Interview mit David Navara

19.09.2007 – Vor einem Jahr erlebte David Navara einen kometenhaften Aufstieg in die Weltspitze. Im Oktober 2006 wurde er in der FIDE-Weltrangliste mit seiner bisher höchsten Wertung von 2726 auf Rang 13 geführt. Angebote, an Top-Turnieren und in der Bundesliga teilzunehmen, folgten auf dem Fuß. Der Einstieg in die Bundesliga war für den jungen Tschechen allerdings mit einigen Rückschlägen verbunden, denn dort sammelte er für seine Mannschaft Bindlach-Aktionär vor allem Niederlagen, was ihn auch in der Eloliste zurückwarf. In der kommenden Saison will der 22-Jährige erneut angreifen. Frank Große (www.schachlinks.com) führte ein Interview mit dem tschechischen Spitzenspieler. Interview mit David Navara...

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Interview mit David Navara
(geführt von Frank Große [www.schachlinks.com] per e-Mail, 16.09.2007]

Frage: Du konntest im Oktober vergangenen Jahres mit einer ELO von 2726 Deine persönliche Bestmarke erreichen und sogar an der Top Ten kratzen.

Danach der Wechsel in die Bundesliga, wo Du hinter der Pole Position für den starken Aufsteiger Bindlach-Aktionär spieltest und dort eine Berg- und Talfahrt, die Du mit dem Verlust von 43 Punkten erlebtest. Zuletzt hast Du in Mainz gewonnen und bei der CEZ Tropy Prag (Schnellschach) Anfang September klar mit 7:3 gegenüber Nigel Short durchgesetzt. Wie siehst Du die vergangenen 12 Monate im Rückblick?

David Navara: Ich habe in dem vergangenen Jahr nicht besonders gut gespielt, weil ich oft zu nervös gewesen bin. In der letzten Monaten spielte ich glücklicherweise wieder besser. Ich war mir dessen bewusst, dass ich vorher eine sehr gute Saison (2005/2006) gehabt hatte und dass es nicht zu wiederholen war, aber so schlechte Resultate hatte ich natürlich nicht erwartet. Meine Resultate in den letzten vier Monaten waren wieder recht gut.



Frage: Bei den diesjährigen Chess Classics in Mainz konntest Du das Ordix Open von 762 Spielern gewinnen. Wie oft hast Du bereits in Mainz teilgenommen und wirst Du wieder mitspielen? Was sind Deine Eindrücke von diesem Turnier? Herausragend, dass Du mit 7 Siegen in Folge gestartet bist und dass Du bei diesem Mammutfeld bereits eine Runde vor Schluss als Sieger fest standest. Hattest Du an dem Tag ein besonders gutes Gefühl oder verlief alles "wie geschmiert"?

David Navara: Ich spielte in Mainz zum ersten Mal und ich bin nahezu sicher, dass ich im nächsten Jahr wieder daran teilnehme. Ich mag das Turnier ziemlich sehr und war in sehr guter Form. Natürlich machte ich ein paar Fehler, aber ich bügelte selbige auch wieder aus und ich hatte in der 9. Runde Glück und hatte nicht verdient diese Partie noch zu gewinnen.

Frage: In Mainz wird seit Jahren auch Chess-960 zelebriert. Gegen Nigel Short hast Du in dem Schnellschach-Wettkampf in Prag auch 4 Partien in diesem Modus gespielt. Aber bereits im Sommer konntest Du das Chess-960-Turnier in Pardubice für Dich entscheiden http://chess-results.com/tnr7234.aspx?tnr=7234&art=1&lan=1&flag=30&mm=1&m=-1 . Welche Zukunft siehst Du für Chess-960? Hast Du Dich in Mainz auch an Chess-960 probiert?

David Navara: Der gewaltige Spielraum für originelle Ideen, der mir Chess-960 bietet, führt dazu, dass ich das Spiel sehr mag. Ich denke, dass diese Spielart höhe Populariät verdient hat, aber das klassische Schach wird dominierend bleiben. Außerdem kann ich "natürliche Züge" durchführen ohne den Pfaden der Theorie bis zum zwanzigsten Zug oder dergleichen zu folgen. Chess-960 habe ich auch in Mainz gespielt und belegte dort den fünften Rang mit 9 Punkten aus 11 Partien, was ich aber den Erfolgen in den letzten vier Runden zu verdanken habe.

Frage: Du lebst und studierst im 'goldenen' Prag, befindest Dich aber oft auch quer in der Welt, so auch in Deutschland, wo Du für Bindlach-Aktionär in der ersten Bundesliga - auch in diesem Jahr wieder am ersten Brett - antrittst. Siehst Du Dich als 'Weltenbummler'? Von welchen besonderen Erlebnisse kannst Du auf Deinen bisherigen Reisen berichten? Welchen Fokus hat Dein Studium?

David Navara: Ich fühle mich nicht als Weltenbummler und größtenteils konzentriere ich mich auf das Schach während den Turnieren. Ich besuchte eine Vielzahl interessanter Plätze (Dubai, Khanty-Mansiysk,...), hatte aber nicht genügend Zeit für Besichtigungen. Meine unvergessenste Erfahrung ist ziemlich obskur: einmal habe ich festgestellt, dass ich mein Flugticket verloren habe. Das passierte mir in Schweden 1 Stunde bevor der Flug starten sollte und ich war sehr glücklich den Flug dennoch zu bekommen. Ich studiere Logik. Diese Wissenschaft ist beträchtlich beeinflusst von Mathematik und Philosophie, was vielleicht eine ein wenig überraschende Kombination scheint. Aber ich bin kein sehr guter Student. Soziologie interessiert mich sehr, aber natürlich bin ich dort kein Fachkundiger.

