Erinnerungen an André Lilienthal

von ChessBase
05.05.2011 – Heute vor 100 Jahren wurde in Moskau André Lilienthal geboren. Seine Mutter war eine ungarische Opernsängerin, die in Moskau ein Engagement hatte. Später wuchs er in einem Kinderheim auf und erlernte das Schneiderhandwerk, was ihm aber keinen Lebensunterhalt einbrachte. So kam Lilienthal mit 15 Jahren zum Schach und spielte in den Budapester Cafés, später auch in Wien, Berlin und Paris um Geld. Seine Fähigkeiten sprachen sich bald herum und er wurde zu Turnieren eingeladen. 1934 war der Ungar einer besten Spieler der Welt und hat im Laufe seiner Kariere Tartakower, Lasker, Capablanca und Botvinnik besiegt. In den 1950er Jahren verlegte er sich auf das Schachtraining und arbeitete u.a. mit Botvinnik. Bis ins hohe Alter blieb Lilienthal dem Schach verbunden und erhielt sich vielleicht deshalb seine geistige Frische. Fast hätte er seinen 100sten Geburtstag noch erlebt. Am 8. Mai 2010 starb Lilienthal in Budapest. Dagobert Kohlmeyer erinnert sich. Erinnerungen...

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Ein Stammgast des Cafés „Régence“ kann ohne Schach nicht leben
Erinnerungen an Andrej Lilienthal zu dessen 100. Geburtstag
Von Dagobert Kohlmeyer

Er war der gütigste aller Schachmeister. Am Brett jedoch endete seine Freundlichkeit, als er die Koryphäen Marshall, Tartakower, Lasker, Capablanca, Aljechin und Botwinnik schlug. Die Rede ist von Andrej Lilienthal, der am heutigen 5. Mai 100 Jahre alt geworden wäre. Fast hätte er es bis zu diesem seltenen Jubiläum geschafft, doch im vergangenen Frühjahr, wenige Tage nach seinem 99. Geburtstag, hörte Lilienthals Herz in Budapest auf zu schlagen. Die Schachwelt trauerte um einen Hero, wie es ihn nie wieder geben wird.



Als Reporter hatte ich das Glück, Andrej Arnoldowitsch häufig zu treffen. Ob 1992 in Sveti Stefan beim Re-Match Fischer-Spasski, danach mehrmals bei Turnieren in Moskau, Budapest, Wien oder Berlin – immer waren die Begegnungen und Gespräche mit dem ältesten Großmeister der Welt ein großer Gewinn. Man musste nicht unbedingt Russisch können, der Mann sprach auch fließend Deutsch. Wir freundeten uns an, die Besuche bei ihm und seiner gastfreundlichen dritten Ehefrau Olga in Budapest werde ich nicht vergessen. Das letzte Mal sahen wir uns zur Schacholympiade 2006 in Turin, wo Andrej in der riesigen Halle „Oval Lingotto“ mit 95 Jahren noch immer wachen Auges die Partien der Spitzenspieler verfolgte.

Dass der Mann mit dem goldenen Herzen in der Schachszene nur Freunde und Verehrer hatte, wurde auch vor einem Jahrzehnt bei der internationalen Lasker-Konferenz in Potsdam ganz deutlich, deren Ehrengast Lilienthal war. Minutenlang applaudierte das ganze Auditorium, als der betagte Großmeister, auf seinen Stock gestützt, den Saal betrat. Abends setzte er dann in einem Prominenten-Turnier noch erfolgreich die Figuren.

Am Rande der Lasker-Konferenz fragte ich ihn, was das Besondere am deutschen Weltmeister gewesen ist. Seine Antwort: „Lasker war eine phantastische, vielseitige Persönlichkeit. Er hat zum Beispiel großartig analysiert. Dabei sah er immer sehr schnell, was los war. Manche Eröffnungsidee von ihm war so tiefgründig, dass ich sie im ersten Moment gar nicht recht verstehen konnte. Wir wurden Freunde, als Lasker und seine Frau im Moskauer Exil waren. Damals haben wir uns oft gesehen und gemeinsam viel unternommen. 1937 fuhren wir zusammen nach Minsk zu Simultanvorstellungen. Ich habe ihn begleitet und gesehen, wie freundlich er zum Publikum war. Mit jedem hat er gesprochen. Obwohl Lasker sehr lange spielen musste, nahm er sich für alle Schachfreunde viel Zeit.“

Andrej Lilienthal hatte ein langes, erfülltes Leben. Er wurde in Moskau geboren. Sein Vater war Elektroingenieur und Auto-Rennfahrer, die Mutter Opernsängerin. Als der Junge zwei Jahre alt war, zog die Familie nach Ungarn, wo Lilienthal die meiste Zeit seines Lebens verbrachte. Die Verbindung zu Russland verlor er aber nie. Andrej absolvierte eine Schneiderlehre, wurde jedoch schon früh arbeitslos. Er kam erst mit 16 Jahren zum Schach, spielte aber schon nach kurzer Zeit so gut, dass er damit seinen Unterhalt verdienen konnte. Das unstete Leben eines Schachprofis führte ihn durch halb Europa. Im Cafe "Central" in Wien, im "De la Régence" in Paris oder im Cafe "König" in Berlin kannte man ihn.


Simultan in Wien

Gern erzählte Andrej eine Geschichte, die Ende der 1920er Jahre in Paris passierte: „Savielly Tartakower zockte im Cafe Régence gern mit mir. Wir spielten Blitzpartien um Geld. Der Sieger erhielt 10 Francs, der Verlierer fünf. Für fünf Francs konnte man damals in einem guten Restaurant ordentlich zu Mittag essen. Wir spielten Tag und Nacht. Einmal kam Alexander Aljechin in das Cafe herein, sein Porträt hing dort an der Wand. Die Leute zeigten auf mich und sagten zu ihm: Dieser Junge spielt ganz ordentlich Blitz. Aljechin schlug ein Match über vier Partien vor. Ich war bereit dazu, wollte aber mit ihm nicht um Geld spielen. Die ersten drei Partien konnte ich gewinnen, dann nahm er mir ein Spiel ab. Aljechin wollte noch vier weitere Partien spielen, aber ich sagte zu ihm: ‚Doktor, ich würde gern aufhören, damit ich dieses Ergebnis gegen Sie bewahren kann:‘ Er lächelte über meinen Scherz, und wir spielten keine Blitzpartien mehr. In normalen Turnieren sind wir uns zweimal begegnet.“ (1,5:0,5 für Aljechin – D.K.)

Nach Lilienthals Worten gehörte das Blitzspiel nicht unbedingt zu Aljechins größten Stärken. In diesem Metier war Capablanca deutlich besser. Von den späteren Weltmeistern glänzten Tal und Petrosjan seiner Ansicht nach am stärksten als Blitzspieler. „Tal spielte mit der leichtesten Hand aller Champions.“


Lilienthal raucht

In den 1930er Jahren beendete Andrej Lilienthal das Zigeunerdasein und siedelte wieder nach Moskau über. Er erhielt die sowjetische Staatsbürgerschaft und spielte mehrmals erfolgreich im UdSSR-Championat. 1940 wurde er gemeinsam mit Igor Bondarewski Landesmeister der Sowjetunion, ohne in 19 Runden eine einzige Partie verloren zu haben. Eigentlich hatte Lilienthal die bessere Wertung und seinen Kontrahenten auch im direkten Vergleich besiegt, aber die Oberen in Moskau wollten nicht, dass ein Ungar und damit ein Ausländer das Championat allein gewinnt. So wurde beiden Spielern der Titel des Landesmeisters zugesprochen.

Andrej Lilienthal gewann eine Reihe internationaler Turniere und bezwang in seinen besten Jahren die Weltmeister Lasker, Capablanca, Aljechin, Euwe oder Botwinnik. Allein sein zu gutmütiger Charakter hinderte ihn wohl daran, ganz nach oben auf den Schacholymp zu kommen. Andrejs großes schachliches Vorbild war Aljechin, weil er nach eigener Aussage selbst mehr ein taktischer Spieler war. Aber Lilienthal verstand sich auch sehr gut auf das strategische und auf das Konterspiel.

„Man kann als Schachspieler nicht nur attackieren. Es ist ebenso wichtig, den positionellen Stil zu beherrschen. Am meisten Erfolg haben doch die universellen Spieler. Gute Beispiele dafür sind Spasski, Kramnik oder Anand“, sagte Lilienthal in einem unserer Interviews. Das war im Januar 2001 in Budapest, als Wladimir Kramnik und Peter Leko dort ein Schnellschach-Match austrugen. Kramnik hatte kurz zuvor Kasparow entthront und war auf dem ersten Höhepunkt seiner Karriere. Lilienthal schwärmte: „Wladimir spielt für mich so Schach wie Paganini Geige. Er ist ein Virtuose und dazu sehr bescheiden. Seinen Sieg gegen Lekos Grünfeld-Inder vergesse ich nicht.“


Zuhause in Budapest

Bis ins hohe Alter war der Schachveteran ständig mit dem geliebten Spiel beschäftigt: „Ich kann ohne Schach nicht leben. Jeden Tag analysiere ich, das muss einfach sein. Ich habe in meinem langen Leben unzählige Artikel geschrieben und häufig andere Analysen widerlegt“, sagte er. Das Analysieren war Lilienthals Lieblingsbeschäftigung. In den letzten Jahren geschah das meist so: Der Mann legte sich auf die Couch, schloss die Augen, analysierte im Kopf und kontrollierte seine gewonnenen Erkenntnisse später am Brett. War Besuch im Hause, dann zog er diesen, während seine Frau Olga in der Küche irgendetwas Köstliches zubereitete, ins Arbeitszimmer, wo gemeinsam mit dem Gast Partien angeschaut und Stellungen analysiert wurden. Viele Schachgrößen wie Boris Spasski, Mark Taimanow, Jewgeni Wasjukow u.a. gaben sich bei den Lilienthals in Budapest die Klinke in die Hand.


Andor Lilienthal mit Gattin Olga

Etliche Jahre hatte Andrej Lilienthal auch ganz engen Kontakt zu Bobby Fischer, als sich dieser in der ungarischen Hauptstadt aufhielt.


Lilientha, Sveti Stefan 1992

Sie trafen sich jede Woche bei ihm. Der Amerikaner liebte die Donau-Metropole, zudem konnte er ja nach dem Haftbefehl aus Washington gegen ihn nicht in die USA zurück. Sie versammelten sich in Lilienthals Wohnung, wo es auch zu einer denkwürdigen Begegnung mit Kirsan Iljumschinow kam. Der FIDE-Präsident hatte 100.000 Dollar in der Tasche, die er Fischer des Nachts als „Wiedergutmachung“ überreichte, weil die Sowjetunion Jahre zuvor eine Partiesammlung des Amerikaners in hoher Auflage gedruckt hatte, ohne ihm einen Cent Tantiemen dafür zu bezahlen.

Immer hatte Lilienthal ein gutes Verhältnis zur jungen Schach-Generation.


Lilienthal, Jelezeki, Olga, Turin 2006

Die Spitzenspieler der Gegenwart sahen zu ihm auf, besuchten ihn gern und beherzigten nicht wenige seiner Ratschläge. Zum 90. Geburtstag schenkten Wladimir Kramnik und Boris Gelfand der Schachlegende Lilienthal in Budapest eine wertvolle Skulptur, die einen Läufer darstellte.


Wien 1996

Auch wenn das Spiel der Könige einen derart hohen Stellenwert in seinem Leben hatte, so waren dem Charmeur Lilienthal Liebe und Ehe nicht weniger wichtig. Er war dreimal verheiratet und immer mit russischen Frauen. Sein Rat: „Wenn Sie glücklich sein wollen, heiraten sie eine Russin!“ Andrej befand sich damit in illustrer Gesellschaft. Retis Gattin war eine Schauspielerin aus Russland, Capablanca hatte ebenfalls eine russische Frau.

Andrej Lilienthal hat der Schachwelt große Partien hinterlassen. Sie bleiben wie er unvergessen. Lieber Freund - rest in peace, see you later!


Lilienthal - große Siege...




Die ChessBase GmbH, mit Sitz in Hamburg, wurde 1987 gegründet und produziert Schachdatenbanken sowie Lehr- und Trainingskurse für Schachspieler. Seit 1997 veröffentlich ChessBase auf seiner Webseite aktuelle Nachrichten aus der Schachwelt. ChessBase News erscheint inzwischen in vier Sprachen und gilt weltweit als wichtigste Schachnachrichtenseite.

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