"Es herrscht Chaos": Interview mit Kiril Georgiev

von Vera Jürgens
26.10.2017 – Was ist los in Bulgarien? Das Schachleben liegt mehr oder minder am Boden. Inzwischen gibt es drei Schachverbände, aber keiner ist vom Sportministerium oder der FIDE anerkannt. Im Interview mit Vera Jürgens entwirrt Kiril Georgiev den bulgarischen Knoten, berichtet über seine eigene erfolgreiche Schachkarriere und das Leben als Schachprofi.

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Kiril Georgiev

Kiril Georgiev, sechsmaliger Landemeister von Bulgarien (Foto: Kiril Georgiev)

Kiril, ich erinnere mich daran, dass du mit 18 Jahren Weltmeister U20 wurdest und dich die bulgarischen Medien und die Öffentlichkeit wie einen Popstar feierten. Heute, 34 Jahre später, bist du dem Schach noch immer treu geblieben, du reist um die Welt, um an Schachevents teilzunehmen, so wie sich das für eingefleischte Schachprofis auch gehört. Stell dir vor, du bist wieder 18 Jahre alt. Würdest du dich erneut für den Schachberuf entscheiden?

Auch ich erinnere mich gut an diese Zeit. Damals habe ich die Weltmeisterschaft mit dem Ergebnis 11,5 aus 13 gewonnen – eine Rekordleistung, die bis heute nicht geknackt wurde. Ich ließ Short, Bareev, Salov, Dlugy, Milos und weitere starke Spieler hinter mir. In Bulgarien war mein Erfolg eine große Überraschung, später habe ich erfahren, dass der bulgarische Schachbund mit einer Platzierung um Platz 20 gerechnet hatte.
Wenn ich jetzt 18 wäre, dann würde ich mich zweifelsohne wieder für das professionelle Schach entscheiden. Ich zähle mich zu den Glückspilzen, die ihr Hobby zum Beruf machen konnten. Schon mit 14 Jahren habe ich die Entscheidung getroffen, mich hauptsächlich dem Schach zu widmen. Mit 15 bin ich in eine größere Stadt (Pernik) gezogen und begann, dort täglich und intensiv zu trainieren sowie öfter Turniere zu spielen.

Wie viele Tage im Jahr bist du unterwegs?

Ich führe keine genaue Statistik, es sind aber 4 bis 6 Monate im Jahr, in denen ich mich im Ausland aufhalte. Das ist üblich. Der Beruf eines Schachspielers verlangt es, häufig zu reisen. Es gibt Turniere, die enorm wichtig sind und die ein Schachprofi nicht auslassen sollte. Dazu zählen Europa- und Weltmeisterschaften, World Cup, Einladungsturniere, starke Open, Mannschaftsmeisterschaften.

 

Kiril Georgiev beim Open (Foto: Kiril Georgiev)

 

In den 80ern hat man dich in Bulgarien „die mobile Enzyklopädie“ genannt. Es waren andere Zeiten, ohne Internet und Schachcomputer. Dafür gab es dicke Bücher wie die Schachenzyklopädie und die Schachinformatoren, die du dank deines außergewöhnlichen Gedächtnisses beinahe auswendig konntest. Heute ist alles anders. Die Computer haben längst die Schachwelt erreicht und erobert. Datenbanken mit Millionen Partien ermöglichen es, mit nur wenigen Klicks die gesuchte Information zu finden. Wie empfindest du diese Entwicklung? Verspürst du manchmal Nostalgie nach der computerfreien Zeit der 80er?

Das stimmt, ich habe schon mit 9 Jahren die russischen Schachbücher querdurch studiert. Mein Vater, Dimitar Georgiev, half mir dabei. Er war ein starker Schachspieler und Russischlehrer. Damals investierte ich Tage und Wochen dafür, Partien zu einer bestimmten Variante zu finden und diese zu systematisieren. Eine Nostalgie nach dieser Zeit habe ich nicht, da die Computer heutzutage einen schnellen Zugang zur hochqualitativen Information ermöglichen. Aber auch hier gibt es eine Kehrseite: Die Computertechnologien „schaden“ ein wenig dem Schach, weil durch sie viele Varianten und ganze Eröffnungen bis zum Endergebnis ausanalysiert wurden. Dadurch trocknet das Spiel aus.

