Mehr Bewegung, bitte!

von André Schulz
28.05.2014 – Nach 38 Jahren Förderung hat das Bundesinnenministerium jetzt festgestellt: Schach ist kein Sport, zumindest kein förderungswürdiger. Denn: Beim Schach fehlt die sportartbestimmende motorische Aktivität des Sportlers, und die ist Voraussetzung. Jetzt hilft kein Klagen und kein Jammern. Die Schachspieler müssen sich mehr bewegen. So könnte es klappen: Hier bewegt sich was...

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Mehr Bewegung, bitte!

Mit seiner Entscheidung, Schach nicht mehr zu fördern, hat das für den Sport zuständige Bundesministerium des Inneren Schach zwar nicht explizit zum Nichtsport erklärt, aber doch ein Signal in dieser Richtung vorgegeben. Mindestens ist Schach für das Bundesinnenministerium kein förderungswürdiger Sport mehr. Für uns Schachspieler wird es nun endlich Zeit, über die Sportcharakter des Schach noch einmal einmal gründlich nachzudenken.

Das Auschlusskriterium war für das Bundesinnenministerium "insbesondere die beim fehlende Denksport fehlende eigenmotorische Aktivität".

Die Formulierung lässt aufhorchen: "Denksport ist kein Sport," steht dort also. Damit nimmt das BMI einen Widerspruch auf, der schon beim Versuch der Definition von Sport beim Deutschen Olympischen Sportbund gemacht wurde. Dort heißt es:

"Die Ausübung der Sportart muss durch eine eigene, sportartbestimmende motorische Aktivität des Sportlers gekennzeichnet sein, die nicht überwiegend in der Bewältigung technischen, motorgetriebenen Geräts besteht. Diese eigenmotorische Aktivität liegt insbesondere nicht vor bei Denksport-, Geschicklichkeits- und Glücksspielen, Bastel-, Funk-, Computer- und Modellbautätigkeiten." Bei seiner letzten Mitgliederversammlung hat der DOSB allerdings ausdrücklich und einstimmig beschlossen, dass seine Sportdefinition eigentlich Unsinn ist, indem es Schach ungeachtet dieses "Sportkriteriums" als dennoch förderungswürdige Sportart anerkannt.

Die Argumentation des DOSB lässt sich vielleicht folgendermaßen zusammenfassen:

1. Denksport ist kein Sport
2. Schach ist kein Denksport
3. Da Schach kein Denksport ist, ist es Sport.

Das BMI hat auf diese in der Tat vielleicht nicht jedem gleich schlüssig erscheinende Argumentation - kurz zusammengefasst - folgendermaßen reagiert:

1. Denksport ist kein Sport
2. Schach ist Denksport
3. Schach ist also kein Sport

Begründung: Beim Schach bewegt man sich nicht wie bei anderem Sport (s.o.)

Der Vergleich des Schachs mit anderen Sportarten, insbesondere in Bezug auf die "sportartbestimmende motorische Aktivität des Sportlers" wurde ja schon an anderer Stelle gezogen, sei hier aber noch einmal kurz angerissen: Beim Schießen beispielsweise kommt es gerade darauf an, sich nicht oder nur ganz wenig zu bewegen. Ein Reiter sitzt nur auf seinem Pferd, das für ihn den weitaus größten Teil der Bewegung absolviert und er kann sich darauf konzentrieren, nicht herunterzufallen. Und welches Ausmaß an sportartbestimmender Eigenmotorik bietet der Auto-Rennsport, wo der Fahrer auch nur sitzt und an seinem Lenkrad dreht?

Manches ist Sport und dann wieder nicht Sport: Wann wird etwas die Bewegung des Gehens zum Sport? Wenn man im Park spazieren geht, ist es offenbar kein Sport. Wenn man beim Olympischen Gehen teilnimmt, dann ist es Sport. Und wenn man dafür trainiert, indem man im Park geht, dann ist das wohl auch eine sportliche Aktivität. Doch das sind Spitzfindigkeiten...

