Niclas der "Teufelskerl"

30.03.2010 – Seit einiger Zeit erscheint das Schachmagazin 64 aus dem renommierten Bremer Schünemann-Verlag in Farbe. Und manchmal dürfen die Inhalte auch etwas bunter sein. Mit Arianne Caoili ziert diesmal eine Schachspielerin den Titel, die durchaus auch auch einem Glamour-Magazin zur Ehre gereichen würde. Im Inneren des Heftes findet man lesenswertes Portrait der 23-Jährigen, die derzeit an der International Business School in Frankfurt studiert und einer Schlägerei einen Aufritt n der TV-Show, "Dancing with Stars" verdankte. Ebenfalls interessant für alle, deren Wahrnehmungswelt nicht an der Koordinatenleiste endet, ist ein Artikel über die Musiker (und Schachspieler) Lothar Arnold und Isabel Delamarre, vielleicht besser nocht unter ihrem Mädchennamen Werner bekannt, die kürzlich in Karlsruhe mit ihrer Gesangsdarbietung das Publikum begeisterten. Auf den übrigen der insgesamt 50 großformatigen Seiten des Heftes stehen dann aber doch Partien im Vordergrund, so z.B.  in den Turnierberichten aus Linares, Moskau, Capelle-la-Grande, von der Bundesliga ganz besonders in den Trainingsrubriken. Natürlich wird auch der neue Deutsche Meister Niclas Huschenbeth gewürdigt. In einem Nachdruck veröffentlichen wir eine Laudatio seines Vorsitzenden Christian Zickelbein. Schachmagazin...Nachdruck...

 

Nachdruck, mit freundlicher Genehmigung


 

April 2010 | SCHACH-MAGAZIN 64 | 47
PORTRÄT | Niclas Huschenbeth

Huschi, der Teufelskerl
Von Christian Zickelbein 

„Wir hatten den Teufelskerl vorhin kurz an der Strippe, er klang glücklich und das darf er auch!“ antwortete mir Niclas’ Mutter Ines Huschenbeth per Mail auf meine auf den Anrufbeantworter gesprochenen Glückwünsche. Das Zitat lässt einige Zusammenhänge ahnen, die zur Spielstärke des neuen Deutschen Meisters beitragen. Er darf glücklich sein, er muss nicht Schach spielen: Seine Eltern bewundern und unterstützen ihn auf so sympathische Weise, dass er weder eingeengt wird noch seine Freiheit bereits mit dem Olymp verwechseln kann. Mut und Selbstvertrauen, die Voraussetzungen seines auch in den Gazetten viel gelobten Kampfgeistes, bringt er also von zu Hause mit. Die Leichtigkeit, die sein Spiel auszuzeichnen scheint, wenn es gelingt – und es gelingt oft – hat ihm sein Vater Stefan Huschenbeth, Fotograf und Grafiker, vielleicht nicht vererbt, aber besser noch: Der wahrhaft Kreative lebt sie ihm vor.

Dass aus Leichtigkeit nicht Leichtsinn wird und die Zielentwürfe auf dem Schachbrett die konkreten Stellungen nicht überfliegen, ist sicher das Verdienst von Niclas’ Trainer Wolfgang Pajeken, der jedem Lob mit der stereotypen Aufforderung, „den Ball flach zu halten“, begegnet. Vor fast zehn Jahren hat er als damaliger Hamburger Stützpunkttrainer Niclas Huschenbeth entdeckt, und schon nach einem Monat hatte er erkannt, dass ihm der SKJE einen geschickt hatte, der mehr Futter brauchte, als ihm in einem allgemeinen Kadertraining aufzutischen war. Also rief er die Eltern an, und das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die bis heute besteht. Wolfgang Pajeken hat seinen Schützling mit harten Vergleichskämpfen gegen immer stärkere Gegner aufgebaut und mit seinen „Powerchess-Trainings zur Stärkung der Berechnungskraft im Schach“ für die notwendige Härte bei der exakten Berechnung langer und verzweigter Zugfolgen gesorgt; als Chef-Coach berät er Niclas bis heute bei der Gestaltung seines Turnierprogramms, auch wenn Niclas inzwischen bei besonderen Anlässen auch Anregungen von anderen Trainern, wie z. B. Großmeister Karsten Müller, aufgegriffen hat.



