Interview mit Horst Metzing

11.04.2014 – Bei der Schacholympiade in Tromsø, im August, wird nicht nur das FIDE-Präsidium neu gewählt, auch die Kontinental-Präsidenten stehen zur Disposition. Horst Metzing, lange Jahre Geschäftsführer des Deutschen Schachverbandes, ist nun dessen FIDE-Repräsentant und steht im Ticket von Silvio Danailov selbst zur Wahl. Im Gespräch liefert er einen Einblick in die Schachpolitik. Mehr...

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Während der Schacholympiade in Tromsø​ wird das FIDE-Präsidium gewählt, aber auch die Präsidien der Kontinentalverbände, unter anderem das der European Chess Union, ECU. Sie sind involviert, denn Sie gehören zum Ticket von Silvio Danailov, der vor vier Jahren zum Präsidenten gewählt wurde und wieder antritt. Wie kam es dazu und welche Aufgabe würden Sie bei einer erfolgreichen Wahl übernehmen?

Bereits vor vier Jahren hatte Silvio Danailov versucht, mich für sein Team zu gewinnen. Da jedoch Robert von Weizsäcker ebenfalls kandidierte, konnte ich natürlich nicht darauf eingehen. In diesem Jahr kommen Joran Aulin-Jansson als Stellvertretender Präsident und ich als Vizepräsident neu in dieses Ticket hinein.

Horst Metzing, DSB-Ehrenpräsident Robert von Weizsäcker

Es ist ja nicht das erste Mal, dass sie in der ECU eine Aufgabe übernehmen…

Das stimmt, von 1998 bis 2010 war ich bereits Generalsekretär unter dem Präsidenten Boris Kutin. Diese Aufgabe war reizvoll und hat mir viel Erkenntnisse auf europäischer Ebene gebracht.

Zeitweise war die Geschäftsstelle der ECU sogar in Berlin…

Wir hatten mit Unterstützung des Bundesinnenministeriums und des Berliner Senats eine Bürogemeinschaft zusammen mit dem Deutschen Schachbund eingerichtet. Beide Organisationen haben m. E. von den Synergieeffekten profitiert.

Ist Ihre Kandidatur eine persönliche Angelegenheit, oder handeln Sie im Auftrag des Deutschen Schachbundes?

Das ECU-Präsidium setzt sich aus einzelnen Persönlichkeiten zusammen, die nicht als Repräsentanten ihrer nationalen Föderationen gewählt werden und auch nicht deren Weisungen unterliegen. Aber natürlich ist meine Kandidatur mit dem Präsidium des Deutschen Schachbundes abgestimmt, das mich auch unterstützt.

Christian Warneke ehrt Horst Metzing

Gegenkandidat ist Zurab Asmaiparashvili. Von außen gesehen, sind die Verbindungen der Funktionäre für die Schachfreunde nur schwer zu entschlüsseln. Vor vier Jahren war Asmaiparashvili für Danailov noch als Stimmenbeschaffer aktiv, jetzt sind die beiden Konkurrenten. Wie hat man sich das Beziehungsgeflecht zwischen den FIDE- oder ECU-Funktionären vorzustellen?

Nach meinen Erfahrungen sind die Mitglieder eines Teams bzw. Tickets nicht immer Freunde. Es handelt sich eher um Zweckgemeinschaften, die auf Erfolg ausgerichtet sind. Da kann es jederzeit passieren, dass eine Person aus welchen Gründen auch immer von einem zum anderen Ticket wechselt. Hinzu kommt, dass natürlich die ECU-Wahlen auch Auswirkungen auf die FIDE haben. Somit wird von außen viel Druck aufgebaut und Einfluss ausgeübt.

Asmaiparashvili wirft dem gegenwärtigen Präsidium vor, auf der Suche nach Sponsoren erfolglos zu sein…

Die Sponsorensuche ist nicht einfach. Diese Erfahrungen musste die ECU in der Vergangenheit immer wieder machen. Es gab ab und zu Partner, mit denen eine Zusammenarbeit vereinbart werden konnte, nicht jedoch finanzkräftige Sponsoren. Die ECU sieht sich daher eher in der Verantwortung, die Rahmenbedingungen für die Europäischen Meisterschaften so zu gestalten, dass die ausrichtenden nationalen Föderationen Sponsoren finden können. Joran Aulin-Jansson wird sich um die Öffentlichkeitsarbeit und eine stärkere TV-Präsenz bemühen. Dazu bringt er die Erfahrungen aus Norwegen mit ein. Eine erfolgreiche Darstellung des Schachsports in den Medien kann dazu dienen, möglichen Sponsoren eine ausreichende Gegenleistung für ihr finanzielles Engagement zu bieten. Es kann nicht Ziel der ECU sein, sich um dubiose Geldflüsse zu bemühen, sondern sie sollte für ein ausgewogenes Leistungsverhältnis sorgen.

