Ist das Lasker-Haus verloren?

08.10.2008 – Eine der Aufgaben, die sich die Lasker-Gesellschaft bei ihrer Gründung 2001 auferlegt hatte, war der Erhalt des Lasker-Sommerhauses in Tyrow. Da die Berliner Wohnung des einzigen deutschen Weltmeister ausgebombt ist, ist dieses Haus die letzte Erinnerungsstätte an Lasker in Deutschland. Nach der notwendigen Sanierung und dem Rückbau des Hauses sollte dort ein Lasker-Museum eingerichtet werden. Die Bürgermeisterin von Thyrow und auch das Land Brandenburg standen dem Projekt sehr positiv gegenüber. Nachdem der anfängliche Enthusiasmus nun verflogen ist, scheint das Projekt inzwischen mangels finazieller Unterstützung gestorben zu sein. Dem Lasker-Grundstück droht der Verkauf, dem Haus der Abriss. Ein Investor will dort ein Hotel bauen. Peter Münder berichtet von einem frustrierenden Besuch in der Mark Brandenburg.Zur Lasker-Gesellschaft...Fahrt durch die Mark Brandenburg...

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LASKER? NIE GEHÖRT, WIR WOHNEN ERST SEIT DREI JAHREN HIER!

                       Auf Spurensuche von Emanuel Lasker in Thyrow

                                                    Von Peter Münder

Es sollte ein Kulturtrip der besonderen Art in die Umgebung von Potsdam werden: Zuerst eine Lesung mit dem „Ossi“-Autoren Ingo Schulze im Peter Huchel-Zentrum in Wilhelmshorst, dann die Besichtigung des geplanten, offenbar noch im Renovierungsstadium befindlichen Lasker-Zentrums in Thyrow. So hatte es Günter Pasternak, oberster Caissa-Kulturträger, geplant und da wir beide sonnendurchflutete goldene Oktobertage erwarteten, starteten wir begeistert und erwartungsfroh gen Osten. In Potsdam und um Potsdam herum dann das geballte Baustellen-Chaos mit etlichen Irrfahrten, die dann endlich doch im beschaulichen Wilhelmshorst endeten. Da unsere Wirtin, die in ihrer Pension auch einen Weinhandel betreibt, nicht vor Ort sondern wohl auf einer „Rotkäppchen“-Verkostung  war, bauten wir unser Schachbrett in einer leeren Kneipe mit dröhnendem Fernseher  auf und  spielten  einige Runden, bis die Dame endlich  auftauchte- auch sie war im Stau steckengeblieben. Abends dann die Lesung mit Ingo Schulze im Huchel-Zentrum, einer kleinen Villa mit schmuckem Vorgarten und einer Büste des Dichters, das wir nachts  im strömenden Regen nicht gleich fanden. Schulze entpuppte sich als lockerer, humorvoller Typ.


Ingo Schulze

Mit seinem Wende-Roman „Adam und Evelyn“ liefert er eine gelungene, amüsante Bestandsaufnahme der turbulenten Umbruchphase während der letzten DDR-Jahre: Fluchtszenen am ungarischen Plattensee, Verführungs-Szenarios im Photo-Atelier, eine Schildkröte ist auch dabei, ein Uralt-Wartburg wird noch bis zur ungarischen Grenze geprügelt- alles sehr realistisch und stimmungsvoll. Einige grotesk-komische Szenen mit dem Photographen und Modeschöpfer Adam, dem sich die Frauen schnell und gern  an den Hals werfen, wirken zwar so idyllisch und heimelig wie bei weiland Gottfried Keller oder in  Wilhelm Meisters Lehr-und Wanderjahren. Aber den Vorwurf der Verharmlosung der DDR könne er keinesfalls akzeptieren, gab Schulze zu bedenken.