Kiril, lass uns über das Schach in deiner Heimat reden. Bulgarien ist ein Land mit großen Schachtraditionen, das mit Veselin Topalov und Antoaneta Stefanova zwei Schachweltmeister hervorgebracht hat. Auch im Kinder- und Jugendschach hat Bulgarien viele Weltmeistertitel in verschiedenen Alterskategorien zu verzeichnen. Topalov und Stefanova gehören noch immer zur Weltelite im Schach. Nichtsdestotrotz existiert der bulgarische Schachbund für die FIDE nicht mehr. Die bulgarischen Schachspieler sind gezwungen, unter der Flagge der Europäischen Union zu spielen. Was ist da passiert?

In den letzten Jahrzehnten feierte das Schach in Bulgarien viele Erfolge. Leider haben einige Angestellte des bulgarischen Schachbundes (BSB) sowie ein paar Vorstandsmitglieder im Zeitraum 2011-2014 größere Geldsummen veruntreut. In den letzten drei Jahren wurde der BSB Zielobjekt zahlreicher Inspektionen durch die Kontrollbehörden und die Staatsanwaltschaft. Über diese Veruntreuung existieren zahlreiche Schriften, veröffentlicht von verschiedenen Instanzen wie dem Ministerium für Jugend und Sport, der Europäischen Schachunion und der FIDE.
2016 hat sich der BSB geweigert, die für diesen Zeitraum verlangten Papiere vorzulegen. Der BSB verweigerte auch jegliche Kooperation sowie die Erklärung über die Eröffnung eines Sonderkontos in dem amerikanischen Bundesstaat Delaware. Fakt ist, dass der BSB größere Geldbeträge auf dieses Sonderkonto überwiesen hat, anstatt auf das offizielle Bankkonto der Europäischen Schachunion in der Schweiz.
Minister Krasen Kralev verlangte vom BSB, die verschwundenen Gelder in Höhe von über einer Million Euro dem Sportministerium zurückzuerstatten. Dies ist nicht geschehen, mit der Konsequenz, dass am 10. August 2017 auf Anordnung des Ministeriums dem bulgarischen Schachbund die Lizenz entzogen wurde. Dadurch folgte automatisch auch der Lizenz-Entzug seitens der FIDE – ein weiterer schwerer Schlag.
Alle bulgarischen Schachspieler dürfen jetzt nur noch unter der FIDE-Flagge antreten. Jetzt hat sich der bulgarische Schachbund unter dem Namen BSB 1928 neu gegründet. Leider sitzen dort Leute aus dem alten Schachbund sowie viele Freunde des ehemaligen Vorsitzenden und ausführenden Direktors. Dieser Schachbund wirkt nicht gerade vertrauenswürdig, weder in Bulgarien noch bei der ESU oder FIDE. Interessanterweise glauben viele, dass die Leute, die den bulgarischen Spielern und Schachvereinen enormen Schaden zugefügt haben, eine Lizenz für ihre BSB-Neugründung bekommen würden.

Können wir auf eine positive Entwicklung in naher Zukunft hoffen? Wird Bulgarien bei der Schacholympiade 2018 in Batumi, Georgien, mit Männer- und Frauenmannschaften vertreten sein?

Im April 2016 habe ich, gemeinsam mit zwei Schachenthusiasten, die bulgarische Schachunion 1931 gegründet, die sich als eine Art Opposition zum BSB 1928 versteht. 12 Schachvereine, die mit der Arbeit des BSB unzufrieden waren, schlossen sich uns schnell an. Bald zählten wir schon 20 Vereine. Der Präsident der BSU 1931 - Dobri Belivanov - ist Bürgermeister der Stadt Chaskowo und ein starker Schachmeister.
Wir hoffen, dass die BSU 1931 eine Lizenz auf nationaler Ebene bekommen und alle bulgarischen Schachklubs vereinen wird. Wir kämpfen für klare Regeln und Transparenz der bulgarischen Schachorganisationen. Wir verlangen eine vollständige Aufklärung der Veruntreuung seitens des BSB und den Rücktritt des gesamten ehemaligen Vorstands und des ausführenden Direktors.
Es ist noch zu früh zu sagen, ob Bulgarien bei der Schacholympiade 2018 vertreten sein wird, sollte aber die BSU 1931 die Lizenz bekommen, werden wir das Schachleben in Bulgarien normalisieren.

Kiril, im Jahr 2009 hast du einen neuen Weltrekord im Simultanschach aufgestellt, indem du 360 Partien gleichzeitig gespielt hast. Dein Ergebnis war beeindruckend: 284 Siege, 70 Remis und nur 6 Niederlagen. Das ist in meinen Augen eine übermenschliche Leistung. Aus Erfahrung weiß ich, wie erschöpft man nach einem Simultan an „nur“ 35 Brettern ist. Erzähl uns von diesem Ereignis. Wie viele Kilometer bist du während des Simultanspiels gelaufen? Wie hast du dich bei Kräften gehalten?