Ein weiterer Vorwurf betrifft die Rolle der ECU, der europäischen Verbände, innerhalb der FIDE. Asmaiparaschvili argumentiert, dass der Großteil der Turniere und des internationalen Schachlebens in Europa stattfindet, die ECU aber dafür viel zu wenig finanzielle Unterstützung von der FIDE erhält.

Es ist richtig, dass die meisten Schachaktivitäten in Europa stattfinden. Daher ist auch verständlich, dass die FIDE unseren Kontinent nicht auch noch finanziell unterstützt. Uns würde es schon reichen, wenn die FIDE sich nicht in die europäischen Angelegenheiten einmischen würde. Unter dem Präsidenten Campomanes hat die FIDE die Gründung der ECU verhindern wollen, um nicht Macht zu verlieren. Jetzt versucht sie, selbst bei den Europameisterschaften den Preisfonds festzulegen. Hier besteht eindeutig Klärungsbedarf, der nach den Wahlen in Angriff genommen werden muss.

Viele Schachfreunde teilen die Auffassung, dass die Schachpolitik von Vertretern aus kleineren Verbänden bestimmt wird, während einige große Schachverbände, zum Beispiel Frankreich, Deutschland, die USA, unterrepräsentiert sind. Wie sehen Sie das? Müsste in dieser Hinsicht nicht das ganze Wahlsystem der Verbände überdacht werden?

Es ist noch immer so, dass bei Wahlen und Abstimmungen Russland das gleiche Gewicht wie San Marino hat, nämlich eine Stimme, wie alle anderen Föderationen auch. Alle Versuche, dieses Stimmrecht sowohl in Europa als auch bei der FIDE zu modifizieren, sind gescheitert. Es ist nicht realistisch, daran etwas ändern zu wollen. Der Einfluss muss mit überzeugender Arbeit erworben werden. Dazu zählen sicherlich neben der Mitarbeit in den Fachgremien die bilateralen Kontakte. Der DSB hat zusammen mit den Holländern die Initiative für eine engere Zusammenarbeit der großen Schachföderationen (G 15) ergriffen.

Auf FIDE-Ebene arbeitet Silvio Danailov mit Garry Kasparov zusammen. Auch bei anderer Gelegenheit ist Danailov in Konfrontation zum gegenwärtigen FIDE-Präsidium getreten. Hat das nicht negative Auswirkungen auf die Beziehung der FIDE zu den Europäischen Verbänden, falls das gegenwärtige Präsidium wiedergewählt wird?

Die enge Beziehung zwischen Danailov und Kasparov hat in der Vergangenheit häufig zu Problemen mit der FIDE-Führung geführt. Dies war aber auch darauf zurückzuführen, dass die FIDE-Strukturen und Regularien zweideutig waren. Bei der Vergabe von Veranstaltungen, der vertraglichen Ausgestaltung von Kooperationen und den Statuten haben beide immer wieder auf Schwachstellen bei der FIDE hingewiesen. Ich erwarte von beiden Seiten eine stärkere Kompromissbereitschaft und wäre auch bereit, daran mitzuwirken.

Bei der letzten FIDE-Wahl hat der Deutsche Schachbund Karpov unterstützt, dabei auch eine Klage gegen die FIDE mitgetragen und wurde dafür vom FIDE-Präsidium mit verschiedenen Sanktionen belegt, bzw. bei diversen Gelegenheiten wurden deutsche Spieler nicht mehr berücksichtigt. Hat sich der DSB für die kommenden FIDE- und ECU-Wahlen schon positioniert?

Der DSB wird sich nicht durch Versprechungen oder mögliche rechtswidrige Aktionen der FIDE bei seiner Entscheidung für den einen oder anderen Kandidaten beeinflussen lassen. Nach meiner Kenntnis wollte sich das Präsidium am letzten Wochenende bei der Sitzungen in Eppingen mit dieser Thematik befassen. Das Ergebnis kenne ich bisher nicht.

Welche Ziele oder Verbesserungen, das Schach in Europa betreffend, haben Sie und Danailov sich auf die Fahne geschrieben?


Die bisherige Arbeit der ECU war durchaus erfolgreich, lässt sich aber noch erheblich verbessern. Dies wird von unserem Ticket im Falle der Wahl Schritt für Schritt in Angriff genommen. Dazu zählt insbesondere:

Medienarbeit
Zusammenarbeit mit den Regierungen und Schachföderationen
Engere Kooperation der Nationalen Föderationen untereinander
Schach und Bildung
Best Practice (Lernen von den Besten)

Als Ergebnis einer erfolgreichen Arbeit soll es dann auch gelingen, Sponsoren und Partner für die ECU zu gewinnen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führt André Schulz.

Fotos: Schachbund

 


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