Leuven: Anand dominiert den ersten Tag

von Klaus Besenthal
17.06.2016 – Die "Grand Chess Tour" macht an diesem Wochenende im belgischen Leuven Station. Am ersten Tag des Rapidturniers hinterließ Viswanathan Anand einen starken Eindruck - mit einem Punkt Vorsprung führt der Inder das Feld verdient an. Überraschend schwach hingegen die beiden Erstplatzierten von Paris: Carlsen ist Achter, Nakamura gar Letzter. Mehr...

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Die Stadt Leuven besitzt drei verschiedenen Namen: Neben dem flämischen "Leuven", das wir an dieser Stelle verwenden werden, gibt es auch den deutschen Namen "Löwen" und das französische "Louvain". Das verwundert nicht, ist Belgien doch ein Staat, der vor seiner Selbstständigkeit massiv unter - wechselndem - Einfluss von Franzosen, Niederländern und wohl auch Deutschen gestanden hat. Entsprechend gibt es bekanntermaßen heute französischsprachige (Wallonen) und flämischsprachige (Flamen) Bevölkerungsanteile - weniger bekannt ist vielleicht, dass es auch eine "Deutschsprachige Gemeinschaft" gibt, zu der ca. 75.000 der 11 mio Belgier gehören. Die Eigenständigkeit Belgiens besteht bereits seit 1830, was länger ist als bei manch anderem europäischem Nationalstaat, dem man heute nicht mehr unterstellen würde, dass er vom Zerfall bedroht sei. Belgien hat aber immer noch mit sochen Themen zu kämpfen, und um dem entgegenzusteuern, wurde eine dezentralisierte politische Gliederung in drei "Regionen" geschaffen: Neben den Regionen der Wallonen und Flamen existiert auch noch die Region Brüssel, wo natürlich neben Französisch und Flämisch noch jede Menge weitere Sprachen gesprochen werden.

Leuven also - die Stadt, in der die "Grand Chess Tour" aktuell mit dem "Your Next Move" betitelten Turnier Station macht, liegt etwas östlich von Brüssel, hat ungefähr 100.000 Einwohner, gehört zur Regionen der Flamen und ist dort wiederum die Hauptstadt der Provinz "Fämisch-Brabant". Das gotische Rathaus der Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und die Wiederherstellung des Gebäudes zog sich schließlich bis 1982 in die Länge, aber das ist inzwischen Geschichte. Heute lässt sich feststellen, dass sogar der schöne Fußboden wie geschaffen für die Austragung von Schachturnieren zu sein scheint:

Wie bereits in unserem Vorbericht erwähnt, ist das Teilnehmerfeld in Leuven dasselbe wie vor Wochenfrist in Paris. Einzige Ausnahme: Anstelle von Laurent Fressinet ist dieses Mal Viswanathan Anand mit von der Partie. Anand gehört zum Kreis der "Full Tour Participants" während Fressinet in Paris lediglich über eine "Wildcard" des Veranstalters dabei war - übrigens ebenso wie Magnus Carlsen. Diese Wildcard hatte Fressinet wohl auch dem simplen Umstand zu verdanken, dass man dem Publikum in Paris gerne - neben Maxime Vachier-Lagrave - einen weiteren Franzosen präsentieren wollte. In Leuven war nun kein Platz für eine weitere Wildcard (neben Carlsen) mehr frei. Und einen Belgier, der von der Spielstärke her in dieses Teilnehmerfeld gepasst hätte, hätte es wohl auch gar nicht gegeben. In der Weltrangliste jedenfalls befindet sich Belgien auf Platz 41, hinter Usbekistan und vor der Slowakei. Von den sieben belgischen Großmeistern erreicht derzeit keiner die 2.600 Elopunkte. Angeführt wird die belgische Rangliste von dem zugewanderten Mikhail Gurevich, der es aktuell auf 2.561 Elopunkte bringt. Immerhin hätte er aber vor zwanzig Jahren sicherlich sehr gut in dieses Turnier gepasst...

Belgien gehört nicht zur Weltspitze im Schach, aber vielleicht steckt ja in diesem belgischen Jungen der nächste Magnus Carlsen!

Heute also die ersten fünf Runden Rapid in Leuven. Anand ist stärker als Fressinet - diese Feststellung sollte erlaubt sein -, und so hatte das ohnehin schon erlesene Teilnehmerfeld gegenüber der Veranstaltung in Paris noch einmal an Qualität gewonnen. Anand legte gleich in der ersten Runde los, als wolle er diesen Sachverhalt noch einmal explizit unter Beweis stellen. Gegen Maxime Vachier-Lagrave reichte dem Inder ein einziger Taktikfehler seines Gegners, und schon gab es kein Halten mehr:

 

"MVL" hatte gegen einen glänzend aufgelegten Anand nichts zu lachen.

