Kasparovs atemberaubende Najdorfvarianten

27.07.2007 – Die Najdorf-Variante der Sizilianischen Verteidigung hat das moderne Schach maßgeblich geprägt. Najdorf zu lernen kann daher jedem Schachspieler dabei helfen, den eigenen schachlichen Horizont zu erweitern und das modernes Schach generell besser zu verstehen. Vor allem, wenn man die Chance hat, von dem weltbesten Kenner zu lernen: Garry Kasparov. Seine dritte DVD über Najdorf hat es in sich. Fast sechs Stunden lang ist der neue Kurs. Im Mittelpunkt steht der beliebte Englische Angriff mit dem weißen Aufbau Le3, f3, Dd2 und 0-0-0, der mittlerweile fast als Universalwaffe  gegen Sizilianisch eingesetzt wird. Kasparov zeigt ebenso die historische Entwicklung wie aktuelle Trends (z.B. von Wijk an Zee 2007) und besticht einmal mehr durch sagenhafte Variantenkenntnis und Stellungsverständnis. FM Steve Giddins  hat sich die DVD angesehen und beschreibt ausführlich seine Eindrücke, Empfindungen und Emotionen. Und titelt seine Rezension am Ende doch mit dem einzig passenden Wort: "Phantastisch!" Kasparov: "How to Play the Najdorf - Vol.3" im Shop kaufen...Zur Rezension mit Videoausschnitt...

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Phantastisch!

Garry Kasparov: "How to play the Najdorf - Vol. 3" - rezensiert von FM Steve Giddins

Eine der wichtigsten "Eröffnungsrevolutionen" der letzten drei Jahrzehnte war der weiße Aufbau mit Le3, f3, Dd2 und 0-0-0 gegen den Sizilianer. Galt dies zuvor nur gegen den Drachen als wirkungsvolle Möglichkeit, so ist der Aufbau mittlerweile fast zur automatischen Antwort auf viele sizilianische Varianten geworden und wird gegen Scheveninger-, Taimanov- und sogar Kan-Varianten gespielt. Am bekanntesten ist er jedoch als Anti-Najdorf-Waffe und er gilt immer noch als eine der aktuellsten Varianten der modernen Eröffnungstheorie. Ursprünglich von Robert Byrne gespielt wurde die Variante durch das englische Großmeistertrio Nigel Short, John Nunn und Murray Chandler bedeutend verbessert und deshalb bezeichnet man den Aufbau heute für gewöhnlich als Englischen Angriff. Heutzutage spielen fast alle Spitzenspieler die Variante und zwar mit Weiß und mit Schwarz.

Natürlich leistete Garry Kasparov seine gesamte aktive Karriere hindurch mit beiden Farben ebenfalls enorme Beiträge zu dieser Variante. Deshalb ist niemand besser geeignet, die Feinheiten der Variante und ihre unterschiedliche Entwicklung über die Jahre zu erklären. In mehr als fünf Stunden erklärt er die verschiedenen Systeme, die Schwarz auf der Suche nach Gegenspiel ausprobiert hat und wie sich das weiße Spiel im Laufe der Zeit änderte, um darauf zu reagieren. Das wiederum führte zu neuen Versuchen von Schwarz, neuen Versuchen von Weiß und so weiter. Die Geschichte dieser Variante allein ist faszinierend und ich spreche hier als jemand, der diese Variante weder mit Weiß noch mit Schwarz spielt. Doch wer so spielt, der kann auf diese DVD einfach nicht verzichten.

Aber der eigentliche Wert dieses Produkts liegt woanders. Wirklich atemberaubend ist es, die Tiefe und den Umfang von Kasparovs Vorbereitung zu sehen. Wieder und wieder zeigt er Varianten, die 25 bis 30 Züge tief als Vorbereitung auf seine Weltmeisterschaftskämpfe in den 1980ern und den frühen 1990ern analysiert wurden (manchmal kam der Wettkampf, wie das umstrittene Match mit Shirov, gar nicht zustande). In vielen Fällen wurden die Analysen nie wirklich genutzt. Eine Partie, in der sie zum Einsatz kamen, wurde bei der Schacholympiade in Thessaloniki 1988 gespielt. Der isländische GM Johann Hjartarson wiederholte die kritische Variante, mit der Kasparov zwei Jahre zuvor eine schmerzhafte Niederlage gegen Nigel Short erlitten hatte. Er lief in eine vorbereitete Variante, die mit einer neuen Idee im 12. Zug begann und in einem für Schwarz günstigen Endspiel im 25. Zug gipfelte:

Hjartarson - Kasparov [B80]