Vergessen wir nicht weitere Trainer, die Niclas begleitet haben: Markus Wegner hat ihn aus der Schachgruppe an der Grundschule Turmweg zum SKJE gebracht. Dort war Dennis Johannsen sein zweiter Schachtrainer, und der für das Hamburger Jugendschach bedeutende Verein, dem Niclas sich bis heute verbunden fühlt, hat ihm bis zur Saison 2006/07 eine Heimat geboten. Dessen Vorsitzender Hendrik Schüler unterstützte schließlich Niclas’ Wechsel zum HSK, der ihm im Hinblick auf die weitere Entwicklung dank der Spielmöglichkeiten in der Bundesliga größere Anforderungen bot. Und dann ging’s sehr schnell: 2006 wurde Niclas als erster Schachspieler vom Hamburger Abendblatt und der Hamburger Sportjugend als „Hamburger Talent des Jahres 2006“ ausgezeichnet, im Oktober 2007 gewann er ein vom HSK veranstaltetes IM-Turnier und schaffte dabei seine zweite IM-Norm. Im selben Jahr nahm der HSK am European Team Cup in Kemer teil, und Niclas erspielte sich die erste GM-Norm, der nun bei der Deutschen Meisterschaft in Bad Liebenzell nach gut zwei Jahren die zweite folgte. Vielleicht hatte er sie schneller erhofft, aber im Sommer 2009 wurde ihm klar, dass er auch in seinem Wilhelm- Gymnasium einiges für das Abitur zu leisten hätte, und so befreite er seinen Kopf und sich selbst für einige Monate von allen sportlichen Belastungen.

Als der Termin seiner letzten Abitur-Klausur am 12. Februar feststand, erhielt ich eine Mail mit dem Thema „13. Februar“: „Ich stünde für was auch immer zur Verfügung …“ Niclas wusste, was das bedeutet: Er musste unserem Jugendbundesliga- team, das er zwischen Weihnachten und Neujahr in Chemnitz zur Deutschen Meisterschaft geführt hatte, in zwei winterlichen Auswärtskämpfen am 13. und 14. Februar in Nordhorn und Wilhelmshaven helfen, die Tabellenführung zu verteidigen. Dass er sich in dieser Weise auch für die Jugendmannschaft des HSK einsetzt, obwohl er längst in der 1. Bundesliga angekommen ist und dort in der nächsten Saison an Brett 3 oder 4 spielen könnte, trägt ihm im Klub viel Sympathie ein: Die Begeisterung über seinen Titelgewinn war groß – ob beim Sekt oder Selters-Turnier im HSK Schachzentrum oder bei der FBL in Lehrte und an vielen Computern zu Hause.

Rainer Grünberg hat Niclas bei seinem  letzten Interview als sehr erwachsen erlebt, und so passt der Kindername „Huschi“ eigentlich nicht mehr so recht. Aber das liebevolle Prädikat „Teufelskerl“, das ihm seine Mutter verliehen hat, erinnerte mich an ein frühes Foto von Niclas, auf dem er Harry Potter zum Verwechseln ähnlich ist. Und so wurde ich den Titel nicht mehr los, zumal auch viele Freunde immer noch von „Huschi“ reden. Es mag sein, dass die Assonanz Gusti und Huschi auch dafür verantwortlich ist, dass sich der Kindername so hartnäckig behauptet, obwohl sein Träger demnächst nach dem Abitur in die Schule des Lebens eintritt, bei der Sportförderkompanie der Bundeswehr.


 

 

 

 

 

 


Nachricht an die Redaktion Bitte nutzen Sie dieses Feld für Kontakt mit der Redaktion



Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren