Interview mit Nona Gaprindashvili

02.05.2008 – Die Georgierin Nona Gaprindashvili war die sechste Schachweltmeisterin (1962-1978) und die erste Frau, die den Großmeistertitel der Männer erhielt. Zur Zeil weil sie als Ehrengast des bulgarischen Verbandes bei der Europameisterschaft in Plovdiv. Im Interviwe mit Lejla Dimitrova spricht sie über ihre Schachkarriere, Erfolge und verpasste Chancen, und über das Frauenschach. Die ehemalige Weltmeisterin, die oft auch an Männerturnieren teilgenommen hat, glaubt, dass Frauenschach ganz anderen Bedingungen gehorcht als Männerschach und das Judit Polgar, würde sie einmal ein Frauenturnier spielen, beim ersten mal womöglich gar nicht als Siegerin aus dem Turniersaal ginge. Interview...

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Nona Gaprindashvili: “Wenn man mit allen Sachen im Leben aufhört, die schön sind, dann wird man sofort alt”

Nona Gaprindashvili (geboren am 3. Mai 1941) stammt aus Georgien, ist die sechste Frauenweltmeisterin (1962–1978) und die erste Frau, die den Großmeistertitel der Männer verliehen bekam. In Zugdidi, Georgien (das zu der Zeit zur Sowjetunion gehörte), geboren, war sie die stärkste Schachspielerin ihrer Generation.

1961 gewann Gaprindashvili als 20-jährige das vierte Kandidatenturnier der Frauen und erhielt damit das Recht, die russische Weltmeisterin Elisabeth Bykova herauszufordern. Gaprindashvili gewann den Wettkampf leicht mit 9-2 (+7−0=4). Vier Mal verteidigte sie ihren Titel erfolgreich: drei Mal gegen Alla Kushnir (1965: 10–6; 1969: 12–7; 1972: 12–11) und einmal gegen ihre georgische Landsfrau Nana Alexandria (1975: 9–4). Ihre Krone verlor sie allerdings auch an eine Georgierin: Sie unterlag 1978 der 17 Jahre alten Maia Chiburdanidze mit 6½–8½ (+2−4=9).

Im Laufe ihrer Karriere hat Gaprindashvili auch mit Erfolg an Männerturnieren teilgenommen. Sie gewann unter anderem das Hastings Challengers 1963/4 und belegte in Lone Pine 1977 den geteilten ersten Platz, was ihr eine Männer-Großmeisternorm einbrachte.

1978 wurde Gaprindashvili als erster Frau der Großmeistertitel der Männer verliehen. Ihr wurde der Titel wegen ihres Siegs in Lone Pine verliehen, wo sie ein Feld von 45 Spielern, die meisten davon Großmeister, hinter sich ließ. Obwohl sie die Anforderungen für ein GM-Titel technisch gesehen nicht erfüllt hatte, war dieses Ergebnis so spektakulär, dass die FIDE es als ausreichend befand.

Zur EICC in Plovdiv wurde Nona Gaprinashvili vom Bulgarischen Schachverband als Ehrengast und Mitglied des Schiedsgerichts eingeladen.

Nona Terentieva, wie oft warst Du schon in Bulgarien?

Dies ist das dritte oder vierte Mal, dass ich hier bin, aber bislang habe ich immer in Turnieren in den bulgarischen Badeorten gespielt. In Plovdiv war ich jedoch noch nie und mir gefällt die Stadt sehr gut.

Was machst Du zur Zeit?

Ich bin Rentnerin und beziehe eine Pension. Ich bin wirklich Pensionärin, obwohl ich nicht die ganze Zeit zu Hause sitze. Vor kurzem habe ich mich sogar politisch betätigt und die Opposition in Georgien unterstützt. Mit meinem Namen und meiner Autorität habe ich Badri Patarkatsishvili unterstützt, der leider kürzlich gestorben ist. (Badri Patarkatsishvili war eine bedeutende Figur des öffentlichen Lebens in Georgien und wurde im Januar 2008 Dritter bei den georgischen Präsidentschaftswahlen. Ein Monat später starb Patarkatsishvili plötzlich in London an einem Herzinfarkt.) Er war Präsident des georgischen olympischen Komitees und hat den Sport in unserem Land praktisch gerettet. Vorher haben die georgischen Sportler das Land verlassen und Medaillen für andere Länder gewonnen, aber durch Badris Bemühungen erhielten sie allmählich alle notwendigen Mittel für ihre Vorbereitung, darunter auch eine für georgische Verhältnisse unglaubliche finanzielle Unterstützung.

Eigentlich interessiere mich nicht sehr für Politik, aber wegen Badri und seiner Ideen habe ich mich damit einverstanden erklärt, seine Demokratische Partei für ein Vereinigtes Georgien anzuführen. Aber da ich nur seinetwegen mit der Politik verbunden war, habe ich mich nach seinem Tod logischerweise aus dieser Welt zurückgezogen.

Aber Du hast Dich nicht geweigert, den Posten der Ehrenpräsidentin des Georgischen Nationalen Olympischen Komitees anzunehmen?!

Nein, zumindest im Moment nicht. Nach der Olympiade in Peking wird es neue Präsidentschaftswahlen geben (bis jetzt wurde das Olympische Komitee von Patarkatsishvili geleitet) und wenn ein für mich akzeptables Präsidium gewählt wird, dann bleibe ich und arbeite mit ihnen zusammen.

Welche Rolle spielt Schach jetzt in Deinem Leben?