Kiril Georgiev, Guinness-Rekord

Kiril Georgiev, Guinness-Rekord (Foto: Kiril Georgiev)

Ich hatte mich zwei Monate lang intensiv auf diesen Guinness-Rekord vorbereitet. Der Schwerpunkt lag beim körperlichen Ausdauertraining. Ich besuchte oft mein Fitnessstudio, machte lange Wald-Spaziergänge, ging schwimmen und zur Massage. Während dieses Simultanspiels bin ich in 14 Stunden und 15 Minuten etwa 20 Kilometer gelaufen. Zwischendurch gab es kurze 10 minütige Pausen. Ich habe Wasser, Säfte und Kaffee getrunken.

Hast du den Ehrgeiz, den neuen Rekord im Simultanschach, der mit 500 Brettern aufgestellt wurde, zu knacken?

Diesen Ehrgeiz habe ich nicht. Die nervliche Belastung ist viel zu hoch, zudem wäre eine längerfristige, intensive Vorbereitung von Nöten.

Beim World Cup 2017 in Tiflis wurde Anton Kovalyov aufgefordert, die „Gewinnhose“, die er bei seinen Siegen in der ersten und zweiten Runde trug, zu wechseln. Die entstandene Konfliktsituation nahm Kovalyov zum Anlass, das Turnier fluchtartig zu verlassen. Wie stehst du zu der „Kurzhose-Affäre“? Hat Kovalyov richtig reagiert?

Als ich beim World Cup gespielt habe, gab es im Vertrag die Klausel “Dresscode“, die mich verpflichtete, während der Partie eine lange Hose, Sakko und Schuhe zu tragen. Ich weiß nicht, welche Klausel die neuen Verträge beinhalten, aber ich denke, dass jeder Schachprofi mit Selbstachtung die Regeln einhalten und für eine einwandfreie Erscheinung sorgen sollte.

Was würdest du im Schach weltweit verändern, wenn du die Macht und die Mittel dazu hättest?

Ich würde dem Betrug im Schach den Krieg erklären, alle Kontroll- und andere Maßnahmen diesbezüglich verstärken. Ich würde es begrüßen, die Verwendung von elektronischen Hilfsmitteln während einer Turnierpartie zu kriminalisieren. Ich glaube, dass die Turnier-Veranstalter vor allem bei starken Schachevents mehr in Kontrollsysteme investieren sollten.

Wer ist für dich der beste Schachspieler aller Zeiten?

Eine schwierige Frage. Ich glaube, dass jeder Weltmeister seine eigene Großartigkeit besitzt. Von den Weltmeistern der Vergangenheit möchte ich Fischer, Karpov und Kasparov hervorheben, weil ihr Spiel dem modernen Schach von heute am nächsten kommt. Was die alten Schachmeister angeht – ich habe viel von der Schöpfung Akiba Rubinsteins gelernt.

Weltklassespieler wie Kasparov, Zsuzsa und Judit Polgar haben sich mit etwa 40 Jahren vom aktiven Turnierschach zurückgezogen und der Politik bzw. Trainertätigkeit gewidmet. Hast du ähnliche Pläne? Wird es irgendwann eine Schachschule „Kiril Georgiev“ geben?

Ich bevorzuge das Turnierschach, wobei ich mich in letzter Zeit auch als Trainer betätige. Nebenbei schreibe ich Schachbücher. Im Zentrum Sofias haben wir den Schachklub „Blitz“ eröffnet. Dort gibt es regelmäßig Trainingseinheiten mit Spielern unterschiedlichster Spielstärke. Des Weiteren habe ich meine Heimatstadt Petritsch unterstützt, den ansässigen Schachverein wiederzubeleben. Jetzt wird dort regelmäßig mit Schach begeisterten Kindern gearbeitet. In naher Zukunft wird es aber in der Tat eine Schachschule „Kiril Georgiev“ geben.

Kiril, du und deine Ehefrau - eine bulgarische Schachspielerin, mit der du seit etwa 30 Jahren glücklich verheiratet bist - habt zwei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder. Welche Rolle spielt die Familie in deinem Leben? Ist es deiner Meinung nach ein Vorteil, wenn die Ehefrau eines Großmeisters ebenso Schach spielt?

