Großer Schach-Bahnhof in Potsdam

17.10.2012 – Am vergangene Wochenende war der Kaiserbahnhof in Potsdam Schauplatz einer außergewöhnlichen Schachveranstaltung. Neun Eisenbahnermannschaften aus acht Nationen, verstärkt durch bekannte Großmeister und Schachlegenden wie Anatoly Karpov, Nigel Short, Jan Timman, Dr. Robert Hübner, Vlastimil Hort, sowie spielstarke Jugendliche traten im Trans-Europa-Schach-Express-Turnier gegeneinander an. Am Abend erschien zudem der Geist Philidors und spielte in einer Schach-Séance drei Partien simultan und blind. Eingerahmt wurde die Veranstaltung von einer Ausstellung zu Ehren Emanuel Laskers. Das Turnier gewannen die russischen Eisenbahner.Schachseite der Bahn AG...Bericht, Bilder, Partien...
Großer Bahnhof für das Schach
Von Frank Jarchov und André Schulz

Fotos: Frederic Friedel, Frank Jarchov

In der Nähe vom Park Sanssouci steht ein Gebäude mit großer Geschichte - der Kaiserbahnhof.


Lokomotiv-Romantik


Kopfbedeckungen

Von gepflegtem Grün umgeben, begann einst hier Kaiser Wilhelm seine zahlreichen Reisen mit der Bahn und empfing viele seiner Staatsgäste. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel das im englischen Landhaussteil erbaute Gebäude allmählich, wurde nach der Wiedervereinigung von der Deutschen Bahn dann aber aufwändig restauriert und erstrahlt nun im neuen alten Glanz -  ein gepflegter stilvoller Ort

Normalerweise ist der Kaiserbahnhof für die Allgemeinheit nicht zugänglich, sondern wird als Akademie für Führungskräfte der Deutschen Bahn AG genutzt. Nun hatten am vergangenen Wochenende Schachspieler Gelegenheit, den Bahnhof für ihr Spiel zu nutzen.


Links der Hofwagen der Kaiserin


Gut gefüllter Bahnsteig

Für das Turnier im Kaiserbahnhof, von der Bahn AG zusammen mit der Lasker-Gesellschaft und dem Deutschen Schachbund organisiert, lud man passenderweise Eisenbahner-Mannschaften aus acht Nationen ein: aus Russland, Polen, den Niederlanden, England, Österreich, Tschechien, der Schweiz und Deutschland. Als neuntes Team nahm eine Mannschaft der Lasker-Gesellschaft teil. Die Mannschaften wurden durch einem Großmeister, "Leuchtturm" genannt, und drei Nachwuchsspieler verstärkt: Ein Leuchtturm, drei Nachwuchsspieler und vier Eisenbahner bildeten somit jeweils ein Team.

Schachlich gesehen waren die eingeladenen "Leuchtürme" zeimlich hoch: Die Namen Anatoli Karpow, Dariusz Swiercz, Vlastimil Hort, Stefan Kindermann, Oliver Kurmann, Jan Timman, Nigel Short, Elisabeth Pähtz und Dr. Robert Hübner sprechen für sich. 


Vlastimil Hort, Elisabeth Pähtz, Nigel Short


Anatoly Karpov


Dariusz Swiercz


Jan Timman


Oliver Kurmann


Stefan Kindermann


Martin Krämer


Kandidatenfinalisten 1992 Nigel Short und Jan Timman

Unter dem Titel: Trans-Europa-Schach-Express lautete das Motto der Veranstaltung „Logik trifft Logistik“.

Dr. Richard Lutz (Vorstand DB AG Finanzen und Controlling) eröffnete die Veranstaltung mit einer Ansprache, die per Simultanübersetzung in die Sprachen der teilnehmenden Nationen übersetzt wurde. Richard Lutz war in seiner Jugend selber ein sehr talentierter Schachspieler und kennt sich damit bestens auf beiden Gebieten aus: Logik und Logistik.


Dr. Richard Lutz

Schandorff-Lutz





Gespräch mit Rainer Woisin von ChessBase

In seiner Eröffnungsrede erinnerte er an die früheren Züge des TEE (Trans-Europ (sic) -Express), die die Länder der EWG verband und schlug einen Bogen zum Schachturnier im Kaiserbahnhof.

Das Turnier begann und am Samstag wurden bis zum frühen Abend die ersten fünf Runden gespielt.


Karpov und Kindermann


Kurmann und Timman


Short und Hort


Pähtz und Hübner

Danach konnte man in den Seminarräumen unter dem Bahnsteig Zeuge werden, wie der Geist von Philidor herbei gerufen wurde.




Philidor-Biografin Susanna Poldauf ruft den Geist Philidors herbei

Am Hofe von Friedrich dem Großen auf Schloss Sanssouci kam es vor 250 Jahren zu zahlreichen Zusammenkünften europäischer Geistesgrößen. So kam damals auch Philidor mit seinem Buch L’Analyse des Echecs nach Potsdam.

Der Geist von Philidor wurde gerufen!  Und Philidor erschien!

