Interview mit Uwe Bönsch

30.03.2007 – In diesem Jahr feiert Uwe Bönsch sein zehnjähriges Dienstjubiläum als Bundestrainer. In seine Zeit fallen eine Reihe beachtlicher Erfolge der Nationalmannschaften, von denen die Silbermedaille bei der Schacholympiade 2000 in Istanbul die beste Leistung war. Im kommenden Jahr wird die Schacholympiade nach über 30 Jahren wieder in Deutschland ausgetragen und die Leistungen der Nationalspieler werden dann besonders im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen. Dagobert Kohlmeyer sprach mit dem Bundestrainer. Mehr...

"Die Schacholympiade hat absoluten Vorrang"
Interview mit DSB-Trainer Uwe Bönsch

Von Dagobert Kohlmeyer

Großmeister Uwe Bönsch ist seit zehn Jahren Schach-Bundestrainer. Unter seiner Leitung erzielte die Herrenmannschaft beachtliche Erfolge. Dagobert Kohlmeyer sprach mit dem 48-jährigen Hallenser über die bevorstehende EM in Dresden, das Programm des DSB zur Schacholympiade 2008 und sein Engagement für das Frauenschach.

Wie fällt deine Bilanz nach einem Jahrzehnt als Bundestrainer aus?

Die deutsche Nationalmannschaft hat unter meiner Führung nicht wenige Erfolge errungen. An erster Stelle steht die Silbermedaille bei der Schacholympiade 2000 in Istanbul. Bei der Mannschafts-EM holten wir zweimal Bronze. Wir gewannen Länderkämpfe gegen starke Schachnationen wie Holland und Ungarn, es gibt viele gute Einzelergebnisse von Mitgliedern der Nationalmannschaft.

Was macht ein Schach-Bundestrainer, wo liegen die Schwerpunkte seiner Arbeit?

Es sind vielfältige Aufgaben. Vor allem kommt es darauf an, Trainingsprogramme und Wettkampfbetrieb der A-, B- und teilweise C-Kaderspieler so gut es geht zu koordinieren. In jüngster Zeit konzentriere ich mich voll auf das Programm der Nationalmannschaft. Aber auch in der Aus- und Weiterbildung der A-Trainer bin ich permanent tätig.

Wie werden deine Schützlinge auf die Schacholympiade im eigenen Land vorbereitet?

Es gibt ein langfristiges Programm des Deutschen Schachbundes zur Förderung der DSB-Auswahl und der Jugend-Nationalmannschaft, alles mit Blick auf Dresden 2008. Das steht momentan im Mittelpunkt meiner Arbeit. Die Schacholympiade hat absolute Priorität.

Ist die Sportfördergruppe der Bundeswehr für Schachspieler hilfreich?

Auf jeden Fall. Diese betreue ich auch. Derzeit sind Elisabeth Pähtz und Maximilian Meinert aus Baden Württemberg drin. In den letzten Jahren waren immer zwei bis vier Spieler in dieser Fördergruppe, und ich hoffe, das auch fortzusetzen. Im Herbst wird Juniorenweltmeister Arik Braun noch dazu kommen. 

Du leitest auch die FIDE-Akademie in Berlin. Was gibt es dort für Ergebnisse?

Ich bin Direktor unserer FIDE-Akademie in der Hauptstadt. Das ist die Ausbildungsstätte des Weltschachbundes für Trainer. Dort haben wir in den vergangenen drei Jahren schon sechs internationale Lehrgänge durchgeführt und Übungsleiter aus etwa 20 Ländern ausgebildet. Wir sind weltweit anerkannt, die Resonanz ist sehr erfreulich und wird immer größer.

Olympia in Dresden ist das große Ziel. Wie sieht das Vorbereitungsprogramm des DSB konkret aus?

Als Gastgeber hat Deutschland die Möglichkeit, eine zweite Mannschaft zu stellen. Wir haben uns entschieden, keine B-Mannschaft der Erwachsenen zu präsentieren, sondern ein Jugend-Olympiateam und schon vor zwei Jahren mit der Auswahl der Spieler für sie begonnen. Die talentiertesten Jugendlichen trainieren dort unter Leitung von Bernd Vökler, der sie auch bei ihren Wettkämpfen betreut.

Wer gehört dazu?

Sehr gut entwickelt haben sich zum Beispiel Falko Bindrich aus Sachsen, der eine erfolgreiche Saison in der Schach-Bundesliga spielt, Arik Braun, der U-18-Weltmeister, und Georg Meier (SC Eppingen), der auch eine Großmeisternorm in der Bundesliga erreichen wird. Das sind drei junge Männer, denen unser Vertrauen und die Zukunft gehört.

Wie ist die Situation bei den Spitzenspielern?

