Interview mit Levon Aronian

05.07.2007 – Der armenische Top-Großmeister Levon Aronian hat sich bei den Kandidatenwettkämpfen in Elista in zwei engen Wettkämpfen gegen Magnus Carlsen und Alexei Shirov durchgesetzt und für das kommende WM-Turnier qualifiziert. In diesem wird er von manchen als Geheimfavorit gehandelt, besonders seit seinem Schnellschach-Wettkampfsieg über Weltmeister Kramnik. Der Wahlberliner misst diesem Erfolg selbst aber wenig Bedeutung zu. Die Sonderrechte, die dem früheren FIDE-Titelhalter Topalov gerade von der FIDE für den kommenden WM-Zyklus eingeräumt werden, findet Aronian nicht in Ordnung. Topalov und sein Team hätten beim Wettkampf in Elista gewusst, welche Konsequenzen eine Niederlage nach sich ziehen würde. Dr. René Gralla sprach mit dem WM-Kandidaten für das Neue Deutschland. Interview im ND...Nachdruck...

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"SCHACH SOLLTE VERSTÄRKT IM SCHULUNTERRICHT EINGESETZT WERDEN!" 

Ein Wahl-Berliner gehört zu den Topfavoriten bei der diesjährigen Schachweltmeisterschaft vom 11. September bis 1. Oktober 2007 in Mexiko: der gebürtige Armenier LEVON ARONIAN (24), der in der Bundesliga beim SC Kreuzberg unter Vertrag steht. Der RENÉ GRALLA hat für die Tageszeitung „Neues Deutschland“ mit dem WM-Kandidaten gesprochen.

ND: Bei der Schacholympiade 2006 in Turin haben Sie Gold gewonnen mit der Auswahl Armeniens. Wollen Sie diesen Erfolg 2007 krönen mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft in Mexiko? 

LEVON ARONIAN: Ich werde mein Bestes geben. Und hoffentlich werde ich Erfolg haben.

ND: Bei den gerade zu Ende gegangenen Kandidatenkämpfen im kalmückischen Elista haben Sie in überzeugender Weise die WM-Qualifikation geschafft. Gute Vorzeichen für Mexiko?

ARONIAN: Ehrlich gesagt denke ich darüber nicht nach. Ich trainiere, um meine Form für die WM noch zu steigern. Dann werde ich sehen, wie das Turnier läuft.

ND: Den amtierenden Weltmeister Wladimir Kramnik aus Russland haben Sie vor knapp zwei Monaten bei einem Zweikampf in Armeniens Hauptstadt Eriwan überzeugend mit 4:2 Punkten geschlagen. Macht Sie das optimistisch mit Blick auf die WM?

ARONIAN: Das war Schnellschach, 25 Minuten pro Spieler und Partie, und vorher habe ich auch schon mal gegen Kramnik verloren. Daher lässt sich daraus kaum eine Prognose für die Weltmeisterschaft ableiten.

ND: Nach der Pleite von Eriwan sollte Weltmeister Kramnik eigentlich Angst vor Ihnen haben.

ARONIAN: Das müssen Sie ihn fragen, außerdem weiß ich gar nicht, ob Angst das richtige Wort ist. Abgesehen davon hat Kramnik schon vorher gewusst, dass ich ihn bei einem direkten Zusammentreffen in Schwierigkeiten bringen kann.  


Aronian und Kramnik in Dortmund

ND: Der andere große WM-Favorit in Mexiko ist der Inder Viswanathan Anand, Titelträger des Jahres 2000 und momentan die Nr. 1 der Weltrangliste. Wie schätzen Sie Ihre Chancen gegen Anand ein?

ARONIAN: Was ich zu Kramnik gesagt habe, lässt sich auch auf Vishy Anand übertragen. Ich freue mich auf unsere Begegnung, die wird bestimmt sehr interessant.

ND: Sie haben sich öffentlich schon mal darüber gewundert, wie Sie es an die Weltspitze geschafft haben, obwohl Sie selber Ihren Stil am Brett als "chaotisch" bezeichnen ...

ARONIAN: ... ich liebe unklare Stellungen, in denen niemand genau sagen kann, wie die Lage ist. Da kann ich meine Kreativität entfalten.

ND: Die Massenmedien im Westen tun sich schwer damit, Schach als Sport ernst zu nehmen.