So weit, so gut, erster Teil des Kulturtrips  erfolgreich absolviert. Doch dann die Lasker-Pleite! Die Fahrt durch eine Landschaft mit herrlichen Alleen, Kiefernwäldern und  weiten sandig-samtig wirkenden Feldern versetzte den Fontane-Fan Günter in Begeisterung: „Hier war der kleine Bahnhof, an dem Stechlins Sohn  vor seiner Hochzeitsreise anhielt“, rief er etwa  entzückt. Trotz all der neu gebauten Straßen, der renovierten Häuser, der blitzblanken neuen Tankstellen und der Neubau- Siedlungen war der Charme der in den „Wanderungen“ beschriebenen Mark Brandenburg jedenfalls  immer noch unverkennbar.  

In Thyrow (schon 1346 gegründet!) begann dann die frustrierende Irrfahrt. Hier, zwischen Ludwigsfelde und Trebbin, hatte der damals in Berlin lebende Schachweltmeister (von 1894-1921) Emanuel Lasker  (1868-1941) sein Sommerhaus, das er sich 1921 gebaut hatte.

Da die Berliner Wohnung im Krieg ausgebombt war ist das verfallene, stark renovierungsbedürftige Sommerhaus das einzige Domizil in Deutschland, das an den großartigen, so vielseitigen Mann erinnert. 


Emanuel und Berthold Lasker

Lasker war ja Mathematiker, Philosoph, Autor und Schachspieler, der nebenher auch ein  Drama („Vom Menschen die Geschichte“) verfasst hatte und sich bei Spaziergängen mit Albert Einstein in Berlin auch kritisch mit der Relativitätstheorie auseinandersetzte. Er hatte den Nazi-Terror vorhergesehen und emigrierte schon 1933 als einer der ersten deutschen jüdischen Intellektuellen über Holland, England, die Schweiz und die Sowjetunion in die USA, wo er 1941 starb. Für Viktor Kortschnoi, den alten, immer noch so dynamischen Kämpfer, war Lasker „von allen wirklichen Weltmeistern der überzeugendste“. Auch deswegen, weil dieser „homo ludens“ kein Fachidiot war, sondern als pragmatischer Bridge-Go-und Damespieler immer auf dem Teppich blieb und über das Brett mit den 64 Feldern hinausblicken konnte. Bezeichnend hierfür ist sein Buch „Der gesunde Menschenverstand im Schach“. Und dann erst seine genialen Partien! Diese fabelhaften Duelle mit Capablanca und all den jüngeren Gladiatoren, die meinten, den alten Herrn nach so langer Amtszeit als Weltmeister endlich mit einer eleganten Kombination entthronen zu können- was dann erst Capablanca nach  Laskers 27jähriger WM-Zeit im Jahre 1921 gelang. 

Nach seiner Niederlage gegen Lasker hatte übrigens auch  Capablanca  1914 in St. Petersburg  zugegeben, „aus dem Reich der Träume auf die Erde zurückgebracht“ worden zu sein. Günter hatte eine Broschüre der Lasker-Gesellschaft besorgt, in der die  Pläne für den Wiederaufbau des Lasker-Hauses beschrieben waren. Ich hatte vor unserer Fahrt das wunderbare Lasker-Sonderheft des Schachmagazins „Karl“ mit schönen Berichten und Analysen  gelesen und  mit dem Sohn des Vorsitzenden der Lasker-Gesellschaft gesprochen. Seine Hinweise zum Wiederaufbau  hatte ich so verstanden, dass die Bauarbeiten zwar noch nicht abgeschlossen seien, aber man schon einiges sehen könnte. Bei unserer Durchfahrt durch Thyrow entlang der Bahnhofstraße fällt uns dann sofort die in einem Neubaugebiet mit schmucken Einfamilienhäusern  gelegene Emanuel-Lasker-Straße auf. Das Straßenschild  verweist  mit  einem Hinweis auf den ehemaligen Schachweltmeister- sehr schön und mustergültig. Wir machen schnell ein Photo, dann beginnt die  zermürbende Suche nach dem Haus- vergeblich. Nachbarn, die gerade im Garten arbeiten oder aus dem Auto steigen, reagieren ratlos: „Lasker- wer soll das denn sein?“ fragt eine ältere Frau beim Laubharken, „den haben wir noch nicht kennengelernt- wir sind erst vor drei Jahren hierher gezogen“. Endlich treffen wir einen jüngeren, patenten Mann, der nicht nur weiß, dass Lasker den WM-Titel 27 Jahre lang verteidigen konnte. Er gibt uns auch den Tip, die Bürgermeisterin zu befragen, weil Laskers Sommerhaus in einem anderen Viertel von Thyrow liegt, sie sich selbst sehr engagiert für den Wiederaufbau einsetze und alle möglichen ungeklärten Fragen im Raume stünden.

Im  ansprechend renovierten Gemeindezentrum, das ein großes steinernes Schachbrett im Innenhof ziert, treffen wir die sympathische, dynamische Bürgermeisterin Gertrud Klatt.





Sie ist nicht nur bestens über Lasker und das Sommerhaus informiert, sondern war lange Zeit selbst  bei den Bemühungen um Renovierung  und Wiederaufbau des Lasker-Hauses beteiligt. In der Lasker- Broschüre war ein schönes Photo abgebildet, das Frau Klatt neben dem Architekten Wohlfarth und dem Brandenburger Ministerpräsidenten Platzeck 2003 vor dem Lasker-Haus mit einem kleinen Holzmodell des geplanten Neubaus zeigte.


Modell des neuen Lasker-Hauses

Nun stellt sich heraus, dass die Pläne für den Bau, die anvisierten Finanzierungsmodelle und das geplante Spendenaufkommen offenbar alle gescheitert sind. Alle Vorhaben scheinen sich zerschlagen zu haben, diverse Investoren würden wohl gern das Lasker-Grundstück übernehmen, offenbar gab es auch Pläne, auf dem Gelände ein Hotel zu bauen.

Wir  bekommen genaue Direktiven, fahren die Hauptstraße zurück, an der Emanuel-Lasker-Straße vorbei

und entdecken in der Wilhelmstr. 10 das auf einem hochliegenden Hang hinter Büschen versteckte Haus. Erkennbar ist eine kahle Außenwand, die Front und andere Bereiche des Hauses sind hinter den hohen  wild wuchernden Büschen nur zu erahnen- alles wirkt vollkommen trist und  verwahrlost.

Schwer vorstellbar, dass sich diese Beinah-Ruine einmal in ein Lasker-Gedächtnis-Zentrum verwandeln soll! 

Enttäuscht fahren wir zurück ins Büro der Bürgermeisterin. Woran liegt es, dass sich diese schönen Pläne der Lasker-Gesellschaft alle zerschlagen haben? Es gab doch großzügige Zusagen und Modalitäten (symbolischer Kaufpreis), die den Umbau ermöglichen sollten? Hatten sich nicht etliche Mäzene und Förderer mit ihren Spendengeldern aktiv  beteiligt, um dieses Vorhaben voranzutreiben? Und nun soll alles im Sande verlaufen?  „Ja, das ist alles sehr schade“, bedauert Frau Klatt, „mir ist das auch ein Rätsel- dabei war das Projekt so vielversprechend, ein renoviertes Lasker-Haus als Veranstaltungszentrum  wäre eine echte Bereicherung für Thyrow und ein markantes Symbol für die deutsche Schachkultur. Aber wenn Sie finanzstarke Sponsoren kennen, die das Projekt retten wollen, dann  werden wir dafür sorgen, dass die Pläne zum Verkauf des Grundstücks gestoppt werden“.

Hat sich die Berliner Lasker-Gesellschaft, die ja Symposia, Ausstelungen und Vorträge über Emanuel Lasker und allgemeine Schachthemen in Berlin organisiert, mit dem Sommerhaus-Wiederaufbau vielleicht verzettelt? Will man sich vielleicht nur auf Berlin konzentrieren, weil das kleine, abgelegene Thyrow zu weit von der Metropole entfernt liegt?

Jedenfalls sollte man das attraktive Sommerhaus-Projekt nicht einfach so ad acta legen. Daher fragen wir: Wer kennt liquide Schach-Mäzene, die das Lasker-Haus noch retten könnten? Und an den großartigen Gelehrten und  Schachkünstler erinnern wollen? 


Peter Münder an der Emanuel-Lasker-Straße


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