Für das Schach ist es jetzt wichtig, ein möglichst großes Maß an Eigenmotorik zu finden. Mit welcher "richtigen" Sportart wäre denn denn das Schach am ehesten vergleichbar? Gibt es nicht doch einen eigenmotorischen Anteil? Vielleicht ist dies eine Idee: Beim Schach werden nämlich Gewichte aus Holz auf einer fest definierten Fläche angehoben und wieder abgestellt. Findige Schachfreunde wiesen schon darauf hin, dass dies doch mit Gewichtheben vergleichbar ist. Schach ist also in gewissem Sinne Gewichtheben - quasi mit Denkpausen dazwischen. Über Aktivitäten des Gehirns soll hier aber nicht nachgedacht werden, denn Bewegung im Hirn ist beim Sport ausgeschlossen.

Schachfiguren wiegen typischerweise zwischen 10 Gramm (Bauer) und 26 Gramm (Dame). Wer viel mit der Dame zieht und gerne lange Partien spielt, kommt vielleicht auf 600 Gramm bewegtem Gesamtgewicht pro Partie. Bei einem Turnier (neun Runden) schafft man also 3600 Gramm (= 3,6 Kilo) Ist das schon Sport? Man könnte aber das Gewicht der Figuren notfalls auf einfach Weise erhöhen (größere, schwerer Figuren). Bei 1 Kilo pro Figur käme man auf 40 Kilo pro Partie und 360 Kilo pro Turnier. Der Weltrekord beim Stoßen im Schwergewicht von Hossein Rezazadeh liegt bei 263 Kilo. Dieses Gewicht hätte man also deutlich übertroffen, wenn auch nicht mit einer einzigen Sportbewegung, sondern zeitlich etwas verteilt.

Doch Vorsicht: Wenn man das Gewicht für die Schachfiguren zu sehr erhöht, wird mancher vielleicht nicht mehr in der Lage sein, mit der Dame zu ziehen - zu schwer.  Und es könnte zu Verletzungen kommen, wenn jemandem eine Figur auf den Fuß fällt. Das ist gut: An Verletzungen erkennt man den Sportler.

Boris Becker beim Schach

Die Verletzung hat er sich aber schon vorher zugezogen.

Der Schachbund könnte mit seinen 90.000 Mitgliedern dem Bundesverband Deutscher Gewichtheber beitreten (20.000 Mitglieder). Dort wird man sich freuen.

Gewichtheber treten allerdings in einer typischen Sportkleidung an und hier könnte es Schwierigkeiten geben. Schachspieler sind sehr eigen bei der Wahl ihrer Kleidung und unterwerfen sich ungern einer kurzlebigen Mode oder anderem Gruppenzwang. Da wird es Widerstand geben.

Vielleicht ist das sogar der Kern des Problems. Schachsportler werden bei der Ausübung ihres Sports meist nicht als solche erkannt. Bei einem x-beliebigen Open weiß man nie: Wer ist Spieler, wer ist Zuschauer? An der Kleidung ist das nur für das geübte Auge festzumachen. Vielleicht fehlt es dem Schach einfach an schachspezifischer Sportkleidung, dann wäre die Diskussion gar nicht erst aufgekommen. Beim Vorzeigen der Schachspieler hätten die Beamten des BMI diesen mit Hilfe seiner Sportkleidung als Sportler sofort identifizieren können. Vorschläge für eine schachtypische Sportkleidung wurden in der Vergangenheit schon häufig gemacht.

 

Vorschlag für eine sportartbestimmende Sportkleidung

Oder so: Der Spieler links ist als Sportler leider nicht erkennbar. Seine Wahl zum "Sportler des Jahres" in Norwegen war sicher ein Versehen.

Etwas zu aufwändig...

Jennifer Shahades Vorschlag geht uns jedoch zu weit und trifft vielleicht auch nicht jedermanns Geschmack. Immerhin wäre das Cheating-Problem gelöst.

Naked Chess

 


Der Versuch, über das Gewichtheben in den Sportolymp aufzusteigen wirkt zugegebenermaßen etwas gekünstelt. Aber es gibt ja einen vielleicht besseren Ansatz. Beim Boxen schlägt man sich gegenseitig ins Gesicht, bis einer umfällt oder Blut kommt. Ansonsten entscheidet der Kampfrichter. Das ist unzweifelbar richtiger Sport. Vielleicht kann man also über das Schachboxen wieder zurück zur Gemeinschaft der förderungswürdigen Sportarten finden. Ein Versuch wert ist es allemal. Man erkennt die Schachspieler dann an den geschwollenen Gesichtern.

Boxen und...

... Schach = Sport?

Vladimir Kramnik gegen Vladimir Klitschko, hier beim Schach. Nachher wurde geboxt.

