattern. Unter den Gescheiterten finden sich so prominente Namen wie Alexandra Kosteniuk oder Alexander Rustemov. Am Ende freute sich Alexej Dreev über den Turniersieg und den Ersten Preis, einen kostbaren Samowar. Unter den zahlreichen Zuschauern war neben den beiden Schachlegenden Andor Lilienthal und David Bronstein, die zusammen auf 171 Jahre Schachgeschichte zurückblicken können, auch Anna Dergachova. Hier ihr Bericht. Bericht und Fotos aus Moskau...

Dreev gewinnt beim Mokauer Freiluftblitz
Anna Dergachova

Das traditionelles Blitzturnier, gesponsert von einer der populärsten Zeitungen, Vechernjaja Moskva, lockte auch in diesem Jahr wieder viele starke Großmeister und Schachliebhaber an. 10 Großmeister bekamen eine Einladung für das Finale, die anderen 10 Finalteilnehmer mussten für ihre Plätze hart kämpfen. Im August fanden 3 Halbfinalturniere statt, an denen insgesamt mehr als 500 Spieler teilgenommen haben. Doch natürlich konnten sich nicht alle qualifizieren, z.B. die Vizeweltmeisterin im Frauenschach Alexandra Kostenjuk oder der Gewinner von Dos Hermanas Alexander Rustemov haben es zweimal versucht, aber leider nicht geschafft. Ehrlich gesagt, wollte ich mein Glück auch versuchen, doch nach einem kleinen Match gegen Rustemov in meiner Küche, das er mit 5 zu 1 gewonnen hatte, schätzte ich meine Chancen nicht mehr sehr hoch ein.


Balaschov, Bareev


Dreev gegen Bareev


Alexander Morozevich, Evgeny Bareev


Amanatov, Vasjukov
 

Natürlich wollte ich das Turnier trotzdem besuchen. Erstens, weil es im Freien statt findet, was wenn es nicht gerade regnet, sehr angenehm ist, im schönen Park Museon, in der Nähe des Zentralen Haus der Maler und zweitens trifft man dort sowohl Freunde, als auch berühmte Schachspieler. Dieses Mal freute ich mich sehr, den ungarischen Großmeister Lilienthal begrüßen zu können. Er sprach mit mir Russisch, übrigens spricht er auch fließend Deutsch, und erzählte mir, dass er in Moskau geboren wurde, diese Stadt besonders liebt und jetzt sogar noch die russische Staatsangehörigkeit ehrenhalber vom russischen Präsidenten verliehen bekam.


Andor Lilienthal (92)

Ihm wurde ein persönlicher Sitzplatz direkt neben dem 1. Brett, an dem die interessanteste Begegnungen stattfanden, eingerichtet. Ansonsten war es sehr schwer etwas zu sehen. 30-40 Leute standen immer dicht gedrängt um das spielende Paar.


Viele Zuschauer, rechts: Glek gegen Grischuk

Auch David Bronstein kam als Besucher um sich das heutige Schach anzuschauen. Er selbst bekam auch eine Einladung, folgte ihr aber nicht. „Genau vor 50 Jahren gewann ich diesen Samowar, den Preis für den ersten Platz bei diesem Turnier.“ „Damals“, sagte mir David Ionovich, „habe ich meinen Titel, den ich bei der Moskauer Stadtmeisterschaft im normalem Schach gewonnen hatte, sozusagen hier, beim Blitzen, aufs Spiel gesetzt.“


Zusammen 171 Jahre alt: Lilienthal und Bronstein

Auch Anatoli Karpov war als Gast bei diesem Turnier. Die Antwort auf meine Frage, warum er hier nicht mitspielen, war sehr einfach, „ich möchte nicht.“

Plötzlich fragte mich ein Zuschauer, ob ich Anna Dergatschova bin, und ob ich mich noch an einen meiner Schüler erinnern könne. „Ich bin sein Vater, wissen Sie noch, vor 11 Jahren, sie haben ihn mit 4,5 Jahren aufgenommen und trainiert, und als Sie nach Deutschland gingen, haben Sie mir einen anderen Trainer vorgeschlagen, und gesagt, dass mein Sohn sehr talentiert sei. Ich habe Sie sofort wieder erkannt und bin sehr dankbar.“ Ich fühlte mich zwar sehr geschmeichelt, aber doch ein wenig befangen. Ich konnte mich beim besten Willen nicht an sein Gesicht erinnern. „Wo ist er denn, fragte ich etwas hilflos.“ „Sie werden ihn nicht mehr erkennen, er ist hier, er spielt mit“, und sein Vater zeigte mir Boris Grachov, der wirklich nicht nur körperlich, sondern auch schachlich sehr gewachsen ist.