Thessaloniki ol, 1988

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.Le3 e6 7.Dd2 b5 8.f3 Sbd7 9.g4 h6 10.0–0–0 Lb7 11.Ld3 [11.h4] 11...Se5 12.The1 b4?! [12...Tc8 hatte sich in der früheren Partie Short-Kasparov als schlecht erwiesen. 12...b4 war der Auftakt zu Kasparovs neuer Idee]  13.Sa4 d5 14.exd5 Sxd5 15.Lf2?! [Später fand man heraus, dass 15.f4! hier sehr stark ist, aber es dauerte noch weitere sieben Jahre, bis sich das durchsetzen konnte]  15...Ld6 16.Lf5!? 0–0! 17.Sxe6 fxe6 18.Lxe6+ Kh8 19.Lxd5 Sxf3! 20.Lxf3 Lxf3 21.Lb6 Lxd1! 22.Lxd8 Taxd8 23.Dxd1?! Lf4+ 24.Kb1 Txd1+ 25.Txd1 Lxh2. Schwarz hat klaren Vorteil, den Kasparov im weiteren Verlauf der Partie jedoch nicht verwandeln konnte.

Beispielvideo aus dieser Partie...

Wichtig zu wissen ist, dass außer der oben angeführten Variante beide Seiten bei fast jedem Zug Alternativen haben, die meist ebenfalls bis zu einem klaren Urteil ausanalysiert wurden. Ungezählte Stunden der Analyse, die immer größere Tiefen erreicht. Die Wirkung ist atemberaubend.

Zwölf Jahre später kam es in der Partie Anand-Kasparov, Linares 1999, zu einem vielleicht noch verblüffenderen Beispiel. Dieses Mal gebe ich die gesamte Analyse, die auf diesem Abschnitt der DVD gezeigt wird, wieder:

