Karpov und Kortschnoj gewinnen Unzicker-Gala

11.08.2005 – Ein Sieg, dieser aber gegen den alten Rivalen Kortschnoj, und fünf Unentschieden genügten Anatoly Karpov, um zusammen mit Viktor Kortschnoj die Unzicker-Gala bei den Chess Classic Mainz anlässlich dessen 80sten Geburtstages zu gewinnen. Viktor Kortschnoj wählte mit drei Siegen und zwei Niederlagen den mühsameren Weg, um ebenfalls auf 3,5 Punkte zu kommen. Boris Spasski hatte bei der Einladung zur Gala zunächst gedacht, es handele sich um ein Bankett. Erst später merkte er, dass er an einem Turnier teilnehmen würde. Dieses solle aber nun sein endgültig letztes gewesen sein, meinte der Exweltmeister bei Pressekonferenz nach dem Turnier. Dr. Thorsten Behl hat den Kampf der "alten Recken" ins rechte Bild gerückt. Turnierseite...Tabelle, Partien, Fotos...

CCM Gala: Die Partien...

Fotos: Dr. Thorsten Behl (mehr Fotos bei ozzyfactory...)


Die vier Veteranen bei der Pressekonferenz


Wolfgang Unzicker, 80 Jahre


Viktor Kortschnoj (74) und Exweltmeister Boris Spassky


"Benjamin" Anatoly Karpov



Gegen Karpov spielte Kortschnoj mit einer Sonnenzusatzbrille und wollte damit offenbar an den Psychokrieg von 1978 erinnern, als er und Karpov sich mit Parapsychologen und indischen Gurus einen Kreig auch neben dem Brett lieferten.


Artur Jussupov kommentiert in Mainz

Spasskis allerletzter Zug?
Kortschnoi und Karpow teilen Sieg in der „Unzicker Gala 80“
Hartmut Metz

Anatoli Karpow hat seinen Schach-Weltrekord in Mainz ausgebaut: In der Rheingoldhalle feierte das Genie aus Moskau seinen 162. Turniersieg. Der 54-Jährige kam zwar in der Rückrunde nicht über drei Remis hinaus, 3,5:2,5 Punkte reichten aber, um in der „Unzicker Gala 80“ vorne zu liegen. Gleichauf folgte jedoch sein Erzrivale Viktor Kortschnoi (Schweiz). Bronze im Duell der Schach-Legenden blieb für Boris Spasski (Frankreich/3:3). Geburtstagskind Wolfgang Unzicker, zu dessen 80. Geburtstag der Wettbewerb ausgetragen wurde, schlug sich achtbar. Mehrmals hatte der 386fache Nationalspieler aus München die jüngeren Großmeister am Rande einer Niederlage. Am Schluss war er allerdings auch mit vier Remis und 2:4 Punkten zufrieden.





In seiner gewohnt freundschaftlichen Art befand Unzicker: „Die beiden Turniersieger haben den Erfolg voll verdient. Karpow zeigte seine gewohnt hohe Präzision und Kortschnoi seine große Kampfkraft! Dass Spasski auch noch trotz geringer Spielpraxis großartig kämpfen kann, bewies er in diesem Turnier. Mein Ergebnis geht in Ordnung. Ich habe mich keinen Illusionen hingegeben in diesem auserlesenen Feld. Die anderen waren insgesamt besser. Ich bin zufrieden, dass ich nicht völlig abgefallen bin. Ich denke, mir gelang ein ehrenvolles Ergebnis“, fasste der Jubilar zusammen.


Wolfgang Unzicker, im Hauptberuf Richter, war lange Zeit Deutschlands bester Spieler und gehörte zur erweiterten Weltspitze.

Sowohl gegen Spasski wie vor allem gegen Karpow zeigte der deutsche Altmeister Klasseleistungen, die ins Remis mündeten. Im ersten Vergleich mit Karpow glich Unzicker ein materiell schlechter stehendes Turmendspiel aus. Im zweiten Endspiel hatte er gegen den Ex-Weltmeister sogar einen Mehrbauern herausgearbeitet. Lediglich der Zweitälteste im Feld, der 74-jährige Kortschnoi, schlug Unzicker zweimal. „Die erste Niederlage war nicht notwendig“, urteilte der pensionierte Richter. Nach einem Bauernvorstoß nach f5 wäre Unzicker laut Kommentator Eric Lobron in höherem Sinne auf Gewinn gestanden. Später verlor der Turniersenior den Faden, und Kortschnoi setzte sich durch.

