25.10.2015 – Sizilianisch ist eine der beliebtesten Eröffnungen gegen 1.e4. Das hat Gründe: Die entstehenden Stellungen sind taktisch und strategisch anspruchsvoll und inhaltsreich. Doch welche der vielen sizilianischen Varianten soll man spielen? Auf seiner neuesten ChessBase DVD empfiehlt Mihail Marin die Klassische Variante. Christian Hoethe hat sich die DVD angeschaut. Mehr...
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Rezension: Mihail Marin, Sizilianisch - Klassische Variante
Von Christian Hoethe
Endlich eine Chessbase-DVD zum klassischen Sizilianer! Schon die Ankündigung der DVD hat mich überaus erfreut! Warum das? Ganz einfach: im Vergleich zu den meisten Sizilianern wie Najdorf, Drachen oder Taimanov-Sizilianer ist die Zahl der wirklich zu kennenden Varianten noch relativ überschaubar. Und dennoch entstehen oft Scheveninger- oder Najdorf-ähnliche Strukturen mit dem typischen sizilianischen Flair - was will man mehr?
Die DVD des bekannten rumänischen Großmeisters Marin verspricht fast fünfeinhalb Stunden klassische sizilianische Unterhaltung. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis der DVD weckt Neugier und schürt Hoffnungen!
Der rumänische Großmeister und renommierte Autor Mihail Marin
Zack, die Brettansicht auf schwarze Perspektive eingestellt - etwas, das ich bei vielen Schwarz-Repertoire-Büchern leider vermisse und welches ein enormer, nicht zu unterschätzender Vorteil des Chessbase-Media-Formats ist, da sich mir Varianten und Stellungen so viel besser einprägen! - zurückgelehnt, durchgeatmet und direkt in die Videos zum Richter-Rauzer-Angriff gestartet.
Wow.... das ist harter Tobak! Grossmeister Marin hat sich für die Kozul-Variante für Schwarz entschieden, die nach den Zügen 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Lg5 e6 7.Dd2 a6 8.O-O-O Ld7 9.f4 b5 entsteht.
Durchaus ein attraktives und viel gespieltes System, das laut Datenbank auch überdurchschnittlich für Schwarz punktet. Aber eben auch ein System, das zwar sehr häufig von Titelträgern gespielt wird, aber so gut wie nie von Spielern auf mittlerem Vereinsniveau. Womöglich zu Recht, wenn man sich die Variantenfülle und die doch recht fortgeschrittenen strategischen Pläne ansieht?
Es spielt sicher nicht jeder gern mit der von Botvinnik favorisierten Struktur ...gxf6 und ggf. langer schwarzer Rochade. Und so gut die Erklärungen und Analysen Marins – und die Datenbank-Statistiken für Schwarz – auch sind, so strategisch kompliziert zu spielen sind die Stellungen. Schwarz muss auf jeden Fall ein besonders hohes Maß an strategischer Feinfühligkeit an den Tag legen, um die anspruchsvollen Stellungen auch spielen zu können.
Selbst nach reiflicher Überlegung bin ich mir nach wie vor unsicher, ob sich die Kozul-Variante für durchschnittliche Vereinsspieler eignet oder ob nicht Systeme mit Le7 und schneller kurzer Rochade womöglich besser gewesen wären.
Gehen wir mal etwas weiter ins Detail: die Strategie des Anziehenden sieht recht klar umrissen aus: der wohl nachhaltigste Plan für Weiß besteht darin, das schwarze Zentrum mit f4-f5 anzuhebeln und dann mittels Lh3 sowie Sd4/Sf4 den Druck auf Be6 zu erhöhen. Jede Änderung der zentralen Bauernstruktur, etwa mit ...exf5 oder e6-e5, spielt dann in der Regel Weiß in die Karten. Erst recht, wenn es dann noch gelingt, die weißfeldrigen Läufer zu tauschen oder einen Springer oder Läufer auf d5 zu postieren. Das klingt erst einmal nach einem langsamen Plan und Marin skizziert auch gut die Ideen, um diesen Plänen wo immer möglich vorzubeugen. Aber es ist halt auch ein Plan, der den Anziehenden schon viele lehrbuchartige Siege und dem Nachziehenden endlos lange ermüdende Verteidigungspartien eingebracht hat.