Ein weiterer Vorschlag wurde ebenfalls von der US-Großmeisterin Jennifer Shahade eingereicht: Hula hoop Schach. Fällt der Reifen auf die Erde, ist die Partie verloren.

Hula hoop Schach

Möglicherweise liegt der Ursprung der Frage nach dem Sportcharakter des Schachs aber doch noch ganz woanders. Als das BMI den Schachbund vor sechs Jahren nachdrücklich aufforderte, nun endlich mit geeigneten Maßnahmen die Vorschriften der Antidopingorganisation NADA umzusetzen, reagierten die Schachspieler überrascht. Beim Schach gibt es doch gar kein bekanntes medizinisches Doping (elektronisches Doping wird nicht geprüft), wozu dann Dopingproben?

'Nichts da', lautete es beim BMI. Schach ist doch Sport. Und beim Sport wird gedopt.

 

Die Schachspieler gehorchten, aber vielleicht zu mürrisch. Möglicherweise ist da etwas hängen geblieben im BMI: "Eine Sportart ohne Doping...? Wer weiß, ob das überhaupt richtiger Sport ist..."

 

Die ersten Schachspieler gehen aus Protest gegen die BMI-Entscheidung auf die Straße

 

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Umfrage:

20140523

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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CrimsonSeahawk CrimsonSeahawk 30.05.2014 09:11
Schießen ist Olympisch und erhält Fördermittel. Dort wird nur der Finger geknickt um ein Ergebnis zu erzielen.
Schach ist Nichtolympisch und erhält keine Fördermittel. Dort wird der ganze Arm und die Finger bewegt um ein Ergebnis zu erzielen.
Weshalb wird beim Schießen das anscheinend entscheidende Kriterium der "Eigenmototik" des Sportlers höher bewertet als beim Schach ???
Mex2718 Mex2718 29.05.2014 03:21
Wenn sich jemand als Sportler bezeichnet und auf die Frage nach der Sportart mit "Schach" antwortet, dann hat er die Lacher auf seiner Seite.

Schach spielen entspricht sicher nicht dem klassischen Sportbegriff. Aber natürlich wäre es trotzdem förderungswürdig - und das auch um mehr als EUR 130.000 - wenn auch nicht als Sportart...
Fuller Fuller 29.05.2014 01:16
Ehrlich gesagt, empfinde ich Schach auch nicht als Sport. Wenn man sich so auf Turnieren umsieht, dann zeigt der Augenschein, dass es nichts mit Sport zu tun hat. was sich da abspielt. Und ferner: was ändert sich für uns Turnierspieler, wenn das BMI die Fördergelder streicht ? Nur: Dass das BMI 130.000€ sparen will, leuchtet mir auch nicht ein. Das sind umgerechnet auf einen rauchenden Schachspieler ca 4 Zigaretten weniger am Tag oder eine Tasse Kaffee oder, oder. Ich würde also nicht von Sparen, sondern von Verzichten sprechen.
Bummerang Bummerang 29.05.2014 12:29
Also ich hätte noch zwei weitere Vorschläge zur Versportung des Turnierschach (eigentlich sonderbar, dass der Autor auf die nicht selbst draufgekommen ist!?); es erscheint mir keineswegs notwendig zu sein, unseren geliebten Schachsport wider Willen mit so etwas Rudimentären wie etwas Boxen verbandeln zu müssen, wenn man es clever genug anstellt.


Zunächst dürfte eine sportartbezogene eigenmotorische Aktivität doch bereits gegeben sein, wenn es beim Setzen der Figuren einer wirklichen Fingerfertigkeit bedarf, bei der sich gewissermaßen die Sportlerspreu vom -weizen zu trennen vermag. Also: Bedenkzeit drastisch verkürzen; wirkliche Turniere auf leistungssportlichem Level MÜSSEN als Bullet- (oder Ligthning) Schach absolviert werden! Ein Bullet-Patzer würde dann nicht nur an den schlechteren Zügen, sondern vor allem auch am ständigen zu langsamen oder schussligen Ziehen (Figuren werden laufend umgeworfen) erkennbar sein.


