Reaktionen auf den Kopftuchzwang

von André Schulz
07.10.2016 – Die Vergabe der nächsten Weltmeisterschaft der Frauen an den Persischen Schachverband sorgt für reichlich Diskussionsstoff. Nachdem bekannt wurde, dass die WM im nächsten Februar im Iran stattfinden soll, erhob sich ein heftiger Protest in den sozialien Medien, denn Frauen müssen im Iran ein Kopftuch (Hidschab) tragen. Die US-Meisterin Nazi Paikidze erklärte als Erste ihren Verzicht und fand vielfache Unterstützung, zum Beispiel von Garry Kasparov. Die aufgebrachten Reaktionen trafen aber auch Susan Polgar, die mit der Entscheidung nichts zu tun hatte. Mehr...

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Die Vergabe der kommenden Weltmeisterschaft der Frauen an den Iran schlägt weiter hohe Wellen, in der Schachszene, aber auch in der nationalen und internationalen Presse.

Die Weltmeisterschaft wird im K.o.-Format mit 64 Teilnehmerinnen gespielt und hätte eigentlich schon in diesem Oktober stattfinden sollen. Die FIDE fand aber keinen Ausrichter. Nachdem Titelverteidigerin Yifan Hou, nach dem Rückzug von Judit Polgar die mit Abstand beste Frau der Welt, verkündet hatte, dass sie an Frauen-WM nicht mehr teilnehmen werde, wenn die Regeln und das Format nicht an die Weltmeisterschaft der Männer angepasst werde, verschlechterte sich die Attraktivität des Turniers noch einmal. 

Bei der letzten Generalversammlung der FIDE während der Schacholympiade in Baku wurde schließlich beschlossen, die Ausrichtung der Frauen-Weltmeisterschaft an den Iran zu vergeben, den einzigen Bewerber überhaupt. Der Persische Schachverband hatte in diesem Jahr schon ein Turnier aus der Grand-Prix-Reihe, Qualifikation für die nächste WM, durchgeführt. 

 

 

Allerdings sind alle Frauen-Turniere in den meisten islamischen Staaten mit einer Auflage verbunden. Alle Frauen, islamischen Glaubens oder nicht, müssen dort in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen.

Grand Prix Turnier in Teheran

Sie dürfen sich auch nicht alleine im gleichen Raum mit einem Mann aufhalten, der nicht ihr Ehemann ist. Bei Schachturnieren werden Frauen aber oft von männlichen Trainern unterstützt und sind es gewohnt, sich mit diesem im Hotelzimmer auf die nächste Partie vorzubereiten. Für US-Spielerinnen ergibt sich eine weitere Schwiereigkeit: Das US-Außenminsiterium warnt seine Bürger ausdrücklich vor Reisen in den Iran.

Die für die WM qualifizierte amtierende US-Meisterin Nazi Paikidze hat in ihrem Twitter Account als erst öffentlich verkündet, dass sie deshalb an der Weltmeisterschaft im kommenden Februar nicht teilnehmen werde. Sie wurde weltweit in der Presse zitiert.

 

 

Paikidze fand für ihre Erklärung unter den Schachspielerinnen und Schachspielern viel Unterstützung, zum Beispiel von Garry Kasparov. Nicht nur er nutzte die Gelegenheit, auf diese Weise das derzeitige FIDE-Präsidium zu kritisieren. Kasparov hatte sich selber vor zwei Jahren als FIDE-Präsident beworben, war aber gescheitert.

 

 

Emil Sutovsky, Präsident der Spielergewerkschaft ACP, hat eine offizielle Anfrage an die FIDE gerichtet, erntete aber nur ein Achselzucken. Die Spielerinnen müssten den örtlichen Gesetzen in Bezug auf Kleidungsfragen folgen, hieß es in der Antwort lapidar.