Der Wohlener bleibt ein Einsatz-Wunder. Fünf seiner sechs Partien wurden entschieden! Nur das zweite Duell gegen Karpow endete remis. Das Duell der Erzrivalen zum Auftakt der „Unzicker Gala 80“ erregte Aufsehen. Kortschnoi tauchte in der Rheingoldhalle mit einer zweiten Brille über seiner normalen auf! Die stark verdunkelten Augengläser von 1978, die ihn auf den Philippinen vor den Strahlen des sowjetischen Parapsychologen Schugar schützen sollten, hatte er in der Schweiz vergessen. So kaufte er bei der EM in Göteborg, die direkt vor den Chess Classic stattfanden, ein ähnliches Modell.



Allerdings nutzte die psychologische Kriegsführung auch diesmal nichts im direkten Zweikampf. Der unerschütterliche Kortschnoi wetzte dafür die Scharte gegen die anderen aus. Abschließend lobte er die Jubiläumsveranstaltung in höchsten Tönen. „Was für eine Organisation, was für ein Turnier, das Aufmerksamkeit erregt und eine Werbung fürs Schach ist“, befand der 74-Jährige und hält die Chess Classic Mainz für „viel wertvoller als die Europameisterschaft in Göteborg“, von der er direkt eingeschwebt war. Kürzer fasste sich Karpow, dem die „vielen aufregenden Partien“ gefielen. Besonders erwähnte der Moskauer natürlich den Jubilar: „Wolfgang spielte sehr gut.“ Und selbst für Kortschnoi fand Karpow ein paar warme Worte! „Viktor zeigte wie immer Kampfgeist.“

Für einen Paukenschlag sorgte Spasski. Der Gute-Laune-Onkel des Turniers hatte damit kokettiert, dass er „zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder Schach gespielt hat“. Damit meinte er aber wohl Turniere, denn in Frankreich hat er für seinen Klub NAO Paris ein paar Partien im französischen Pokal bestritten. Spasski hatte beim ersten Anruf Unzickers geglaubt, bei der Gala handele es sich um eine Feier. Erst später wurde ihm klar, dass es um ein Turnier ging. Wegen der freundschaftlichen Beziehung zu Wolfgang Unzicker nahm der Ex-Weltmeister daran dann aber auch teil. Die Rückkehr ans Turnierbrett machte dem 68-Jährigen durchaus Spaß. „Ich zeigte ein gutes Turnier und war mit den drei Punkten zufrieden.


Boris Spassky, Weltmeister 1969.1972, der sich bald nach der Niederlage gegen Fischer vom ernsten Turnierschach zurück zog.

Es war nett von Viktor, dass er gegen mich verlor“, äußerte Spasski mit ernster Miene, ohne darauf einzugehen, dass er die Partie exzellent gespielt hatte. Außer vier Remis gegen Unzicker und Karpow gewann er damit eine gegen Kortschnoi und unterlag ihm in der Vorrunde. Es sei „nicht normal, wie in diesem Turnier gekämpft wurde. Ich bewundere dafür auch Wolfgang, der mit seinen 80 Jahren so kämpfen kann“, erklärte der inzwischen für seine Friedfertigkeit am Brett bekannte Spasski und ergänzte, „es ist normal, dass die zwei Krokodile, die aktiven Großmeister Karpow und Kortschnoi, vorne liegen.“ Anschließend kündigte er an: „Das Turnier hier in Mainz war mein letztes!“ Auf die Frage, ob er sich nicht vorstellen könne, bei der „Unzicker Gala 90“ dabei zu sein, bemerkte er: „Noch lieber spiele ich aber bei der Unzicker Gala 100 mit!“ Die Rücktrittsankündigung kommentierte Kortschnoi lautstark in Richtung Spasski, der neben ihm saß, und sicher nie mit Schach aufhören kann, grinsend: „Armer Kerl!“

 

 

Nachricht an die Redaktion Bitte nutzen Sie dieses Feld für Kontakt mit der Redaktion



Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren