Jeroens New York-Tagebuch

09.12.2003 – Als Kasparov und Fritz in New York ihren Wettkampf spielten, war auch Jeroen van den Belt (Foto, rechts) Teil des Fritz-Teams. Jeroen programmierte u.a die Fritz-3D-Bretter, die in New York eine große Rolle spielten. Außerdem hatte er großen Anteil an der Technik für die Internetübertragung und sorgte in New York zudem für die Vernetzung der beteiligten Rechner. Insgesamt mussten neun Rechner miteinander verbunden werden und reibungslos kommunizieren. Ein echter Stressjob, der keine Zeit für andere Dinge ließ, von denen New York eigentlich so viel zu bieten hat. Erst im Flieger auf dem Weg nach Hause konnte Jeroen Atem holen und in aller Kürze ein paar Zeilen über eine spannende Zeit notieren. In aller Kürze...

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In aller Kürze
Von Jeroen van den Belt

Es ist jetzt 1.55 Uhr niederländische Zeit, irgendwo in 11 km Höhe über dem Land Amerika, in einer rüttelnden Boeing 767. Um mir die Zeit zu verkürzen, schreibe ich schnell ein paar persönlichen Eindrücke des Wettkampfes zwischen Garry Kasparov und X3D Fritz auf.

Es begann im schon Juli 2003. Ich war zu einem ersten Test in New York. Wir wollten zusammen mit Kasparov ausprobieren, ob es technisch möglich war, eine Schachpartie in Virtual Reality zu spielen. Der Sponsor und Veranstalter des Wettkampfes Mensch gegen Maschine ist X3D, eine Firma die 3D-Brillen und 3D-Plasmabildschirme verkauft. Nach ein paar Stunden Überlegung und mit Kasparov war die Sache im Prinzip klar. Der beste menschliche Schachspieler sollte währende der Partien gegen X3D-Fritz eine 3-D-Brille tragen und seine Züge sprechen. Eine Spracherkennung würde seine Ansagen umsetzen.


Kasparov ist zufrieden


September, Oktober 2003

Der November kommt immer näher. Langsam wird es Zeit, sich noch ein paar Gedanken zu machen, damit bei der Veranstaltung nichts schief geht. Meine Aufgabe bestand darin, dafür zu sorgen dass die Partie technisch perfekt über die Bühne geht. Dabei musste ich mich allerdings um die schachspezifischen Dinge, Eröffnungsfragen und Ähnliches, nicht kümmern. Dafür wäre ich auch ein viel zu mäßiger Spieler. Andere im Team können das besser.

Was musste also getan werden? Im Grundriss musste die Planung einiger Dinge fertig gestellt werden:  3D-Schachbrett, Joystick, Spracherkennung, die Partie soll live im Internet zu sehen sein. Außerdem dachten wir schon an Multimedia-Interviews, die während der Schachpartien live gesendet werden sollten.

Es sollten vier Partien gespielt werden, mit (fast) klassischer Zeitkontrolle. Kasparov bekam von nun an regelmäßig eine Zwischenversion zugeschickt, damit er sich an den 3D-Aspekt und an die Maschine gewöhnen konnte.

Die letzten Wochen vor dem Schachspiel habe fast nichts Anderes mehr getan als Änderungen an der 3D-Performance zu implementieren und zu testen. Es gab noch einige spezielle Anforderungen und Wünsche. Bis zum letzten Tag vor meiner Abreise war ich noch damit beschäftigt. Kasparov wünschte sich noch eine Extra-Funktion des Joysticks, damit er das 3D-Brett damit um 180 Grad drehen kann.

9. November

Mit Spannung gingen wir nach New York. „Wir“, das Fritz-Team, das waren folgende Personen: Frederic Friedel, Alexander Kure, Mathias Feist und ich.  Der Wettkampfort würde der New York Athletic Club sein, in der Nähe vom Central Park. Im gleichen Gebäude, es hat 20 Stockwerke, hatten wir auch unsere Hotelzimmer. Anfangs dachte ich dass der New York Athletic Club eine Art Verein war, so wie ein Leichtathletikclub in Deutschland oder den Neiderlanden. Doch nach der Ankunft wurde es schnell klar, dass es sich um einen exklusiven Privat-Club handelt, mit exquisitem Ambiente in seinen Räumen und vorgeschriebenen Dress-Code. So musste man einen Schlips tragen, sogar zum Frühstück (oder hungern!). Mit dem 3-D-Brett war mit Sicherheit alles klar, aber an einen Schlips hatte ich nicht gedacht. Zum Glück kann man das aber in New York kaufen, vermutete ich.