ARONIAN: Schach ist ein schwieriges Spiel. Außerdem kann eine Partie bis zu sieben Stunden dauern, und das ist sehr anstrengend. Daher denke ich, dass Schach eher Sport ist als irgendetwas anderes.

ND: Vor dem Hintergrund, dass geschätzte 600 Millionen Menschen weltweit Schach spielen: Findet Schach in der Presse die ihm gebührende Aufmerksamkeit?

ARONIAN: Fragen Sie einen Fußballer, ob der meint, dass sein Sport mehr Raum in den Medien verdient, und der wird Ihnen antworten: Selbstverständlich, aber ja! Deswegen sage ich auch: Natürlich wünsche ich mir, dass Schach noch populärer wird. Und das Spiel sollte verstärkt im Schulunterricht eingesetzt werden, weil es den Verstand trainiert. Studien aus den USA und Russland belegen das.

ND: In Ihrer Heimat Armenien sind Sie ein Superstar, vergleichbar dem Status eines Fußballhelden. Woher diese Schachbegeisterung in Armenien?

ARONIAN: Die Begeisterung gilt weniger dem Schach als unseren Erfolgen mit der Nationalmannschaft. Das Land hat schwere Zeiten hinter sich, die Menschen haben sich nach etwas Glanz gesehnt. Um so größer ist die Begeisterung gewesen, als wir mit Gold aus Turin zurückgekehrt sind.    

ND: Tigran Petrosjan, Weltmeister von 1963 bis 1969, stammt aus Armenien. Sehen Sie sich in der Nachfolge von Petrosjan, wenn Sie zur WM 2007 antreten?

ARONIAN: Manche Leute verwechseln unsere Vornamen und nennen mich sogar "Tigran" (lacht). Aber im Ernst: Die Frage ist verfrüht, warten wir erst einmal den Ausgang der WM ab. 

ND: Sollten Sie den Titel in Mexiko gewinnen, bekommt der noch amtierende Weltmeister Wladimir Kramnik eine zweite Chance: Der Weltschachbund FIDE hat Kramnik das Recht zugestanden, den Sieger von Mexiko zu einem Zweikampf herauszufordern. Ist dieses Privileg für den Titelverteidiger fair?

ARONIAN: Die WM 2007 in Mexiko ist ein Rundenturnier. Aber nach meiner Meinung sollte die Weltmeisterschaft eigentlich in einem Match ausgetragen werden zwischen Titelverteidiger und Herausforderer, denn das entspricht dem traditionellen Austragungsmodus in der Schachgeschichte. Daran wird angeknüpft, wenn der Gewinner des WM-Turniers von Mexiko anschließend einen Zweikampf um den Titel austragen muss.

ND: Nachdem die Konkurrenz zweier Titelträger in der Schachwelt beendet worden ist durch die sogenannte Wiedervereinigung-WM von Elista 2006, bei der sich Wladimir Kramnik gegen den Bulgaren Wesselin Topalow durchgesetzt hat, ist Kramnik der momentan unbestrittene Weltmeister. Der Verlierer von Elista 2006 ist ausgeschlossen von der diesjährigen WM: eine besondere Klausel, der seinerzeit sowohl Topalow als auch Kramnik zugestimmt haben. Trotzdem versucht die bulgarische Seite inzwischen mit allen Mitteln, den 2006 unterlegenen Topalow nachträglich in den WM-Zyklus 2007 zu pushen.

ARONIAN: Sie haben gewusst, unter welchen Bedingungen die WM von Elista 2006 ausgetragen worden ist und welche Konsequenzen eine Niederlage nach sich ziehen würde. Und sie haben das akzeptiert. Die Art, wie sich das Topalow-Lager nun verhält, gefällt mir nicht besonders.

ND: Während der Schacholympiade 2006 in Turin standen Sie im Fokus eines Zwischenfalls. Als Sie der britische Großmeister David Gormally während einer Party mit der australischen Spielerin Arianne Caoili tanzen sah, wurden Sie von Gormally zu Boden geschlagen. Aktuelle Pressefotos zeigen Sie bei offiziellen Terminen in Begleitung von Frau Caoili zeigen. Ein privates Happy End nach dem viel publizierten "Gormally-Gate"?

ARONIAN: Ich will das nicht kommentieren, ich möchte über mein Privatleben nicht sprechen. Zur Klarstellung der Dinge sage ich nur so viel: Ich bin glücklich in meinem Privatleben.

 

 

 


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