Und die Dinge entwickelten sich in dieser ersten Runde auch sonst etwas anders, als man es bei einer linearen Fortschreibung der "Hackordnung" von Paris hätte erwarten dürfen.

Hikaru Nakamura verlor gegen Vladimir Kramnik, der im Endspiel einen Mehrbauern verwerten konnte.

Fabiano Caruana schlug Veselin Topalov mit einem Turmopfer

Anish Giri schätzte das Bauernendspiel falsch ein, das sich aus seinem Turmendspiel gegen Levon Aronian ergeben sollte

Unaufgeregtes Remis: Wesley So und Magnus Carlsen

Starker Auftakt in Runde 1: Viswanathan Anand, hier zusammen mit Kommentator GM Maurice Ashley

In der zweiten Runde, mit Weiß gegen Aronian, wählte Anand eine symmetrische und damit remisliche Variante im offenen Spanier. Der Inder konnte längere Zeit eine leichte Initiative konservieren, doch am Ende war dann alles sauber zum Unentschieden abgewickelt. Ausgefeilte Turniertaktik? Das wäre dann eine andere Seite des "Phänomens Anand".

Und in der Tat reichte Anand dieses Remis, um an der Tabellenspitze zu bleiben, denn die anderen Sieger der ersten Runde remisierten ebenfalls: Kramnik gegen So, Caruana gegen Giri (Caruana rettete die Partie schließlich noch, nachdem er sich im Mittelspiel verrechnet und dabei eine Qualität verloren hatte). Auch Magnus Carlsen kam erneut nur zu einem Remis, dieses Mal gegen Maxime Vachier-Lagrave. Eine Überraschung gab es aber trotzdem: die Niederlage Hikaru Nakamuras gegen Veselin Topalov, zustandegekommen nach einem taktischen Fehler Nakamuras, der zuvor stark und einfallsreich aufgespielt hatte. Nach zwei Runden in Leuven fand sich der Sieger von Paris ohne Punkt auf dem letzten Tabellenplatz wieder.

 

Plötzlich Letzter: Hikaru Nakamura - ergriff seine Chance eiskalt: Veselin Topalov

In der dritten Runde tat sich dann nahezu Unglaubliches. Sehen Sie selbst, wie Viswanathan Anand im achten Zug eine Figur einfach einstellte, um dann mit großem Kampf und vielen brillanten Ideen die Partie noch zu retten - gegen einen Weltklassemann wie Fabiano Caruana:

 

Starker Schachspieler, starke Persönlichkeit: Viswanathan Anand

Hikaru Nakamura, der Sieger von Paris, zeigte sich dagegen endgültig von der Rolle. Nach zwei Niederlagen versuchte er es gegen Anish Giri mit der Brechstange. Das Ergebnis: Nakamuras dritte Niederlage im dritten Spiel.

 

Nach zwei Unentschieden zum Start schloss Magnus Carlsen zur Führungsgruppe auf. Gegen Levon Aronian versuchte er es mit der Holländischen Verteidigung; als das Spiel nach vielen Abtauschen schließlich in ein Turmendspiel eingemündet war, erwies sich Carlsens in der Mitte stehengebliebener König plötzlich als Positionsvorteil - ein einziger weiterer Fehler seines Gegners reichte dem Weltmeister zum Sieg. Einzigartiger Spielstil!

Erstaunlich auch Topalovs Sieg gegen Kramnik. Der Bulgare, in Paris noch völlig abgeschlagen, gehörte nach der dritten Runde zur Spitzengruppe - gemeinsam mit Fabiano Caruana (der in Paris ebenfalls "durchgefallen" war), Anand und Carlsen. Kramnik hingegen, das soll nicht unerwähnt bleiben, setzte das fort, was ihm bereits in Paris mehrfach passiert war: Die Niederlage gegen Topalov hatte er erneut einer eingestellten Figur zu "verdanken".