New York


Montag 10. November

Weil ich noch immer Probleme wegen dem Zeitunterschied zwischen Europa und Amerika hatte (6 Stunden), dem Time Lag, wurde ich sehr früh wach. Zu früh. Ich beschloss, vor dem Frühstück nach einem Schlips Ausschau zu halten. Nach einer Stunde Spazierengehen fand ich welche. Um im Gegensatz zu allen anderen Dingen, die es in New York gibt, waren die echt billig: 0.99 Dollar.











Mit Schlips kam ich dann auch in den Frühstücksraum hinein. Danach folgte der Aufbau der Apparate und das Testen den Zusammenspiels. Es klingt auf den ersten Blick eigentlich ganz einfach: 1 Computer mit 3D-Bord und Schachengine und schon ist alles fertig. Nicht ganz. Ich nehme mir die Zeit, zu verdeutlichen, worum es in Wirklichkeit geht.

Wenn Kasparov spielt,  will er nicht von dem Lärm der 4 Prozessor Maschine, auf der Fritz spielen sollte, gestört werden. Also musste die Maschine in einem Nebenraum stehen. Die Züge von Kasparov würden von einer Spracherkennung interpretiert und weitergeleitet. Dies musste dann noch von einem Operator kontrolliert werden. Derselbe Computer der die Spracherkennung besorgt, ist auch für die Zeitnahme verantwortlich. Ein dritter Computer generiert das Bild auf dem Monitor, der vor für Kasparov steht. Computer Nr.2 schreibt bei jedem Zug einen Bestand, Computer Nr.3 liest den Bestand. Ein vierter Computer ist nötig um ein 3D Bild für das Live-Fernsehen zu liefern. Ein fünfter Computer wird gebraucht um das 3D-Bild für das Publikum zu liefern. Ein sechster Computer musste für ein 2D-Diagramm für das Publikum zur Verfügung stehen. Ein siebter Computer wurde gebraucht, um die offizielle Zeit einer DGT-Uhr zu lesen. Nr.8 musste Dateien für einen XML-Bestand schreiben, welche dann die Internet Übertragung versorgen. Und der neunte Computer wurde für die Live-Interviews gebraucht. Neun Computer, also, die alle miteinander in Verbindung stehen und kommunizieren.

Auf allen Computern wurde eine spezielle Version von Fritz installiert, die alle diese Dinge verarbeiten kann. Irgendwann Mittags war dann alles fertig, das Fernsehteam von ESPN hatte auch bereits einige Kilometer von Kabeln gelegt. In der zwölften Etage des Hochhauses würde Kasparov sitzen, die Zuschauer im neunten Stock. Viele Kabel gingen also vom 12. in den 9 Stock, 3 Etagen tiefer. Um 17 Uhr kam Kasparov auf der zwölfte Etage, um eine Probe zu machen. Ich unterhielt mich kurz mit ihm und fragte, wie er die Sache sieht. Dann machten wir Tests mit der Spracherkennung.


Mathias Feist, Jeroen van den Belt und Garry Kasparov


Schiedsrichter Albert Vasse (li.) ist hinzu gekommen


Dienstag 11.November

Der erste große Tag ist gekommen. Alles noch schnell ein paar Mal testen. Um 12 Uhr, eine Stunde vor der ersten Partei, schien es, als ob es niemals alles fertig werden würde, aber um 13 Uhr ging es dann tatsächlich los. Für mich persönlich war das der spannendste Moment meiner beruflichen Laufbahn. Ob alles gut geht? Kein Bug, kein Screensaver vergessen, der plötzlich mitten in der Partie auf Kasparov Monitor auftaucht. Mit Spannung verfolgte ich den Beginn der ersten Partie. Alles verlief aber nach Plan. Ich selber war viel zu sehr beschäftigt als das ich die Partie groß hätte verfolgen können. Meistens saß ich neben Mathias Feist, der die Wettkampf-Maschine bediente, ein Computer mit vier Xeon Prozessoren, die 4,3 Millionen Positionen pro Sekunde berechnen kann. Ab und zu lief ich zur neunten Etage, wo das Publikum saß.