Grachov (li.) gegen Dragomarezki

Diese Story erzählte ich sofort weiter und meinte zu guten Freunden, den Schachredakteuren von Schachmatnaja Nedelja Maxim Notkin, Vladimir Barsky und Ilja Odesskij, dass es vielleicht ein Glück für den jungen Borja Grachov war, dass ich sein schachliches Talent zwar erkannt hatte, aber keine Zeit hatte, es zu verderben.


Maxim Notkin und lja Odesskij im Garten

Sie zerstreuten meine Befürchtungen. „Anna, du fischt ja nur nach Komplimenten, als Trainerin bist du doch auch Spitze.“ Da hatten sie nicht Unrecht, jeder von uns braucht mal ein Lob.

Das Turnier verlief bis zur Pause sehr kämpferisch. Dreev und Kobalia führten die Tabelle an, Morosevich lag einen halben Punkt zurück. Das Rest des Feldes war nicht zu sehen. Nach der Pause gewann Alexej seine Partien weiterhin sicher, doch die anderen Beiden machten schlapp. Michail Kobalia, der Sekundant vom Garry Kasparov, verlor 5 Partien in Folge, Alexander Morosevich derer 3. Damit stand schon 3 Runden vor Schluss der Sieger fest.


Kobalia ging die Luft aus


Alexander Morozevich (mit Biel-T-Shirt) mit Freundin Marina

Mit riesigem Abstand, mit 4 Punkten Vorsprung, gewann Alexej Dreev wie im letzten Jahr das Turnier und nahm den Samowar, sowie ein gutes Preisgeld mit nach Hause. Vladimir Malachov sagte in seiner Schlussrede, dass ihm im letzten Jahr mit mehr Punkten nur der dritte Platz gelang, diesmal mit nur 12,5 der Zweite. Scherzhaft meinte er, wenn es so weiter geht, dann belegt er im nächsten Jahr mit nur 11,5 Punkten den ersten Platz.


Alexander Grischuk mit bestem Endspurt

Den besten Endspurt legte Alexander Grischuk hin, der anfangs etwas müde wirkte. „Ich bin schrecklich erkältet“, erklärte er mir und träume nur davon endlich nach Hause zu kommen. Dafür bekam er einen Extrapreis, für den Willen zum Sieg.


Alexej Dreev mit dem traditionellen Samowar
 


Die Schiedsrichter

Auch Farud Amanatov bekam einen Preis für das kompromissloseste Spiel, da es bei ihm nur 2 Remis gab. Viorel Bologan bemerkte nachher, dass er selbst nur eine Remis gespielt hatte. Aber das macht ja nichts.


Bologan (l.): Preis für das kämpferischste Schach um -1 Remis verpasst

Auch Vadim Zvjaginzev bekam einen Preis für die schnellste Partie, sie dauerte nur 16 Züge. Wirklich, teilweise wurden die Blitzpartien von Schiedsrichtern und Journalisten notiert. Vielleicht gibt es sie irgendwann irgendwo kommentiert? Wer weis wofür das gut ist. Kann ja sein, dass sich manche Spieler gleichzeitig für die russische Meisterschaft, die ab dem 3. September in Krasnogorsk stattfindet, vorbereitet haben. Und da ist es natürlich wichtig, welche Eröffnungen und was sich potenzielle Gegner überhaupt so erarbeitet haben und vielleicht gerade hier im Blitzen prüfen.


Historische Aufnahme einer Schachtorte, die es jetzt schon nicht mehr gibt.

Die große Torte aus Schokolade und Marzipan ging als Preis an den Ausrichter, das 64 Schachmagazin, und wurde vermutlich sofort nach der Siegerzeremonie verspeist, leider in einem kleinem Kreis.
 

 

 


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