 

 

Einen Kollateralschaden erlitt Susan Polgar. Sie wurde in einem Beitrag des Telegraph über dieses Thema fälschlicherweise so zitiert, als ob sie die Vergabe der FIDE an den Iran gutgeheißen hätte. Polgar ist Vorsitzende der Frauenkommission der FIDE. In einer Erklärung stellte sie fest, dass sie  an der Entscheidung der FIDE weder beteilgt war, noch dazu gehört wurde. Als Reaktion auf unzählige Angriffe in ihren Facebook- und Twitter-Accounts hat sie 1000 Trolle aus ihren Kontakten ("Follower", "Freunde") dort entfernt. 

Susan Polgar


Official statement re: Telegraph article.

The article appearing in the Telegraph on 29 September concerning the decision of FIDE to award the Women’s World Chess Championship to Iran both quoted me in a way that seriously misrepresented my views, and gave a misleading impression of my position with regard to the Federation which implied that the decision as to venue had received my endorsement. In consequence I have received thousands of communications, most of which have been extremely unpleasant. I would like to put the matter straight.

I am Co-Chair of the FIDE Women’s Commission, a body set up to promote women’s participation in chess to increase the number of female players, trainers and arbiters, but neither I nor the commission have any voting rights with regard to the venue of the Women’s World Championships or any other matter. I was not consulted and did not endorse the choice of Iran as the venue for the Championships. Contrary to the impression given by the article I have never said I support FIDE’s decision and I certainly have not demanded that all participants respect Iranian culture and wear hijabs. I do suggest that people not act hastily before the full rules and conditions of the event have been published, I would urge people to be respectful of others no matter what side of the argument they represent, and I support a player’s right to boycott the event just as much as I support their right to take part should they so choose.

This is clearly a very contentious issue and I sincerely hope that matters can be resolved in a way that will promote understanding rather than discord and will be in the best interest of the Women’s World Championship and chess in general.

Stellungnahme von Susan Polgar...

 

Pressereaktionen:

Berliner Zeitung: Schachspielerinnen drohen mit WM-Boykott ...

Die Welt Wer sich nicht verschleiert, darf nicht ans Brett...

Süddeutsche Zeitung: Schach-Spielerinnen wollen WM in Iran wegen Kopftuchzwang boykottieren ...

Kölner Stadtanzeiger: Schachspielerinnen drohen mit WM-Boykott...

Lizas Welt: Schachmatt dem Kopftuchzwang...

 

Internationale Pressereaktionen...

 

 

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Lt Marseille Lt Marseille 11.10.2016 11:00
Die ganze Diskussion unten über untätige Schachfunktionäre, als Anti - Rassismus - Frauen hervorgetretene Nationalspielerinnen, die zu dem Frauen verachtenden Frauenbild überraschend schweigen oder auch darüber, ob soetwas durch zur Kultur eines Landes gehören kann, ist Blödsinn:
Wie bei allen Radikalen, die gegen die Menschenrechte verstoßen, hilft nur eines: Maximale Entschlossenheit! Ist die einzige Sprache, die Mullahs und Co verstehen.
Die Lösung ist einfach: Komplettboykott. Ohne Wenn und Aber. Kein Geschwätz, keine Kulturdiskussion. Es fährt einfach keine einzige westliche Frau dorthin (wirklich gar keine, auch keine Delegation aus Russland oder China, denn deren Regimes mögen Islamisten auch nicht)- und Ruhe ist. Der Fall würde sich dann auch nicht wiederholen.
defrigge defrigge 09.10.2016 12:35
Wir respektieren doch die kulturellen und religiösen Sitten anderer Länder, solange sie nicht grundlegende Menschenrechte verletzen (wie die Frauenbeschneidung in bestimmten muslimischen Ländern): für alle Menschen, die ihnen ohne Zwang angehören.

Aber warum sollten andere unter Zwang an vermeintlichen Vorschriften einer Religion teilnehmen, der sie nicht angehören - wohlgemerkt mitten im beliebigen öffentlichen Raum und nicht in einer Moschee??? Oder sollen Öl-Scheichs vielleicht demnächst auf dem Oktoberfest in Lederhosen gezwungen werden oder bei ihren Massenbesuchen in Bonner Kliniken auf ihre gewohnte Kleidung per Zwang verzichten, weil hier kein Mensch so was trägt und wir völlig andere Sitten haben? Die Argumentation ist absurd.

