Interview mit Dmitry Andreikin

14.02.2017 – Dmitry Andreikin war neben Sergey Karjakin einer von nur noch zwei Russen im A-Turnier von Wijk aan Zee. Als Neuling schloss er das Superturnier mit "- 1" ab, was in etwa der Erwartung entspricht. In einem Interview mit worldofchess.ru schildert Andreikin seine Eindrücke und beurteilt verschiedene Spieler in ihren Leistungen, zum Beispiel Magnus Carlsen. Nachdruck in deutscher Übersetzung...

Dmitry Andreikin:
"Den erspielten Stellungsvorteil zu realisieren, ist die wesentliche Komponente des Schachkönnens"

Im Interview mit worldofchess.ru resümiert der internationale Großmeister Dmitry Andreikin seine erste Teilnahme im A-Turnier in Wijk aan Zee.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung

Gab es eine auf das Superturnier in Wijk aan Zee zugeschnittene Vorbereitung? Haben Sie neue Eröffnungsschemata oder konkret auf die Gegner abgestimmte interessante Varianten einstudiert?

Eine auf die Gegner zugeschnittene Vorbereitung gab es nicht. Turniere von derartig hohem Niveau zeichnen sich nicht gerade durch große Vielfalt in der Eröffnungsphase aus. Ein Beispiel: Wenn ich mit e4 eröffne, wäre es schon eine kleine Überraschung, wenn ich nicht mit "Najdorf" oder dem "Berliner" rechnen muss. Am nächsten Tag wiederhole ich selbst die Feinheiten des Berliner Endspiels mit Schwarz.

Nach welchen Kriterien werden die Teilnehmer für Wijk aan Zee nominiert? Haben Sie früher an ähnlichen Turnieren in Holland teilgenommen?

Die erste Frage sollte man den Veranstaltern stellen. Ich kann nur vermuten, dass die Elozahl ausschlaggebend für die Auswahl der Teilnehmer ist. Im Gegensatz zu vielen erstklassigen Rundenturnieren ist Wijk aan Zee dafür bekannt, ein paar Plätze an "neue Gesichter" zu vergeben. Das war mein erster Besuch in Holland und es war sehr angenehm für mich, direkt im A-Turnier zu spielen.

Dmitry, Sie haben in vielen Partien sehr solide, sicher und immer mit Blick auf das Ergebnis gespielt. War da nicht der Wunsch, etwas zu riskieren und schärfere Verwicklungen zu suchen? In welchen Partien, die Remis endeten, waren Sie dem Sieg nahe?

Zu einer Schachpartie gehören immer zwei. So bevorzugten die taktisch starken Spieler Rapport und Yi Wei die schwere Verteidigung in einer passiven Stellung. In beiden Partien hatte ich ausgezeichnete praktische Chancen. Gegen Van Wely habe ich mehrmals einen leichten Sieg ausgelassen. In der vorletzten Partie gegen Wojtaszek hatte ich ebenfalls gute Gewinnchancen. Dennoch möchte ich nicht vom Pech reden. Den erspielten Stellungsvorteil zu realisieren – das ist die wesentliche Komponente des Schachkönnens. Offensichtlich hatte ich da gewisse Mängel. Im Großen und Ganzen, wenn ich von den Partien gegen Nepomniachtchi und So absehe, hatte ich in diesem Turnier harte und interessante Kämpfe.

Erzählen Sie uns etwas über Ihre Partie gegen Aronian. Darf man diese als die beste bezeichnen, die Sie in Wijk aan Zee gespielt haben?

Levon war von der Aussicht, das Turnier zu gewinnen, inspiriert und hat die Eröffnung recht abenteuerlich gestaltet. Auch ich wollte endlich "ein Ehrentor schießen" und nahm seine Wahl begeistert an. Schon nach 15 Zügen stellte sich heraus, dass die weiße Strategie erfolgversprechender ist … Was Eröffnungsideen, Tiefe und Qualität des Spiels anbelangt, hat mir meine Partie gegen Wojtaszek besser gefallen. Schade, dass ich in diesem ausgezeichneten Zweikampf schlussendlich das Dauerschach übersah ...

 

 

 

 

 

Dmitry, meiner Meinung nach sind die Hauptentdeckungen von Wijk aan Zee der Gewinner dieses Superturniers Wesley So, ebenso wie Baskaran Adhiban und Wei Yi , die geteilte Dritte wurden. Wie kam es, dass diese Schachspieler so erfolgreich um die ersten drei Plätze kämpfen konnten?

Wesley So gehört schon lange zu den Spitzenspielern, daher ist sein Sieg wohl kaum als Überraschung zu bezeichnen. Wei Yi ist ein starker Taktiker und kann hervorragend rechnen. Abgesehen davon zeigt er in manchen Eröffnungen beeindruckende Kenntnisse. Er zählt seit Jahren zu den großen Talenten, wobei in letzter Zeit keine großen Fortschritte beobachtet werden konnten. Adhiban war in der Tat die größte Überraschung dieses Turniers. Er startete mit minus 2 und schloss das Turnier mit plus 2 ab, was allein schon für seinen kämpferischen Sportgeist spricht. Der Inder zeichnete sich durch interessante Eröffnungsideen und große Spiellust aus, was ihn zu dem markantesten Spieler des Turniers machte.

Darf man zusammengefasst behaupten, dass Magnus Carlsen nicht mehr der unbestrittene Favorit eines Superturniers ist?

Die Tatsache, dass er offensichtlich nicht in Form war, ein Matt in drei übersah und dennoch den ungeteilten zweiten Platz schaffte, sagt schon viel aus. Ich glaube, dass Carlsens Chancen, ein Turnier zu gewinnen, wesentlich höher stehen, als bei beliebigen Konkurrenten. Nebenbei erwähnt – Wesley So spricht immer mit großem Respekt über den Weltmeister.

Im Rahmen des Turniers haben die Veranstalter für ein Unterhaltungsprogramm gesorgt. Was wird Ihnen am stärksten in Erinnerung bleiben?

Dem traditionellen Fußballspiel habe ich einen Familienausflug nach Amsterdam vorgezogen. Im Grunde gab es keine weiteren Freizeitangebote während des Turniers.

Welche Sehenswürdigkeiten in der Hauptstadt haben Sie besichtigt?

Wir sind hauptsächlich nach Amsterdam gefahren, um etwas Abwechslung zu erleben. Wir spazierten durch den Zoo, saßen beim Mexikaner und haben uns danach am Hauptplatz im Zentrum umgesehen – alles sehr hübsch, mit vielen Souvenirläden, in denen wir Erinnerungsgeschenke gekauft haben, bevor es wieder zurück in das Dorf ging.

Haben Sie das Open in Gibraltar verfolgt? In der sechsten Runde hat Nigel Short sensationell gegen Fabiano Caruana gewonnen.

Soweit Zeit war, habe ich das Turnier verfolgt, immerhin ist es das stärkste Open der Welt. Es gab genug würdige Kandidaten, doch für den Sieg in einem Turnier von dieser Dimension muss das Glück einen mehrfach anlächeln. Wie ich erwartet habe, musste sich der Sieger im Tiebreak durchsetzen.

 Quellen: http://www.worldofchess.ru/

http://www.worldofchess.ru/zadaj-vopros-grossmejsteru/63-dmitrij-andrejkin-realizatsiya-preimushchestva-eto-vazhnejshij-komponent-shakhmatnogo-masterstva


Fotos: tatasteelchess.com

 

 

Nachricht an die Redaktion Bitte nutzen Sie dieses Feld für Kontakt mit der Redaktion



Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren