Interview mit Robert von Weizsäcker

11.05.2007 – Am 19. Mai wählt der Deutsche Schachbund auf seinem Kongress in Bad Wiessee einen neuen Präsidenten. Der bisherige Amtsinhaber Alfred Schlya hat sein Amt zur Verfügung gestellt. Einziger Kandidat ist nun der Münchner Ökonomieprofessor Robert Freiherr von Weizsäcker. Der ehemalige Bonner Bundesligaspieler hat sein Interesse am Schach trotz starker beruflicher Inanspruchnahme über das Fernschach weiter gepflegt und war dort sehr erfolgreich, u.a. mit dem Erwerb des Titels eines Fernschachgroßmeisters. In einem Interview mit Jörg Schulz vom Deutschen Schachbund legt er bereits einen Teil seiner Schwerpunkte im Falle einer erfolgreichen Wahl offen. Neben der besonderen Förderung des Jugendschachs, aber auch des Spitzenschachs, sieht er Handlungsbedarf in der Außendarstellung und der internationalen Repräsentanz des Deutschen Schachbundes. Außerdem hat er bereits die Struktur des Verbandes entschlüsselt, womit er bereits viel weiter ist als mancher andere. Interview beim DSB...Nachdruck...

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Interview mit Robert K. von Weizsäcker
Von Jörg Schulz



Vor einigen Wochen stand es auf der Homepage des Deutschen Schachbundes, Prof. Dr. Robert K. von Weizsäcker wurde vom Präsidium und den Sprechern der Landesverbände gebeten, als Nachfolger von Alfred Schlya für das Amt des Präsidenten des Deutschen Schachbundes zu kandidieren.

Robert K. von Weizsäcker hat im Alter von sechs, sieben Jahren vom Vater das Schachspiel erlernt. Das Interesse daran war jedoch nicht all zu groß, was auch daran lag, dass die Partien gegen den Vater regelmäßig verloren gingen. Dann aber brach 1972 bei ihm wie bei vielen anderen auch der Schachvirus aus, denn der Weltmeisterschaftskampf Spasskij gegen Fischer in Reykjavik zog ihn mächtig an und brachte ihn zum Schach zurück. Und dann aber gleich so intensiv, dass die Familie sogar Sorge bekam, dass er zuviel Schach im Kopf haben könnte. Als Autodidakt brachte er sich durch das intensive Studium der Schachliteratur Schach bei.

Der Schritt in den Verein war zwar noch eine Überwindung für ihn, doch als er im Godesberger SK angekommen war, merkte er schnell, dass die dort auch nur mit Wasser kochen und sein Schachwissen ausreichte, um mitzuhalten und auch mitzumischen. Ein verdientes Remis bei einer Simultanvorstellung 1973 gegen die Schachlegende Botvinnik zeigte ihm, dass er nicht nur in der Familie von Weizsäcker die schachliche Oberhand gewonnen hatte, sondern auch im aktiven Vereinsschach eine Rolle spielen konnte. Und sogar keine geringe. So spielte Robert von Weizsäcker in der Saison 1978/79 in der ersten Schachbundesliga für den Bonner SK 05. Seit 1973 spielte er parallel zum Nahschach auch Fernschach. Am Fernschach begeisterte ihn vor allem das wissenschaftliche Arbeiten am Schach.

Mit Beginn des Studiums der Mathematik und der Volkswirtschaftslehre trat das aktive Schachleben in den Hintergrund, und erst als es im Beruf etwas ruhiger zuging, fand Robert von Weizsäcker Ende der neunziger Jahre zum Fernschach zurück. Dort legte er eine unwahrscheinliche Siegesserie hin. Jedes Fernschachturnier beendete er entweder als Sieger oder zumindest als geteilter Erster; insgesamt verlor er seit 1973 nur 2 (!) Fernschachpartien. Im Jahre 2002 wurde er Internationaler Meister, 2004 Internationaler Großmeister im Fernschach und im Jahre 2004 auch Weltmeisterschafts-Kandidat. Derzeit spielt er mit der Deutschen Nationalmannschaft im Finale der Schacholympiade der Fernschachspieler, und die Mannschaft hofft, für die Schacholympiade 2008 in Dresden ein gutes Ergebnis vorlegen zu können. Derzeit sieht es sehr danach aus.

Robert K. von Weizsäcker, geboren 1954, studierte an der Universität Bonn Mathematik und Volkswirtschaftslehre. Über den Diplom-Volkswirt in Bonn und die Promotion an der London School of Economics beendete er seine wissenschaftliche Ausbildung 1990 mit der Habilitation an der Universität Bonn.

Nach Stationen an den Universitäten Bonn, Berlin, Halle-Wittenberg, Mannheim und verschiedenen Aufenthalten in den USA und England erreichte ihn ein Ruf an die Technische Universität München, an der er seit 2003 Ordinarius für Volkswirtschaftslehre, Finanzwissenschaft und Industrieökonomik ist. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Gebiete der Finanzwissenschaft, Unternehmensfinanzierung, Bildungsökonomik, Bevölkerungsökonomik und Industrieökonomik.
 

1) Sie spielen Fernschach auf Weltniveau. Das bedeutet, Sie wenden viel Zeit neben dem Beruf und der Familie für Schach auf. Warum? Was ist für Sie die Faszination am Schach?

Seit über vierzig Jahren kommt Schach in meinem Leben vor. Intensive und weniger intensive Phasen lösten einander ab – ob als reiner Anfänger, als Freizeitspieler, als amateurhafter Turnierspieler, als späterer Bundesligaspieler, als Fernschachspieler oder auch als Schachjournalist, stets war die faszinierende Auseinandersetzung auf den 64 Feldern gegenwärtig. Gefesselt haben mich seit jeher die tiefen strategischen Elemente der Partieführung sowie die ästhetische Seite des Spiels. Was die enorme Zeitinvestition angeht, so bin ich bis heute davon überzeugt, dass auch mit Blick auf die Welt außerhalb des Schachs und jenseits der reinen Freude am Spiel nicht ein Tag umsonst war. Denn diejenigen Fähigkeiten und Charaktermerkmale, die man durch das Schach erwirbt oder vertieft, sind auch darüber hinaus äußerst nützlich. Das gilt insbesondere für den von mir später gewählten Wissenschaftsberuf. Beispiele sind: analytisches Denken, abstrakte Fantasie und das Vertrauen in die eigene Disziplin des Entscheidens. Eine Eigenschaft, die sich besonders durch die Beschäftigung mit Schach herausgebildet hat, knüpft an das Letztgenannte an: Es ist eine quasirationale Kraft zur Entscheidung im Lichte des Ungewissen.

2) Ist Schach eine Beschäftigung für jedermann, oder benötigt man bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten, die eventuell nicht jeder hat? Oder anders gefragt: Ist Schach Volkssport?

Grundsätzlich ist Schach ohne jede Einschränkung eine Beschäftigung für jedermann. Ich betrachte Schach daher durchaus als Volkssport, auch wenn das Spiel bei uns in Deutschland diesen Stellenwert nicht hat. Das bekannteste Volkssportbeispiel ist sicherlich Russland, zu nennen sind aber auch eine Reihe weiterer Länder, wie etwa die Niederlande. Will man als Spieler in die Spitze vorstoßen, dann allerdings bedarf es bestimmter Eigenschaften, von denen ich oben ja einige genannt habe. Die bisweilen anzutreffende These, dass man von einer hohen Spielstärke im Schach auf eine hohe generelle Intelligenz zurück schließen könne, halte ich übrigens für gewagt.

3) Schach scheint an den Schulen, vor allem im Grundschulbereich, zu boomen, zumindest ist in den letzten Jahren das Interesse stark gestiegen, viele Schachschulen haben sich gebildet. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?


Stundenlanges Fernsehen, ewiges Surfen im Internet oder relativ stumpfsinnige Computerspiele schöpfen auf die Dauer weder das spielerische Potential noch den natürlichen Spaß an schöpferischen Aktivitäten der Jugendlichen aus. Hier bietet Schach eine hervorragende Alternative, die nicht nur Freude bereitet und die Jugendlichen objektiv fördert, sondern auch von einer recht breiten gesellschaftlichen Akzeptanz getragen ist. Als Bildungsökonom betrachte ich Schach überdies als eine spielerische Antwort auf PISA.

4) Wäre Jugend- und Schulschach für Sie als DSB-Präsident ein herausragendes Thema?

Das ist für mich in der Tat das Thema mit der höchsten Priorität.

5) Sie gehören als früherer Bundesligaspieler und vor allem als Großmeister im Fernschach zu den Spitzensportlern. Welchen Stellenwert in einem Verband muss der Leistungsbereich haben?