Außerdem handelt es sich im Iran nicht um "Sitten", sondern um die lächerlichen patriarchalischen Gesetze eines islamistischen Mullah-Regimes, das sie allen anderen im Iran aufzwingen will. Eine FIDE-Führung und ein deutscher Schachbund, die so etwas dulden, unterstützen offen kulturell-religiöse Diskriminierung.

Und noch etwas:
die Frauen-Weltmeisterschaft ist keine private Tourismus-Reise, bei der "ja jeder frei entscheiden kann, ob er (in diesem Fall wohl eher "sie") daran teilnehmen will oder nicht", sondern Teil von Profi-Schachkarrieren unter dem Dach einer weltweiten Organisation. Die haben gefälligst diskriminierungsfrei und ohne Kopftuchzwang für Frauen stattzufinden!
mark reinke mark reinke 08.10.2016 04:35
Ich weiß gar nicht, warum hier so ein Aufstand gemacht wird. Wir sollten die kulturellen und religiösen Sitten anderer Länder respektieren - ebenso wie wir uns auch an die Gesetze halten müssen, wenn wir in andere Länder reisen. Schließlich kann ja jeder frei entscheiden, ob er dort spielen möchte oder nicht.
defrigge defrigge 08.10.2016 01:02
"Bürger aus Ländern, in denen FKK an den Stränden verboten ist, sollten sich auf jeden Fall schon mal mit Kritik zurückhalten."
Reden wir hier über FKK-Strände (ja die gibt's in D) und Freikörperkultur, oder über Schachturniere?

Oder fühlt sich BestByTest2 vielleicht diskriminiert, weil er nicht nackt Bahn fahren oder Schachspielen darf??? LOL

Man kann auf zwei Seiten vom Pferd fallen (Luther). Zurück von den sinnfreien Extremen zum Thema.

BestByTest2 BestByTest2 08.10.2016 08:27
Bürger aus Ländern, in denen FKK an den Stränden verboten ist, sollten sich auf jeden Fall schon mal mit Kritik zurückhalten.
defrigge defrigge 07.10.2016 08:54
Der Iran übt de facto massive religiöse und kulturelle Diskriminierung aus. Es ist eine Sache, um Verzicht auf freizügige Kleidung zu bitten - was bestimmt auf Verständnis stoßen würde - aber eine ganz andere, sich dem patriarchalen Schwachsinn und der lächerlichen Überheblichkeit eines unterdrückerischen Mullah-Regimes auszusetzen.

Herr Basian ist mit seiner prinzipiellen Rückgratlosigkeit, mit der er sich bereits seit langem geflissentlich dem Ilyumshinov-Makropoulos Regime für dortige Funktionärs-Pöstchen angedient hat, ein nur schwer zu ertragendes Aushängeschild für das deutsche Schach, das so führungs- und prinzipienlos vor sich hindümpelt.
flachspieler flachspieler 07.10.2016 04:13
Schon vor vielen Jahren hatte Bonnie Tyler
in weiser Verausschau die Situation des
Damenschachs in der FIDE besungen:
"It's a fool's game,
nothing but a fools game."
Wenn man jetzt noch die Titelzeile anpasst zu
"S'ist ein Kopftuch, nichts mehr als ein Kopftuch..."
passt es wunderbar auf die aktuelle Lage.

Link zur einer Version auf Youtube
https://www.youtube.com/watch?v=zSAow-RRQuI
Agan Agan 07.10.2016 03:56
Jeder blamiert sich so gut er kann. Wäre interessant zu erfahren, ob auch iranische Fussballspielerinnen mit Kopftuch spielen müssen oder ob die Schachspielerinnen gezielt diskriminiert werden. Herr Bastian findet angeblich nichts Anstößiges daran, westlichen Spielerinnen Symbole der Geringachtung von Frauen in islamischen Ländern aufzuzwingen.
Hauptsache war, dass man einen Ausrichter gefunden hat. Wenn der deutsche Schachbund keine staatliche Förderung mehr will, soll man das offen sagen. Aber den Gegners Argumente auf dem Silbertablett zu servieren, ist naiv.
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