Michail Tal zum 75.Geburtstag

09.11.2011 – Vielleicht war Michail Tal (geb. 9.11.1936 in Riga) der hellste Stern am Schachhimmel. Sein Aufstieg war kometenhaft. Mit seinem taktischen Überfällen begeisterte er die Schachfreunde und brachte seine Gegner zur Verzweiflung. Als 24-Jähriger stieß er 1960 Mikhail Botvinnik vom Weltmeisterthron, musst sich aber im Revanchekampf ein Jahre später wieder geschlagen geben. Sechsmal wurde Tal sowjetischer Meister, gewann zahlreiche Turniere und blieb zwischen Oktober 1973 und Oktober 1974 in 93 Partien ungeschlagen - Rekord! Sein Lebensstil war ähnlich unübersichtlich wie seine taktischen Geistesblitze und forderte von ihm gesundheitlichen Tribut. Auch für die Sowjetführung war Tal nicht die gewünschte "Zugmaschine" und erhielt deshalb weniger Unterstützung als andere. Trotzdem wurde er 1978 als Karpov-Sekundant für den WM-Kampf gegen Kortschnoj bestellt. Später erzählte er, dass der KGB im Falle von Kortschnojs Sieg diesen habe umbringen wollen. Heute wäre Tal, der 1992 an einem Nierenleiden in Moskau verstarb, 75 Jahre alt geworden. Dagobert Kohlmeyer hat Zeitgenossen um ihre Erinnerungen an den "Magier aus Riga" gebeten. Erinnerungen an Tal...

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Zum 75. Geburtstag von Michail Tal
Artur Jussupow und Mark Dworezki erinnern sich an den Zauberer aus Riga

Von Dagobert Kohlmeyer

Am heutigen 9. November wäre Michail Tal 75 Jahre alt geworden. Wegen seiner phantasievollen Spielweise wurde der viel zu früh Verstorbene als "Zauberer aus Riga" oder "Mozart des Schachs" bezeichnet. Schon zu Lebzeiten war Mischa, wie ihn seine Freunde nannten, eine Legende. Der achte Weltmeister der Geschichte war die Liebenswürdigkeit in Person. Nach schwerer Krankheit trat er Ende Juni 1992 für immer von der Schachbühne ab und hinterließ eine schmerzliche Lücke.



Artur Jussupow und sein Trainer Mark Dworezki kannten Tal sehr gut und erinnern sich gern an ihn. Mit dem ehemaligen WM-Kandidaten Jussupow habe ich oft über Tal gesprochen. Hier der Extrakt von Arturs Erinnerungen an Michail Tal.

„Tal war einfach phantastisch“

Artur, wie begehst du den Geburtstag Tals?

Ich werde an ihn denken und am Abend ein Glas zur Erinnerung an unsere Begegnungen trinken. Außerdem freue ich mich auf das Tal-Memorial nächste Woche in Moskau. Ich finde es gut, dass es so ein Turnier gibt und hoffe auf interessante, spannende Partien.

Was war das Besondere an Michail Tal?

Für ihn war Schach eine Herzens-Angelegenheit. Man kann Tal und dieses Spiel nicht voneinander trennen. Das wäre nicht möglich. So eine Liebe zum Schach habe ich nur bei Viktor Kortschnoi gesehen. Aber bei Tal war sie noch etwas stärker. Er war besessen davon, aber im positiven Sinne. Es ging ihm um den ganzen Prozess des Spiels, der für ihn sehr wichtig war. Egal, welche Bedeutung ein Wettbewerb hatte und auf welcher Ebene er stattfand.

Wann hast du ihn kennengelernt?

1974 durfte ich als 14-Jähriger bei einem Simultan gegen ihn spielen. Ich konnte die Partie gewinnen und war natürlich stolz. Ein Jahr später hat Tal mich in einem Uhrensimultan sehr schön geschlagen. Das waren meine ersten Begegnungen mit ihm. Er war ein großes Schach-Idol für mich.

Hast du seine Wettkämpfe verfolgt?

Alle. Ich erinnere mich noch, wie er einmal gegen Gligoric spielte und ich eine Radio-Reportage darüber hörte. Da fieberte ich mit Mischa Tal mit. Aus unerklärlichen Gründen war er mir einfach sympathisch. Als ich ihn später näher kennenlernte, habe ich gemerkt, was für ein netter, humorvoller Mensch er war.

Wie äußerte sich das?

Seine Erzählungen waren superklasse. Und was er als Schachjournalist in Zeitungen und Journalen veröffentlichte, war großartig. Seine Berichte waren hervorragend. Ich habe alles sehr gern gelesen, weil er mit viel Humor schrieb und viele interessante Details brachte. Seine Reportagen und Partie-Analysen waren nie langweilig.

Was machte seine Faszination als Schachspieler aus?

Ich glaube, es war vor allem die große Phantasie, die er besaß. Er hatte ein besonderes Auge für taktische Möglichkeiten. Für ihn war auf dem Brett wahrscheinlich fast alles möglich. Wenn man seine Partien anschaut, sieht man, was für unglaubliche Risiken er manchmal einging. Das war vielleicht nicht notwendig, aber er glaubte an seine Stärke und seine Fähigkeiten. Darum spitzte er die Situation immer zu, um den Gegner zu verwirren.