Spitzenspieler sind Vorbilder, die in die Breite des Sports zurückwirken. Spitzenschach ist für mich daher eine conditio sine qua non – auch und gerade wenn man Schach als Volkssport begreift. Darüber hinaus sind verschiedene Förderungsmöglichkeiten des Schachs, insbesondere Fragen des Marketings, aber auch Fragen der Finanzierung sowie die öffentliche Aufmerksamkeit, in der Regel eng verknüpft mit den Leistungen an der Spitze.

6) Sie selbst sind über den legendären Weltmeisterschaftskampf Spasskij – Fischer zur intensiven Beschäftigung mit Schach gekommen. Welche Rolle spielen Vorbilder im Schach und wie schätzen Sie die derzeitige Situation im Weltschach ein?

Die Frage nach den Vorbildern lässt sich sicher nicht allgemein beantworten. Die WM 1972 war für mich zweifellos ein Schlüsselerlebnis, ebenso wie eine Simultanpartie gegen Botvinnik ein Jahr später. Meine eigenen Vorbilder im engeren Sinne haben sehr viel mit meinem ausgeprägt positionellen Spielstil zu tun. „Die Kunst der Bauernführung“ von Hans Kmoch sowie „ Mein System“ von Aaron Nimzowitsch haben mich sehr beeinflusst, und ich wurde in der Folge ein großer Anhänger von Capablanca, Botvinnik, Petrosjan und auch Karpow – weniger von Kasparow übrigens. Was die Situation im Weltschach angeht, so kann ich nur hoffen, dass der „Vereinigungsweltmeister“ Kramnik einen Wendepunkt in der viel zu lange gespaltenen internationalen Schachwelt markiert.

7) Viele Mitglieder in den Vereinen des DSB fiebern der Schacholympiade 2008 in Dresden entgegen, und mit vielen verschiedenen Aktionen wird für die Schacholympiade 2008 geworben. Freuen Sie sich auf dies Großereignis in Deutschland, und welche Bedeutung kann es für die Entwicklung des deutschen Schachs haben?

Selbstverständlich freue ich mich, und ich hoffe natürlich sehr, dass das Großereignis Schacholympiade genutzt werden kann, um auf den Schachsport aufmerksam zu machen, sein Image zu heben und neue Anhänger zu gewinnen. Dazu wird freilich auch eine gute Öffentlichkeitsarbeit nötig sein.

8) Sie haben in Ihrer Lebensplanung bestimmt nicht an die Funktion des DSB-Präsidenten gedacht. Wie überrascht waren Sie, als man mit der Frage nach einer Kandidatur an Sie heran trat?

Die Überraschung war vollkommen. Tatsächlich sollte das gegenwärtig laufende Finale der Fernschach-Olympiade meine vorerst letzte Schachaktivität sein. Fernschach auf sehr hohem Niveau hat ja etwas mit einer selbst gewählten Form der Versklavung zu tun. Ich kann nur hoffen, dass ich jetzt nicht vom Regen in die Traufe gerate…

9) Sie haben viele Gespräche mit vielen Ebenen im Deutschen Schachbund geführt. Welchen Eindruck haben Sie dabei gewonnen? Und welche Ideen für die nächsten Jahre haben Sie im Hinterkopf?

Diese Fragen kann ich heute noch nicht abschließend beantworten. Der Deutsche Schachbund scheint ein nicht unkompliziertes Gebilde zu sein. Er besitzt, wenn Sie so wollen, als Verband der Verbände eine vertikal integrierte Holdingstruktur. Nach allen Erfahrungen in der unternehmerischen Praxis hat eine solche Organisationsform eine Fülle von Anreizproblemen zur Folge. Ich werde versuchen, von außen kommend den DSB strukturell zu durchleuchten, um eine einigermaßen zielorientierte Verbandspolitik zu gewährleisten. Für mich ist Schach ein Kulturgut. Mein prinzipielles Ziel wird es daher sein, die gesellschaftliche Anerkennung des Schachsports voranzubringen. Schwerpunkte möchte ich vor allem in zwei Bereichen setzen: Zum einen in dem Bereich Kinder und Jugend – die Zukunftsträger des Schachs; und zum anderen auf dem Gebiet der internationalen Repräsentanz des Deutschen Schachbundes. Hier bedarf es einer längerfristig angelegten, geschickten Koalitionsbildung, um einen gewissen Einfluss auf die FIDE zurückzugewinnen.

 

 

 


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