Das Programm zur Förderung der A- Nationalmannschaften sieht vor, die stärksten fünf Männer und Frauen noch intensiver zu betreuen. Das heißt, der Deutsche Schachbund finanziert für sie Training und Wettkämpfe bis 2008, wodurch sie in die Lage versetzt werden, sich optimal auf die Schacholympiade in Dresden vorzubereiten. Das umfasst Turniere wie die bevorstehende EM, wo der DSB die Kosten für die Spieler übernimmt. Dort starten auch alle zehn Spieler, die nominiert worden sind, das heißt, die kompletten Nationalteams der Männer und Frauen sind dabei. Aber auch die deutschen Einzelmeisterschaften werden unterstützt und viele andere Sachen auch, vor allem im Trainingsprogramm.

Welche Kosten übernimmt der DSB?

Für den Start gibt es kein Honorar, aber Unterkunft und Verpflegung als größter Posten werden vom Schachbund getragen.


Arkadij Naiditsch

Wie beurteilst du die Chancen unserer Spitzenleute bei der EM?

Aussichtsreichste Kandidaten sind Arkadij Naiditsch bei den Herren und Elisabeth Pähtz bei den Damen. Sie gehen mit unterschiedlichen Voraussetzungen an den Start. Arkadij ist als Vierter der letzten EM schon für die Schachweltmeisterschaft qualifiziert. Elisabeth wird alles daransetzen, dies auch zu schaffen. Sie muss dafür unter die ersten 15 kommen.


Elisabeth Pähtz

David Baramidze aus Dortmund ist ja als Achter der letzten EM auch schon für die WM qualifiziert.

Für ihn kommt es darauf an, in Dresden ein gutes Turnier zu spielen. Was Arkadi angeht, so kann er ganz locker herangehen. Er ist vorberechtigt, Zehnter der Setzliste, hinzu kommt der Heimvorteil. Ihm traue ich zu, eine Medaille zu holen. Elisabeth könnte es auch schaffen, aber das Wichtigste ist, dass sie zur WM fährt. Deshalb kann es passieren, dass sie am Ende auf Sicherheit spielen muss, um das Ziel nicht zu gefährden.


David Baramidze

Was zeichnet Elisabeth Pähtz als Schachspielerin aus?

Elli hat viele Stärken. Eine davon ist ihre große Kampfkraft. Hinzu kommt ein großes Eröffnungswissen. Sie kennt viele Strukturen von Stellungen. Das kann sie auch gut ausnutzen und auf dem Schachbrett sehr viel Druck aufbauen.

Gerühmt wird auch ihr gutes Gedächtnis. So rezitiert sie mühelos ellenlange Gedichte.

Sie kann sich ziemlich viele Eröffnungen merken. Natürlich passiert es ihr wie anderen Schachspielern auch, dass sie mal eine Variante vergisst oder verwechselt. Aber die Partieanfänge sind ganz klar eine ihrer Stärken.

Im Vorjahr gab es bei der EM zwei Außenseitersiege. Wer gewinnt diesmal?

Einzel-Europameisterschaften sind Open-Turniere. Da spielen so viele Faktoren eine Rolle, dass es fast unmöglich ist, einen Sieger vorherzusagen. Man könnte natürlich einen Kreis von Spielern benennen. Im Herrenturnier zählt Wassili Iwantschuk aus der Ukraine ganz sicher dazu. Aber vielleicht machen in beiden Wettbewerben wieder Outsider das Rennen wie im vorigen Jahr.

Wo liegen die Ursachen, dass Männer in der Regel stärker Schach spielen als Frauen?

Es gibt eine ganze Anzahl von Gründen. Den wichtigsten sehe ich darin, dass es viel mehr männliche als weibliche Schachspieler gibt. Das macht die Sichtung der Talente, ihre Auslese und Förderung viel einfacher. Ein Junge hat durch den regen Spielbetrieb und die härteren Wettkämpfe einfach mehr Chancen, sich später durchzusetzen.

Und die anderen Gründe?

Sind nicht ganz so dominierend, weil sie in der Praxis immer wieder mal durch Einzelbeispiele widerlegt wurden. Zum Beispiel, dass Frauen nicht so hart kämpfen können wie Männer, sich leichter ablenken lassen usw. All das mag zutreffen, aber wenn man sich die Polgar-Schwestern anschaut, wird das sofort widerlegt. In der Summe besitzen Männer günstigere Voraussetzungen, weil sie bessere Startchancen haben und weil Frauen sich sehr viel häufiger für die Familie entscheiden und den Schritt zum Schachprofi nicht riskieren wollen.

Es gibt auch viel weniger Schachturniere für Frauen, so wie die Gala im Herbst in Berlin.

Ja, das war ein lobenswertes Beispiel. Ich bin absolut für das Frauenschach und möchte es unterstützen. Weil ich glaube, dass Deutschland gute Chancen hat, auch im Schach der Damen eine führende Nation zu werden.

Wen betreust du besonders in Dresden?

Allein kann ich mich nicht um alle kümmern. Ich lege den Schwerpunkt auf die Unterstützung der Frauen. Auch dort ist es so, dass die Männer es eher gewöhnt sind, sich mit ihrem Notebook selbst auf die Partien vorzubereiten, während die Frauen den Trainer etwas nötiger haben.

 

 

 

 

 

 

 


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