Michail Tal, 1963

Heute spielt die Schachelite ganz anders.

Die heutigen Stars spielen praktisch nicht mehr so. Sie riskieren kaum etwas. Er aber tat es. Das war seine besondere Qualität, die nur bei wenigen Spielern so ausgeprägt war. Zum Beispiel stellt ein Spieler eine Falle. Tal sieht diese, aber er geht noch eine Ebene weiter und blickt tiefer in die Stellung. Darum sieht er die Widerlegung der Falle. Er tut so, als gehe er in die Falle, aber in Wirklichkeit ist er es, der den Gegner überlistet.

Wenn Sie das Gleichgewicht einer Stellung stören können, dann tun sie es, hat der Zauberer aus Riga einmal gesagt.

Das war eine von Tals Maximen. Ich habe seine Partien studiert und festgestellt, dass er mir im schachlichen Bereich fremd ist. Er tickte ganz anders als die meisten Spieler. Aber man kann eben auch so Schach spielen, und das macht seine Faszination und Größe aus, die bis heute anhält. Jeder hat seinen Stil, und Tal spielte sein ganz eigenes Schach.

Welche Philosophie steckte dahinter?

Sein Spiel war gegen den Gegner gerichtet. Er wollte ihm so viele Probleme stellen, dass er Fehler macht. Tal suchte nach den unangenehmsten Zügen, so wie es früher Lasker getan hat. Allerdings hat Mischa später auch klassisches Schach gespielt. Das war der reifere Tal. Auch wenn er dadurch seine Innovation und seinen Charme etwas verloren hat, so mag ich diese Partien.

Warum war er so ein Großer?

Er hat sehr, sehr viel gesehen und spürte fast alle Möglichkeiten auf. Tal konnte jede trockene Stellung aufblühen lassen. Das war eine Gabe, die er wie kein anderer besaß. Immer sah er noch eine Möglichkeit, weiter zu kämpfen.

Welche Rolle spielte die Psychologie bei ihm?

Tal war ein sehr praktischer Schachmeister, der seine Stärke am Brett phänomenal ausspielen konnte. Er brachte seine Gegner in sehr unbequeme Situationen, wo er fast jeden schlagen konnte. Eine Ausnahme bildeten in seiner Glanzzeit höchstens zwei drei Leute. Nur Spieler wie Spasski oder Kortschnoi konnten damals mit Tal mithalten. Alle anderen stellte er vor schier unlösbare Probleme. Nur ganz große Schachmeister konnten ihm einigermaßen Paroli bieten.

Als Schachspieler war Tal vom anderen Stern. Wie nah war er dir als Mensch?

Obwohl er eine andere Generation war, hatten wir ein sehr gutes Verhältnis. Er war mein Schachidol und einer der Gründe, warum ich dann vom Schach so gefesselt wurde und nicht mehr davon loskam. Als Person war er sehr angenehm. Ich hatte ihn wahnsinnig gern.

Wie wenig hat ihn Geld interessiert?

Überhaupt nicht. Es war für ihn zum Ausgeben da. Ich könnte da viele Geschichten erzählen. Ein paar Mal traf ich ihn im Moskauer Hotel „Sport“, das längst abgerissen ist. Nach einem Turnier im Ausland läuft Mischa in der Lobby herum, greift in seine Taschen und befördert ein großes Bündel Geldscheine heraus. Er sieht darauf und sagt. „Meine Güte, das habe ich ganz vergessen.“ Es waren Banknoten in verschiedenen Währungen. Gern lud er Freunde ein, weil er sehr großzügig war. So war sein Lebensstil. Geld wurde sofort ausgegeben, zum Trinken usw. Es war undenkbar für Tal, etwas zu sparen.

Mark Dworezki: „Tal war ein außergewöhnlicher Mensch“

Der Russe Mark Dworezki ist einer der besten Schachtrainer der Welt. Er führte seine Meisterschüler Artur Jussupow, Sergej Dolmatow und andere in die Weltspitze. Seit vielen Jahren ist Dworezki auch ein erfolgreicher Schachbuch-Autor. Seine Titel „Endspieluniversität“ und „Tragikomödien im Endspiel“ wurden in diesem Jahr vom Weltverband FIDE mit der Boleslawski-Medaille ausgezeichnet.

Nun legt der Toptrainer Mark Dworezki ein neues Buch mit dem Titel „ Für Freunde und Kollegen“ vor, das Ende November im Jussupow Schachakademie Verlag erscheinen soll. Es ist eine Autobiografie in zwei Bänden. Nach Auskunft von Artur Jussupow befindet sich das Manuskript bereits in der Druckerei, die Lebensgeschichte Dworezkis wird also rechtzeitig vor Weihnachten erhältlich sein. Wir bringen eine Leseprobe daraus. Aus aktuellem Anlass wählten wir das Kapitel mit den Erinnerungen an Michail Tal.


 

 

 

 

 

 

 

 


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