Ende der Partie. Remis und große Erleichterung meinerseits. Nicht so sehr wegen des Remis, sondern weil alles technisch so gut funktioniert hat.

36000 Fußhöhe, erwartete Ankunftszeit 7.15. Eine halbe Stunde früher als geplant.
 
Donnerstag, 13.November

Als Schiedsrichter wurde Albert Vasse ausgewählt, inzwischen internationaler Schiedsrichter. Er war mit uns zusammen angereist. Die zweite Partie sollte gleich beginnen, doch alles stand genau wie bei der ersten Partie, also falsch herum, denn diesmal würde Kasparov ja die schwarzen Steine haben.  Ich wurde herbei gerufen. Das Brett musste umgedreht werden.

In einer Minute war das getan. Doch diese Partie verlor Kasparov. Und plötzlich beklagte er sich über vieles, was ihn gestört hatte. Kasparov wurde nervös. Die nächste Partie sollte erst in drei Tagen beginnen. Gerne hätte ich etwas von New York gesehen, aber das klappte nicht. Zusammen mit Frederic Friedel waren wir bei verschiedenen Leuten zu Besuch, auch bei Schachspielern. Nun weiß ich dass Susan Polgar und Anne Hahn nicht nur hervorragend Schachspielen können. Beide kochen auch ganz toll.


US-Meisterin und "charming girl" Anna Hahn mit Jeroen van den Belt


Frederic Friedel und Susan Polgar

Sonntag 16.November

Die dritte Partie gewann Kasparov relativ leicht. Die von ihm provozierte geschlossene Stellung war zu schwierig, um darin erfolgreich zu rechnen. Wir gaben innerlich auf, als Fritz anfing, merkwürdige und wenig stellungsgerechte Züge zu spielen. An diesem Tag war es richtig voll in dem Saal auf der neunten Etage. Viele Leute die ich beim ersten Treffen im Sommer gesehen hatte, waren heute auch wieder da, Yasser Seirawan, David Levy, Joel Lautier, Irina Krush, Lev Alburt oder Paul Hoffmann, und natürlich man kam schnell wieder ins Gespräch und konnte Interviews machen.


Frederic Friedel, Lev Alburt, Frans Morsch und Michael Greengard (MiG)


Frederic Friedel interviewt....


...Jennifer Shahade. Rechts. Der "Tagebuch" - Autor Jeroen van den Belt.


Dienstag 18.November

Die letzte Partie. Alex Kure hat die ganze Nacht an allerlei Eröffnungs-Varianten von Fritz gearbeitet. Während der Partie blieb ich die ganze Zeit im Raum, weil es sehr spannend war. Die Partie war aber dann schnell vorbei. Der Wettkampf endete 2:2 und alle haben gewonnen.


Kasparov unterzeichnet das Formular der vierten Partie.

Dank der Fernsehübertragungen, über 17 Stunden, den vielen Zeitungsberichten und der Internetberichte hat das Schach einen großen Impuls bekommen. Nun war Zeit für ein Bier an der Bar, zu dem uns X3D einlud. Nach ungefähr einer Stunde kam ein kleiner Mann in schwarzem Anzug auf mich zu: "You are wearing Nikes Sir, that’s not allowed here.“ Sportschuhe waren hier nicht gerne gesehen und ich musste verschwinden.


Mittwoch 19.November

Der Wettkampf war vorüber. Es gab noch eine Pressekonferenz, wobei ein paar Journalisten anwesend waren. Kasparov erklärte einige kritische Stellen des Wettkampfes und zeigte mit Hilfe des neuen ChessBase Media Systems Varianten. Beim Media System werden Brettzüge und Video gleichzeitig aufgenommen. Es ist 13.30 Uhr. Um 14 Uhr musste ich zum Flugplatz. Kasparov und sein Manager Owen Williams luden mich zum Essen im zweiten Stock ein. Als wir am Eingang standen, kommt wieder der kleine Mann auf mich zu. Denn kenne ich aber schon und weiß, was er von mir will. Also verabschiede ich mich und trete den Heimweg an.

Noch 1 Stunde und 30 Minuten bis Schiphol.

Es war ein besonderes Erlebnis für Kasparov, für uns, und für den Rest der Schachwelt.

 

 

 

 

 

 


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