In Runde vier konnte sich ein Spieler alleine an die Spitze setzen, mit dem man - das Turnier in Paris in Rechnung stellend - nicht unbedingt gerechnet hatte: Fabiano Caruana. Doppelt schön für den Amerikaner: Er schaffte diesen Schritt mit einem Sieg gegen Magnus Carlsen, und das auch nach aus einer Verluststellung heraus. Natürlich musste der Weltmeister dafür einen Fehler begehen:

 

Immer wieder Konkurrenten bei den internationalen Top-Turnieren: Carlsen und Caruana

Für ihn lief es schlecht in Runde 4: Magnus Carlsen

Er setzte sich mit seiner starken Gewinnkombination an die Tabellenspitze: Fabiano Caruana

Nakamura besann sich auf solideres Spiel und schaffte - mit Schwarz - ein ungefährdetes Remis gegen Anand. Vielleicht war es ja die Wende zum Besseren für den Amerikaner. Auch Topalov konnte, wie Anand, den Kontakt zu Caruana nicht ganz halten, blieb nach seinem sicheren Remis gegen Giri aber - wiederum gemeinsam mit Anand - auf einem hervorragenden zweiten Platz. Und dann war da auch noch Kramnik, der - muss man es noch erwähnen? - gegen Vachier-Lagrave erneut eine Figur einstellte und auf den vorletzten Platz abrutschte.

Unglückliche Niederlagen: Vladimir Kramnik

Der erste Tag des Rapidturniers wurde durch die fünfte Runde beendet. Und Hikaru Nakamuras Remis in der vierten Runde war wirklich die Wende zum Besseren: Der Amerikaner gewann in 17 Zügen gegen Weltmeister Magnus Carlsen. Wie es dazu kam? Man ahnt es schon, auch wenn man es nicht glauben mag: Carlsen stellte eine Figur ein:

 

Nicht lange an seiner Führung erfreuen konnte sich Fabiano Caruana: Gegen seines Landsmann Wesley So erlitt der Amerikaner seine erste Niederlage; gemeinsam mit So liegt er aber dennoch auf dem zweiten Platz. Ganz oben in der Tabelle steht hingegen Viswanathan Anand, der Topalovs Turm mitten auf dem Brett "einmauern" konnte und somit im Endspiel praktisch eine Figur mehr hatte. Der Inder war damit eindeutig der dominierende Mann dieses ersten Turniertags in Leuven. Ganz schwach hingegen die beiden stärksten Spieler vom Turnier in Paris: Carlsen ist Drittletzter, Nakamura sogar Letzter.

Einzelergebnisse des Rapidturniers:

1. Runde

White Result Black
Kramnik, Vladimir 1-0 Nakamura, Hikaru
Caruana, Fabiano 1-0 Topalov, Veselin
Aronian, Levon 1-0 Giri, Anish
Vachier-Lagrave 0-1 Anand, Viswanathan
So, Wesley 1/2-1/2 Carlsen, Magnus

2. Runde:

White Result Black
So, Wesley 1/2-1/2 Kramnik, Vladimir
Carlsen, Magnus 1/2-1/2 Vachier-Lagrave, Maxime
Anand, Viswanathan 1/2-1/2 Aronian, Levon
Giri, Anish 1/2-1/2 Caruana, Fabiano
Topalov, Veselin 1-0 Nakamura, Hikaru

3. Runde

White Result Black
Kramnik, Vladimir 0-1 Topalov, Veselin
Nakamura, Hikaru 0-1 Giri, Anish
Caruana, Fabiano 1/2-1/2 Anand, Viswanathan
Aronian, Levon 0-1 Carlsen, Magnus
Vachier-Lagrave, Maxime 1/2-1/2 So, Wesley

4. Runde:

White Result Black
Vachier-Lagrave, Maxime 1-0 Kramnik, Vladimir
So, Wesley 1/2-1/2 Aronian, Levon
Carlsen, Magnus 0-1 Caruana, Fabiano
Anand, Viswanathan 1/2-1/2 Nakamura, Hikaru
Giri, Anish 1/2-1/2 Topalov, Veselin

5. Runde:

White Result Black
Kramnik, Vladimir 1/2-1/2 Giri, Anish
Topalov, Veselin 0-1 Anand, Viswanathan
Nakamura, Hikaru 1-0 Carlsen, Magnus
Caruana, Fabiano 0-1 So, Wesley
Aronian, Levon 1/2-1/2 Vachier-Lagrave, Maxime

Tabelle nach dem ersten Tag des Rapidturniers:

Partien vom ersten Tag des Rapidturniers:

 

Fotos: Turnierseite 

Turnierseite Grand Chess Tour...

Grand Chess Tour bei Twitter...

Turnierseite Brüssel...

 



Klaus Besenthal ist ausgebildeter Informatiker und ein begeisterter Hamburger Schachspieler. Die Schachszene verfolgt er schon seit 1972 und nimmt fast ebenso lange regelmäßig selber an Schachturnieren teil.
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