Frage: Im letzten Jahr hast Du in Deutschland sehr bekannten Turnier in Pardubice mitgespielt und auch ein Simultan gegen Nachwuchsspieler gegeben. Wie bist Du mit Deinem Heimatland verbunden? Pflegst Du zu anderen Spielern Deines Landes (freundschaftliche) Kontakte?

David Navara: Ich denke, dass ich gute Beziehungen zu den meisten Spielern meines Landes pflege. Die tschechischen Spitzenspieler kommen die meiste Zeit miteinander klar und ich bin ziemlich froh, dass politische Ansichten das Verhältnis untereinander nicht belasten, wie das vor ein paar Jahrzehnten der Fall gewesen ist. Ich versuche beides zu sein: tschechischer und internationaler - oder besser europäischer - Spieler!

Frage: Wie würdest Du das schachliche Umfeld in Deutschland mit dem der Tschechien vergleichen? Wie wird Schach in der Tschechien praktiziert?

David Navara: Ich denke, dass Schach in Deutschland einen viel höheren Stellenwert genießt, da die Menschen es ernsthafter annehmen. Es ist zum Beispiel nicht üblich einen Anzug zu tragen, wenn ein Spieltag in der "Czech Extraleague" durchgeführt wird. Das Turnier in Mainz wurde in einem Hilton Hotel gespielt, was für mich außergewöhnlich ist. Andererseits haben Berufsspieler in der Tschechien scheinbar einen einfacheren Stand als in Deutschland, denn Spieler beider Nationen können Geld in Deutschland verdienen, aber nur die tschechischen Spieler können es in der Tschechien ausgeben und verleben.

Frage: Was ist Deine Meinung, dass Deutschland keinen Spieler hat, der an der heutigen Schallmauer von ELO 2700 kratzt?

David Navara: Ich denke, dass viele talentierte Spieler eher "normale" Berufe bevorzugen und dann nicht so viel Zeit für Schach erübrigen. In der Ukraine haben die Spieler eine größere finanzielle Motivation, Schach zu spielen. Ich denke, dass irgendein deutscher Spieler die TOP 20 in der Zukunft erreichen könnte, aber ich bin nicht imstande vorherzusagen, ob es Arkadij Naiditsch oder jemand anders sein wird.

Frage: Wie stark siehst Du die deutsche Bundesliga und wie findest Du selbige organisiert? Hast Du eine Erklärung für Deinen Einbruch im vergangenen Jahr?

David Navara: Die deutsche Bundesliga ist wirklich sehr stark. Das ist vielleicht einer der Gründe für meine schlechten Resultate. Vermutlich habe ich mein Vorbereitung unterschätzt und spielte zu aggressiv mit den weißen Steinen, um mein Resultat zu verbessern und unterschätzte auch die Möglichkeiten meiner Gegner, wenn ich die schwarzen Steine führte. Dennoch spielten meine Gegner sehr gut!

Frage: Dein Teamkollege GM Igor Stohl aus der Slowakei wird, wie in der aktuellen Ausgabe der Rochade Europa zu lesen war, mit Dir in der kommenden Saison trainieren. Was erhofft Ihr Euch von der Zusammenarbeit? Wie ist die Stimmung in dem jungen Team, dass von Klaus Steffan geleitet wird? Du bist in diesem Jahr nach dem Weggang von Arkadij Naiditsch das Spitzenbrett, was auch eine Art Rückendeckung von Seiten des Vereins darstellt - gibt es ein konkretes Saisonziel?

David Navara: Ich bin ein bisschen verblüfft, denn ich weiß noch nichts von dieser möglichen Zusammenarbeit. Igor versteht einiges vom Schach und half mir wesentlich in Wijk aan Zee, aber eine Kooperation für weiteres Zusammenarbeiten haben wir nicht diskutiert. Das schließt selbige natürlich nicht aus, bis dahin halte ich es aber für eine Spekulation. Ich denke, dass das Klima im Team gut ist und wahrscheinlich sollte ich mehr mit meinen deutschen Teammitgliedern sprechen, denn es ist nicht sonderlich logisch mit meinen slowakischen Freunden zu reisen und hauptsächlich zu den gemeinsamen Dinners mich mit den Teamkollegen zu unterhalten.


David Navara und Igor Stohl

Frage: Wieviel Zeit verbringst Du mit Training und wie verläuft selbiges?

David Navara: Das ist schwer zu sagen. Einmal habe ich berechnet, dass ich mich täglich (inklusive Turniere) ca. 4 Stunden am Tag dem Schach widme, aber ich glaube, dass es irgendwie mehr sein könnte. Ich verfolge die Schachmagazine (vielleicht zuviel), analysiere meine Partien, schaue mir neue Ideen in den Eröffnungen an, trainiere Endspiele und so weiter, gehe dabei aber ziemlich unterschiedlich vor.

Frage: Deine persönlichen und schachlichen Zukunftspläne? Hast Du noch andere Interessen?

David Navara: Zuerst von allem habe ich einige Examen bis zum 24. September zu bestehen und das steht derzeit ohne Zweifel im Vordergrund. Prinzipiell möchte ich erfolgreiches Schach spielen, habe aber keine konkreten Ambitionen. Neben dem Schach interessiert mich Soziologie sehr, wie ich beräts erwähnte. Aufgrund dessen, dass ich sehr viel Zeit für Schach und Studium verwende, bestehen konsequenterweise keine Zeiträume für andere Interessen.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg bei den Prüfungen, sowie den weiteren schachlichen Betätigungen!

Abschließend noch der Schwarz-Sieg von David Navara über Magnus Carlsen, den er Anfang des Jahres in Corus erringen konnte.

Carlsen-Navara...


Bildnachweis
Quelle: http://www.fide.com


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