Hier ein typisches Beispiel, bei dem der eifrigste Verfechter der Variante – ihr Namensgeber – mittels oben genannter Strategie unter die Räder kommt:
Zdenko Kozul - 2006 gewann der kroatische Großmeister die Europameisterschaft
Hier ein weiteres Beispiel, in welchem der Anziehende – zu diesem Zeitpunkt knapp 150 Elo-Punkte schwächer als Kozul – nach 18 Zügen mit dem oben skizzierten Plan so gut steht, dass er die Partie völlig risikolos ewig auf Gewinn weiterkneten kann ohne jemals Gefahr zu laufen, die Partie zu verlieren:
Auch in der Variante mit 9. f3, die eine typische englische Angriffsformation einleitet und die Marin für meinen Geschmack etwas kurz bespricht, hat der Nachziehende einige gefährliche Klippen zu umschiffen. Kostprobe gefällig?
Natürlich wird ein Repertoire, das ein Anderer vorschlägt, nur in den seltensten Fällen völlig den eigenen Vorlieben und Wünschen entsprechen können. Der Punkt ist allein der: ich denke, es gibt im klassischen Sizilianer eine Vielzahl anderer Systeme gegen den Richter Rauzer-Angriff, die für Vereinsspieler, die sich nach einem verlässlichen Sizilianer umsehen, womöglich besser oder als Alternative in Betracht gekommen wären. So hat es John Watson in seinen Repertoire-Büchern ja eingeführt: hier die solide Hauptvariante, da eine oder zwei riskantere Backup-Varianten für den Fall, dass die erstgenannte dem Spielstil nicht liegt.
Ich denke, die Entscheidung Marins für die Kozul-Variante gegen den Richter-Rauzer ist daher auf jeden Fall nur eingeschränkt für den durchschnittlichen Vereinsspieler wie mich geeignet – und eher für Spieler mit einer DWZ von 2250 und mehr. ChessBase gibt der DVD das Niveau "Fortgeschritten, Turnierspieler, Profi" und das trifft bei dieser DVD – jedenfalls was den großen Block des Richter-Rauzer-Angriffs angeht – zweifellos zu.
War ich mit der Variantenwahl Marins gegen 6.Lg5 nicht ganz zufrieden, so änderte sich mein erster Eindruck völlig, als es um die Behandlung aller anderen Abspiele ging, die Weiß zur Verfügung stehen, als da wären 6.Lc4 e6, was den Sosin-/Velimirovic-Angriff einleitet, sowie 6.Le2, 6.f4, 6.Le3, 6.f3, 6.h3 und 6.g3, die allesamt mit dem typischen 6. ...e7-e5! beantwortet werden.
Die Behandlung und Erklärung dieser Abspiele durch Marin ist nahezu brillant zu nennen und lohnt den Kauf der DVD schon ganz allein! Selbst dann noch, wenn man gegen Richter-Rauzer etwas ganz anderes in petto hat! Kaum jemals habe ich eine solch detaillierte Beschreibung dieser Mittelspielstrukturen und der daraus resultierenden Pläne gesehen! Das war schon sehr beeindruckend!
Hier ein fast schon legendärer Klassiker dieser Spielweise für Schwarz:
Fazit: Eine DVD zum klassischen Sizilianer, die endlich realisiert wurde und mir persönlich einen kleinen Traum erfüllte! Wer Lust auf typisches Sizilianisch abseits von endlosen Theorieduellen bis zum 30. Zug hat, wird hier fündig und gut beraten! Marin brilliert besonders bei der Behandlung der typischen Boleslavsky-Mittelspiele mit 6. ...e7-e5. Schon allein dafür lohnt sich der Kauf! Und wer sich darüber hinaus noch mit der Kozul-Variante anfreunden mag, der findet hier eine Unmenge an Input!
ChessBaseDie ChessBase GmbH, mit Sitz in Hamburg, wurde 1987 gegründet und produziert Schachdatenbanken sowie Lehr- und Trainingskurse für Schachspieler. Seit 1997 veröffentlich ChessBase auf seiner Webseite aktuelle Nachrichten aus der Schachwelt. ChessBase News erscheint inzwischen in vier Sprachen und gilt weltweit als wichtigste Schachnachrichtenseite.
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