Ich bin immer noch sehr interessiert am Schach. Jedes Mal, wenn ich eingeladen werde, sage ich mit Vergnügen zu – egal, ob es ein Turnier ist oder einfach nur ein Besuch bei einer Schachveranstaltung. Ich liebe Schach und ich kann und will dieses Vergnügen nicht aufgeben – wenn man alle Dinge im Leben, die einem Spaß machen, aufgibt, dann wird man sofort alt. Ich nehme an Blitz- und Seniorenturnieren teil, in denen ich recht gut abschneide.

Kannst Du uns etwas Interessantes von diesen Turnieren erzählen?

Ich nahm nur einmal an der Frauenseniorinnenweltmeisterschaft teil, wurde Weltmeisterin und verlor danach das Interesse. Danach habe ich bei den Männern mitgespielt. Und gleich bei meinem ersten Versuch stand ich ganz kurz vor dem Titelgewinn. Ich kann immer noch nicht vergessen, wie ich vor drei Jahren Ljubcho Spassov, übrigens ein Bulgare, den ersten Platz auf einem Silbertablett serviert habe. Ohne mich selbst allzu loben zu wollen, so muss ich doch sagen, dass ich in diesem Turnier wirklich gut gespielt habe. Drei Runden vor Schluss lagen vier Spieler an der Spitze. Ich musste mit Schwarz gegen Spassov spielen. Die andere Begegnung endete schnell Remis, ich kam jedoch zu einer Gewinnstellung. Doch in diesem Moment wurde ich zu nachlässig und fing an zu denken, dass ich sowieso gewinnen würde. So kam es zu einem technischen Remisendspiel, in dem ich mit einem Paar Leichtfiguren gegen Turm und Bauer spielte. Spassov bot Remis an, das ich jedoch ablehnte, weil ich die Stellung für spielbar hielt. Doch ein paar Züge später habe ich eine Figur eingestellt. Während der restlichen Tage des Turniers, ja sogar noch während der Abschlussfeier, meinte GM Vasiukov stets zu mir: “Mein Beileid, Nona!” Nach dem Sieg in dieser Partie machte Spassov die letzten beiden Runden Remis und holte sich den Titel.

Ich vermute, Du trauerst dieser Partie immer noch hinterher?

Ich bedauere nicht den verpassten Titel, sondern den Umstand, dass die Qualität meines Spiels in diesem Turnier so hoch war, jedoch nicht gewürdigt wurde. Ich habe mich noch lange Zeit danach gefragt, ob ich je wieder solche Partien auf einem so hohen Niveau spielen würde.

Siehst Du unter den jungen Großmeisterinnen, die Deine Nachfolge antreten, eine Spielerin, die einen so brillanten und aufregenden Stil hat wie Du?

Im Moment gibt es keine Spielerin, die gegenüber den anderen Spielerinnen herausragt. Die Turnierergebnisse zeigen, dass die Spitzenspielerinnen ungefähr gleich stark sind und selten einmal gelingt es einer von ihnen, zwei starke Turniere hintereinander zu gewinnen. Es gibt eine ganze Reihe sehr guter Spielerinnen und im Moment fällt es mir schwer, eine zu benennen, die den anderen überlegen ist.

Zählst Du Judit Polgar zu dieser Gruppe?

Nein, denn sie nimmt nicht an Frauenturnieren teil. Übrigens habe ich nur einmal gegen sie gespielt, bei einer Olympiade, und sehr hübsch gewonnen. Das Spiel in Männerturnieren ist anders. Wusstest Du, dass das Jahr, in dem ich meinen Weltmeisterinnentitel an Chiburdanidze verloren habe, mein erfolgreichstes Jahr in Männerturnieren war? Aber die Psychologie in Männer- und Frauenturnier ist ganz anders. Ich bin sicher, wenn Judit beschließt, an Frauenturnieren teilzunehmen, dann wird sie ihr erstes Turnier nicht gewinnen. Sie wird eine Zeit brauchen, um sich zu akklimatisieren, um sich auf Frauenschach einzustellen. Die Erwartungen an sie werden zu hoch sein und jeder andere als der erste Platz wird als Scheitern gesehen werden.

Glaubst Du, dass Frauen nicht in Männerturnieren spielen sollten?

Ja, ich glaube, Männer und Frauen sollten getrennt spielen, da Männer schon vor Beginn der Partie über eine Reihe von Vorteilen verfügen. Erstens, neigen Jungen von Geburt an genetisch bedingt zum Kämpfen. Zweitens begünstigen die physiologischen Prozesse, die im weiblichen bzw. männlichen Körper ablaufen, Frauen nicht, wenn vom Schach die Rede ist. Drittens ist das Nervensystem bei Männern psychologisch stabiler. Viertens geht das aktive Schachleben von Frauen zu Ende, wenn sie eine Familie gründen oder spätestens dann, wenn sie ein Kind bekommen. Von da an kann sie sich nicht mehr dem Schach widmen, während der Mann, wenn er gut genug verdient und seine Familie gut versorgt, von seinen elterlichen Pflichten “befreit” werden kann. Nimmt man all das zusammen, dann versteht man, warum Frauen nicht in Männerturnieren spielen sollten.

Glaubst Du, es gibt ein ideales Alter für den guten Schachspieler oder die gute Schachspielerin?

Nein. Langlebigkeit im Schach hängt von einer Reihe von Faktoren ab: Schachtalent, körperliche Gesundheit und psychologische Stabilität. Die Summe dieser Komponenten bestimmt die lang anhaltende gute Form im Schach. Man wird sehen, wie hier in Plovdiv die Titel nicht dadurch entschieden werden, wer das meiste Talent hat, sondern wer diese Faktoren harmonisch miteinander verbindet.

Danke für das Gespräch

Das Interview führte Lejla Dimitrova

 


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