Anand - Kasparov [B80] Linares, 1999

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 a6 6.f3 e6 7.Le3 b5 8.g4 h6 9.Dd2 Sbd7 10.0–0–0 Lb7 11.h4 b4 12.Sb1 [12.Sce2 d5 13.Lh3?! a) 13.exd5 Sxd5 14.Lf2 Lc5; b) 13.Sg3 dxe4 14.g5 hxg5 15.hxg5 Txh1 16.Sxh1 Sd5 17.g6 Df6 Nunn-Polgar,Amsterdam 1995(17...Da5 Nunn-Ivanchuk,Monte Carlo blind 1994 ) ; 13...dxe4 14.g5 hxg5 (14...exf3? 15.gxf6! fxe2 16.Dxe2 Dxf6 (16...Lxh1 17.Sxe6!+-) 17.Thf1 De5 (17...Dxh4 18.Sxe6! fxe6 19.Lxe6+-) 18.Txf7! Kxf7 19.Lxe6+‚) 15.hxg5 exf3 16.Sf4 (16.Sg3 Se4 17.Sxe4 Lxe4) 16...Se4 17.De1 Txh3!! (17...f2?! 18.Lxf2 Dxg5 19.Le3) 18.Sxh3 (18.Txh3 e5 19.Txf3 (19.Sfe6 fxe6 20.Sxe6 Da5) 19...exd4 (19...Da5 20.Sb3 Dxa2 21.Sd5 Tc8) 20.Txd4 Da5) 18...e5! 19.Sb3 (19.Sxf3 Da5 20.Kb1 Sc3+ 21.bxc3 bxc3) 19...a5 20.Sd2 Dc7 Anand-Ljubojevic,Buenos Aires 1994] 12...d5 [12...Da5!? 13.Lh3 Se5 14.b3 Tc8 15.a4 (15.g5 hxg5 16.hxg5 Sxf3 17.Sxf3 Sxe4 18.Dd3 Dxa2 19.Ld4 Sg3 20.Lxe6 Dxc2+ 21.Dxc2 Se2+ 22.Kd2 Txc2+ 23.Kxc2 Txh1 24.Txh1 Lxf3 25.Lxf7+ Kxf7 26.Tf1!=) 15...g5!? (15...Sxf3 16.Sxf3 Lxe4 17.Sd4 Lxh1 18.Txh1 Se4÷ Anand-Gelfand,Haifa rapid 1998) 16.Lg2 (16.hxg5 hxg5 17.Lxg5? Sxf3 18.Sxf3 Sxe4 19.Df4 Dc5 20.c4 bxc3–+) 16...Tg8 17.hxg5 hxg5] 13.Lh3 g5! [13...Se5?! 14.g5 Sfd7 (14...Da5? 15.Sb3 Dxa2 16.gxf6 Sc4 17.Dd4 e5 18.Dxc4+-; 14...Sc4 15.De2! hxg5 16.hxg5 Da5 17.b3 Sh5 18.exd5±) 15.Lxe6!? (15.De2 dxe4 (15...Da5 16.b3! Topalov(16.f4 Sc4 17.b3 Sxe3 18.Dxe3 dxe4 19.g6 Sc5 20.gxf7+ Kxf7÷ Ivanchuk-Van Wely,Wijk aan Zee 1996) ) 16.f4 Sd3+! (16...Sf3 17.g6±) 17.cxd3 exd3 18.Dxd3 Sc5 19.Dc2 Le4 20.Lg2! (20.Sxe6?! fxe6 21.Txd8+ Txd8 22.Lxc5 Lxc2 23.Lxf8 Kxf8 24.Kxc2 Anand-Topalov,Tilburg 1998) 20...Lxc2 21.Lc6+ Sd7 22.Sxc2 hxg5 23.fxg5 Tc8 24.Txd7 Dxd7 25.Lxd7+ Kxd7 26.Sd2² Anand) 15...fxe6 16.Sxe6 Da5 17.gxh6 gxh6 18.exd5‚] 14.hxg5 [14.Lg2?! gxh4 15.Txh4 dxe4 (15...Sxe4?! 16.fxe4 Dxh4 17.exd5‚) 16.g5 Sd5 17.f4 Sc5 18.f5 e5 19.Lxe4 hxg5 20.Txh8 (20.Lxg5 Txh4µ) 20...Sxe4 21.Dh2 Df6] 14...hxg5 15.exd5 Sxd5 16.Lxg5 Db6! [16...Dxg5?! 17.Dxg5 Lh6 18.Dxh6 Txh6 19.Lg2] 17.Lg2 Txh1 18.Lxh1 [18.Txh1 Lg7 19.Se2 (19.Sb3 a5‚) 19...Tc8 20.Th7 Le5 …21.f4 Se3] 18...Tc8! 19.Te1! [19.f4? Sc3!; 19.Dh2?! Lg7] 19...Da5!! [19...Lg7? 20.Sf5±; 19...Tc4? 20.Sf5±] 20.f4! [20.a3 Db6ƒ] 20...Dxa2 21.f5 Sc5! [21...Sc3? 22.bxc3 bxc3 23.Sxc3 (23.De3? e5! 24.Sxc3 Da3+ 25.Kd2 Txc3) 23...Da1+ 24.Sb1 La3+ (24...Lxh1 25.fxe6) 25.Kd1 Dxb1+ 26.Ke2 Db2 27.fxe6 fxe6 28.De3±] 22.fxe6 Lg7! [22...fxe6? 23.Dh2!! Sd3+ 24.Kd2 Sxe1 25.Dh5+ Kd7 26.Df7+ Le7 (26...Kd6? 27.Dxb7! Tc7 28.Db8 Lg7 29.Ld8! Lxd4 30.Lxc7+ Kc6 31.Dc8! Le3+ 32.Ke2 Dxb1 33.Lg3+ Kb5 34.Lxe1 Lc5 35.Le4 Sf4+ 36.Kf1+-) 27.Dxe6+ Kc7 28.Lxe7 Kb8 29.Dxe1 (29.Lxd5 Dxd5 30.Ld6+ Ka8 31.Dxd5 Lxd5 32.Kxe1 Tg8) 29...Sxe7 30.De5+ Tc7 31.Se6 Sd5 32.Sxc7 Sxc7 33.Dh8+ Lc8 34.Dd4±] 23.exf7+ Kxf7 24.Lxd5+? [24.Df2+! Kg8 25.Df5! Lxd4 (25...Dc4 26.Td1 Tf8 27.Dg6 Tf1 28.De8+=) 26.Dg6+ Lg7 27.Te8+=] 24...Dxd5 25.Te7+ Kg8 26.Txg7+ Kxg7 27.Sc3!! [27.Sf5+? Dxf5! 28.gxf5 Sb3+ 29.Kd1 Lf3+ 30.Ke1 Sxd2 31.Sxd2 Lg4–+] 27...bxc3 [27...Dh1+!? 28.Sd1 Lf3! (28...Le4? 29.Se6+! Sxe6 30.Dd7+) 29.Le7! Lxd1! (29...Se4? 30.Dd3) 30.Dxd1 (30.Dg5+? Kf7 31.Df6+ Ke8 32.Dg6+ Kxe7 33.Sf5+ Kd8 34.Dd6+ Sd7 35.De7+ Kc7 36.Dd6+ Kb7 37.Dxd7+ Tc7 38.Dxd1 Th7–+) 30...Sd3+ 31.Kd2 Dxd1+ 32.Kxd1 Sxb2+ 33.Kc1 Sc4 34.Lxb4µ] 28.Sf5+ Kf7 [28...Kf8!? 29.Lh6+ Ke8 30.Dxd5 Lxd5 31.Sd6+ Kd7 32.Sxc8 cxb2+ 33.Kxb2 Kxc8] 29.Dxd5+ Lxd5 30.Sd6+ Kg6 31.Sxc8 Kxg5. - Schwarz hat ein technisch gewonnenes Endspiel, das er dieses Mal auch tatsächlich gewann, wenn auch nicht ohne Fehler von beiden Seiten.

