Endspiel als Kurzkrimi: Rezension im Schachmagazin

09.03.2007 – Für die aktuelle Ausgabe des Schachmagazin 64 (Heft 03(2007, S. 36, Probeabo: 3 Hefte: 5,40 Euro) hat sich Harald Fietz die fritztrainer-DVDs von Karsten Müller angeschaut. In drei DVDs und insgesamt 16 Stunden Vortrag, die laut Fietz einem Kusus von zwei bis drei Wochen Training entspricht, wenn man allabendlich eine Stunde anschaut, behandelt GM Dr. Karsten Müller Grundlagen der Enspiele, Turmendspiele und Schwerfigurenendspiele. Auf motivierende und undogmatische Art schafft es der versierte Jugendtrainer, den Stoff lebendig vorzutragen und methodisch und fundamental darzustellen, meint Rezensent Harald Fietz. Sein Fazit: "Ohne Zweifel schafft Müller es, dem Endspiel neue Lebendigkeit einzuhauchen; seine abwechselungsreichen Beispiele wirken wie gut in Szene gesetzte Kurzkrimis, so dass man bald selbst in die Rolle des Endspielfahnders schlüpfen möchte! " Endspiel-Lektion von Dr. Karsten Müller im Shop kaufen...Rezension...

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Das durchlebte Finale
Karsten Müller macht trockene Endspieltheorie zum Erlebnis
Von Harald Fietz


Wer quält sich schon gerne durch den Wust von ausanalysierten Standardendspielen und die endlose Menge an Endspielen mit verschiedenen Figurenkonstellationen? Obwohl viele nachträgliche Betrachtungen taktische und strategische Manöver mit ästhetischer Stringenz und Klarheit offenlegen, sind Endspiele meist die Stiefkinder im Schachstudium. Wer diesen Umstand schon immer ändern wollte, kann jetzt zu einer Mischung aus DVD und Buch greifen, die wahrscheinlich in mehrfacher Hinsicht die Augen öffnen wird. Ermutigungen zur Selbsthilfe will Karsten Müller mit seinen drei DVDs und dem zusammen mit Frank Lamprecht veröffentlichten Kompendium in zweifacher Hinsicht geben: Einerseits zum Verständnis grundlegender Endspieltypen, andererseits zu den Vorgehensweisen in komplexeren Endspielstellungen, wo mannigfaltig Übergänge zu materialreduzierten, bekannten Positionen zu berücksichtigen sind.

Müller präsentiert multimedial so geballtes Wissen, dass man pro DVD zwei bis drei Wochen mit einer abendlichen Unterrichtsstunde rechnen sollte, was den Preis von 30 Euro pro DVD als gerechtfertigt erscheinen lässt. Teil 1 widmet sich den Grundlagen für Einsteiger (5 Stunden), Teil 2 betrachtet Turmendspiele (4 Stunden) und Teil 3 wendet sich Schwerfigurenendspielen zu (7 Stunden). Neben der deutschen Version bespricht der Hamburger Bundesligaspieler eine englische Fassung.



Gewöhnungsbedürftig, fundamental und methodisch, so lauten drei Attribute, die positiv haften bleiben:

- Gewöhnungsbedürftig, weil Müller schnell sprechend durch das Material powert, doch ohne dass man verloren geht oder es marktschreierisch oberflächlich wird. Zu empfehlen ist, sich jedes Beispiel zunächst ohne Notation und dann nochmals mit Zügen anzuschauen bzw. später, wenn man das ganze Material überblickt, zu rekapitulieren. Durch seinen ausgeprägten Sprachgestus betont Müller Besonderheiten, Faustregeln und Motive – teilweise mit wiederkehrenden Handlungsprinzipien (z. B. Dominanz, Aktivität usw.). Deutlich zeigt sich seine Erfahrung aus vielen hundert geleisteten Trainerstunden; es wird motivierend gelehrt ohne dogmatisch zu belehren.

- Fundamental, weil zu Beginn jeder DVD das Mindestrepertoire gezeigt wird, von dem er glaubt, dass es den Lernenden für einen Großteil dieses Endspieltyps fit macht, d. h. reiner Wissensstoff (gerade in Bauern- und Turmendspielen), der für komplexere Situationen im Erinnerungsspeicher bleiben soll. Solche Beispiele machen etwa die Hälfte des Materials aus. DVD 1 bringt Bauernendspiele und Leichtfiguren bzw. Dame gegen Bauern sowie Läufer- und Springerendspiel, DVD 2 behandelt Turmendspiele und DVD 3 stellt verschiedene Schwerfigurenkonstellationen (z. B. Turm-Läufer, Turm-Dame, zwei Türme gegen Dame) in den Mittelpunkt.

- Methodisch, weil Endspiele von beiden Seiten beleuchtet werden: z. B. bei Turm gegen zwei Bauern, die Frage, wann es der Turm bzw. wann es die Bauern schaffen oder wie beim Endspiel Dame gegen zwei Türme Bauernstrukturen bzw. Königssicherheit den Ausschlag beim Auf-Gewinnspielen geben. Gut gelöst ist, indem immer wieder auf früher gelernte Sachverhalte verwiesen wird, die Verzahnung von theoretischen Grundlagen (Lehrbeispiele und Studien) mit Praxisbeispielen. Bereits ein kleiner Protokollauszug aus einem Eliteturnier zeigt, wie spannend die Gratwanderungen zwischen halbem und ganzem Punkt sein können.



W. Kramnik – A. Grischuk
Wijk aan Zee (Corus) 2005

„Der weiße Turm gibt seinem Bauern seine Kraft mit, während der schwarze Turm ein schlechter Blockadeur ist … Aktivität ist von
entscheidender Bedeutung! Der Turm muss sofort aktiviert werden!“

1. …Td6!! 2. a6

2. Kc5 Td3! „Erneut ist Aktivität das A und das O.“ (2. …Ta6? 3. Kd4 Kf5 4. Ke3 Tg6 5. Kf2 Ta6 6. Ta4 Ke5 7. Ke3 Kd5 8. g4 +–) 3. Ta4 (3. Ta1 Kg4 4. a6 Kxg3 5. a7 Td8 6. a8D Txa8 7. Txa8 e3 ist Remis.) 3. …e3 4. Te4 Kf5 5. Te8 Kf6 6. Kc4 Ta3 7. Kb4 Kf7 8. Te4 Td3 9. a6 Td6 10. Kb5 Td3 11. a7 Ta3 12. Kb6 Tb3+ „Nun ist die Schachdistanz ausreichend groß. Ein Motiv, das wir auch schon in einem der früheren Clips gesehen haben.“ 13. Kc7 Tc3+ 14. Kb7 Tb3+ mit Ausgleich.

2. …e3 3. a7 e2 4. a8D e1D

„Marin nennt ein solches Schwerfigurenendspiel die vierte Phase. Normalerweise gewinnt die Seite, die das erste Schach geben kann … Aber hier ist es nicht so, denn Grischuk kann den weißen Bauern als Schutzschild nutzen, sich dahinter verstecken und Remis halten.“

5. Ta5+ Kg4 6. Dg8+ Kf3 7. Df7+ Kg2!

7. …Kxg3?? 8. Tg5+ Kh3 9. Df3+ Kh4 10. Dg4 matt.

8. Ta2+ Kg1 9. Da7+ Kf1 10. Ta1 Td1 11. Df7+ Kg1 12. Da7+ Kf1 13. Txd1 Dxd1 14. Dd4 Da4+ 15. Kd3 Db3+ 16. Dc3 Dd5+ remis

Zur Abrundung sollte mit der einbändigen Endspielenzyklopädie aus dem Gambit-Verlag nachbereitet werden. Diese bietet ergänzende Vorteile im Lehrbuchstil: Einleitende Charakterisierungen, Resümees der Regeln, viele Übungsteile, statistische Auswertungen, Verweise auf andere Literatur und schnelle Handhabbarkeit dank guter Systematik. Wer die DVDs gehört hat, stellt sich unwillkürlich das geschriebene Wort im gleichen Tonfall vor! Dann bleibt auch haften, dass Turm+Leichtfigur gegen Turm+Leichtfigur mit 15% das mit Abstand häufigste Finale ist vor Endspielen mit einem Turm und gleichen Bauern auf jeder Seite (8,5%). Ohne Zweifel schafft Müller es, dem Endspiel neue Lebendigkeit einzuhauchen; seine abwechselungsreichen Beispiele wirken wie gut in Szene gesetzte Kurzkrimis, so dass man bald selbst in die Rolle des Endspielfahnders schlüpfen möchte!

 

Schachendspiele 1 – Grundlagen für Einsteiger, Karsten Müller
© ChessBase 2006, DVD, ISBN 3-937549-77-3, 29,99 Euro.
Schachendspiele 2 – Turmendspiele, Karsten Müller
© ChessBase 2006, DVD, ISBN 3-937549-90-0, 29,99 Euro.
Schachendspiele 3 – Schwerfigurenendspiele, Karsten Müller
© ChessBase 2006, DVD, ISBN 3-937549-91-9, 29,99 Euro.
Die DVDs stellte ChessBase Mexikoring 35, 22297 Hamburg, Tel. 040/63906010 zur
Verfügung.

Grundlagen der Schachendspiele, Karsten Müller / Frank Lamprecht
© Gambit 2003, 432 Seiten, ISBN 1-901983-96-X, 29,95 Euro.
Das Buch stellte Schach Niggemann, Industrie-Str. 10, 46359 Heiden, Tel. 02867/8088 zur Verfügung.

 


Schachmagazin 64, 03/2007

Auch die anderen Beiträge laden zum Schmökern ein. Ian Rogers berichtet vom Turnier in Gibraltar und hat einige ungewöhnliche Partien, aber auch Fotos mit gebracht. Weitere Berichte beschäftigen sich mit den Turnieren in Morelia, Wijk aan Zee, dem Areoflotopen in Moskau, den Deutschen Einzelmeisterschaften und einer Reihe weiterer Schachveranstaltungen. Trainingshöhepunkte bieten die Kombinationsaufgaben, Daniel Kings Test&Training oder die Eröffnungsrubrik, die diesmal "romantischen Eröffnungen" aus aktuellen Partien zum Thema hat.



 



Schachmagazin 63, Ausg. 03/07

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Probe-Abo (3 Hefte: 5,40 Euro)...

 

 

 


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