Kiril Georgiev

Mit Frau und Enkeltochter (Foto: Kiril Georgiev)

Meine Familie ist die Stütze und zugleich der Motor meiner Tätigkeit. Emilia und ich sind seit 1989 verheiratet. Sie hat ihr Sportstudium an der Hochschule „G. Dimitrov“ mit Fachrichtung „Schach“ absolviert. Als Dozent hatte sie den ersten bulgarischen Schachgroßmeister Milko Bobotsov. Meine Frau ist sich im Klaren, welche Schwierigkeiten der Schachberuf mit sich bringt, und unterstützt mich voll und ganz. Hin und wieder reisen und spielen wir zusammen. Emilia ist mein persönlicher Fahrer. Ich besitze keinen Führerschein.

Welchen Lebensstandard genießt ein professioneller Schachspieler in Osteuropa? War es früher leichter, vom Schach zu leben?

Für die Profispieler ist es heute wirklich schwieriger. Als Hauptursache nenne ich einfach die Weltwirtschaftskrise. Die Turnierkonditionen für die Open verschlechtern sich. Rundenturniere für Großmeister in der Spielstärke 2600-2650 sind mittlerweile eine Seltenheit. Diese Umstände werden mich auf kurz oder lang in die Trainertätigkeit zwingen.
Zurzeit herrscht in Bulgarien ein Chaos: Es gibt keine Nationalmannschaften, keine Stipendien und Gehälter. Die besten Schachspieler und Schachspielerinnen Bulgariens würden keine Altersrenten für hervorragende Schachleistungen bekommen, was übrigens in Serbien, Mazedonien, Bosnien und Herzegowina sowie in Montenegro der Fall ist. In der Vergangenheit war es leichter, vom Schach zu leben. Die Spieler wurden mit Gehältern und Stipendien abgesichert. Der Staat zahlte die Fahrtkosten, die Trainingslager, diverse Zuschüsse usw.

 Kiril, welcher deiner Siege ist dir besonders in Erinnerung geblieben?

Mein Blitzduell gegen Kasparov 1988, das ich mit 3:1 gewann. Es gibt auch viele andere Siege gegen fast alle Spieler aus der Weltelite, auf die ich stolz bin.

Georgiev-Kasparov

Georgiev gegen Kasparov (Foto: Kiril Georgiev)

 

Du warst überall auf der Welt, hast auch oftmals in Deutschland gespielt. Wie sind deine Eindrücke vom deutschen Schachleben?

Ich habe sehr gute Erinnerungen an die Turniere, die ich in Deutschland gespielt habe sowie an die Schachvereine, für die ich angetreten bin. Von 1996 bis 2001 war ich bei der SG Bochum 1931. In diesem Zeitraum habe ich am ersten Brett 50 Partien gespielt, davon 25 gewonnen, 24 unentschieden und nur eine verloren. Danach habe ich erfolgreich für den SV Castrop-Rauxel 1923 gespielt.
Ich möchte auch die Erfolge erwähnen, die ich mit der Mannschaft des Schachvereins Turm 25 Bergheim erzielt habe: Zwei Mal ist es uns gelungen, bei der Deutschen Blitz-Mannschaftsmeisterschaft den guten 3. Platz zu belegen.
Unter anderem habe ich an Großmeisterturnieren in Dortmund, Altensteig, Recklinghausen und Bad Wörishofen teilgenommen.
Letztes Jahr siegte ich beim Rapid-Turnier in Fürstenfeldbruck, nahe München. Ich bin immer wieder von der guten Organisation in Deutschland beeindruckt und würde mich freuen, erneut in der deutschen Schachbundesliga zu spielen.

Gibt es witzige Erlebnisse aus deinem Schachleben? Erzähl!

Im Jahr 2006 äußerte meine Frau den Wunsch nach einem neuen Auto. Ich sagte zu ihr, lass mich erst in Gibraltar spielen. Wenn ich den ersten Platz schaffe, bekommst du das Auto. Ich spielte extrem motiviert und schaffte mit 8,5 aus 10 den ungeteilten ersten Platz. Zu Hause angekommen habe ich sofort mein Versprechen eingelöst.

Kiril, ich bedanke mich herzlich für das Gespräch. Viel Erfolg weiterhin auf deinem schachlichen Werdegang!

 Ich danke auch!
  



Vera Jürgens ist eine deutsch-bulgarische Schachgroßmeisterin, Buchautorin, Übersetzerin und Psychologin. Sie ist zweifache deutsche Meisterin im Schnell- und Blitzschach. Als bulgarische und später deutsche Nationalspielerin nahm sie an vielen Europa- und Weltmeisterschaften sowie an drei Schacholympiaden teil.
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