Magnus Carlsen: Offene Worte

03.01.2014 – Magnus Carlsen gilt vielen als verschlossen und wortkarg. In einem langen Interview mit dem norwegischen Sender VG-TV straft er diesen Eindruck Lügen und spricht entspannt über seine Schachbegabung, Geld, wie es ist, ein Star zu sein, den Verdacht, er sei Autist, seine Beziehung zu Frauen und seine Begeisterung für Donald Duck. Mehr...

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VG-TV Interview with Magnus Carlsen

Veröffentlicht hat das Interview der norwegische Fernsehsender  VG-TV, die Fragen stellte der norwegische Fernsehmoderator Mads A. Andersen. Natürlich unterhalten sich Carlsen und Andersen auf Norwegisch, doch für das internationale Publikum hat der Fernsehsender englische Untertitel erstellt. Die folgende Übersetzung des Gesprächs beruht auf einem leicht gekürzten englischen Transkript des Interviews, das auf der englischen ChessBase-Seite veröffentlicht wurde. 

1 Selbstvertrauen

Was Schach betrifft, so freue ich mich, wie gut alles gelaufen ist. Ich habe das Kandidatenturnier gewonnen und einen neuen Elo-Rekord aufgestellt und in Chennai ist alles so gelaufen, wie ich gehofft hatte. Auch in Norwegen gibt es viele positive Entwicklungen im Schach.

Was mein Selbstbewusstsein betrifft, so können andere das wahrscheinlich besser beurteilen. Man merkt es nicht immer, wie sich das eigene Selbstbewusstsein ändert. Andere sollen beurteilen, ob ich überheblich und eingebildet geworden bin, allerdings glaube ich selbst nicht, dass das so ist.

Hast du Angst, es könnte so sein?

Ach nein. Aber in meinem Beruf ist es gut, selbstbewusst zu sein. In anderen Bereichen des Lebens ist es manchmal besser, etwas weniger selbstbewusst aufzutreten. Einfach ich selbst zu sein, hat für mich bislang gut funktioniert. Es gibt Momente, in denen ich schlecht gelaunt oder müde bin und es unangebracht ist, zu sagen, was ich denke. Aber meistens versuche ich einfach, ich selbst zu sein.

2 Obsessionen und Aberglauben

Kennst du Zwänge, Dinge, die du einfach tun musst?

Nicht allzu viele. In den ersten Partien in Chennai habe ich schlecht gespielt und dabei habe ich zum Aufschreiben der Züge einen Stift benutzt, den ich schließlich weggeworfen habe.

Dann bekam ich einen neuen Stift und von da an lief alles deutlich besser. 

Glaubst du wirklich, das spielt eine Rolle?

Nein, aber ich fühlte mich gut dadurch. Während des Wettkampfs wurde ich gebeten, ein Buch über den WM-Kampf 1960 zwischen Tal und Botwinnik zu signieren. Tal gewann den Wettkampf und war damals 23 Jahre alt. Das Revanchematch hat er dann verloren und danach nie wieder einen Titel gewonnen. Ich musste die Person, die mich gebeten hatte, das Buch zu signieren, freundlich zurückweisen. Ich konnte das einfach nicht.

Das wäre so gewesen, als hätte man mich gefragt, mein eigenes Todesurteil zu unterschreiben. Was das betrifft, bin ich wahrscheinlich ein bisschen abergläubisch.

3 Noch immer Donald Duck Fan

Ich habe ein paar Donald Duck-Geschichten gelesen. Ich habe einen der alten Klassiker mitgenommen.

Du entspannst dich mit Donald Duck??

Nun gut, ich bin kindisch genug, um mich dabei immer noch köstlich amüsieren zu können.

Kennst du viele 23-jährige, die Donald Duck interessant finden?

Ich kenne Leute, die ein ganzes Stück älter sind und immer noch Donald Duck lesen. Ich möchte hier aber keine Namen nennen.

4 Das Geheimnis des Blindschachs

Du kannst gegen 30 Leute gleichzeitig spielen, sogar blind, und sie trotzdem schlagen? Das heißt, du behältst den Überblick über 960 Figuren und 1.920 Felder. Was geht dabei in deinem Kopf vor sich?

Es ist oft nützlich, vorher die Gesichter meiner Gegner zu sehen. Ich ordne meinen Gegnern dann Nummern zu und kenne ihre Sitzordnung. Dann kann ich die Nummern mit Gesichtern verbinden und die Gesichter mit dem jeweiligen Brett. Ich kann mich dann jeweils auf nur ein Brett konzentrieren. Manchmal muss ich allerdings geistig tief graben, um zu erinnern, was am nächsten Brett geschehen ist.

Denkst du im Leben auch dann etliche Züge voraus, wenn es nicht um Schach geht?

Nein, diese besondere Fähigkeit konnte ich bislang nicht entwickeln. Aber ich wünschte, ich könnte das. Wenn ich alles vorhersehen wprde, was die Leute tun, dann wäre ich überall unschlagbar. Doch leider kann ich das nicht, nicht einmal in anderen Sportarten wie Fußball.

5 Das Erfolgsgeheimnis

Wie bist du so gut geworden?

Ich wünschte, auf diese Frage hätte ich eine gute Antwort, aber die habe ich leider nicht.

Dein Vater meint, das sei ein Mysterium.

Ja, dem würde ich zustimmen. Aber es ist auch witzig, dass niemand wirklich genau weiß, wie das kam. Ich sehe jetzt, dass ich besser Schach spiele als alle anderen, dass ich mehr vom Schach verstehe. Andere Leute sehen das genauso. Aber zu wissen, warum das so ist, ist schwer.

Was für ein Gefühl ist es, ein Rätsel zu sein?

Ich fühle mich wirklich wohl dabei. Und vielleicht kann ich diese Frage beantworten, wenn ich ein älter und bisschen klüger bin.

6 Schachliche Albträume

Hast du Schach-Albträume?

Ja, manchmal kann ich aus irgendwelchen merkwürdigen Gründen nicht rechtzeitig zu einer Partie kommen, oder ich verliere gegen Gegner, gegen die ich nicht verlieren sollte. In letzter Zeit habe ich eine ganze Reihe schlechter Turniere gespielt, aber nur in meinen Träumen.

7 Zukunftsgedanken

Hast du Pläne, wie lang du noch weiter spielen willst?

So lange, wie ich motiviert bin und das Gefühl habe, ich kann noch etwas lernen. Simen (Agdestein) hat einmal gesagt, im Schach gehe es nicht darum, der beste, sondern darum, der am wenigsten schlechte Spieler zu sein. Manchmal denke ich, sogar ich bin meilenweit davon entfernt, ich bin immer noch weit davon entfernt, Schach wirklich zu verstehen.

Ich kann noch so viel lernen, es gibt so viel, das ich nicht verstehe. Ich mache mir da keine Illusionen. Ich werde nie eine perfekte Partie spielen. Die Frage ist, ob ich mein Wissen umsetzen kann und mich als Spieler entwickle. Wenn ich mir die Partien anschaue, die ich vor ein paar Jahren gespielt habe, dann ist es geradezu albern, wie wenig ich wusste – und damals war ich bereits die Nummer eins der Weltrangliste. Es gibt viel Raum für Verbesserungen und das gibt mir Motivation. Ob die immer noch vorhanden ist, wenn ich 30, 35 oder 40 Jahre alt bin, kann ich wirklich nicht sagen.

8 Bobby Fischer

Welcher Spieler der Schachgeschichte könnte dich in diesem Moment deiner Entwicklung schlagen?

Kasparov: Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war er ein unglaublich guter Spieler. Als junger Mann war er wahrscheinlich nicht ganz so gut, aber er war unglaublich dynamisch. Er war kreativ und unglaublich selbstbewusst. Ich glaube, er hätte mir ernsthafte Schwierigkeiten bereiten können.

Ich glaube außerdem, dass Fischer auf dem Höhepunkt seines Könnens in vielerlei Hinsicht so gespielt hat, wie ich es jetzt tue. Er spielte extrem präzise und absolut entschlossen. Er war ein wirklicher Champion und es ist ihm gelungen, Dinge, die sehr schwierig sind, sehr einfach wirken zu lassen. Und er hat eine Menge Partien nur mit Willenskraft gewonnen. Auch ich mache das oft.

Als Mensch unterscheide ich mich von Fischer, aber im Schach gibt es viele Gemeinsamkeiten.

9 Gerüchte

Ich habe einmal gegoogelt und als Ergebnis kam "Magnus Carlsen IQ"

Und "Magnus Carlsen Autismus".

Yeah. Vor vielen Jahren hat mich tatsächlich einmal jemand gefragt, ob ich unter Autismus leide. Ich hielt das für eine dumme Frage und antworte deshalb "nun, ist das nicht offensichtlich?" Das war albern - denn offensichtlich leide ich nicht unter Autismus. Später erkannte ich, dass nicht alle dieser Meinung sind und ich diese gedankenlose Bemerkung besser nicht hätte machen sollen. Ich glaube, ich bin meilenwert davon entfernt, wie ein Autist zu sein. Ich halte mich für jemanden mit normalen sozialen Fähigkeiten und für jemanden, der normal funktioniert.

10 IQ

Weißt du, wie hoch dein IQ ist?

Ich habe keine Ahnung, wie mein IQ aussieht.

Würdest du das gerne wissen?

Nein.

Ein anderes Wort, das bei Google oft auftaucht, wenn man deinen Namen eingibt, ist "Freundin".

Dazu gibt es wirklich nicht viel zu sagen.

Aber du bist jetzt offensichtlich sehr berühmt. Wenn du unterwegs bist, scharen sich die Damen um dich. 

Ja, und ich genieße diese Aufmerksamkeit.

Kannst du die Damen häufiger für dich gewinnen, wenn du ihnen erzählst, du bist Schachweltmeister?

Ja, aber ich weiß nicht, ob das am Schachweltmeistertitel liegt. Aber berühmt zu sein, hilft sicher.

Bist du zur Zeit Single?

Ja. Wie es im Moment aussieht, ist es bei meiner Konzentration aufs Schach und bei meinen vielen Reisen wahrscheinlich besser zuhause nicht zu viele Verpflichtungen zu haben.

Wie fühlt sich das Verlieren für dich an?

Ich verliere nicht gern, vor allem nicht beim Schach. Ich halte das Verlieren nicht für einen natürlichen Teil meines Spiels. Wenn ich verliere, dann muss etwas schief gegangen sein.

Das klingt vielleicht ein wenig arrogant, aber ich glaube, mir hilft diese Einstellung. Ich glaube immer, dass ich der Beste bin, und wenn es mir gelingt, mein bestes Schach zu spielen, dann sollte ich nicht verlieren. Deshalb ist es schwierig, Niederlagen zu akzeptieren, wenn es sie dann doch einmal gibt.

Was bringt dich zum Weinen? Wann hast du das letzte Mal geweint?

Ich kann mich nicht mehr erinnern. Das war vor langer Zeit. Aber in London stand ich kurz davor. Ich muss gestehen, nach der 11. Runde... Ich war zu erschöpft, um wirklich emotional zu reagieren. Außerdem war ich wahrscheinlich eher wütend als traurig. Natürlich kann man auch weinen, weil man frustriert ist.

Bei deinem Fotoshooting für G-Star hast du Supermodels wie Liv Tyler und andere getroffen und ich kenne viele Männer, die versuchen würden, das maximal auszunutzen, um Freundschaft oder zumindest Bekanntschaft zu knüpfen. Schreibst du Liv Tyler viele SMS?

Nein, das tue ich nicht. Aber ich weiß, dass Espen Nachrichten bekommen hat, die für mich sind, Glückwünsche zum Titelgewinn und so weiter.

Wie bewahrst du neben diesen Models dein inneres Gleichgewicht?

Beim Fotoshooting für G-Star ging es mir in erster Linie darum, einen guten Job für G-Star zu machen, professionell zu sein. Aber ich erinnere mich noch an die zweite Werbekampagne, in der Gemma Arterton Model war. Ich traf sie zum ersten Mal und wollte einen guten Eindruck machen. Sie kam vorbei, um "Hallo" zu sagen, als ich gerade geschminkt und frisiert wurde. Ich brachte kein einziges Wort heraus. Das war ein bisschen peinlich. Es ist zumindest wichtig, nicht wie ein absoluter Trottel zu wirken.

Aber das ist dir passiert?

Ja. Zumindest fehlte nicht viel.

Als du 12 oder 13 warst, hast du in einem Interview gesagt,...

... du würdest lieber Fußball- als Schachprofi sein, da man im Fußball mehr Geld verdienen kann. Glaubst du das noch immer?

Nein. Im Gegensatz zum Fußball ist das Gute am Schach, dass ich für alle meine Handlungen ganz allein verantwortlich bin. Beim Fußball ist man immer Teil eines Teams.

Und im Schach kann man auch Geld verdienen?

Oh ja, da kann ich mich überhaupt nicht beklagen. Es ist zwar ein Klischee zu sagen, dass man sich um das Geld keine Sorgen mehr machen muss, aber trotzdem ist es so, dass ich mehr als genug verdient habe, um davon leben zu können.

Was willst du mit all den Millionen machen?

Vielleicht investiere ich in Immobilien, oder in meine Familie oder so. Aber im Moment liegen die Millionen einfach auf meinem Konto.

Magnus Carlsen, vielen Dank für das Gespräch.

Danke, gleichfalls.

Übersetzung: Johannes Fischer


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