Dieses Material ist erstaunlich genug, aber es vorzuführen, dauert gerade einmal 15 Minuten – knapp ein Zwanzigstel der absoluten Spielzeit der DVD, auf der jeder Augenblick ähnlich tiefgründige Analysen bietet.

Kasparov zuzuschauen, wie er diese Arbeit demonstriert, ist wirklich phantastisch. Die Verbindung von schnellem Denken, umfangreichem Wissen und reiner Liebe zum Spiel nimmt gefangen. Während er die Tastatur bearbeitet (nicht allzu rücksichtsvoll!), blitzen Stellungen mit Epilepsie-Gefahrartiger Geschwindigkeit vor unseren Augen auf und Kasparov selbst scheint manchmal Schwierigkeiten zu haben, schnell genug zu reden, um mit seinem rasant arbeitenden Gehirn mithalten zu können. Und die ganze Zeit denkt man, dass dies nur die Spitze des Eisbergs ist verglichen mit dem Gesamtumfang der Analysen die Kasparov nur für diese Variante erstellt hat. Während ich mir die DVD anschaute, wurde ich an einen bemerkenswerten Artikel des holländischen Autors Tim Krabbé erinnert, in dem er beschreibt, wie er 1995 ein Blick auf Kasparovs Vorbereitung im Grünfeld werfen konnte. Vor allem beeindruckte mich Krabbés Schilderung, wie es sich anfühlte, diese Analysen auf dem Bildschirm auftauchen zu sehen: "Ich fühle mich überwältigt, beinahe angeekelt, von diesem schieren Umfang an Wissen, dem Ausmaß an Arbeit, das in Schach auf Weltmeisterniveau fließt. All diese unzähligen Varianten, die in der vagen Hoffung, das Ergebnis einmal um einen halben Punkt zu verbessern, entdeckt, beurteilt, diskutiert und erinnert wurden – aber wahrscheinlich doch nie gespielt werden." Keine Frage, er hatte die gleichen Eindrücke und Empfindungen wie ich, als ich mir diese DVD anschaute.

Ob Sie Najdorf mit Weiß oder Schwarz spielen oder ob Sie überhaupt 1 e4 spielen, oder auch wenn Sie gar kein Wettkampfschach mehr spielen, ich rate Ihnen unbedingt, sich diese DVD zu besorgen. Sie ist einfach phantastisch – ein Blick in die Werkstatt des stärksten und des am besten vorbereiteten Spielers aller Zeiten. Man kann gar nicht anders, als von der Geschichte und von Kasparovs grenzenloser Begeisterung und Liebe für das Schach gefesselt zu sein.

Am Ende bleibt mir nur eine nicht beantwortete Frage: Wie kann jemand mit einer solch offensichtlichen und überwältigenden Liebe zum Schach es überhaupt ertragen, sich mit gerade einmal 42 Jahren vom Spiel zurückzuziehen?

"Mr. Kasparov" - Die große Trainingsreihe

Kasparov: How to play the Najdorf Vol. 1...
Der langjährige Weltmeister präsentiert in neun Videolektionen typische Ideen und Abspiele, Schwerpunkt ist die Bauernraubvariante (6.Lg5 e6 7.f4 Db6). Gesamtspielzeit: ca. 2,5 Stunden.
Kasparov: How to play the Najdorf Vol. 2...
In 23 Videolektionen werden die alternativen Abspiele gezeigt, die nach 6.Lg5 e6 7.f4 entstehen können (7…Le7, 7…Sbd7, 7…Dc7 oder 7…b5).
Gesamtspielzeit: ca. 2,5 Stunden.
Kasparov: How to play the Queen's Gambit...
Kasparov hat das Damengambit mit Weiß und Schwarz gespielt und ist bis in die letzten Feinheiten vorgedrungen. Mit großer Eloquenz spricht er über Varianten und Ideen des Klassischen Damengambits. 
Über 3 Stunden Privattraining der Extraklasse.


 


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