Die zweite Form ist eigentlich auch bereits erfunden, aber leider (und unnötiger Weise) verschrieen als Rentervariante. Dabei müsste das gar nicht sein, könnte damit doch die Sportlichkeit gegenüber dem noch moderaten ersten Vorschlag noch drastisch weiter erhöht werden. Soll heißen: FREILAND-Schach auf metergroßen Schachbrettern - wieder mit nachhaltig verkürzter Bedenkzeit! Bullet-Freilandschach wäre da die ultimative Form und würde wohl zu ähnlich hohen Laktatwerten führen wie bei einem Squashspiel.

Man könnte freilich auch mit etwas längerer Bedenkzeit hinreichend sportiv spielen (für die geistig trägeren oder auch körperlich robusteren Naturen), wenn man denn das Gewicht der Freilandfiguren nachhaltig erhöht. Da könnten dann auch andere Spielertypen wieder erfolgreich konkurrieren, wenn ein Turm dann statt der 20g bei der Indoorvariante dann ungefähr 20 Kilo wiegen würde. Das hätte dann bereits ziemliche Ähnlichkeit mit bestimmten Disziplinen bei einem Strongman-Wettbewerb.


Klar dürfte das die Organisation von Turnieren nicht gerade erleichtern. Der Raumbedarf bei einem Schachturnier würde rapide steigen; herkömmliche Kongresszentren dürften dabei nicht mehr ausreichen. Aber die wirklich harten Sportarten waren ja schon immer die draußen "open air"; genügend große Parkplätze, die sonntags nicht gebraucht werden, sollten ja zumindest in größeren Städten vorhanden sein, auf denen sich mobile Freilandbretter installieren ließen. Die Zurverfügungstellung von Umkleide- und Duschräumen dürfte dagegen leichter sicherzustellen sein.

Puppenspieler Puppenspieler 29.05.2014 11:37
Wie wäre es mit der Beteiligung an dieser Petition?

https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2014/_05/_13/Petition_52203.nc.html
Krennwurzn Krennwurzn 29.05.2014 09:44
Dem Schach fehlt schon lange die Außenwirkung und Schuld daran ist paradoxerweise das Internet - wer sonst möchte man fast reflexartig sagen - aber hier stimmt es. Wir haben es uns in einer sehr lebendigen und breiten Community bequem gemacht - es gibt Infos wie noch nie, Diskussionen und Blogs im Überfluss ABER dafür sind wir aus allen anderen Medien praktisch verschwunden - und ja Schuld ist nicht das Internet, sondern WIR!
Frank Schröder Frank Schröder 28.05.2014 10:45
Die Probleme mit dem lieben Geld bestehen in jeder Kommune, in jeder Firma uns.
Wenn ich Fördermittel streiche, um zu sparen?, sollte in erster Linie daran gedacht
werden, was wollte ich mit der Förderung erreichen!

Alle diskutieren über Schach in der Schule oder als Regelfach in Schulen.
Denn das Schachspielen hilft bei der Entwicklung einer heranwachsenden Generation!
Es wirkt nachweislich positiv auf die verschiedensten Bereiche, also sollte ich die
Entscheidung nicht von Definitionen abhängig machen, sondern von der gesellschaftlichen Notwendigkeit, bzw. dem Sinn für die gesamte Gesellschaft!!

Die Basisarbeit ist dabei wichtig!
Bereits seit Jahren ist es schwer junge Spieler für das Königliche Spiel zu begeistern.
Denn wenn wir keine "Helden" haben, sprich Leistungsträger, Olympia- und Nationalmannschaft von guter Qualität, wird es in den Schulen noch schwerer, der Nachwuchs ist demotiviert, bzw.
für den "Hobbyspieler" bleibt kein Platz für den Traum von besseren Leistungen. fs
Piper Piper 28.05.2014 07:42
Es sind auch motorische Ergänzungen denkbar, die zusätzliche taktische Elemente mit sich bringen:

Opfere ich Material, muss der Gegner eine Anzahl von Liegestützen ableisten, die der zehnfachen Menge des Materials in Bauerneinheiten entspricht. Ein Läuferopfer auf h7 wären also 10 * (3 - 1) = 20 Liegestütze.

Für das Absolvieren der Liegestütze hat der Gegner beliebig viel Zeit, es läuft jedoch dabei seine Uhr.

Bei knapper Gegnerzeit empfehlen sich dann hinlenkende Damenopfer (= 90 Liegestütze in z.B. fünf Minuten).

Schach würde dann im allgemeinen Bodybuilding-Hype zum echten Trendsport.

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Für Blitzpartien könnten man den Multiplikator reduzieren.



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