Der beste Schachspieler seiner Zeit war bereit drei Partien simultan und blind zu spielen. Zudem beantwortete er alle Fragen von Susana Poldauf.  Seine Entourage waren Monsieur Legall und Madame „D“ (seine Muse!), die ihm während der Blindvorstellung assistierten.

Drei Gegner waren schnell im Auditorium gefunden: Dr. Thomas Thomsen, Vaile Fuchs und Kurt Bodewig.





Dr. Thomsen ist ein bekannter Sammler, der in Deutschland wohl die größte Sammlung von Schachspielen besitzt und als Präsident der „Chess Collectors International" einem Klub der Gleichgesinnten vorsteht.

Vaile Fuchs ist Schauspielerin und Sängerin. Als Pferdenärrinn ist sie nach dem Abitur monatelang mit zwei Pferden durch die Wildnis Schwedens geritten und hat über ihre Abenteuer ein Buch geschrieben ("Frei sein").

Kurt Bodewig war von 2000 bis 2002 Bundesminister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen und hat damit den engsten Bezug zum Gastgeber.


Kurt Bodewig mit Thomas Weischede


Bodewg holt Rat bei Vaile ein (oder umgekehrt)


Philidor hat alles im Kopf

Alle drei Schachfreunde kämpften aufopfernd, unterlagen am Ende aber dem Geiste Philidors, der irgendwie in die Gestalt des Großmeisters Stefan Kindermann geschlüpft war. Seines Assistentin "Madame D" entpuppte sich als Dijana Dengler, ebenfalls von der Münchner Schachakademie.


Unter den Perücken: Köpfe der Münchner Schachakademie

Während der Blindvorstellung trug "Barbarella Infante", alias Barbara Kind (Sopran) begleitet von Cembalist Mathieu le Klue´ Arien aus den den Opern von Philidor vor.


Barbara Kind singt Philidor

Man weiß nicht, was schwieriger ist: diese alten Lieder zu interpretieren oder sich dabei auf seine Blindschachpartien zu konzentrieren.

Paul Werner Wagner (Legall), Stefan Kindermann (Philidor) und Dijana Dengler (Madame D) verzauberten durch ihre gekonnten und überzeugenden Darstellungen das Publikum.

Der  Abend klang mit einem Galadinner in der schön beleuchteten Gleishalle aus.

Am Sonntag stand nach vier weiteren Runden der Sieger fest.


Neuauflage des Kandidatenmatches 1992 Karpov und Short


Pähtz und Karpov


Elisabeth Pähtz kam vermutlich mit dem Orient-Express


Alte Haudegen, Hort und Timman


Dr. Robert Hübner, Vlastimil Hort


Hübner kiebitzt bei den Kollegen


Dr. Richard Lutz als Zaungast


Deutscher Nachwuchs: Alexander Donchenko, Dennis Wagner, Filiz Osmanodja

Mit dem Leuchtturm Karpow wurde Russland Erster. Deutschland erreichte mit Dr. Robert Hübner Platz Zwei und Jan Timman führte die Niederlande zum dritten Platz. Für die Preisträger gab es eine Sonderedition einer Märklin-Lok mit dem Motto des Turnieres: “Logik trifft Logistik“.

 

Rg. Mannschaft 1 2 3 4 5 6 7 8 9 MP Pkt.
1 Russia * 5 6 6 5 14 42
2 Germany * 4 4 4 6 5 11 37½
3 Netherlands * 4 7 7 4 6 10 38½
4 Lasker Gesellschaft 3 4 4 * 4 4 5 10 35
5 Austria 4 1 4 * 5 5 5 10 31
6 Poland 2 4 3 * 4 8 29
7 Czech Republic 2 4 1 3 4 * 6 28½
8 United Kingdom 3 2 4 3 * 6 3 25½
9 Switzerland 3 2 3 2 * 0 21

Alle Ergebnisse hier...
 




 

Partien:

 



Eingerahmt wurde das Turnier durch eine Ausstellung der Emanuel-Lasker-Gesellschaft zu ihrem Namensgeber, dem einzigen deutschen Schachweltmeister. Die Ausstellung soll der Kern einer Wanderaustellung über Lasker und Schach werden, die die Lasker-Gesellschaft in verschiedenen Städten zeigen möchte.


Paul Werner Wagner




An diesem Schachtisch hat Lasker gespielt








Laskers Reisewege (in groß...)


Eine großartige Schachveranstaltung in einer tollen Location! Viele Schachfreunde beteiligten sich und sorgten durch ihre Initiative, ihre Arbeit oder ihre Anwesenheit für das Gelingen dieses einzigartigen Events.

 


Kleines Gruppenbild


Großes Gruppenbild


Münchner: Dijana Dengler und Dr. Helmut Pfleger


Thomas Thomsen, Helmut Pfleger


Die Bahn präsentierte die Partien mit Audiokommentaren und einem Videostream auch im Web für die große Schachgemeinde sehr professionell.


Audiokommentare



Wann ist das nächste Eisenbahner-Turnier?

 

 

 

 


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